XX. Jesu Himmelfahrt.

[234] 1. Aus Böhmen.


Als der liebe Gott in den Himmel fuhr, war alles still, nur die Zitterpappel nicht; daher zittert sie noch heute und wird auch nicht aufhören.


  • Literatur: Grohmann, Aberglauben und Gebräuche, Nr. 706.

2. Aus Tréguier.


In alten Zeiten pflegte die Lerche den Seelen der Verstorbenen die Himmelspforte zu öffnen, weshalb sie auch Alc'honeder (= porte-clefs) heißt. Sie flog täglich zweimal aus, am Morgen zu denen, die in der Nacht starben, am Abend zu denen, die während des Tages starben. Aber als Christus gen Himmel fuhr, wollte er sie nicht mehr als Pförtnerin, weil sie so oft »Herrgott!« (Diu!) fluchte, und ersetzte sie durch den hl. Petrus.

Seitdem will sie noch immer von Zeit zu Zeit in den himmlischen Aufenthaltsort eindringen; sie fliegt in kaum erkennbare Fernen hinauf und beteuert mit ihrem Gesang, daß sie nie wieder fluchen werde; aber wenn sie Sankt Peter vergebens angefleht hat, gerät sie in Wut und läßt sich pfeilschnell herab, indem sie ganz gehörig flucht.


  • Literatur: Sébillot, Folklore de France 3, 187 = G. Le Calvez, Revue des trad. pop. 12, 54.

3. Aus Estland.


Die Wacholderbeere hat deshalb ein Kreuz an der Blütenstelle, weil Jesus von einem Wacholderbusch aus gen Himmel gefahren sein soll.


  • Literatur: Handschriftlich aus dem Nachlaß von J. Hort.

4. Aus Ungarn.


Die Entstehung der Berge steht mit der Himmelfahrt Jesu in Verbindung. Im Augenblick der Himmelfahrt, als Jesus sich langsam erhebend die Erde verließ, begann die Oberfläche der Erde, die damals ganz glatt war, ihm nach empor zu steigen. Zurückblickend winkte Jesus mit der Hand, darauf blieb die Erde stehen, und so ist sie geblieben bis auf den heutigen Tag.


  • Literatur: Magyar Nyelvör 37, 45.

5. Paulinus Nolanus, epist. II, 4 (al. 31) ad Severum erzählt, daß Helena dort, wo Christus zum Himmel aufstieg, habe eine Kirche bauen lassen, daß aber die Stelle, wo Christus stand, nie habe getäfelt werden können, weil der Boden die Steine immer wieder ausgestoßen habe.


  • Literatur: Vgl. Sulpicius Severus, sacra historia, lib. II, c. 33.

Ähnlich der Autor de locis Hebr. ex Act. Apostol. bei Hieronymus.


Die Fußtapfen Christi würden heutigentags noch gezeigt, und obgleich fromme Pilger immerwährend Boden davon nähmen, verschwände doch niemals[234] die heilige Spur. Als man endlich eine Kirche darüber errichtet habe, habe die runde Kuppel propter dominici corporis meatum nie völlig geschlossen werden können: transitus Domini a terra usque ad coelum patet apertus.


  • Literatur: Vgl. Beda, de locis sanctis c. 7.

Ja selbst Casaubonus exercit. 16, 154 sagt:


Miraculum de sanctis Domini vestigiis pristinum statum continuo recipientibus, quidquid homines molirentur, propter consensum tot scriptorum fide videtur dignissimum.


  • Literatur: Aus Rud. Hofmann, das Leben Jesu nach den Apokryphen, S. 399 f.

Eine interessante Parallele zu dieser Himmelfahrtssage findet sich auf Ceylon.


Der Fußabdruck Adams auf dem von Mohammedanern so genannten Adamsberge wird von den Buddhisten auf Buddha bezogen. Er soll diese Spur hinterlassen haben, als er zum Himmel aufstieg.


  • Literatur: La Tradition 3, 196.

Im übrigen verweise ich auf die zahlreichen Nachweise in den Ethnographischen Parallelen von Rich. Andrée, in der Zeitschrift La Tradition, Band 3 (1889) S. 193 ff., 228, 312, 375 ff.; in verschiedenen Bänden des Archivio per lo studio delle trad. pop. unter der Überschrift: Impronte maravigliose, z.B. 18, 402: Fußtapfen der Madonna und des Jesuskindes bei Montalbano d'Elicona und bei Paul Sébillot, Folklore de France 1, cap. 4: les empreintes merveilleuses. Für alle Überlieferungen gilt die treffliche Bemerkung von Augustin Chaboseau:


›que chacun des cultes qui se sont succédé ou qui coexistent dans la contrée où l'empreinte est visible, l'attribue à son Dieu particulier. C'est ainsi que la plupart des empreintes de l'Inde sont attribués par les Vishnouïtes à Vishnou, par les Sivaïtes à Siva, par les Islamites à Mahomet.‹


  • Literatur: La Tradition 3, 376.
Quelle:
Dähnhardt, Oskar: Natursagen. Eine Samlung naturdeutender Sagen, Märchen, Fabeln und Legenden, 4 Bände, Leipzig/Berlin, 1907-1912, S. 234-235.
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