I. Der grünende Stab.

[265] Die apokryphe Überlieferung – z.B. das Jakobusevangelium (Mitte des 2. Jahrh. n. Chr.) – erzählt von einer Würdigkeitsprobe, der sich Joseph nebst anderen um Maria freienden Jünglingen zu unterziehen hatte. Er bestand sie, indem sein Stock Blüten trieb und eine weiße Taube daraus hervorflog. (Hennecke, Neutest. Apokr. 57.)1

Die Volksüberlieferung geht über diesen Bericht hinaus und gibt den Namen der Pflanze an, in die sich der Stock verwandelte.


1. Aus Malta.


Als für die hl. Jungfrau ein Mann gewählt werden sollte, befanden sich in einem Kloster viele Jünglinge, aus deren Reihe man die Wahl treffen wollte. Aber da all diese jungen Leute von makellosem Rufe waren, so wollte man ein Wunder abwarten, welches den Würdigsten bezeichnen sollte. Man versammelte sie alle im Chor der Kirche und brachte lange Wanderstäbe herein, worauf jeder einen wählte. Auch brachte man mit den Stäben zugleich eine weiße Taube herein, welche nun auf den Altar gesetzt wurde. Jene Stäbe waren aber sämtlich dürr und abgelagert, der Prior sprach jedoch: »Derjenige, dessen Stab grünen wird, soll der Bräutigam sein.« Und gleich darauf blühte der Stab des hl. Joseph, trieb Blätter, Knospen und Schößlinge; die weiße Taube aber flog auf ihn zu und setzte sich auf die oberste Blüte. So bewirkte Gott durch ein Wunder, daß der hl. Joseph der Mann der Mutter Maria wurde. Der Stab aber blüht heute noch, es ist die Rosenmalve, und wir nennen sie »Josephsstab« (bastun ta San Giuseppe).


  • Literatur: Frdl. Mitt. von Frl. B. Ilg.

2. Aus Italien.


a) Aus Toskana.


Zuerst hatte Joseph einen einfachen Stock. Als ihm aber ein Engel ankündigte, daß er der Gemahl der hl. Jungfrau werden solle, freute er sich so, daß der Stab in seinen Händen zu blühen anfing. Es ist dies der Oleander (mazza di San Giuseppe = St. Josephsstock).


  • Literatur: Gubernatis, Mytk. d. pl. 1, 192; 2, 257 = Folkard, Plantlore p. 40. Vgl. Archivio 14, 720.

[265] b) Aus Bologna.


Es heißt, daß Joseph einen Stengel der weißen Campanula (Bastunzein d' San Juséf = Bastoncino di S. Giuseppe) in der Hand gehabt habe, als ihm der Engel verkündete, er solle Marias Gemahl werden. Bei dieser Verkündi gung fing der Stengel in seiner Hand zu blühen an.


  • Literatur: Berti, Appunti di Botanica Bolognese S. 8.

3. Aus Tirol.


Im alten Testament gab es noch kein Immergrün. Als aber die seligste Jungfrau Maria so weit herangewachsen war, daß sie sich verloben konnte, stellten sich gar viele und vornehme Freier ein, denn die Jungfrau war über die Maßen schön, so schön, daß die Sonne nicht untergehen wollte, sooft sie ihr ins Antlitz schien. Weil sie aber inniglicher Frömmigkeit pflag, wollte sie nur den frömmsten unter den Brautwerbern haben, gleichviel ob er hohen oder niederen Standes wäre. Deshalb bat sie den Herrn inständig, er möge ihr durch ein Zeichen ihren zukünftigen Gemahl zu erkennen geben. Und ihre Bitte wurde erhört. Also sagte sie eines Tages zu den Freiern: »Derjenige soll mein Bräutigam werden, dessen Wanderstab grüne Sprossen treibt.« Die Freier waren darüber sehr bestürzt. Eines Abends saß die holde Jungfrau bei ihren Eltern vor der Haustür und genoß der wohltuenden Kühle. Da kam ein armer Zimmermann, namens Joseph, des Weges einhergegangen, der einen Wanderstab mit grünem Geschirre bei sich führte. Sogleich erkannte die Jungfrau das Zeichen, und es ging nicht lange hin, da wurde sie mit dem frommen Zimmermann verlobt. Bei der Feier steckte dieser seinen Wanderstab in die Erde, und üppiges Geranke wuchs mit Schnelligkeit aus dem Stabe hervor und klomm daran in die Höhe. Wie das der hl. Josef ersah, zog er den Stock nimmer aus dem Boden, und es umschlang ihn immer mehr des lebendigen Grüns und welkte nimmer jahraus und jahrein und trieb auch fort, als alle Bäume ihr Laub zur Erde schüttelten. Darum ward das Gewächs Immergrün geheißen.


  • Literatur: Heyl, Volkssagen aus Tirol S. 44 f.

Parallelen.

1. Nach den Mitt. des Oriental. Sem. 4, 2. Abt., 188 wird eine Steppenpflanze »Asa-i-Musa« von den mohammedanischen Eingeborenen in Turkestan auf den angeblich in der Umgegend von Buchara vergrabenen Stab Mosis zurückgeführt.

2. Usener, Sintflutsagen S. 190 führt eine altgriechische Parallele zu dem Wunder des wieder ergrünenden Holzes an, die er zu der bekannten Christophoruslegende (Legenda aurea ed. Graesse p. 432) stellt. Als Herkules dem Atlas die Last des Himmelsgewölbes abnahm, soll er seine Keule an dem Hermes Polygios zu Trözen abgestellt haben. Es begab sich das Wunder, daß die Keule Wurzel schlug und von neuem Sprossen trieb.

3. Wenn Pausanias (II 31, 10) den wilden Ölbaum, der daraus erwachsen war, gesehen haben will, so kennt auch die christliche Lokalsage solche Wunderbäume. Der ägyptische Bischof Cyriacus erzählt folgendes Ereignis: Einmal pflanzte Jesus die drei Stäbe eines Hirten und[266] seiner zwei Töchter in die Erde, und alsbald wurden aus den drei Stäben drei Bäume mit Blüten und Früchten bedeckt. Diese Bäume sollen noch zur Zeit des Cyriacus gestanden haben. (Rud. Hofmann, Leben Jesu S. 184.) Ein anderes Wunder (vgl. Paulus, Samml. merkw. Reisen 3, 79) erzählt:


Eines Tages (den 25. Mai) hatte der Herr Christus einen dürren Stab in die Erde gesteckt; alsbald wuchs aus ihm ein Olivenbaum hervor, der noch heutigentags grünt in Buk, nicht weit von Moharrak.


4. Eine limburgische Sage berichtet von Sint Jan's appelen, wie folgt:


Der hl. Johannes mit dem Beinamen »het Lam«, der im Jahre 631 den bischöflichen Stuhl von Maastricht bestieg, war früher ein reicher Grundbesitzer und bebaute selbst seine Äcker. Eines Tages kam ein Pilger aus dem heiligen Lande zu ihm aufs Feld – andere sagen, daß es ein Engel war – und sagte: Eure Werke sind dem Herrn angenehm, deshalb hat er Euch zum Bischof von Maastricht auserkoren. Das schien Johannes unmöglich zu sein, und er antwortete, während er seinen Pflugstok in die Erde steckte: »Eher wird dieses trockne Holz Früchte tragen, als daß Eure Voraussage erfüllt werden wird.« Kaum aber hatte er die Worte gesprochen, – o Wunder! – da bedeckte sich der Stock mit frischen, grünen Schößlingen und wuchs auf zu einem Baum mit Früchten, Äpfeln von sehr gutem Geschmack.

Später verbreiteten sich Abkömmlinge dieses Baumes im Lande, und heute findet man überall jene süßen Äpfel, die zum Andenken an den heiligen Bischof Johannes Sint Jan's appelen genannt werden.


  • Literatur: H. Welters, Limburgsche Legenden, Sagen, Sprookjes en Volksverhalen S. 74.

5. Variante aus Belgien.


Ein Landmann aus Tihange, namens Jean l'Agneau, lebte um das Jahr 618. Als er eines Tages um seine Besitzung ging, wurde er von einem Pilger angeredet, der zu ihm sagte: »Der Bischofsstuhl in Lüttich ist leer, Gott will, daß du ihn einnehmest.« »O, was für ein guter Spaß!« sagte der Landmann. »Ich bin ungelehrt, und du sagst, daß Gott mich zu solcher Würde erheben wolle? Nein, ich werde nicht glauben, daß Gott dich zu mir geschickt hat, ebensowenig wie ich glaube, daß mein Stock grünen und Früchte tragen kann.«

Als er dies sagte, steckte er seinen Stab in die Erde, der zu seinem großen Erstaunen sogleich Wurzel schlug und Blätter und Früchte trug. Der Stock, der von einem Apfelbaum war, gab Früchte, die man seitdem unter dem Namen pommes de Saint Jean (Sint-Jansappel) kennt.


  • Literatur: Revue des trad. pop. 13, 505. Vgl. Teirlinck, Folklore flamand p. 52.

6. Etwas ferner steht eine in ihrer schließlichen Ätiologie vergleichbare Variante aus Tirol:


Als die hl. Clara in ihrer letzten Krankheit lag und ihren Klöstern ein Andenken vermacht hatte, erinnerte man sie an ihr jüngstes Kloster in Brixen und fragte sie, ob sie nicht auch diesem etwas vermachen wolle. Da war es ihr leid, daß sie der jungen Töchter in Brixen vergessen hatte, weil sie so siech war, und sie sprach: »So habe ich doch gar nichts, damit ich sie in Freude versetzen könnte, ach hätte ich doch eine Birne aus dem Garten, die wollt' ich ihnen gerne[267] senden!« Da war es aber nicht um die Zeit, daß man reife Birnen hatte. Ein Bruder jedoch ging im Vertrauen auf die Heiligkeit der Jungfrau hinaus in den Garten und sah einen Ast voll zeitiger Birnen, die brach er ab und brachte sie Sankt Claren. Davon nahm sie eine, lobte Gott und sandte sie ihren Töchtern in Brixen und hieß dieselben von ihr fröhlich grüßen. Das geschah, und die Töchter Sankt Claren in Brixen pflanzten mit dem Kern der süßen Frucht in ihrem Garten einen Baum, der ward groß und stark und alle Jahre voll Blüten und Früchte. Dieser Baum steht noch heute daselbst, und seine Früchte heißt man noch immer Sankt Clarabirnen.


  • Literatur: Heyl, Volkssagen aus Tirol, S. 130.

Fußnoten

1 Über den Stab Josephs in der apokr. Lit. u. der davon abhängigen mhd. Dichtung siehe O. Schade, liber de infantia Mariae et Christi Salvatoris, Königsberg 1869, S. 19 f. mit Anm. 114; Vita Beatae Virginis Mariae, hg. von A. Vögtlin, S. 47; Bolte im Euphorion 4, 323–333 und Zschr. f. Vk. 15, 393. 18, 455 (Basset, Le bâton qui reverdit). – Über den Aaronsstab: Jewish Encyclopædia 1, 5; Aaron's Rod. Im Česky Lid 4, 22 (1894) untersucht Iwan Franko den Ursprung der Sage von dem aufblühenden Stab Přemysls und vergleicht die Sage vom Aaronsstab, die sich in der apokr. Lit. so stark verbreitete. Fr. setzt die selbständige Entwicklung der böhmischen Sage voraus, gibt aber jüdisch-christlichen Einfluß zu. Vgl. Hennecke, Neutest. Apokr. 104; Natursagen 1, S. 319.


Quelle:
Dähnhardt, Oskar: Natursagen. Eine Samlung naturdeutender Sagen, Märchen, Fabeln und Legenden, 4 Bände, Leipzig/Berlin, 1907-1912, S. 268.
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