A. Bestrafung des faulen Weibes (oder fauler Leute überhaupt).

[111] 1. Aus Griechenland.


Als Gott die Welt schuf, schuf er auch Mann und Weib. Der arme Mann stürzte sich sogleich in die Arbeit, um Brot zu verdienen; die Frau aber dachte gar nicht daran, etwas zu tun. Eines Tages, wie der alte Gott im Schatten eines Baumes saß, erblickte er plötzlich das Weib, wie es ausgestreckt im Grase lag und schlief. Halt! denkt er, ich habe sie geschaffen, damit sie dem Manne bei der Arbeit helfe, nicht damit sie sich sonne. Dann nimmt er sogleich eine Handvoll[111] Erde und wirft sie auf sie; erschreckt wacht sie auf und fängt an, sich überall zu jucken und zu kratzen: aus der Erde waren Flöhe geworden, und seitdem hat auch das Weib Arbeit gefunden.


  • Literatur: Politis Nr. 1012.

2. Aus Bulgarien.


Es war einmal eine sehr alte Frau; die blieb immer an derselben Stelle müßig sitzen, da sie zu keiner Arbeit mehr taugte. Sie langweilte sich sehr in diesem Zustande, und darum richtete sie an Gott die Bitte: »Herr, gib mir irgendeine Beschäftigung, denn es langweilt mich, so ohne Arbeit zu bleiben.«

Da gab ihr der Herr Flöhe, die fingen an, die Alte zu stechen, und sie schickte sich an, sie in ihren Kleidern zu suchen, um sie zu töten. Aber die Flöhe sprangen sehr, und sie konnte sie nicht erwischen. Sie sprach also: »Herr gib mir etwas Ruhigeres; was du mir da gegeben hast, ist zu närrisch.«

Da schickte ihr der Herr Läuse. Darum tun die Frauen jetzt, wenn sie so alt sind, daß sie zu keiner anderen Arbeit taugen, weiter nichts, als daß sie sich die Läuse absuchen; denn das ist die Beschäftigung, die ihnen der Herr für ihre alten Tage gegeben hat.


  • Literatur: Schischmanoff, Nr. 20; vgl. Strauß, Bulgaren S. 75 = Sbornik umotvorenija 4, 90.

3. Aus Ungarn.


Eine alte Jungfer klagte stets über Langeweile. Da erschuf Gott ihr zuliebe die Fliegen und Flöhe, damit sie nun etwas zu tun habe.


  • Literatur: v. Wlislocki, Volksglaube und religiöser Brauch der Magyaren S. 95 = Kálmány, Világunk S. 40.

4. Aus Rußland.


a) Es gab einmal ein Weib, so alt, daß es gar nicht mehr ordentlich arbeiten konnte, sie mußte meist nur sitzen. So still zu sitzen ist aber langweilig. Da betete sie: »Herr, wenn du mir doch wenigstens einen kleinen Trost senden wolltest!«

Da warf ihr der Herr auf die Brust einen Wickel Flöhe. Diese begannen sie zu beißen und zu springen; da rief sie:

»Herr, welch ein Trost! Es frißt, und es juckt, und es springt!«

Seit eben jener Stunde gibt es Flöhe.


  • Literatur: B.D. Grintschenko, Ethnogr. Materiali 2, 9.

b) Das war noch vor der Sintflut. Es gab wenig Menschen, die Erde trug gut, man brauchte nicht so schwer zu arbeiten wie jetzt. Da gingen die Männer bald aufs Feld, bald nach Fischen, die Frauen aber saßen zu Hause. Die Zeit war ihnen lang. Da begann eine Gott zu bitten: »Herr, hätte doch der Mensch wenigstens etwas, was ihn kitzelte, damit er's nicht so langweilig habe!« Nun, da erhörte sie der Herr – sie hatte zur rechten Zeit gebeten, und es fielen auf sie genügend Läuse, Flöhe und anderes Ungeziefer; die zerbissen sie auf der Stelle. Und von ihr verbreiteten sie sich auf alle Menschen.


  • Literatur: Vl. Hnatjuk im Etnogr. Zbirnyk 13, S. 29, Nr. 31.

5. Aus Polen.


a) An einem Sonntage, als die hl. Messe in der Kirche abgehalten wurde, erblickte der Heiland Leute, die vor der Hütte saßen, und fragte sie, warum sie nicht arbeiteten. »Weil es Sonntag ist,« antworteten sie. Da warf Jesus Staub[112] auf sie und rief: »Von nun an werdet ihr Arbeit haben.« Und sie hatten wirklich welche, denn aus dem Staub entstanden Läuse, und sie mußten sich lausen.


  • Literatur: Zbiór wiad. 5, 180, Nr. 88.

b) Als die Menschen am Anfang der Welt keine Beschäftigung hatten, streuten sie sich Sand in die Haare und lasen ihn wieder heraus. Da Gott nicht wollte, daß die Menschen beschäftigungslos seien, verwandelte er den Sand in Läuse.


  • Literatur: Zbiór wiad. 5, 180, Nr. 89.

c) Als der Herr Jesus den hl. Petrus einmal an der Weichsel traf, sprach er zu seinem Gefährten: »Man muß den Menschen ein Andenken an sich hinterlassen.« Er bückte sich zur Erde, nahm eine Handvoll Staub und warf ihn in die Weichsel. Und alsbald entstand daraus eine Menge Fische aller Art, die sich von dort aus in kleinere Flüsse und Bäche ausbreiteten.


  • Literatur: Zbiór wiad. 7, 115, Nr. 28.

6. Aus Estland.


Es war einmal ein faules Weib, das Tag und Nacht auf dem Ofen saß und nichts tat. Da ist der Himmelsvater gekommen und hat sie gefragt, ob ihr die Zeit nicht lang würde bei solchem Nichtstun. »Was soll ich denn machen?« antwortete diese; »ich habe ja nichts zu tun.« Da hat der Himmelsvater gesagt, wenn sie nichts anderes zu tun habe, so solle sie sich kratzen. Und da ward das Weib voller Läuse und mußte sich beständig kratzen.

So sind die Läuse den Faulen zur Arbeit geworden, daß sie mit Kratzen ihre Zeit zubringen.


  • Literatur: Aus dem handschriftl. Nachlaß von Dr. J. Hurt.

7. Aus Sizilien.


Eine Alte, die nichts zu tun hatte, wandte sich an den Herrn und bat ihn: »Ach Herr, gib mir zu tun!« Da schickte ihr der Herr viele Flöhe, um die Verzweiflung der unvorsichtigen Alten zu beschwichtigen. Da wandte sie sich zum andern Mal an den Herrn und sagte: »Ach Herr, und alle diese wollen mich fressen.« Aber sie mußte sie in Frieden ertragen. So kamen die Flöhe in die Welt, und wenn man ihrer viele hat und kein Mittel besitzt, sie zu vertreiben, so ruft man aus: »O verdammte Alte, daß sie dich heimsuchten!«


  • Literatur: Pitrè, Usi e costumi Sic. 3, 327. Vgl. Archivio 15, 14: Die Flöhe sind erschaffen, damit die Weiber nicht faul werden.

8. Aus Malta.


Der Herrgott hatte es sich nicht vorgenommen, auch noch »Tierchen der Unreinlichkeit« zu bilden. Aber zuletzt kam ein Engel und sagte: »Höre, weil du die Erde so tadellos schön gemacht hast, fühlen sich die Menschen gar zu wohl und lungern herum, ohne sich abzumühen, wie du es befohlen! Sieh nur, wieviel Staub sich schon angehäuft hat! Darin ruhen sie nun und wälzen sich nach Herzenslust, schaff doch den Staub ab und gib ihnen dafür härtere Lager!« Der Herr aber sagte: »Hol mir eine Handvoll Staub!« Der Engel gehorchte und flog hinunter; bald kehrte er mit dem Staube zurück, und Gott sagte: »Ich werde ihn lebendig machen, damit er den Menschen und Tieren zur Mahnung diene, sobald sie sich der Trägheit überlassen wollen!« So segnete er den Staub, und sogleich begann er sich zu regen und zu rühren. Da aber der Staub nicht von einem Orte genommen war, war er vielfarbig, und darum gibt es vielfarbiges Ungeziefer. Diesen[113] wimmelnden Dingerchen nun befahl Gott der Schöpfer: »Muntert die trägen Menschen auf und die trägen Tiere, damit sie sich an ihre Pflicht erinnern. Eure Pflicht aber ist es, ohne Rast und Ruh zu laufen, zu kribbeln und zu saugen. Eure Wohnstätte sei der Mensch, der unreinliche, eure Brutstätte sei der Staub!« Seit der Zeit haben die faulen Menschen ihre steten Mahner.


  • Literatur: Frdl. Mitt. von Frl. B. Ilg.

9. Aus Frankreich.


a) Eines Tages ging unser Herr mit dem hl. Petrus an den Ufern der Loire spazieren. Sie trafen eine Frau, welche so unglücklich aussah, daß sie einem Mitleid erregen konnte. Petrus sprach zum lieben Gott: »Seht doch, Herr, diese arme Frau, sie muß großes Unglück gehabt haben.« – »Nein«, antwortete der liebe Gott, »was ihr ein so unglückliches Aussehen gibt, ist, daß sie sich langweilt.« – »Ach Herr!« sprach Petrus, »ich bitte Euch, findet doch ein Mittel, um ihr die Langeweile zu vertreiben.« – »Ich möchte es wohl«, antwortete der liebe Gott, nahm eine Handvoll Sand und warf ihn auf die Frau. Sofort verwandelte sich jedes Sandkorn in einen Floh, und die gute Frau, die sich gebissen fühlte, machte sich daran, sie zu fangen. So oft sie dabei war, einen zu erwischen, veränderte sich ihr Gesicht und nahm einen solchen Ausdruck von Befriedigung an, daß Petrus zum lieben Gott sprach: »Ach Herr, wie danke ich Euch für diese arme Frau; nun langweilt sie sich wenigstens nicht mehr.«

In der Haute-Bretagne erzählt man auch, daß eine gute Schwester, die nichts zu tun hatte, die Flöhe erfand, um sich zu zerstreuen; auch verwünscht man sie, wenn man von ihnen gestochen wird, und sagt: »Mach, daß du zur guten Schwester kommst, die dich erfunden hat!«


  • Literatur: Sébillot, Traditions de la Haute-Bretagne 2, 304 und Sébillot, Folklore 3, 300 = Revue des trad. pop. 2, 369.

b) Eines Tages ging der liebe Gott mit Petrus in den Schluchten der Loire, zwischen Chamalières und Vorey, spazieren, und sie plauderten beim Gehen von dem Haus halt der Welt und der Schwierigkeit, sie zu regieren. Plötzlich, an einer Biegung des Wassers, zeigte Petrus dem lieben Gott eine Frau in Lumpen, die auf dem Sande lag und sich sonnte; sie war noch jung, aber ihre Züge zeigten die allergrößte Langeweile. Der liebe Gott, dem nichts verborgen ist, sah sofort, daß diese Frau sich über ihren Müßiggang langweilte. Allgütig wie er ist, zog er aus seiner großen Tasche eine Handvoll Flöhe und warf sie auf die junge Frau, indem er zu ihr sagte: »Frau, Müßiggang ist aller Laster Anfang; hier hast du was zu tun«. Und seit dem Tage haben die Frauen Flöhe, und wenn sie nichts Besseres zu tun haben, ergötzen sie sich damit, sich zu flöhen.


  • Literatur: Mélusine 2, 8 = Sébillot, litt. orale de l'Auvergne S. 120.

c) Jesus und Petrus finden auf einer Wanderung in einem Park eine reich gekleidete Frau müßig auf dem Rasen hingestreckt. Jesus sieht ihre Langeweile, und um ihr Beschäftigung zu geben, wirft er eine Handvoll Flöhe über sie, »und seitdem haben die Frauen Flöhe«.


  • Literatur: Chapiseau, Folk-Lore de la Beauce et du Perche 2, 248.

10. Aus Belgien (Antwerpen).


»Die Flöhe sind zur Bestrafung der faulen Frauen erschaffen.«


  • Literatur: Harou, mélanges S. 53.

[114] 11. Aus den Niederlanden.


Als Jesus noch auf Erden wandelte, kam er durch eine volkreiche Stadt, wo beinahe vor jeder Haustür mäßige Frauen standen. Er fragte eine, warum sie nicht fleißig in ihrer Häuslichkeit arbeite. »Ich habe nichts zu arbeiten.« »Geh hinein, sieh nach den Köpfen deiner Kinder, da wirst du genug zu tun finden.« Sie ging hinein und fand auf den Köpfen eine Menge jener kleiner Tiere, die wir jetzt Läuse nennen.


  • Literatur: Joos, Vertelsels 2, 113, Nr. 26. Mont en Cock, Vlaamsche Vertelsels S. 64 nebst Variante: Christus u. Petrus begegnen einer Alten, die nichts zu tun hat. Handvoll Sand zu Flöhen verwandelt.
Quelle:
Dähnhardt, Oskar: Natursagen. Eine Samlung naturdeutender Sagen, Märchen, Fabeln und Legenden, 4 Bände, Leipzig/Berlin, 1907-1912, S. 111-115.
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