D. Das Maul und der Schnabel.

[22] Die Spaltung der Hasenlippe ist ein beliebtes Motiv, das in anderem Zusammenhange öfters zu behandeln ist. Wir überblicken zunächst sechs Überlieferungen, die verschiedenen Stoffgruppen angehören.


1. Das Märchen vom Hasen, der den vom Bären geprellten Fuchs auslacht. (Vgl. Bd. 4.)


Der Bär frißt ein Pferd, das er getötet hat. Der Fuchs kommt und fragt den Bären, wie er es angefangen habe. Der Bär sagt, er habe sich mit den Zähnen an dem Schweif des sich sonnenden Pferdes angeklammert und daran gezerrt, so daß das Pferd zu laufen anfing und lief, bis es platzte. Der Fuchs will nun dasselbe Mittel versuchen. Das Pferd setzt sich, den Fuchs am Schweife, in Galopp. Der Hase lacht sich die Lippen entzwei.


  • Literatur: Krohn, Bär (Wolf) und Fuchs S. 70 mit Varianten und Parallelen.

2. Die Sage vom Ursprung des Todes,


in der der Hase eine Botschaft des Mondes an die Menschen falsch ausrichtet. Der Mond wird zornig und schlägt ihm mit einem Beil die Hasenscharte.


  • Literatur: Bleek, Reineke Fuchs in Afrika 1870 S. 55. Derselbe, A brief account of Bushman Folklore 1875 S. 9. Wood, De onbeschaafde volken 1, 322. A. Seidel, Geschichten und Lieder der Afrikaner 8. 146. Die Spaltung der Lippe ist ein willkürlich gewählter Schluß, wie die Vergleichung mit anderen Märchen derselben Gruppe ergibt z.B.: Junod, Chants et contes des Basronga 1897 S. 137. Bleek, Reineke Fuchs S. 58, Anm. Wallonia 1, 164. Hahn, Sprache der Nama S. 57. F. Müller, Grundriß der Sprachwissenschaft (1877) S. 21. Büttners Ztschr. f. afrikan. Sprachen 1, 56 = Revue des trad. pop. 4. 41 = Basset, Contes d'Afrique p. 209. Vergleichbar Petitot, Trad. indiennes du Canada Nord Ouest p. 115. Weiteres s. in einem späteren Bande der Natursagen.

3. Sage der Cherokee von dem Kaninchen, das den Feuerstein tötet.


Es trieb ihm einen scharfen Keil in den Leib, so daß es einen lauten Knall gab und die einzelnen Stücke umherflogen (wovon die vielen Feuersteine kommen). Ein solches Stück traf das Kaninchen an der Lippe und erzeugte die Scharte.


  • Literatur: Mooney, Myths of the Cherokee S. 274. Vgl. unten: Entstehung des Ungeziefers.

4. Lettische Sage.


Gott zürnte einst den Mücken und befahl dem Hasen, das in einem Sack gesammelte Ungeziefer zu ertränken. Der Hase öffnete aus Neugier den Sack. Die befreiten Mücken drehten sich vor Freude in der Runde, was ihnen seither zur Gewohnheit ward. Nachher will sich der Hase aus Gram ertränken, aber ein Krebs kneift ihn in die Lippe, die seitdem gespalten ist.


  • Literatur: Lerchis-Puschkaitis 1, 171, Nr. 163. Vgl. unten: Suchende Tiere.

5. Die Fabel vom lebensmüden Hasen,


der sich ertränken will und beim Anblick eines flüchtenden Frosches oder flüchtender Schafe über deren Angst so lachen muß, daß ihm die Lippe zerreißt.


  • Literatur: Hierüber s. Bd. 4: Äsopische Fabeln.

[22] 6. Das Märchen von den Haustieren im Walde. (Vgl. Bd. 4.)


Der Hase hatte eine Katze. Der Bär stieg auf den Baum, der Fuchs kroch unter das Reisig. Im Reisig bewegte sich der Fuchs. Die Katze flüchtete auf den Baum. Der Bär fiel vom Baum und brach sich zwei Rippen. Der Hase lachte, daß ihm das Maul kreuzweis riß. Noch heute hat der Bär gebrochene Rippen, und des Hasen Maul ist kreuzweis gespalten.


  • Literatur: Hdschftl. aus Sääminki (Savolaks). Durch Prof. K. Krohn.

Außer diesen sind folgende anzuführen:


1. Finnische Sagen.


a) Wolf und Hase wetten, wer am meisten gefürchtet sei. Der Wolf läßt Frost eintreten. Der Hase läuft, wird müde und ruft: »Woi, Woi, wie das brennt!« Der Wolf glaubt, seine List sei umsonst gewesen, und macht wieder mildes Wetter. Des Hasen Maul reißt kreuzweis auseinander.


  • Literatur: Aus Liminka (Österbotten). Durch Prof. K. Krohn.

b) Ein Mann hackt Holz und den Baumstamm kreuzweise. Der Hase sieht es und lacht, daß ihm das Maul kreuzweise zerplatzt.


  • Literatur: Durch Prof. K. Krohn.

c) Es war einmal ein Mann, der hieß Lanke; der ging eifrig auf die Hasenjagd. Eines Tages, als er wieder Hasen jagen ging, nahm er hundert Schlingen mit und sagte beim Fortgehen: »Wenn ich mit jeder Schlinge einen Hasen fange, dann kümmert's mich nicht, wenn auch der Teufel sie in seinen Sack steckte.«

Als er dann seine Schlingen auslegte, jagten kleine Teufelchen Hasen aus dem Gebüsche und riefen: »Geschwind in Lankes Stricke!« und zugleich schlugen sie von hinten auf die Hinterbeine des Hasen, so daß sie schief wurden und es noch heutigen Tages sind. Als Lanke merkte, daß jedesmal, wenn er eine Schlinge legte, sich auch ein Hase drin fing, und er nun bald hundert Fangstricke ausgelegt hatte, da dachte er, – da immer nur ein Hase sich fing, sobald die Schlinge fertig war, – daß sie doch am Ende der Teufel in seinen Sack steckte. Und er sann über ein Mittel nach, wie er aus der Not herauskommen könnte. Zuletzt stieg er auf eine große Kiefer und befestigte an deren Wipfel die hundertste Schlinge. Als alle die anderen Fangstricke voll Hasen waren, fing es frühmorgens bei der Schlinge an, die an der Kieferkrone hing, und sie liefen Hals über Kopf zur Kiefer, daß es nur so flog. Wie sie sich dabei anstrengten und einige aufrecht an der Kiefer hinaufsprangen, fielen sie herunter und brachen sich die Schwänze entzwei, daß nur ein Stumpf übrig blieb; einige stießen mit der Schnauze an den Baum, daß ihnen das Mäulchen gespalten wurde und die Zähne ausfielen. Als Lanke am folgenden Tage hinaus ging, um zu sehen, ob sich ein Hase im Wipfel der Kiefer gefangen hatte, fand er am Fuße der Kiefer Hasenzähne bis zur Gürtelhöhe liegen. Wenn Lanke später Hasen fing, waren ihnen stets die Hinterläufe schief, die Mäulchen kreuzweis gespalten und die Zähne beinahe alle ausgefallen; und so ist es noch heutzutage.


  • Literatur: Aus Korpilahti.

2. Mongolische Sage.


[Entgegen dem Verbot ihrer Mutter, einer Witwe, ißt die Tochter von einer verbotenen Speise.] Der verstorbene Vater erhob sich aus dem Grabe, nahm die Gestalt eines Hasen an, ging in das Haus und tadelte das Mädchen. In ihrem Zorn[23] schlug das Mädchen den Hasen mit einem Feuerhaken und spaltete ihm die Lippe, mit dem Ende des Stockes aber traf sie den Schwanz und beschmutzte ihn mit Büß. Darum hat der Hase eine gespaltene Lippe und einen schwarzen Schwanz. [Darnach standen die Menschen nach ihrem Tode nicht mehr auf.]


  • Literatur: Erz. e. Torgouten bei Potanin, Okraina 2, 348, Nr. 8. Vgl. Folklore Journal 4, 27. – In einer, wie P. angibt, unklar erzählten Variante (ebd. 2, 167) heißt es, die Herrschaft des Majtere [vgl. Naturs. 1, 5. 105] trete erst dann ein, wenn der Schwanz des Hasen weiß werden wird.

Wie die Hasenscharte, so sind auch andere Eigentümlichkeiten von Tiermäulern der Volksphantasie aufgefallen und zur Sagendeutung verwandt worden.


3. Aus Finnland (Karelen).


Als Gott das Schwein schuf, mußte er sich schnell zu einer Feuersbrunst begeben. Das Schwein war schon beinahe fertig; nur an dem Kopfe war noch etwas zu machen, nämlich das, was an der Rundung der Schnauze fehlt. Und seitdem sagt man: »Die Schnauzen der Schweine sind noch so rund, wie sie damals geblieben sind. Man weiß nicht, wie sie geworden wären, wenn sie fertig geworden wären.«


  • Literatur: Krohn, Suomalaisia Kansansatuja 1, Nr. 286, p. 274.

4. Aus Nordwest-Canada. (Sage der Dènè Peaux-de-Lièvre.)


Der Riese Efwa-éké ergriff einen Luchs am Schwanz und warf ihn gegen seine Wohnung, daß er die Nase brach. Darum hat der Luchs eine platte Schnauze, wie wir noch jetzt sehen können.


  • Literatur: Petitot, Trad. ind. du Canada Nord-Ouest 217.

5. Altjapanische Sage.


Die Göttin Ame-no-udzu-me-no-kami trieb alle großen und kleinen Fische zusammen und fragte sie: »Wollt ihr achtungsvoll dem erhabenen Sohn der himmlischen Gottheit dienen?« Darauf erklärten die Fische alle, daß sie ihm achtungsvoll dienen würden. Nur der Trepang sagte nichts. Da sprach die Göttin zu ihm und sagte: »Ah, dieser Mund ist es, der keine Antwort gibt!« und schlitzte das Maul mit ihrem Gürteldolch. Daher hat der Trepang ein geschlitztes Maul bis auf den heutigen Tag.


  • Literatur: Aus dem Kojiki (711 n. Chr.) Transactions of Asiatic Society of Japan 10, Suppl. 114. Vgl. Florenz, japanische Mythologie S. 273.

6. Aus Westfalen.


Früher hatte die Flunder ein ganz gerades Gesicht. Als aber einmal der Häring bei ihr vorüberschwamm, hat sie ihn höhnisch gefragt: »Is denn de Hering ook en Fisch?« und hat dabei das Maul gegen ihn verzogen. Da ist ihr für ihren Übermut das Gesicht so schief geblieben, wie man's noch heute sehen kann.


  • Literatur: Kuhn, Sagen aus Westfalen 2, 80 f. = Haas, Rügensche Sagen und Märchen S. 150. Vgl. Natursagen 1, 290; 2, 78, 253, 302. Ebd. S. 336: Sage vom engen Walfischschlund.

7. Aus Mecklenburg.


De Bütt un de Hiring begegen sik eens. De Bütt secht: »Kiek mal, wo ick mi glatt maakt heff, ick heff mi 'ne witt Schört vörbunnen.« »Ick heff mi noch väl glarrer maakt«, secht de Hiring, »ick heff mi'n sülwern Kleed antrocken.« Dor ward de Bütt falsch un maakt em 'n scheef Muul to. Dat is ehr bestahn bläben; dorvon hett de Bütt noch so'n breet Muul.


  • Literatur: Wossidlo, Volkst. Überl. aus Mecklenb. 2, S. 23.

[24] 8. Aus Estland.


An einem schönen Tage ging Gott auf dem Meere hin und her. Da begegnete ihm die Butte. Gott fragte, wohin sie gehe. Die Butte zog ihren Mund schief, verdrehte die Augen auf den Rücken und sagte spottend: »Du siehst ja, daß ich in den Sand plätschern gehe!« Solch eine Antwort ärgerte Gott, und er schlug der Butte mit seinem Stock auf den Rücken: »Ewig sollen dir die Augen auf dem Rücken und der Mund schief bleiben!«

So ist es auch geblieben, wie Gott gesagt hat. Auf der Stelle auf dem Rücken, wo Gott die Butte geschlagen hatte, sind schwarze Flecken geblieben.


  • Literatur: Aus dem hdschr. Nachlaß von J. Hurt.

9. Aus Schottland.


Das schiefe Maul der Flunder hat zu folgendem Vers in Kincardineshire Anlaß gegeben:


Said the trout to the fluke:

»When did your mou' crook?«

»My mou was never even,

Since I cam by John's Haven.«1


  • Literatur: Chambers, Populär Rhymes of Scotland p. 199. Var. mit geringer Abweichung: Folklore Journal 3, 310.

10. Mongolische Sagen.


a) Einst lebte Dzehrael Dzalmaus Pëigambar. Der jagte Vögel und aß sie. Er reihte die gefangenen Vögel durch ein Loch im Schnabel auf und befestigte sie an einem Strick. Außer dem Baigus waren alle Vögel gefangen worden; nun überlegte sich Dzalmaus, wie er den Baigus fangen könnte; Sunkar, der Falke, bot sich an, aber Dzalmaus sagte: »Nein, Sunkar würde ihn fangen und verstecken, laßt Karchega, den Geier, ihn fangen.« Der Geier flog fort, fand den Baigus und sagte: »Baigus! Baigus! Was willst du tun? Der Khan braucht dich.« Der Baigus verbarg seinen Kopf, tat, als ob er Schmerzen habe, und sagte: »Mein Kopf schmerzt, ich gehe nicht.« Der Geier sagte höflich zu ihm: »Komm heraus und laß uns uns besprechen.« Nach einer kleinen Weile kam der Baigus heraus, der Geier ergriff ihn, nahm ihn unter den Flügel und trug ihn fort. Da rief der Baigus:


»Deine Rückenknochen sind hart,

Sie haben mein Leben zerstört.«


Der Geier kam zum Zelt Dzalmaus' mit der Beute unter dem Flügel. »Wo ist der Baigus?« fragte Dzalmaus. »Ich habe ihn nicht«, antwortete der Geier. »So werde ich deinen Kopf abschneiden«, sagte Dzalmaus. Da gab der Geier ihm den Vogel. Der Baigus bat, etwas sagen zu dürfen, und sagte:


»Mein Kopf ist einen Finger groß,

Mein Fleisch ist wie das des Sperlings,

An mir ist kein Fleisch zum Essen,

Kein Blut, um satt zu machen.«


»Du, mein Herr«, fuhr der Baigus fort, »hast alle Vögel gefangen, hast ihre Schnäbel durchbohrt und sie an einem Strick aufgehängt. Sie alle müssen büßen, sie sitzen ohne Nahrung, sie sind hungrig, und ihre Schnäbel sind wund. Wenn du mich auch beim Schnabel aufhängen willst, dann drehe einen Strick aus Sonnenstrahlen und Kuhbutter.« »Was kann solch ein Strick tun?«[25] fragte Dzalmaus. Chort, der Teufel, erschien. Er jagte, er jagte die Strahlen mit seinen Händen, er fing nichts, Butter war in seinen Händen und troff herunter. Da sagte Dzalmaus: »Der Baigus ist klein von Gestalt, aber seine Weisheit ist groß; laßt alle Vögel frei auf die Bitte des Baigus hin.« Von da an wurde der Baigus das Oberhaupt der Vögel .....Alle Vögel haben Löcher im Schnabel, nur der Baigus nicht.


  • Literatur: Folklore Journal 3, 313.

b) [Chan Garidi hat eine Schul'mus geheiratet, und sie verlangt einen Turm aus Vogelschnäbeln ... Chottun šibo erscheint erst beim dritten Ruf und erklärt: auch trübe Tage müßten den Nächten zugezählt werden, es gebe mehr dürre Bäume als frische, wenn man auch die hinzurechne, bei denen nur ein Zweiglein vertrocknet sei, und die Weiber seien zahlreicher als die Männer, wenn man zu den ersteren auch die ihren Frauen gehorchenden Männer hinzuzähle.] Chan Garidi verstand die Anspielung und widerrief den Befehl, die Schnäbel der Vögel abzuschneiden. Die Schul'mus erzürnte sich über den Vogel Chottun und befahl ihrem Hals, sich dreimal gegen die Sonne zu kehren; der Hals aber drehte sich nur einmal. Darnach sind bei allen Vögeln die Schnäbel durchbohrt geblieben.


  • Literatur: Potanin, Očerki 4, 175 (Erz. e. Darchaten). Augenschein! verderbt. Zu den Ausreden beim Nichterscheinen vgl. Liebrecht, Zur Volkskunde 121.

11. Sage der Schwarzfuß-Indianer.


Na'pi der Alte war einmal auf Reisen, und da er müde wurde, setzte er sich auf einen Felsen, um zu ruhen. Nach einer Weile brach er wieder auf, und weil die Sonne heiß war, warf er seinen Mantel über den Felsen und sagte: »Hier gebe ich dir meinen Mantel, weil du arm bist und mich hast ruhen lassen. Bewahre ihn immer.« – Er war noch nicht sehr weit gegangen, als es anfing zu regnen, und da er einem Präriewolf (coyote) begegnete, sagte er: »Kleiner Bruder, laufe zum Felsen zurück und bitte ihn, mir seinen Mantel zu leihen. Wir wollen uns damit bedecken und uns trocken halten.« Da lief der Präriewolf zurück zu dem Felsen, aber er kam ohne den Mantel wieder. »Wo ist der Mantel?« fragte der Alte. »Saiyah!« erwiderte der Präriewolf. »Der Felsen sagte, du hättest ihm den Mantel gegeben, und er würde ihn behalten.« Da wurde der Alte sehr böse, ging zurück zum Felsen, riß den Mantel weg und sagte: »Ich wollte mir den Mantel nur borgen, bis der Regen vorbei wäre, aber nun, da du dich so häßlich betragen hast, werde ich ihn behalten. Du brauchst überhaupt keinen Mantel. Dein ganzes Leben bist du draußen in Regen und Schnee gewesen, und es wird dir nichts schaden, so weiter zu leben.«

Dann ging er mit dem Präriewolf fort in eine Rinne (coulée) und setzte sich nieder. Es regnete weiter, und sie bedeckten sich mit dem Mantel und fühlten sich sehr behaglich. Bald darauf hörten sie ein lautes Geräusch, und der Alte sagte zum Präriewolf, er möge auf den Hügel gehen und sehen, was es sei. Er kam schnell wieder und rief: »Lauf, lauf, der große Felsen kommt,« und sie liefen beide fort, so schnell sie konnten. Der Präriewolf versuchte in ein Dachsloch zu kriechen, aber es war zu klein für ihn, und er blieb stecken, und ehe er wieder heraus konnte, rollte der Felsen über ihn weg und zerquetschte ihm seine hinteren Teile. Der Alte war sehr erschrocken, und im Laufe warf er den Mantel und sonstige Kleider ab, damit er schneller laufen könne. Der Felsen kam dabei immer näher und näher.

[26] Nicht weit davon war eine Herde Büffel, und der Alte rief sie an: »O meine Brüder, helft mir, helft mir! Haltet den Felsen dort an!« Die Stiere liefen hin und versuchten ihn aufzuhalten, aber er zertrümmerte ihre Köpfe. Auch ein paar Rehe und Antilopen versuchten dem Alten zu helfen, aber sie wurden ebenfalls getötet. Eine Menge Klapperschlangen begannen einen Lasso zu bilden und versuchten, ihn zu fangen, aber die, die an dem Schlingenende waren, wurden alle in Stücke gerissen. Der Felsen war schon ganz nahe am Alten, so nahe, daß er schon seine Hacken berührte, und jener wollte schon alles aufgeben, als er einen Schwärm Ziegenmelker über sich fliegen sah. »O meine kleinen Brüder«, rief er, »helft mir. Ich bin beinah tot.« Da ließen sich die Ziegenmelker herunter, einer nach dem andern, gegen den Felsen, und jedesmal, wenn einer auf ihn stieß, brach er ein Stück ab, und der letzte traf gerade auf die Mitte, und er brach mitten entzwei. Da war Na'pi der Alte sehr froh. Er ging zu einem Nest der Ziegenmelker und machte die Schnäbel der Jungen sehr breit und zwickte ein Stück davon ab, um sie hübsch und seltsam aussehend zu machen. Darum sehen sie auch noch heute so aus.


  • Literatur: Grinnel, Blackfoot Lodge Tales S. 165.

12. Sage der Cherokee.


a) Der Eisvogel (Königsfischer) sollte zwar am Anfang ein Wasservogel sein, er hatte aber weder Schwimmfüße noch Schnabel, und so konnte er sich keine Nahrung verschaffen. Da beschlossen die Tiere, ihm als Schnabel eine Art Harpune, ähnlich einem langen scharfen Pfriem, zu geben. Und sie befestigten ihm diese Harpune am Munde. Er flog nun auf die Spitze eines Baumes und weiter, dann warf er sich ins Wasser nieder und kam mit einem Fisch wieder hervor. Seitdem ist er der beste Fischfänger geworden.

b) Eine Natter fand ein Goldammernest in einem hohlen Baume, und nachdem sie die jungen Vögel verschlungen hatte, rollte sie sich auf, um in dem Neste zu schlafen. Die Vogelmutter fand sie, als sie heim kam, und wandte sich um Hilfe an die »Kleinen Leute« (the little people). Die schickten sie zum Eisvogel, und dieser flog mit ihr zum Neste. Dort flog er einige Male auf und ab, dann stürzte er sich auf die Natter und zog sie tot heraus. Als man näher zusah, fand man im Kopfe der Natter ein Loch. Das hatte der Eisvogel mit einem dünnen tu-gălû'nă-Fisch, den er wie eine Lanze im Schnabel trug, gestochen. Daraus schlössen die Kleinen Leute, daß er einen guten Fischtöter abgeben würde, wenn er nur einen ordentlichen Speer hätte. So gaben sie ihm seinen langen Schnabel zur Belohnung.


  • Literatur: Mooney, Myths of the Cherokee S. 288.

13. Malaiische Sage.


Warum es Vögel mit zu langem Schnabel gibt: s. Natursagen 1, 329.

Fußnoten

1 Fischerdorf des Distriktes.


Quelle:
Dähnhardt, Oskar: Natursagen. Eine Samlung naturdeutender Sagen, Märchen, Fabeln und Legenden, 4 Bände, Leipzig/Berlin, 1907-1912, S. 27.
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