IV. Maria als Spinnerin.

A. Bestrafung der hochmütigen Spinne.

[253] a) So schöne Fäden spinnen wie die hl. Jungfrau konnte niemand. Die Spinne aber sagte, sie spänne schöner und viel geradere Fäden! Und sie spann auch und hing sich an ihrem Gespinst auf und sagte der hl. Jungfrau, sie solle[253] sich auch an das ihrige hängen. Da sprach die hl. Jungfrau: »Nun sollst du auch dann an deinem Gespinst hängen, wenn du es nicht willst!« Seitdem hängt die Spinne immer an ihrem Gespinst! Auch das sagte die hl. schöne Jungfrau Maria noch, daß verflucht sei im Himmel und auf Erden, wer die Spinne nicht tötet.


  • Literatur: Kálmány, Világunk al. ny. S. 39.

b) Vor langer Zeit hat die Mutter Gottes lange, sehr feine Fäden gesponnen. Die Spinne saß in der Ecke, schaute dieser Arbeit zu und sagte spöttisch, sie könne einen noch dünneren Faden spinnen. Wirklich war der von der Spinne gewobene Faden dünner, länger und gleichmäßiger.

Zur Strafe gab Gott der Spinne Gift.


  • Literatur: Zbiór wiád. do anthrop. kraj. 5, 152, Nr. 50.

B. Der Altweibersommer.

1. Aus Deutschland.


a) Nach der Legende sind die fliegenden Spinnweben die Fäden des weißen Grabgewandes der hl. Jungfrau. Bei ihrer Himmelfahrt entfiel ihr das Gewand und wurde in der Luft von den Winden zerrissen.


  • Literatur: Menzel, Gesch. d. deutsch. Dichtung 1, 146 aus: Breslauer Sammlungen 1717, Okt. 1, 2–11. Die gleiche Sage vom verlorenen Mantel oder Schleier: Wuttke, Volksaberglaube S. 185.

b) Im Tal der Altmühl glaubt das Volk, die hl. Jungfrau fliege mit den 11000 Jungfrauen in der Luft, und jede von ihnen spinne an einem goldenen Bocken, den ihr ein Engel vorhalte. So überspinnen sie Berg und Tal mit dem Liebfrauensommer.


  • Literatur: Menzel, ebenda = Schöppner Nr. 1127.

c) Derselbe Volksglaube kommt auch bei Passau vor, doch sind es hier nicht die 11000 Frauen aus der Ursulalegende, sondern heidnische Elben, welche die liebe Frau begleiten.


  • Literatur: Menzel, ebenda. Vgl. Rochholz, Kinderlied und Kinderspiel 142.

2. Aus Frankreich.


a) Die Fäden der Jungfrau (les fils de la Vierge) heißen auch ›Marienwerflinge‹ (jetons de Marie), weil man sagt, Maria werfe sie von ihrem Spinnrocken herab.


  • Literatur: Laisnel de la Salle, Le Berry 2, 299. Vgl. Sébillot, Folklore 3, 302.

b) Der hl. Epiphanias lehrt uns, daß Marias Geschicklichkeit im Spinnen ohnegleichen war und daß die Christen des Okzidents zur Erinnerung daran den durchsichtigen, weißen Fäden, die an feuchten Herbstmorgen umherfliegen, den Namen ›Fäden der Jungfrau‹ gegeben haben. Darum brachten auch die Verlobten der ersten Christen lange Zeit der Himmelskönigin einen Spinnrocken zum Altar, der mit Purpurbändern umwunden war.


  • Literatur: Douhet, Dictionnaire des légendes p. 917 aus Orsini, La Vierge, mère de Dieu; auch wird verwiesen auf J.E. Darras, la légende de Notre-Dame (Paris 1852) p. 24.
    Über die Spinnerin im Mond, die die Fäden herabwirft, siehe die später erscheinenden ›Mondsagen‹.

Zum Ursprung der Sage vgl. die Bemerkung in Grimms Myth.4 S. 390: »daß Elbe und Zwerge das von Frau Holda und Frikka (ebd. S. 223 ff.) begünstigte Spinnen und Weben treiben. Die fliegenden Spinneweben im[254] Herbst hält der Volksglaube für ein Gespinst von Elben und Zwergen; von den Christen wurde es Marienfäden, Mariensommer genannt, weil man sich auch Maria spinnend und webend dachte.« Paul Herrmann, Deutsche Mythologie S. 98 f. erinnert dagegen an die drei seilspinnenden Schicksalsfrauen, die den Menschen eine Grenze setzen, innerhalb deren sich Leben, Glück und Besitz zu bewegen habe. Diese Vorstellung von Schicksalsgeistern ging in die andere von göttlichen Wolkenfrauen über, als deren Gespinst nun der Altweibersommer galt. Das Volk sagt nämlich auch: die Metten haben gesponnen, d.h. die das Schicksal abmessenden (as. metan = ahd. mezan), und es soll Glück bringen, wenn ein solcher Faden an den Kleidern hängen bleibt. Das Wort »Sommer« der alten Weiber ist volksetymologische Entstellung und hat nichts mit der Jahreszeit zu tun; es bedeutet vielmehr Schleppgewand (vgl. die engl. Bezeichnung des Gespinstes: gossamer = gods samar = Gottes Schleppkleid). Die Legende von dem zerrissenen Gewande der Maria steht somit im engsten Zusammenhang mit jenem einst richtig verstandenen Namen. Zu der Vorstellung von der himmlischen Spinnerin Maria gehört auch der nordische Name für den Gürtel Orions; neben dem alten Friggjarrockr (Friggerock) – Friggs Spinnrocken – entstand Mariärock, Marirock und Marriteen. »Hier ist deutlicher Zusammenhang des Sternbildes mit heidnischer Götterlehre.«1

Fußnoten

1 Grimm, Myth.4 224, 251, 606. Wenn die heidnische Spindel zugleich auch Jacobsstab oder Petersstab heißt, so zeigt das die Willkür der Umdeutungen auf weibliche oder männliche Gestalten des Neuen Testaments.

Quelle:
Dähnhardt, Oskar: Natursagen. Eine Samlung naturdeutender Sagen, Märchen, Fabeln und Legenden, 4 Bände, Leipzig/Berlin, 1907-1912, S. 253-255.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Gryphius, Andreas

Cardenio und Celinde

Cardenio und Celinde

Die keusche Olympia wendet sich ab von dem allzu ungestümen jungen Spanier Cardenio, der wiederum tröstet sich mit der leichter zu habenden Celinde, nachdem er ihren Liebhaber aus dem Wege räumt. Doch erträgt er nicht, dass Olympia auf Lysanders Werben eingeht und beschließt, sich an ihm zu rächen. Verhängnisvoll und leidenschaftlich kommt alles ganz anders. Ungewöhnlich für die Zeit läßt Gryphius Figuren niederen Standes auftreten und bedient sich einer eher volkstümlichen Sprache. »Cardenio und Celinde« sind in diesem Sinne Vorläufer des »bürgerlichen Trauerspiels«.

68 Seiten, 4.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier II. Sieben Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier II. Sieben Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Michael Holzinger hat für den zweiten Band sieben weitere Meistererzählungen ausgewählt.

432 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon