I. Klagende Vögel.

[355] Unter den mannigfaltigen Stimmen, die in der Natur dem lauschenden Ohre ertönen, gibt es kaum etwas Eindrucksvolleres, als die Klage eines Vogels. Lastet ein Schicksal auf ihm? Gedenkt er fremden Unglücks? Erneut sich eigenes Leid? Die Phantasie hat tausend Antworten auf solche Fragen. Ja, sie erscheint unerschöpflich, sobald sie an gewisse abergläubische Vorstellungen anknüpft und in dem Vogel einen verwandelten Menschen erblickt (s. Kap. 17). Aber auch die rein natürliche Betrachtung des Vogels fordert zum Nachdenken über die Ursache seiner Klage auf, und es entstehen Sagen, in denen die Vögel teils als Zuschauer schmerzvoller Ereignisse, teils als Träger eines Mißgeschicks gedacht werden.


1. Aus Luxemburg. (Der Vogel ist Zuschauer des Mißgeschicks.)


Die Turteltaube hatte einst eine Stimme, ähnlich dem Gesang der übrigen Vögel. Eines Tages trieb ein junger Bursche drei Kühe auf die Weide. Infolge der Hitze wur den sie von den Fliegen so geplagt, daß sie ausrissen, um in den Stall zurückzukehren. Aber nur zwei kamen zurück, die dritte hatte sich verirrt. Der Bursche durchsuchte die ganze Gegend und wagte erst sehr spät zurückzukehren, aus Furcht vor dem Zorn seines Vaters. Dieser mißhandelte ihn auch auf die grausamste Weise, aber währenddessen warf eine Turteltaube, die auf einem nahen Baume saß, dem Vater seine schlechte Handlungsweise vor und rief ihm zu: »Loß den Hirt goen, t'Koe keent.«

Diese Worte, mit einem gewissen Rhythmus gesungen, ahmen den Ruf der Turteltaube nach. Aber der Vater schlug immer noch seinen Sohn; er ließ ihn in traurigem Zustande auf dem Platze, um sich von neuem auf die Suche zu machen. Erst bei der Rückkehr dachte er an seinen Sohn; dieser aber war den erhaltenen Schlägen erlegen, und der Schmerz des Vaters war erschütternd. Die Turteltaube hatte nicht aufgehört, die ganze Nacht hindurch ihre Klage zu girren, und seitdem hat sie ihre alten Weisen vergessen und wiederholt unaufhörlich denselben Refrain: »Loß den Hirt goen, t'Koe keent.«


  • Literatur: Revue des trad. pop. 12, 328 Nr. 4.

2. Aus dem Pandjab. (Der Vogel ist Träger des Mißgeschickes.)


Der klagende Ruf des niaula soll sein Klagen über den Verlust eines Prozesses sein.


  • Literatur: Panjab Notes and Queries 1, 47.

[355] 3. Aus der annamitischen Provinz Quangbinh.


Das Rebhuhn, der Weißreiher, die Rohrdommel und der große Uhu lebten einst in schönster Eintracht und teilten sich brüderlich in die Frösche, Fische and Krabben der Reisfelder. Eines Tages kamen sie jedoch auf den unglücklichen Gedanken, zu spielen. Die Rohrdommel, das Rebhuhn und der große Uhu verloren gegen den Weißreiher. Da sie im Augenblick nichts zu zahlen hatten, gaben sie Ehrenscheine, die aber von der Ratte, die den Bankhalter machte, gefälscht wurden. Die Rohrdommel z.B. hatte nur wenige Sapeken verloren, sagen wir sechs Schnüre. Die Ratte schrieb ihr achtzig an. Ebenso notierte sie fälschlich, daß der große Uhu seine Reisfelder verpfändet hätte. Als der Verfalltag kam, konnten die Schuldner nicht zahlen. Ihr Hab und Gut, sowie der Nießbrauch der Reisfelder fiel dem Weißreiher zu. Aus Gnade und Barmherzigkeit gestattete er jedoch der Rohrdommel, daß sie sich nachts auf seinen Äckern Nahrung suche. Auch der große Uhu durfte noch die Exkremente der Büffel durchstöbern, wohingegen das arme Rebhuhn gänzlich aus den Reisfeldern verbannt wurde und sein Leben fortan auf dem dürren Lande fristen mußte. Seit jener Zeit stoßen die drei geprellten Tiere so klägliche Laute aus. Wenn die Rohrdommel sich abends hervorwagt, so beteuert sie in ihrem Ruf, daß sie nur die wenigen Sapeken verloren habe. Ebenso beklagt der große Uhu ächzend sein Unglück, und das arme Rebhuhn jammert, daß es sich nicht mehr die vortrefflichen Krabben der Reisfelder gut schmecken lassen darf.


  • Literatur: Globus 81, 302.

4. Aus Nordindien.


Eines Tages war das Taubenweibchen in ihrem Hause mit Mahlen und Stoßen beschäftigt. Ihr Geliebter kam, klopfte an, erhielt aber keine Antwort und mußte wieder umkehren. Als sie mit ihrer Hausarbeit fertig war, ging sie aus dem Haus und erfuhr durch einen Nachbarn die Umkehr ihres Geliebten. Sie war sehr traurig und beklagt seitdem seine Abwesenheit. Es heißt, sie rufe:


»Písun thi, kútún thi,

Ayá thá, chalá gayá.«


(Ich mahlte und stieß, er kam und ging.)


  • Literatur: North Indian Notes and Queries 3, 161.

5. Lettische Sage.


Eine Frau hatte eine faule Tochter. Einst schickte sie die Tochter in den Viehstall, ihre beiden Kühe zu füttern. Das Mädchen warf aber nur der einen Futter vor, so daß die andere brüllte. Da fragte die Mutter: »Was brüllt da?« – »Nichts brüllt, der Uhu schreit,« antwortete das Mädchen.

Der Uhu, der in der Nähe hockte, hörte, wie das Mädchen log; er sagte der Mutter, daß das Mädchen die eine Kuh nicht besorgt habe. Das Mädchen griff in seiner Wut nach einem Stecken und schleuderte ihn nach dem Uhu. Der schrie in seinem Schmerz: »Wai, wai!« und so klagt er noch heute.


  • Literatur: Lerchis-Puschkaitis IV, 64 (vgl. Var. III, 58); dasselbe russisch übers. in Živaja Starina 5, 437.

6. Polnische und rutenische Sage.


Es entstand ein Streit zwischen dem Uhu und dem Raben. Da kam die Eule [sie gilt als des Uhu's Braut] mit einer Harke herbeigeflogen, um ihrem Geliebten zu helfen, doch bekam sie einen so gewaltigen Schlag auf den Kopf, daß sie tot[356] zu Boden stürzte. Seit jener Zeit sitzt der Uhu schlaflos und weinend während der ganzen Nacht.


  • Literatur: Die Natur, N.F. 5. Jahrg.

7. Aus Finnland.


Die Elster hatte einst die Krähe zu einem Gastmahl in den Wald eingeladen, um dort im dunklen Dickicht Tannenmoos zu fressen. Aber der Krähe gefiel es nicht, und sie sagte: »O weh, o weh, liebe Elster, dein Gastmahl ist ja gar nichts wert. Da ist doch das meinige anders, wenn wir vor die Scheune des reichen Bauern fliegen, – aber freilich muß man sich dort beim Picken vorsehen.« Da war die Elster bereit, mit ihr dorthin zu fliegen.

Kaum waren sie jedoch angekommen, so wurde die Krähe von einem Schuß getroffen. Die Elster aber lachte und schnatterte: »Mich hast du gewarnt und hast doch selber den Schaden!« Da krächzte die Krähe in ihrer Todespein: »Ach! Ach! Ach!«

Und so ist es geblieben. Die Elster lacht, und die Krähe ruft klagend: »Ach! Ach! Ach!«


  • Literatur: Krohn, Suom. Kanaans 1, 250.

8. Wallonische Sage (Aus Condroz).


Die Hungersnot verwüstete das Land. Die Holztaube litt darunter mehr als jeder andere Vogel. Die Meise suchte sie auf und bot ihr eine Saubohnenschale an, wenn sie ihr dafür ihre Schwester austauschte.

Die Holztaube konnte vor Hunger nicht widerstehen und lieferte die Schwester aus, die in die Tiefe der Wälder entführt wurde und nicht wieder zurückkam. In Erinnerung an dieses Verbrechen weint die wilde Taube unter ihrem Laubdach über ihre arme Schwester und girrt kläglich: »Pauvre soû!«


  • Literatur: Wallonia 2, 208; auch Sébillot, Folklore de France 3, 161, Monseur, Folklore wallon 17.
Quelle:
Dähnhardt, Oskar: Natursagen. Eine Samlung naturdeutender Sagen, Märchen, Fabeln und Legenden, 4 Bände, Leipzig/Berlin, 1907-1912, S. 355-357.
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