E. Die Zunge.

[27] 1. Aus Südfrankreich.


Es waren einmal ein Hummer und ein Meeraal, die wanderten miteinander. Der Meeraal, der damals sprechen konnte, sagte zum Hummer: »Du weißt, was dich erwartet, Hummer. Wenn ich nichts zu essen finde, so wirst du meine Mahlzeit sein.« Der Hummer, der niemals hat sprechen können, da er von Geburt an stumm ist, gab dem Meeraal durch Zeichen zu verstehen: »Wenn du mich frißt, so begehst[27] du eine Sünde; frißt du mich aber nicht, so werde ich. immer dein Freund sein.« So gingen sie zusammen eine lange, lange Strecke, sie fanden aber keine Nahrung. Der Meeraal hatte großen Hunger und wollte nun den Hummer fressen. Als er ihn aber im Maul hatte, ergriff der Hummer seine Zunge mit einer seiner Scheren und drückte die Scheren so stark zusammen, daß er ihm die Zunge abschnitt. Darauf entfloh er, und alle Hummer, die früher große Freunde der Meeraale waren, sind nun ihre geschworenen Feinde. Seit dieser Zeit auch können die Meeraale, die früher einen Klagelaut wie der Knurrhahn hören ließen, keinen Ton mehr von sich geben.


  • Literatur: Sébillot, Archivio per lo studio delle trad. popolari 10, 177 – Contes des marins S. 59.

2. Aus Afrika (Sage der Bantu).


Das Krokodil hat nur einen Zungenstumpf, der Iguana (Leguan, eine Art großer Landeidechse) dagegen hat eine gegabelte Zunge Darüber gibt es folgende Sage:

Als das Krokodil und diese Eidechse erschaffen waren, wurden zwei Zungen gemacht und in einiger Entfernung von ihnen hingelegt. Es wurde ihnen beiden befohlen, einen Wettlauf zu halten, und der, welcher am ersten am Ziel ankäme, sollte beide Zungen bekommen. Der Iguana gewann, und sein größerer und wilderer Rivale mußte sich mit einem Stummel in der Kehle begnügen.


  • Literatur: Folklore 3, 355.

3. Aus Britisch Guyana.


.... Der Mensch, der aus der großen Flut gerettet war, machte Feuer, er rieb zwei Stücke Holz aneinander. Der erste Funke ist dabei gewöhnlich sehr klein. Der Truthahn (penelope marail) verschluckte ihn, als der Mensch nicht hinsah, da er ihn für einen Leuchtkäfer hielt, und flog dann schnell fort. Der Funke verbrannte aber seinen Hals, und daher haben diese Vögel rote Lappen an ihrer Kehle. Als der Mensch seinen Funken vermißte, sah er den Alligator, der damals ein sanftes, aber häßliches Tier war, in der Nähe stehen. Da riefen alle Tiere, die die Häßlichkeit des Alligators verabscheuten, daß der den Funken genommen habe. Darauf zog der Mensch voll Ärger und Ungeduld dem vermeintlichen Schuldigen die Zunge heraus. Darum haben die Alligatoren jetzt so kurze Zungen und bekämpfen alle Tiere.


  • Literatur: Im Thurn, Among the Ind. of Guiana, 380.

4. Sage der Cherokee.


... Die Meise hatte durch ihren Ruf die Jäger irregeleitet, daß sie glaubten, eine Hexe töten zu können, wenn sie auf ihr Herz schössen. Darum wurde ihr die Zunge abgeschnitten, damit jedermann wisse, daß sie ein Lügner sei. Und noch jetzt ist ihre Zunge kurz.


  • Literatur: Mooney, Myths of the Cherokee S. 310.

5. Sage der Tlingit.


Die Lumme, die Schwester des Raben, hatte den Kormoran zum Mann. Einst gingen der Rabe, der Kormoran und dessen Bruder, der Bär, aus, Heilbutten zu fangen. Kormoran und Bär waren sehr geschickt und fingen viele Fische, während Yeti, der Rabe, gar keine bekam. Deshalb ward er neidisch auf seine Gefährten. Er sprach zum Kormoran: »Sieh doch, du hast eine große Laus auf deinem Kopfe sitzen!« Er tat, als finge er sie, und sagte: »Sie hat dich gebissen, nun beiße sie wieder. Strecke deine Zunge aus, ich will sie dir geben.« Der Kormoran streckte wirklich seine Zunge aus, und der Rabe riß sie ihm aus. »Nun sprich!« rief er[28] ihm höhnend zu. Der arme Kormoran sagte aber nur: »Wule, wule, wule.« »So ist es gut,« fuhr der Rabe fort, »so haben deine Onkel früher auch gesprochen.« Dann bewirkte er, daß der Bär in sein Messer fiel und so ums Leben kam. Er fuhr dann ans Land, nahm die Fische, welche beide gefangen hatten, und versteckte den Leichnam des Bären. Vorher schnitt er ihm aber die Blase aus. Als er nun in Begleitung des Kormoran nach Hause kam, fragte die Lumme: »Wo ist mein Schwager Bär?« Yeti antwortete: »Er ist im Walde und sucht Wurzeln.« Da schlug der Kormoran in die Hände und rief: »Wule, wule, wule!« Er wollte sagen, daß Yeti löge, konnte sich aber nicht verständlich machen. Seine Trau fragte: »Was sagst du? Was ist dir denn zugestoßen?« »Ich glaube, er hat sich erkältet,« sagte der Rabe; »siehe nur, wie viele Heilbutten ich gefangen habe! Es sind so viele, daß unser Boot fast gesunken wäre. Schneide du die Fische auf und nimm sie aus.« Er legte dann Steine ins Feuer und schnitt die Handrücken der Lumme auf. Da tropfte Fett heraus. Und er nahm heimlich die Blase des Bären, wickelte einen glühenden Stein hinein und schluckte ihn herunter. Dann hieß er seine Schwester dasselbe tun. Diese hatte aber nicht gesehen, daß er den Stein eingewickelt hatte, und verschluckte einen glühenden Stein. Da schrie sie laut auf vor Schmerz. Der Rabe rief ihr zu: »Trinke rasch Wasser darauf!« Sie folgte ihm. Sogleich fing das Wasser an zu kochen, und so kam die Lumme ums Leben. Den Kormoran aber hieß der Rabe am Strande sitzen bleiben. Seitdem findet man den Kormoran immer am Strande, und sein Ruf ist nur: »Wule, wule, wule


  • Literatur: Boas, Sagen von der nordpazifischen Küste S. 317.
    Vgl. Krause, Die Tlinkit-Indianer, S. 266. [Jēlch, der Rabe, hatte den Bären durch List getötet.] Jūk', der Kormoran, der mit Jēlch im Canoe war, hatte alles mit angesehen und war nun begierig, es den Weibern des Bären zu erzählen. Des halb forderte er Jēlch auf, schnell ans Land zu fahren. Dieser aber sagte zu ihm: »O Freund, eine große Laus ist auf deinem Kopfe. Gib ihn her, ich will sie dir abnehmen.« Der Kormoran legte seinen Kopf in Jēlchs Schoß. Dieser fing die Laus und sagte dann zu seinem Gefährten: »Stecke deine Zunge heraus, ich will dir die Laus geben.« »Gib sie mir in meine Krallen«, erwiderte der Kormoran. Doch Jēlch sagte: »Nein, sie hat dich gebissen, nun. beiße sie auch wieder. Stecke nur deine Zunge recht weit heraus!« Jūk' tat dies. Jēlch aber riß ihm die Zunge mit Gewalt heraus und forderte ihn dann auf, zu sprechen. Jūk' versuchte es auch, aber er konnte nur noch unverständlich lallen. »So«, sagte Jēlch, »haben deine Vorfahren auch gesprochen.«

6. Sage der Bilqula.


Einst wollte der Rabe Heilbutten fangen und ging mit dem Kormoran aus, zu fischen. Dieser fing viel große Fische und warf sie ins Boot, während der Rabe nur einen einzigen kleinen Fisch gefangen hatte. Deshalb ward er neidisch und dachte, wie er dem Kormoran seinen Fang wegnehmen könnte. Er rief ihm zu: »Ich habe mir die Zunge abgeschnitten und an die Angel gesteckt«. Da schnitt der Kormoran sich ebenfalls die Zunge ab und ward stumm. Der Rabe stahl ihm dann alle seine Fische und behauptete, als sie ans Ufer kamen, er habe sie gefangen Der arme Kormoran aber konnte nichts sagen.


  • Literatur: Ebd. S. 244. Eine Variante (ebd. S. 277) siehe unten S. 77. Über den asiatischen Ursprung siehe das Kap.: Entstehung des Ungeziefers.

7. Asiatische Sage.


Von der Stechmücke, der die Schwalbe die Zunge ausreißt: Bd. 1, S. 281 ff.

Quelle:
Dähnhardt, Oskar: Natursagen. Eine Samlung naturdeutender Sagen, Märchen, Fabeln und Legenden, 4 Bände, Leipzig/Berlin, 1907-1912, S. 27-29.
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