II. Die Leidensnacht.

[198] Als Jesus in der Nacht, da er gefangen wurde, mit seinen Jüngern in den Garten Gethsemane ging (Matth. 26, 36, Marc. 14, 32, Luc. 22, 39), mußte er den Bach Kidron überschreiten (Joh. 18, 1).


1. Hieran knüpft sich in Mecklenburg folgende Sage vom Schilfrohr.


An den völlig ausgewachsenen Blättern des Schilfrohrs findet man auf der inneren Seite zwei Vertiefungen nebeneinander. Die Stelle sieht aus, als wenn jemand hineingebissen hätte. Als unser Herr Christus, so erzählt man, in seiner Leidensnacht über den Bach Kidron gegangen ist, hat er vor Angst in ein Rohrblatt gebissen. Daher ist auf jedem Rohrblatt der Einschnitt von seinen Vorderzähnen.


  • Literatur: Bartsch, Sagen, Märchen u. Gebräuche aus Mecklenburg 1, 522.

In freier Ausgestaltung heißt es – gleichfalls in Mecklenburg – Jesus sei im Boot über das Wasser gesetzt, und als dieses leck geworden sei, habe er sich am Schilf festgebissen, um an Land zu kommen.


Uns Herr Christus is ens up'n Boot west, dat is lack worden, un he kann nich na fast Land ran kamen; un as he nu dicht an'n Retplan is, dunn gript he dornah, kann öwer nich vel to hollen krigen, un in den enen, wat recht'n stiwen Halm wir, het he mit den Tähnen beten, dorvon sünd de Bisse dor in.


  • Literatur: Wossidlo, Volkstümliches aus Mecklenburg 1. Heft, Nr. 64.

2. Aus Ungarn.


Auch die Sage vom Esel, der den Heiland über den Fluß trug (oben S. 94), wird mit der vom Schilfrohr verschmolzen, wobei statt Gethsemane merkwürdigerweise Bethlehem genannt wird:


Als Jesus auf einem Esel nach Bethlehem ritt, hatte das Tier Hunger, und da es am Wegesrande Schilfrohr erblickte, wollte es im Vorbeigehen ein Blatt davon abreißen. Aber Jesus hatte Eile und konnte nicht warten. So mußte der Esel das Blatt wieder loslassen, allein die Spuren des Bisses blieben zurück. Seitdem haben alle Schilfblätter die Spuren von drei Zähnen.


  • Literatur: Arany-Gyulai, Magy. Népköltési Gyüjtemény 1, 508 = E. Sklarek, Ungarische Volksm. S. 285 = Revue des trad. pop. 7, 484.

Andere Sagen vom Schilfrohr und deren Ursprung s. unten S. 206.


3. Eine neue Wendung findet sich in den Niederlanden:


Jesus war in die Hände seiner Feinde gefallen und hatte viel von ihnen zu erdulden; sie schleppten ihn unter anderem quer durch den Bach von Kidron. Manche Gewässer tragen darum noch heute die Spur von Jesu Mißhandlung: Gras oder Pflanzen, die trotz der Strömung quer darin liegen.


  • Literatur: Joos, Vertelsels 1, 33, Nr. 14.

[198] 4. Auch die Lokalsage hat sich des Stoffes bemächtigt:


a) Als die Kriegsknechte den Herrn in Gethsemane gefangen hatten, schleppten sie ihn zum Hause des Richters Annas. Als sie über den Bach Cedron kamen, stürzten sie ihn über den Brückensteg ins Wasser hinab, so daß noch die Spuren von Füßen und Händen im Gesteine zu sehen sind.


  • Literatur: Sepp, Symbolik 5, 92. Über Druckspuren siehe unten S. 235.

b) Christus betete in der Nacht, da er auf dem Ölberg gefangen genommen wurde, in einer Felsenhöhle am Fuße des Berges, und der Fels wurde vor Mitleid unter seinen Füßen weich, so daß man noch die Eindrücke dort sieht.


  • Literatur: Ebendort.

5. Endlich findet sich noch folgende Sage von der Espe:


Unter einem Pappelbaum hat unser Herr Jesus in der Leidensnacht gezagt und gezittert. Die Bäume, die wir Zitterpappeln oder Espen nennen, zittern darum in treuem und bangem Gedenken noch heutigen Tages.


  • Literatur: Bartsch, Sagen, Märchen u Gebräuche aus Mecklenburg 1, 522. 524. – H. Frischbier, Zur volkstüml. Naturkunde. Beitr. aus Ost- und Westpreußen. Altpreußische Monatsschr. 22 (1885) S. 320.
Quelle:
Dähnhardt, Oskar: Natursagen. Eine Samlung naturdeutender Sagen, Märchen, Fabeln und Legenden, 4 Bände, Leipzig/Berlin, 1907-1912, S. 198-199.
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