III. Erfolg und Mißerfolg zweier gesanglernender Vögel.

[364] Die einfache Erfindung, daß ein Vogel den Gesang zu erlernen sucht und dabei mehr oder weniger oder gar nicht vom Glück begünstigt ist, ließ sich leicht durch das vielbeliebte Mittel des künstlerischen Gegensatzes erweitern.

Anstatt daß jeder Vogel für sich allein ausflog und sich dem Zufall anvertraute, unternahmen nun zwei gemeinsam die Erlernung, wobei einer Erfolg, der andere Mißerfolg hatte.


1. Lettische Sage.


Alle Vögel hatten sich ihren Gesang erwählt, nur der Nachtschwalbe (caprimulgus europaeus) und der Nachtigall fehlte er noch. Da machten sie miteinander ab: Was sie in der Frühe des nächsten Tages zuerst hören würden, das wollten sie als ihren Gesang festhalten. Gut. Die Nachtschwalbe stand sehr früh auf – die Hirten melkten soeben ihr Vieh: »rihruh, rihruh!« und die Kuh ließ indessen: »tschurr, tschurr, plaks, plaks!« Das klang der Nachtschwalbe sehr lieblich, sie flog in den Wald und sang sofort: »rihruh, rihruh, tschurr!« und schlug mit den Flügeln: »plaks, plaks!«

Aber die Nachtigall stand erst auf, als die Hirten das Vieh schon angetrieben hatten und aufs lieblichste sangen. Da konnte die Nachtigall ihren Gesang sorgfältig belauschen, und schau! deshalb verstehen sie auch so lieblich am Bachufer zu singen.


  • Literatur: Lerchis-Puschkaitis, ebd.

2. Russische Sage.


Es wettete die Taube mit der Nachtigall, wer von ihnen früher zu singen anfinge. Die Nachtigall stand schon vor Morgengrauen auf, die Taube aber schläft sich eins. Die Sonne stand schon hoch am Himmel, die Taube gab noch keinen Laut von sich; da kam der Bauer aufs Feld, um zu säen, und ruft seinen Ochsen: »prr! – prr!« zu. Die Taube erwacht und schreit auch: »prr! – prr!« Und seit jener Zeit girrt sie.


  • Literatur: Ethnograph. Sbornik 1, 24.

[364] 3. Bulgarische Sage.


Einmal besprachen sich der Sperling und die Nachtigall, daß sie allerlei Sprachen lernen wollten, und gingen deswegen auf die Landstraße und setzten sich auf einen Baum, damit sie hörten, was die vorbeiziehenden Reisenden sprächen. Später fragten sie einander, was sie gelernt hätten. Die Nachtigall sang allerlei Lieder her, aber der Sperling konnte nur dies eine hersagen: »Gra! gra! gra!« Denn als sie sich auf den Baum gesetzt hatten, schlief der Sperling ein; und als er erwachte, da sah er einen Menschen, der Schweine stahl, die stets nur dies eine grunzten: »gra! gra! gra!« Deshalb kann der Spatz auch heute noch nur zwitschern.


  • Literatur: Strauß, Die Bulgaren, S. 74 = Sbornik umotv. 4, 90.

4. Rumänische Sagen.


a) Bin Kaiser besaß eine Nachtigall und einen Storch, die er täglich spazieren gehen ließ; bei Einbruch der Nacht aber mußten sie zu Hause sein. Einmal waren sie doch von der Nacht im Walde überrascht worden; sie beschlossen, dort zu bleiben. Der Storch machte den Vorschlag, sie wollten bei dieser Gelegenheit alle die Gesänge lernen, die sie hörten. Die Nachtigall schlief zwar vor Müdigkeit ein, der Storch aber lauschte. Doch er hörte vor dem Gequake der Frösche keinen anderen Gesang, und so lernte er weiter nichts als »bea caca, bea caca«. Um Mitternacht schlief er ein. Die Nachtigall aber lauschte von da an; die Frösche hatten aufgehört zu quaken, und so konnte die Nachtigall die herrlichsten Gesänge der Vögel hören. Sie lernte sie alle, und als die beiden am Morgen wieder heimkamen, entzückte die Nachtigall durch ihre Gesänge alle Welt, über das »bea caca« des Storches aber lachten alle, und deshalb beschloß der Storch, die Frösche fortan zu strafen, weil sie ihn in seinen Gesangsstudien gestört hatten.


  • Literatur: Papahagi, din lit. pop. a Aromînilor S. 780.

b) Zwei Mädchen, Zaică (Eichelhäher) und Turturică (Turteltaube) mit Namen, erzählen sich, daß sie beide geträumt haben, sie würden zu Vögeln. Sie gehen eine Wette ein: Wer am anderen Morgen zeitiger aufstünde, solle als Vogel am schönsten singen (d.h. die Stimmen vieler Vögel nachahmen, also technisch ein besserer Sänger sein) können. Zaică geht zeitig zu Bett, schläft gleich ein, erwacht beizeiten und wird zum Eichelhäher, der im Nachahmen von Stimmen und im kunstvollen Fluge sehr geschickt ist. Turturică will gleich munter bleiben, aber nach Mitternacht übermannt sie der Schlaf; sie erwacht erst, als die Hirten ausziehen, und hört eine Frau ihre Kuh treiben mit dem Zurufe: »pturr! pturr!« Das Mädchen wird traurig und verwandelt sich in die Turteltaube, die nur die Weise jener Kuhtreiberin zu singen versteht: »pturr! pturr!«


  • Literatur: Marianu, Ornitologia 2, 70. Vgl. Revue des trad. pop. 9, 621.

c) Die Taube baut ihr Nest sehr lose, nur aus einigen Reisern; der Eichelhäher dagegen hat ein sehr schönes und warmes Heim. Diese beiden Vögel vertauschten einmal ihre Nester, um zu sehen, welches besser wäre. Das geschah gerade zu der Zeit, als Gott die Vögel singen lehrte. Als nun der Eichelhäher im ärmlichen Nest der Taube vor Kälte nicht schlafen konnte, hörte er die Stimmen von zwölf verschiedenen Wesen, die er alle nachahmen lernte: Ziege, weinendes Kind usw. Die Turteltaube aber schlief im warmen Neste des Eichelhähers ausgezeichnet bis zum Morgen und hörte deshalb nur noch eine Frau, die ihre Kuh molk und dabei »tur, tur« sagte. Deshalb kann die Turteltaube nur »tur, tur« machen.


  • Literatur: Şezătoarea 5, 85.

[365] In dieselbe Sagengruppe gehört auch folgende Variante, die nur in der Einkleidung abweicht, in der Idee aber nichts anderes will als die vorhergehenden.


5. Aus Malta.


Es waren einmal zwei Vögel, die es sich von Gott dem Meister erbeten hatten, mit menschlichen Stimmen reden zu dürfen. Nun war aber der eine Vogel gut gesinnt, der andere neidischen Herzens. Und der Herr, der Meister, sagte: »Geht hin und bedenkt, daß ihr stets nur das wiederholen werdet, was ihr zum erstenmal aussprechet.« Und so verging einige Zeit, ohne daß sie das Sprechen erlernt hätten. Eines Tages aber nahte sich ihnen der Herr, der Meister, und der eine Vogel rief in der Freude: »Baba'lghazizi gie (mein geliebter Vater ist gekommen!), baba'lghazizi gie!« Der neidische Vogel aber wollte ihm den »Vater« absprechen und entgegnete: »Torr, torr!« womit er sagen wollte: »Du hast keinen, hast nichts!«

Aber der Herr, der Meister, sprach zu dem gut gesinnten Vogel: »Du sollst von heute an für die Menschen den Willkommensgruß haben, und alle werden dich lieben.« – »Du aber,« sprach er zum boshaften, »sollst stets un glückbringende Worte schwätzen und den Menschen verhaßt sein!« So geschah es. Und deshalb sprechen die Nachtigallen so verschiedene Sprachen.


Wie ein vergleichender Überblick über die angeführten Varianten zeigt, beruht die Ähnlichkeit, die sie untereinander verbindet, nicht auf Zufall. Sie sind sämtlich aus einer Urform hervorgegangen, deren Hauptinhalt das Übereinkommen zweier Vögel bildete, die zuerst gehörten Töne als Gesang anzunehmen. Und zwar überließen sie – wie die Vögel im vorigen Abschnitt – dem Zufall die Entscheidung; von einer Wette, wer von beiden früher erwache und zu singen anfange, war gewiß noch nicht die Rede. Dies Motiv, das ja nur in einigen Fassungen auftaucht, wird vielmehr aus einer anderen Sagengruppe stammen (s.S. 146 ff.), wie ja auch noch zwei andere hineingeraten sind: das Motiv der Verwandlung und das Motiv der Verfolgung der Frösche durch den Storch. Als handelnde Personen hat die Urform vermutlich die Nachtigall und einen anderen Vogel enthalten. Während nun die Nachtigall in den meisten abgeleiteten Sagenformen unveränderlich war, da sie vor allen anderen als klangreiche Sängerin in Betracht kam, konnte der gegensätzige Vogel beliebig wechseln. Auf ihn kam so wenig an, daß der maltesische Erzähler ihn nicht einmal mit Namen nennt. Über die Heimat der Urform läßt sich wohl nichts Sicheres feststellen.

Quelle:
Dähnhardt, Oskar: Natursagen. Eine Samlung naturdeutender Sagen, Märchen, Fabeln und Legenden, 4 Bände, Leipzig/Berlin, 1907-1912, S. 364-366.
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