II. Verschiedenes.

[82] 1. Armenische Sage.


Gegen eine Rattenplage erschafft Christus auf Bitten von Dörflern aus einem zusammengefalteten Tuch eine Katze. Darum darf diese nicht getötet werden.


  • Literatur: Sbornik materialov dlja opisanija ... kavkaza 17, 2, 196. Vgl. Bd. 1, Reg.: »Katze«.

2. Rumänische Sagen.


a) Jesus Christus und Petrus gingen im März einmal durch einen Wald. Der Krammetsvogel saß auf einem Baume und sang: »Heute will ich heiraten, morgen mein Bruder,« d.h. also jetzt wird es Frühling. Petrus wünschte ihm einen »guten Morgen«. Der Vogel aber, statt zu danken, sagte übermütig: »Ich habe keine Zeit, dir zu danken.« Darauf gingen die beiden weiter. Aber Gott schickte nachmittags einen tüchtigen Regen und die Nacht über einen solchen Schneesturm, daß alles erstarrte und es wieder vollständig Winter wurde. Als nun Jesus und Petrus am andern Morgen zurückkamen, da saß der Krammetsvogel zusammengekauert auf seinem Baume. Petrus wünschte wieder einen guten Morgen, der Vogel dankte und antwortete, indem er sang: »Heute sterbe ich, und morgen mein Bruder.« Seit der Zeit ist der Krammetsvogel bei Beginn des Frühlings sehr vorsichtig mit dem Gesang und ruft nur: »Morgen schneit es, ich brauche Kleider und Schuhe, um zu meiner Geliebten zu gehen.«


  • Literatur: Marianu, Ornitologia S. 273.

b) Gott und Petrus wollen in einem Wirtshaus ihren Hunger stillen. Kaum sind Speisen und Wein aufgetragen, so fallen Fliegen gierig darüber her und lassen kaum etwas übrig. Erzürnt verflucht Gott die Tiere: sie sollten nie satt werden, soviel sie auch äßen. Die Fliegen waren keine anderen als die Heuschrecken, die auch heute nie satt werden.


  • Literatur: Marianu, Insectele S. 509.

c) In einem Dorfe Palästinas trat ein Mensch auf, der vorgab, größere Wunder zu tun als Christus. Die hl. Anna ging hin und forderte ihn auf, einen dürren Rosenstock wieder grün zu machen. Er aber faßte sie bei der Hand und warf sie[82] zur Tür hinaus. Da betete die Heilige zu Gott und bemerkte plötzlich, daß ihr Ring fehlte. Niemand konnte ihn gestohlen haben als der Mensch drinnen. Daher verfluchte sie ihn und bat Gott, ihn in einen ringförmigen Wurm (gastropacha neustria L.) zu verwandeln, der auch dann nur vom Diebstahl leben sollte. So geschah's. Aus dem Ringwurm entstand eine Menge Raupen, und aus jeder ein kleiner Schmetterling.


  • Literatur: Marianu, Insectele S. 284.

d) Der Herr und St. Peter wanderten über die Erde hin, und wenn ihnen ein Tier begegnete, so fragten sie es, ob es sich über etwas zu beklagen hätte. Der Bär beklagte sich darüber, daß er immer nur im Walde leben müsse und dort keine geeignete Nahrung finde. Da sagte ihm der Herr, er solle doch Himbeeren und Brombeeren und andere süße Gewächse essen sowie auch Honig aus den hohlen Bäumen. Der törichte Bär aber war damit nicht zufrieden und brummte, das seien dumme Nahrungsmittel. Da führte ihn der Herr zu einem Baum voll Honig und hieß ihn den Kopf hineinstecken und kosten. Der Bär wollte nicht. Aber St. Peter nahm ihn bei den Ohren und zog ihn zum Honig hin. Leider riß er ihm dabei die Ohren ab. Der Bär fand nun, daß der Honig wirklich gut schmeckte, und wollte gar nicht mit Essen aufhören, als ihm der Herr befahl, die Himbeeren zu versuchen. Ärgerlich faßte St. Peter den Schwanz des Tieres und versuchte ihn vom Honig weg zu den Himbeeren zu ziehen. Der Bär aber tat nicht dergleichen, und so riß auch noch der Schwanz ab. Trotzdem fraß der Bär weiter. Da ließ der Herr die Bienen über ihn herfallen, die ihn jämmerlich zerstachen und in die Flucht trieben. So blieb der Bär ohne Ohren und Schwanz, und seit diesem Tage frißt er Honig, die Bienen aber verfolgen ihn.


  • Literatur: Albină (Revista populară) 1, 737. 1897.

3. Aus Ungarn.


a) Als Christus und St. Petrus auf Erden wandelten, erblickte der Heilige eine Henne und fragte Jesus: »Was ist das?« »Eine Henne,« antwortete der Herr. »Sollen wir sie nicht mit in den Himmel nehmen?« – »Nimm sie,« versetzte Jesus. Und Petrus nahm die Henne mit sich in den Himmel und ließ sie brüten. Nun sieht man sie oft am Himmel mit ihren Küchlein scharren (das Siebengestirn).


  • Literatur: Ethnol. Mitteil. a. Ungarn 2, 1890–92, S. 10 (Kálmány, Kosmog. Spuren in d. magyar. Volksüberl.) = Wlislocki, Volksgl. u. relig. Brauch der Magyaren (1893), 59. Vgl. Grimm, Mythol.4 607, G. Meier, Sagen, Sitt. u. Gebr. aus Schwaben 1, 236.

b) Magyarische Sagen berichten, daß Jesus und Petrus auf der Milchstraße herumgefahren seien und Stroh aus dem Wagen haben fallen lassen; Petrus hatte ein blindes Roß und begegnete einem berauschten Manne; die beiden Wagen fuhren aneinander, und Petrus verlor das Stroh. In einer magyarischen Überlieferung soll dies dem Zigeuner (Stern Atair) geschehen sein.


  • Literatur: Strauß, Bulgaren, S. 34 (= Kálmány, Csillagok 10), ebenda Parallelen. Willkürliche Übertragung auf Christus und Petrus. Hierzu vgl. später den Bd. »Sternsagen«.

c) Die zahlreichen Windungen der Theiß werden dem hl. Petrus zugeschrieben. Er soll mit einem blinden Pferd die Furche für das Theißbett gezogen haben. Nach einer Variante soll es ein Esel gewesen sein, der, nach Disteln suchend, den Pflug hin- und herzerrte.


  • Literatur: Kálmány, Ethnol. Mitt. a. Ungarn 2, 1890–92, p. 8. Offenbar Petrus = Teufel (vgl. Bd. 1, Register: »Petrus«), dessen Tier der Esel ist (ebd. S. 129. 130. 164).

[83] d) Als unser Herr Christus mit St. Peter auf der Theiß stromaufwärts fuhr, sprach St. Peter: »Ginge es nicht, daß die eine Seite aufwärts, die andere Seite abwärts flösse?« Sprach unser Herr Christus: »Wenn die eine Seite aufwärts, die andere abwärts flösse, würden die Schiffer so hoffärtig werden, daß es mit ihnen nicht auszuhalten wäre.« Doch St. Peter bat so lange, bis unser Herr Christus es so machte, daß die eine Seite aufwärts floß und die andere abwärts. – Als dann unser Herr Christus mit St. Peter die Theiß hinuntergekommen war, fuhren die Schiffer aufwärts und fluchten noch mehr als vordem; sie waren so hoffärtig geworden, weil sie jetzt ganz leicht stromaufwärts fahren konnten. Da bereute St. Peter, daß er unsern Herrn Christus gebeten hatte, daß die Theiß auf der einen Seite aufwärts, auf der andern abwärts fließen sollte, und er flehte ihn an: »Mein Herr und Schöpfer, laß es wieder so fließen, wie es vordem war.« Unser Herr Christus drehte es wieder zurück; aber der Strudel blieb auf dem Wasser, damit die Schiffer noch mühsamer führen, als sie vordem gefahren waren. Der Strudel ist St. Peters Gewässer, denn die eine Seite geht aufwärts, die andere abwärts.


  • Literatur: Kálmány, Világunk al. ny. S. 19. Vgl. Natursagen 1, 79.

5. Aus Niederösterreich.


Christus wurde einmal auf seiner Wanderung von einem schlangenähnlichen Tierchen verfolgt, das ihn in die Ferse zu stechen trachtete. Aber der Meister und Herr wich immer geschickt aus und entzog sich schnell der Verfolgung. Er flüchtete durch ein eisernes Tor, aber das Tier fand doch den Weg zu ihm. Er trat dann durch sie ben solche Tore, bis er in den Tempel kam, doch umsonst. Auch hier wußte das Tierchen den Herrn zu finden. Da sagte er endlich: »Um die Menschen vor deiner gefährlichen Verfolgung zu bewahren, so will ich, daß du fortan blind seiest.« (Die Blindschleiche gilt bekanntlich als blind.)


  • Literatur: Branky, Veckenstedts Zschr. f. Vk. 3, 223.

6. Aus Rußland.


Einst kam Christus zu den Juden zu Gast. Es wurde auf den Tisch ein Hahn in Brühe aufgetragen. Die Juden wetteten miteinander, ob Christus es wohl machen könnte, daß dieser Hahn krähte. Christus sah ihre Zweifel, und plötzlich schlug der Hahn mit den Flügeln und krähte laut. Die Brühe wurde umhergespritzt, und deshalb sind die Juden so mißfarbig.


  • Literatur: Werchratsky, Snadobi 1, 147.

7. Aus Galizien.


a) Als Christus auferstanden war, sah ihn ein Judenmädchen und sagte es seinem Vater. Aber der Alte glaubte es nicht und sagte: »Christus wird nicht auferstehen, ehe dieser gebratene Kapaun auffliegt und kräht.« In dem Augenblick riß sich der Vogel vom Bratspieß los, flatterte auf und krähte: Kikeriki!


  • Literatur: Afanasiev, Narodn. russk. legendy XIII. Weiteres bei Köhler, Kl. Schr. 2.

b) Einst durchschritt die Mutter Gottes mit Christus einen Fluß, und die Fische bissen sie. Aber die Mutter Gottes verfluchte jene Fische, und aus ihnen wurden Schildkröten.


  • Literatur: Zbirnyk 13, 76, Nr. 87.

c) Die Mutter Gottes schritt mit Jesus Christus durchs Wasser. Sie sprachen davon, daß sie viele Fische dabei zerträten. Sie sagte: »Gott, Gott, vermindere die[84] Zahl der Fische!« Da sprach Jesus Christus: »Es gibt schon die Hälfte der Fische nicht mehr, sie sind schon in einer Schale, sie sind schon verzaubert.« Daher die Schildkröten.


  • Literatur: Zbirnyk 13, S. 77, Nr. 88.

c) Es war damals, als Jesus Christus noch nicht alle Apostel hatte, sondern nur Petrus und Paulus und dann noch jemanden, wahrscheinlich Andreas. Wie sie so einst durch einen Ort gingen, gesellte sich ihnen unterwegs ein Wanderer bei, der sagte: »Nimm mich bei dir auf, Jesus, ich will dein Apostel sein.« Jesus Christus wußte zwar, daß dieser Wanderer ein großer Sünder war, dennoch nahm er ihn auf. So waren es ihrer fünf. So gehen und gehen sie, da kommen sie an einen Ort, wo ein sehr kranker König war. Als Jesus Christus das hörte, sprach er zu den Jüngern: »Jener kranke König ist ein sehr guter Mensch, er hat viel für die armen und einfachen Leute gesorgt. Gehen wir, machen wir ihm die Freude, möge er gesund werden!« So kamen sie zu jenem Schloß, wo der König lebte, und Jesus sagte, man möge ihn zu ihm hereinlassen, er werde ihn heilen. Da sagte man ihm, er sei schon gestorben. »Nun, das tut nichts, laßt mich herein, er wird schon lebendig werden.« Die Königin ließ Jesus in jenes Zimmer herein, wo der tote König lag. Und Jesus ließ sich einen Kübel frisches Wasser bringen und ein großes, scharfes Messer, dann schloß er sich in dem Zimmer ein, die Jünger aber warteten in der Vorhalle. Sie waren aber sehr ermüdet und schliefen in der Vorhalle sofort im Sitzen ein; jener Wanderer aber wollte nicht schlafen, sondern begann durch die Türspalte zu sehen, was Jesus Christus tat. Jesus Christus aber nahm den toten König, zerschnitt ihn in vier Stücke, wusch sie im Wasserkübel, dann legte er den Körper wieder so zusammen, betete, bekreuzigte den Körper dreimal und blies dann auf ihn, und sofort wuchs alles zusammen, und der König wurde wieder lebend und stand sofort vom Bett auf und dankte Jesus sehr. Dann feierte der König ein großes Fest und lud dahin auch Jesum ein mit den Aposteln. Und auf jenem Feste gab der König dem Herrn Jesus fünf nur mit Käse gefüllte Kuchen und fünf mit Käse und Kartoffeln. Als sie nun den König verließen, gab Jesus die Kartoffelkuchen den Jüngern, für sich selbst nahm er die mit Käse. Sie kamen zum Walde und wollten dort nächtigen, und als sie schlafen gingen, aßen sie jene Kuchen als Abendbrot. Jeder Jünger aß einen, und da einer übrig blieb, gab Petrus ihn jenem Wanderer. Jesus Christus aber aß die seinen nicht, denn er war nicht hungrig. Dann gingen sie schlafen, nur jener Wanderer schlief nicht. Als er sah, daß alle schliefen, aß er dem Herrn Jesus Christus alle Kuchen weg, dann legte er sich schlafen. Als am andern Morgen früh alle aufstanden, da sagte jener Wanderer: »Wißt ihr was: diese Nacht waren zwei Wölfe neben uns, und sie aßen alle gefüllten Kuchen auf, ich habe sie mit Mühe weggejagt.« Jesus Christus aber wußte sogleich, daß er log, und sagte zu ihm: »Jene Wölfe waren du und deine Unersättlichkeit. Es wäre noch gut, hättest du die Wahrheit gesagt; da du aber gelogen und es auf die Wölfe gewälzt hast, so schere dich weg von uns, du kannst nicht mehr bei uns bleiben.« Und jener entfernte sich, ging und ging und kam an einen großen Ort, da hörte er, daß dort des Kaisers Tochter eben gestorben sei; er sprach, er werde sie wieder ins Leben zurückführen. Sofort, als es der Kaiser erfuhr, rief er ihn zu sich und sagte ihm: »Höre, Freund! Wenn du sie wieder ins Leben rufst, gebe ich sie dir zur Gattin, wenn aber nicht, ist es dein Tod!« Jener ließ sich nun Wasser in einem Kübel in das Zimmer bringen, wo die Tote lag, nahm ein großes Messer, schloß sich ein, zerschnitt sie in vier Stücke, wusch das Fleisch im Wasser, dann legte er es zusammen und begann auf den Körper zu blasen,[85] vergaß aber ihn zu bekreuzigen, denn er war selber ein Jude und verstand nicht ein Kreuz zu schlagen. Nun blies er und blies, daß ihm der Kopf schwindelte, aber die Kaiserstochter stand gar nicht auf, so daß er gar niedergeschlagen ward. Da öffnete sich plötzlich die Tür, und Jesus Christus kam herein und sprach: »Siehst du, Vöglein, nun bist du gefangen, du wärst doch verloren, wenn ich nicht hier wäre. Und du hast dich vor dem Kaiser gebrüstet, daß du an dem und dem Orte den toten König ins Leben zurückgerufen hättest. Du hast, Frevler, Gottes gerechte Tat verheimlicht und dich selbst gerühmt. Wisse denn, daß du solches nie tun könntest, was du vorhattest, denn du bist verdammt. Für diesen Frevel aber werde ich dir später sagen, was du tun sollst.« Jesus machte sich nun selbst an die Kaiserstochter, und sie lebte auf, dann sprach er so zu jenem Wanderer: »So tritt nun auf die Mitte der Welt, da stelle dich hin, und du sollst blasen bis zum Weltgericht.« Und sogleich ging er und stellte sich auf die Mitte der Welt und begann zu blasen, und sofort ging ein Wind über die Erde. Und noch heute steht er da, und auf welche Seite er bläst, gerade von der Seite haben wir den Wind. Und er wird ewig so stehen und blasen.


  • Literatur: Rutenisch. Zbirnyk 13, S. 111, Nr. 127. Zum Stoff, der willkürlich auf Christus übertragen ist, siehe das Kap. vom Jungschmieden.

9. Aus Polen.


a) Zu Lebzeiten des Herrn Jesus starb ein Weib, das etliche Kinder hinterließ. Der hl. Petrus beklagte sich sehr beim Herrn Jesus über die Ungerechtigkeit, daß so viele Taugenichtse am Leben blieben, während diese den Kindern so nötige Mutter sterben mußte. Der Herr hörte die Beschwerden des hl. Petrus ruhig an und sprach dann zu ihm: »Peter, geh dort auf den hohen Berg; nimm eine Rute und schlage damit auf einen Stein, der auf dem Gipfel ragt.« Der hl. Petrus gehorchte, und aus dem Stein kam eine Menge der verschiedensten Reptilien, Schlangen und Würmer hervor. Petrus wollte nun den Stein wieder zusammendrücken, aber er konnte es nicht, und darum schlich er zum Herrn Jesus zurück und sagte in großem Schrecken zu ihm: »O Herr, sieh, welche Menge Gewürm!« Da antwortete Jesus: »Siehst du, Petrus! Ich weiß von den Würmern und denke an sie; so werde ich auch an die Kinder denken, die du so beklagtest, weil ich ihnen die Mutter nahm.« Dies Gewürm zerstreute sich in Wäldern und Feldern und wohnt dort noch jetzt.


  • Literatur: Zbiór wiad. 7, 116, Nr. 32.

b) Zu der Zeit, da der Herr und Sankt Petrus auf Erden gingen, lebte ein hübsches Weiblein, das hatte ein rosiges und rundliches Gesichtchen, recht wie eine Rose. Es tat ihr – die man allgemein Kalina (d.h. Hirschholunder) nannte – wehe, daß sie keine Kinder hatte. Sie bat also den Herrn, daß er ihr Nachkommen bescheren möge, damit ihr Name nicht untergehe, wenn sie einmal aus dieser Welt scheiden müsse. Den Herrn Jesus rührten ihre Bitten, und er schuf einen Strauch mit rosigen Beeren, ähnlich ihrem Gesichtchen, und nannte ihn Kalina für alle Ewigkeit.


  • Literatur: Zbiór wiad. 7, 118, Nr. 41.

c) Am Anfang der Welt wuchsen die Steine wie das Gras. Aber seitdem der Herr Jesus sie verflucht hat, wachsen sie nicht mehr. Und das kam so:

Jesus ging einmal des Weges und war in Gedanken über dieses und jenes versunken. Da stolperte er über einen Stein. Der erboste Stein begehrte auf: »Bist[86] du blind, daß du mich mit dem Fuße stößt?« Da verfluchte ihn der Herr, daß er und seine in der Welt verstreuten Brüder nicht mehr wachsen sollen.


  • Literatur: Zbiór wiad. 7, 119, Nr. 45.

10. Aus Dänemark.


a) Vormals konnten die Kinder gehen, sobald sie geboren wurden. Einst als Jesus und St. Petrus auf der Erde wanderten, klopften sie irgendwo an. Die Hausfrau, mit einer Arbeit emsig beschäftigt, befahl einem neugeborenen Kindlein, das innen umherging, hinzugehen und ihnen die Tür aufzumachen, was es auch tat. Da aber der Heiland das Kindlein gewahr wurde, sprach er: »Müssen die Kindlein so früh dienstbar sein, damit die Älteren gemächlichere Tage haben mögen? Das ist Sünde, so darf es nicht mehr sein!« Er hob das Kindlein auf, drückte mit zwei Fingern zwei kleine Löcher in die Lende des Kindleins. Seit der Zeit kann kein Kindlein gehen, bis die Löcher durch das Wachstum verschwunden sind.


  • Literatur: Kristensen, Sagn 2, 255, 22.

b) ... Die Frau lag im Kindbett, konnte sich nicht erheben, weder Mann noch Gesinde mochten aufmachen, es wurde dem neugeborenen Kindlein gesagt, die Tür aufzumachen, was es willig tat. Das alles war dem Heiland zuwider, er drückte mit zwei Fingern Löcher in den Rücken des Kindes ...


  • Literatur: Kristensen, Sagn 2, 255, 23.

c) Da Jesus als Kindlein mit anderen Kindern umherlief, wollte er einst in ein Haus hinein, war aber zu klein, um die Tür aufmachen zu können, er rief: »Mach auf!« Die Leute waren aber zu faul, um aufzumachen, schickten ein Kindlein (Kristensen, Sagn 2, 256, 24 u. 25. Kristensen, Jyske Folkeminder 8, 371, 660, im Hause eines Webers ...). Jesus legte seine Hand auf den Kopf des Kindleins, wodurch ein großes, nur mit Haut verschlossenes Loch sich bildete. Vor dem Zusammenwachsen des Loches, sprach der Herr, solle kein Kindlein allein gehen können.


  • Literatur: Kristensen, Jyske Folkeminder 8, 371, 661.
Quelle:
Dähnhardt, Oskar: Natursagen. Eine Samlung naturdeutender Sagen, Märchen, Fabeln und Legenden, 4 Bände, Leipzig/Berlin, 1907-1912, S. 82-87.
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