L. Der Rücken.

[41] Der Froschrücken hat, wie in den eben angeführten Sagen, so auch sonst zum Gegenstände der phantastischen Deutung gedient. Zu der in Bd. 1, 77 angeführten Sage stellt sich noch folgende:


Aus Estland.


Eine Wirtin stellte das Dünnbier (aus saurem Brot bereitetes Getränk) zum Gären und bemerkte einen Frosch im Getränk. Der Frosch bat, den Winter über dableiben zu dürfen, im Frühling werde er sie dafür etwas Gutes lehren. Im Frühling brachte die Wirtin den Frosch zum Wasser, und der Frosch lehrte:


Zieh den Bastschuh, wiiksti,

Dreh den Hacken, krooksti,

Steck an den Fuß, pöks!


Als die Wirtin die Lehre vernommen hatte, nahm sie das Tragholz und schlug damit den Frosch. Und da war dem Frosch ein Buckel gewachsen.

Andere sagen, der Frosch habe so gelehrt: Krumme Weide, richtiger Bast; flicht den Bastschuh wie einen Schuh; zieh ihn an wie einen Pastel, wirf ihn fort, wenn der Bastschuh vertragen.


Außer den in Bd. 1, 151 f. mitgeteilten Sagen vom Wolfsrückgrat sind folgende anzuführen:


1. Lettische Sagen.


a) Das Pferd weidete am Berge und sprach laut und ingrimmig zu sich selber: »Nein, in Zukunft will ich das nicht mehr dulden! Wenn der Jakob mir auch morgen wieder ein so schweres Fuder aufladet, so werde ich zu unserem Kaiser, dem Löwen, um Gnade bitten gehen.«

Kaum hatte der Braune diese Worte gesprochen, so trat aus den Büschen der Löwe hervor und sagte: »Ich habe dein Murren gehört. Jetzt will ich sehen, ob du wirklich so schwach bist Ich laufe schon seit drei Wochen umher und fresse alle Schwachen auf, aber die Starken und Kühnen lobe ich. Ich bin selbst stark und wünsche, daß auch meine Untertanen stark sein mögen.«

Da nahm der Löwe einen Stein und drückte aus ihm das Wasser heraus. Als das Pferd das sah, wollte es sich vor dem Kaiser retten und warf den Stein so stark hin, daß die Funken hervorsprühten.

»Du bist mein echter Untertan!« meinte der Löwe vergnügt und wandte sich zum Gehen. Doch das Pferd wollte ihn nicht sogleich ziehen lassen und sprach: »Hochwürdiger Kaiser! Ich habe noch etwas auf dem Herzen. Gestern hat der Wolf hier auf der Weide meinen Sohn umgebracht, das lustige Hengstlein!« Als er diese Worte gehört hatte, versprach der Löwe dem Wolf eine Lektion zu geben, und da sich dieser gerade in der Nähe am Bande des Sumpfes in der Sonne wärmte, rief der Löwe ihm zu: »Was wälzt du dich dort herum, komm lieber hierher: ich will dir ein schönes Stück Beute zeigen, das auf der anderen Seite des Berges umherläuft.« Der Wolf reckt den Hals, doch sieht er nichts, weil sich vor ihm der Hügel erhebt. – »Nun, wenn du so nichts sehen kannst, so tritt näher – ich werde dich emporheben.«

Der Löwe packte den Wolf um die Mitte des Rückens und drückte ihn so fest, daß das Rückgrat krachte und der Wolf das Bewußtsein verlor. – »Ach, du Schwächling! Einzig vom Anblick des Pferdes verlierst du das Bewußtsein« sagte der Löwe mit Lachen, warf den Wolf hin und ging fort.

[42] Seit der Zeit läßt sich das Rückgrat des Wolfes nicht biegen.


  • Literatur: (In den Varianten endet das Märchen mit dem Tode des Wolfs.) Živaja Starina 5, 429 = Lerchis-Puschkaitis 1, 171, Nr. 162.

b) Ein Greis traf einst im Walde einen riesigen Wolf, der war fast verhungert und schrie den Alten an: »Mach dich zum Tode bereit! Heute morgen ließest du mich im Wacholderstrauch nicht ausschlafen, mich schmerzt noch jetzt der Kopf vom Dröhnen deiner [Jagd-] Hörner.«

»Lieber Breitschwanz, schau, ich habe mich doch nur geschneuzt!«

»Wie dem auch sei, du bist des Todes!«

»Ja, so ist es: der Stärkere hat immer recht!« sagte ergeben der Greis und bat nur den Wolf ihm vor dem Tode noch zu gestatten, an dessen Schwanz das Maß zu einer Begräbniskerze nehmen zu dürfen. Der Wolf erlaubte es. Da schnitt sich der Alte ein gar brauchbares Meßstäblein zurecht: einen tüchtigen Knüppel, packte den Wolf am Schwanz, machte sich ans Hauen und sprach dazu: »Wo die Kraft, dort das Recht; wo der Verstand, dort der Rat!«

Endlich riß der Schwanz, und der Alte warf lachend den halbtot geprügelten Wolf in die Büsche. Doch erholte sich dieser bald und begann zu heulen. Da versammelte sich ein solches Heer von Wölfen, daß es dem Greis mit knapper Not gelang auf eine Fichte zu klettern. Die Wölfe beratschlagten lange, was nun zu tun sei.

Schließlich beschlossen sie, einer dem anderen auf den Rücken zu klettern und so den Gipfel des Baumes zu erreichen. Dies gefiel dem verprügelten Wolf wohl, er stellte sich sofort unter die Pichte und befahl den anderen ihm auf den Rücken Bald erreichte der Turm von Wölfen den Gipfel. Schon kletterte der letzte Wolf empor und machte sich bereit, den Menschen zu packen. Doch dieser flüsterte ihm ins Ohr: »Hör zu, Brüderchen: anstatt daß die anderen mein Fleisch fressen, friß du lieber allein hier in der Höhe. Ich werde mich am Zweige festhalten, und du magst dir ein Stück nach dem anderen von mir abbeißen. Aber bevor du beginnst, erlaube mir an deinem Schwanz das Maß zu einer Begräbniskerze zu nehmen.« Der Wolf gestattete es. Da nahm der Alte sein Messer aus der Tasche, säbelte den Wolfsschwanz ab, warf ihn auf die Erde und schrie: »Kahlbauch, da ist dein Schwanz!« Kahlbauch – der verhauene Wolf – warf sich eilends auf den Schwanz, in dem Glauben, daß es sein eigener sei; aber der ganze Turm von Wölfen stürzte zusammen und fiel auf die Erde. Gar manche brachen sich die Hälse, aber dann flatterten sie wie die Schmetterlinge in alle Winde.

Seit der Zeit läßt sich bei allen Wölfen der Rücken nicht mehr biegen.


  • Literatur: Lerchis-Puschkaitis 1, S. 160, Nr. 153; in russ. Obers.: Živaja Starina 5, 430.

2. Russische Variante.


Dieselbe Geschichte, nur von einem Schneider erzählt, der dem Wolfe sagt: »Wenns nicht anders sein kann, so friß mich. Nur laß mich erst an dir Maß nehmen, daß ich erst sehe, ob ich ganz in dich hineingehe.« Als die Wölfe übereinander geklettert sind, ruft der Schneider: »Nun wird es allen ergehen wie dem Stumpfschwanz!« Da sprang der Stumpfschwanz rasch unter den andern hervor und lief davon, und alle anderen Wölfe fielen auf die Erde und jagten ihm nach. Sie holten ihn ein und zerrissen ihn. Der Schneider aber stieg vom Baum und ging nach Hause.


  • Literatur: Gerber, Russian Animal Tales S. 34. [Vgl. »Nachträge«.]

[43] 3. Zeugnis für die Übertragung des Stoffes nach Amerika.


Der »große Erfinder« stellt sich tot und wird auf einen Baum gelegt. Die Wölfe versuchen, den Körper zu bekommen. Einer klettert auf den Rücken des andern. Der Anführer-Wolf klettert ganz oben hinauf und versucht den Körper herabzuziehen. Da schneidet der große Erfinder ihm den Schwanz ab. Darauf verständigen sich beide dahin, daß der Anführer der Wölfe die Flut, über die er Macht hat, bis zu einer bestimmten Stelle fallen läßt, und nun erhält dieser seinen Schwanz wieder.


  • Literatur: Boas und Hunt, Kwakiutl Texts S. 279 (vgl. 503).

4. Aus Pommern.


Als unser Herrgott den Wolf geschaffen hatte, benahm sich derselbe sehr wild und verübte so viele Schandtaten, daß der Sache Einhalt getan werden mußte. Der liebe Gott rief ihn darum zu sich, hielt ihm seine Sünden vor und verkündete ihm, ein Gebrechen würde er von nun an sein lebelang an seinem Leibe tragen müssen; doch könne er unter drei Dingen den Fehler wählen, welcher ihm noch am leichtesten zu ertragen scheine. Entweder müsse er von nun an ein steifes Genick führen und einen lahmen Fuß oder einen eine halbe Meile langen Schwanz oder endlich eine Klingel, die jegliches Tier in der Entfernung einer ganzen Meile hören könne.

Der Wolf war darüber sehr traurig, doch da ihm nichts anderes übrig blieb, als in den sauren Apfel zu beißen, so sprach er zum lieben Gott: »Der lange Schwanz und die weitschallende Klingel würden bewirken, daß ich überhaupt kein Tier mehr erjagen könnte, darum gib mir lieber das steife Genick und den Hinkfuß. Das hindert zwar auch sehr, läßt mich jedoch wenigstens nicht Hungers sterben.« Und wie der Wolf gewählt hat, so ist's auch geschehen. Jeder Wolf hat ein steifes Genick und muß auf einem Beine hinken bis auf diesen Tag.


  • Literatur: U. Jahn, Volkssagen S. 437.

5. Vgl. ferner Natursagen 1, 166: Sage vom krummen Rücken der Katze.

In den Aufgabenmärchen, in denen ein Jüngling die schwierigsten Bedingungen zu erfüllen hat, spielt das Motiv der ins Meer versenkten Schlüssel, die heraufzuholen sind, eine große Rolle (Köhler, Kl. Sehr. 1, 464, Cosquin 1, 32–49). Wenn es dann heißt, daß ein Fisch die Schlüssel findet und bringt, so hat in den Küstengegenden, in denen allein die Fischsagen gedeihen, die Lockung nahegelegen, gerade diesen Einzelzug durch ätiologischen Zusatz besonders hervorzuheben. Man erzählt folgendes:


1. Aus Dänemark.


Der Held reitet zum Meere, ruft den Walfisch und will die ins Meer geworfenen Schlüssel zurückhaben. Der Wal war aber Herr aller Fische und dachte, daß er sie alle verschlingen werde, wenn sie nicht fleißig suchten. Die Schlüssel waren aber nicht zu finden, die Fische weinten alle, und daher sind die Augen des Herings noch rot; zuletzt entdeckt sie ein Hornhecht zwischen zwei Steinen, er reißt gewaltig und zerbricht einen Kiefer, darum ist noch heute sein oberer Kiefer länger als der untere. Zuletzt kam ihm der Barsch zur Hülfe, und es gelang ihnen, das Schlüsselbund loszumachen, aber seitdem haben die Barsche einen krummen Rücken.


  • Literatur: Kristensen, Folkeminder 5, 158 Nr. 21. Vgl. Grundtvig, Danske folkeæventyr, ny samling 1878 Nr. 1: ›Mons Tro‹ = Grundtvig, Dänische Volksmärchen, übers. von Strodtmann[44] 2, 1 (1879). (Hier weinen nur die Weißfische, die deshalb rote Augen haben; der Barsch fehlt; der Hornhecht kommt selbst mit dem Schlüsselbund angeschwommen.)

2. Aus Pommern.


Prinz Getreu fahrt zum Fischkönig und bittet ihn, ihm die ins Meer geworfenen Schlüssel zu suchen. Der Fischkönig war dazu bereit; er schickte sämtliche Fische aus, aber sie kamen wieder, ohne etwas gefunden zu haben. Zuletzt kam ein kleiner Kaulbarsch und trug die Schlüssel auf seinem Rücken. Von der Last war sein Rücken aber ganz krumm geworden. Seit der Zeit haben alle seine Nachkommen krumme Rücken.


  • Literatur: Bl. f. pomm. Vk. 2, 73 f. Bei Ulr. Jahn, Vm. aus Pommern 1, 59 erhält der Hecht als Belohnung für das Überbringen ein Kreuz unter seinen Gräten; »das trug er von Stund an, und das tragen alle Hechte nach ihm bis auf den heutigen Tag.« (Vgl. Naturs. 2, 227.)

3. Eine Sage vom steifen Genick der Brasse s. Natursagen 1, 201.


L. Beine und Füße.

1. Aus Finnland.


Im Anfang hatte das Pferd seine Augen an den Hinterbeinen; doch sie erblindeten, als Staub hineinkam. Noch jetzt sieht man Spuren davon.


  • Literatur: Frdl. Mitt. von Herrn Prof. K. Krohn. Aus Anjala.

2. Aus Pommern.


Jedes Pferd trägt an jedem Vorderfuße, und zwar am Oberschenkel, ein Merkmal. Es sind das hornartige, unbehaarte Stellen. Dort haben bei den Pferden, als sie erschaffen wurden, die Augen gesessen. Als die Pferde nun aber zur Arbeit herangezogen wurden und im Sommer auf dem Acker und auf staubiger Landstraße gehen mußten, im Winter dagegen tief im Schnee stecken blieben, da stellte es sich heraus, daß die Augen an einer ganz unpassenden Stelle angebracht waren. Die Pferde hielten dann einen Kongreß zu Roßbach ab, zu welchem der Gott der Tiere auch eingeladen war, und baten ihn, daß er ihnen die Augen an einer anderen Stelle anbringen möchte. So geschah es denn auch, aber weil sie nicht zufrieden gewesen waren, müssen ihre Nachkömmlinge ohne Unterschied noch heute jenes Merkmal an den Beinen tragen.


  • Literatur: Asmus und Knoop, Sagen u. Erzähl, aus d. Kreise Kolberg-Körlin S. 99. Weiteres Material siehe Natursagen 1, 239 f. 341 f. 353. 2, 90.

3. Aus Estland.


Drei Ziegenböcke fraßen am Waldessaum. Sie wurden überdrüssig, sich beständig zu bücken, und gingen tiefer in den Wald zu einem halbfertigen Heuschober, um dort zu fressen. Sie hatten noch nicht lange gefressen, so gab die eine Ziege den Rat, nach Hause zu gehen, der Wolf könne kommen. »Gehen wir!« rief sie den andern Böcken zu. »Gehen wir!« antwortete der zweite Bock. Doch der dritte rief: »Wohin wollt ihr gehen? Wenn der Wolf auch kommen sollte, so springe ich auf den Schober und werde ihm meine Hufe zu fühlen geben.«

Da sahen sie schon den Wolf kommen. Zwei Böcke liefen davon und riefen noch dem dritten zu: »Komm nach Hause! komm nach Haus!« Doch der dritte Bock blieb und sprang auf den Schober. Der Wolf war aber schneller und riß den Ziegenbock an den Hosen. Die Petzen hingen dem Bock wohl an den Beinen[45] herunter, aber er kam doch mit dem Leben davon. Der Ziegenbock hat noch heute zerfetzte Hosen an den Beinen.


  • Literatur: Aus dem hdschr. Nachlaß von J. Hurt. Eine Sage von den gestempelten Vorderbeinen der Ziege s. Natursagen 1, 154.

4. Aus Finnland.


a) »Dem ist was an den Hintern geworfen, wie dem Taucher (colymbus) die Beine«, pflegt man zu sagen. Wenn der Taucher fliegt, hält er die Beine gerade nach hinten, als ob sie ihm nachgeworfen wären. Gott hat sie ihm beim Erschaffen von hinten nachgeworfen, als er schon im Fluge war.


  • Literatur: Mündlich durch Herrn Prof. K. Krohn.

b) Als der Taucher gemacht wurde, war dieser in solcher Eile, daß er nicht abwarten konnte, bis die Füße fertig waren. Er sagte: »Ich kümmere mich nicht um die Füße, sie können meinetwegen auch hinten sein, wenn ich nur gute Flügel habe!« und begann rasch zu fliegen, aber er hatte noch keine Füße. Gott konnte nicht anders, als sie ihm nachwerfen, und sagte: »Da sind sie«, und sie blieben am Hinterteil hängen. Und seitdem hat er sein ganzes Leben lang die Füße hinten, so daß er nicht imstande ist, auf dem Lande zu gehen. Und deshalb schreit er immer voll Ärger auf dem Wasser.


  • Literatur: Krohn, Suom. Kansans. 1, 281, Nr. 300. Weitere Parallelen siehe Bd. 1, 343.

5. Sage der Algonquin.


Wesa-Katch-ack1 gab ein Fest und lud alle Vögel ein. Er sagte ihnen, er wolle ein Lied singen, und sie sollten ihre Augen schließen und im Kreise um ihn herumtanzen. Dies geschah, und Wesa-Katch-ack fing einen Vogel nach dem andern, drehte ihm den Hals um und warf ihn hinter sich. Der große Eistaucher bemerkte, daß der Kreis immer kleiner wurde, und behielt die Augen offen. Als er an die Zelttür kam, rief er: »Lauft, meine Brüder, er tötet euch alle.« Wesa-Katch-ack hörte es, lief und schlug nach ihm. Dadurch verletzte er den großen Eistaucher und zerstörte die schöne Form seiner Füße, so daß er sie noch jetzt nachzieht.


  • Literatur: Journ. of Am. Folklore 7, 202.

6. Sage der Wishosk.


Der Präriewolf (Coyote) fragte den Panter: »Woraus machst du deine Lachsharpune?« Der Panter sagte: »Ich mache sie aus Wildbeinknochen.« Der Präriewolf sagte: »Lüge nicht. Das glaube ich nicht.« Er fragte den Panter immer wieder. Zuletzt sagte der Panter: »Gut, brich dein Bein und brauche es als Harpune.« Der Präriewolf ging nach Hause zu seiner Großmutter. Er sagte: »Ich werde mein Bein brechen, um eine Lachsharpune zu machen. Der Panter sagte mir, wie ich es machen müßte.« Die Großmutter erwiderte: »Das sagte er dir nicht. Das kannst du nicht tun.« »Doch, er sagte mir, wie ich es machen müßte, und ich werde es tun.« Dann brach er sein Bein zur Lachsharpune. Darum ist sein rechtes Bein noch heute dünn.


  • Literatur: Journ. of Am. Folklore 18, 101.

[46] 7. Aus Nordindien.


Bhim Sen besuchte Kaja Vairat in seiner Verbannung. Eines Tages schoß er einen Pfeil ab nach einem Reh, traf fehl und traf eine Kuh am Huf. Die Wunde heilte, aber der Huf blieb gespalten, und seitdem sind alle Kuhhufe so geblieben.


  • Literatur: North Indian Notes and Queries 2, 29.

8. Aus Bulgarien.


Einstmals war die Ameise so stark, daß sie sich unterfing, das Joch des Ochsen für sich zu fordern. Die Menschen sollten sie an den Wagen spannen, mit ihr das Feld bestellen und sie statt des Ochsen zur Ernährung der ganzen Welt benutzen. Der Ochse erwiderte: »Du kannst die Welt nicht ernähren; Gott hat das mir überlassen.« Die Ameise aber versetzte: »Du kannst es nicht, denn dein Herr muß dich fortwährend mit dem Stachel vorwärts treiben, keinen Schritt gehst du, ohne daß er hinter dir ist. Ich dagegen werde allein arbeiten.«

Zu dieser Zeit wandelte Gott auf Erden, und jedes Geschöpf durfte sich ihm nahen, um seine Bitten oder Klagen vorzubringen. So kamen auch der Ochse und die Ameise vor Gott und klagten. Der Ochse sprach: »Die Ameise, o Herr, will mir Pflug und Joch nehmen, die du mir doch selber gegeben hast, die Menschen und mich zu ernähren.« »Nein, o Herr,« sagte die Ameise. »Ich will die Menschen ernähren, weil der Ochse die Menschen sehr schlecht ernährt.« Da wandte sich Gott zur Ameise und fragte: »Ich weiß, daß du arbeitsam bist, aber sage mir nur eins: wenn du ackern willst, wievielmal willst du den Menschen erlauben, an einem Tage zu essen, damit du imstande seiest, sie mit Brot zu versehen?« »Alle drei Tage einmal«, antwortete die Ameise. Danach richtete Gott die gleiche Frage an den Ochsen, und dieser erwiderte: »Sie mögen täglich dreimal essen. Obwohl ich langsam arbeite, werde ich ihnen doch das Nötige verschaffen.« Gott segnete den Ochsen und sprach: »Solange die Welt steht, wirst du den Menschen ernähren.« Zur Ameise aber sprach er: »Du sollst immerfort arbeiten, und niemand wird den Erfolg der Arbeit sehen.« Und zum Gedächtnis dieses Urteils befahl Gott dem Ochsen, auf die Ameise zu treten. Davon spaltete sich der Huf des Ochsen – denn so stark war die Ameise damals – und der Rücken der Ameise ward in der Mitte eingeknickt. Bis dahin hatte der Ochse nämlich ganze Hufe, gleich dem Pferde, und die Ameise hatte einen graden Bücken. Noch heute ernährt der Ochse die ganze Welt, weil Gott ihn gesegnet hat, und die Menschen dürfen dreimal am Tage essen; wenn einer öfter ißt, soll es ihm jedoch nicht zum Schaden gereichen.


  • Literatur: Sbornik umotvorenija 2, 167 (Gegend von Sofia). Vgl. Schischmanoff, Nr. 17. Andere Sagen von den gespaltenen Hufen der Kühe s. Bd. 1, 189 f.

Über die Vorderbeine der Schweine s. Bd. 2, S. 82, die dünnen Beine des Schafes 2, 91, die nackten Füße der Vögel 2, 261 (ob. S. 14). Über Tiere, deren Pfoten mit Händen Ähnlichkeit haben: Bd. 1, S. 156 f. Sagen, warum die Schlange der Füße beraubt ist, s. 1, S. 116, 207, 216, 219 f., 223, 2, 264; warum der Pfau häßliche Füße hat: 1, S. 196, 207; warum der Wolf spitze Krallen hat: 1, S. 151 f.

Fußnoten

1 So heißt dieser Halbgott vom Lake Winnipeg bis zur Hudsonbai; längs des Red River und von da bis zu den Rocky Mountains nennen ihn die Plain Cree: Neni-boo-su.


Quelle:
Dähnhardt, Oskar: Natursagen. Eine Samlung naturdeutender Sagen, Märchen, Fabeln und Legenden, 4 Bände, Leipzig/Berlin, 1907-1912, S. 47.
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