C. Verwandlungen in Geschöpfe aus anderen Tierreichen.

[464] 1. Von den Marquesasinseln.


Viele Schiffe fahren aus, um die Schönste eines Landes zu finden, aber nur eins kommt an, die übrigen leiden Schiffbruch, und ihre Insassen werden in kleine Tümmler verwandelt. (Begründung – daß sie fortan suchen – fehlt.)


  • Literatur: Annuaire des trad. pop. 2 (1887), S. 78.

2. Aus Bahama.


Ein Mann will seine jüngste Schwester zur Frau haben. Als sie sich weigert, verwandelt er sich in einen Haifisch und sie in einen Tümmler. Seitdem schlägt der Tümmler den Haifisch.


  • Literatur: Edwards, Bahama Songs, S. 84.

3. Aus Frankreich (Gegend von Saint-Cast).


Ein Mann aus Ville-Norme ging eines Nachts aus, um seine Netze am Ufer aufzustellen. Da hörte er eine Stimme, die sagte: »Morgen ist unserer Königin größtes Jahresfest. Wir werden eine große Feier veranstalten, der alle anderen Feen in ihren schönsten Gewändern beiwohnen werden, und jeder Fischer, der an diesem Tag mit Netzen fängt, wird bestraft werden.« Als der Fischer dies hörte, lachte er, ging weiter und bereitete die Netze vor wie immer. Am nächsten Morgen hörte er eine Stimme: »Ungläubiger, du wolltest nicht glauben, was wir dir gestern sagten. Die Feen von Grouin verfluchen dich, verwandle dich in einen Fisch und werde ein Lumpfisch (cyclopterus lumpus)!« Da nahm der Fischer Fischgestalt an, seine Arme wurden zu Flossen, sein Körper bedeckte sich mit Schuppen, und er sprang ins Wasser.

Seit dieser Zeit gibt es Lumpfische in der See.


  • Literatur: Sébillot, contes des marins 362 = Folklore des Pêcheurs S. 386.

[464] 4. Indianersagen.


a) Sage der Wishosk.


Otter aß Gurugudatrigakwitls Fisch. Dieser wußte, daß Otter es gewesen war. Er sagte zu ihm: »Nun lebe du im Wasser und friß Fische.«


  • Literatur: Journ. of Am. Folklore 18, 99.

b) Sage der Çatlō'ltq.


Kumsnō'otl wanderte weiter. Bald traf er einen Mann namens Kō'ma (eine Art Schellfisch), welcher ein gewaltiger Zauberer war. Da sprach Kumsnō'otl zu seinen Gefährten: »Laßt uns nicht näher herangehen; ich fürchte jenen!« Da lachte Kō'ma und rief: »Warum fürchtest du mich, etwa weil ich ein mächtiger Zauberer bin? Ich tue ja niemand etwas, ich freue mich nur, daß es schönes Wetter ist!« Aber Kumsnō'otl fürchtete ihn. Deshalb ergriff er ihn und warf ihn ins Wasser. Er gab ihm einen kurzen Schwanz und verwandelte ihn in einen dicken, fetten Fisch, indem er rief: »Da du ein Zauberer warst, so sollen die Menschen dich fürderhin benutzen, um ihre Krankheiten zu heilen.« Deshalb kocht man das Fett dieses Fisches aus und benutzt es als Medizin.


  • Literatur: Boas, Indianische Sagen von der nordpacifischen Küste, S. 63.

c) Vom unteren Fräser River.


α) Iā'lEepk·ē'lEm, der Ahnherr der LEk'·ä'mEl, lebte mit seiner Mutter zusammen. Die Menschen hatten damals noch kein Feuer und lebten wie im Traume. Als die Sonne das sah, hatte sie Mitleid mit ihnen und stieg vom Himmel herab in Gestalt eines Mannes. Dieser gab Iā'lEepk·ē'lEm das Feuer. Da erwachte derselbe aus seinem traumhaften Leben zu wirklichem Leben. Die Sonne unterwies ihn und sein Volk in allen Künsten. Später kam Qäls des Weges und kämpfte mit Iā'lEepk·ē'lEm. Sie standen einander gegenüber und versuchten, einander zu verwandeln. Iā'lEepk·ē'lEm nahm etwas weiße Holzasche auf, streute sie auf sich und rühmte sich, durch die Hilfe der Sonne mächtig und weise geworden zu sein. Er sprang dabei hoch in die Höhe. Da rief Qäls: » Tue künftig ebenso im Wasser!« und verwandelte ihn in einen Stör.


  • Literatur: Boas, ebd. S. 25.

β) Qäls wanderte weiter den Fluß hinauf und kam zu einem Hause, in dem ein alter Mann mit sehr kleinem Munde und sehr dickem Bauche wohnte. Sein Name war Spēpā'ltEp. Als er ihn erblickte, fragte er ihn: »Wie kommt es, daß dein Mund so klein ist?« Jener wußte nichts darauf zu antworten. Er fuhr fort: »Das ist nicht gut, du kannst ja nicht ordentlich essen. Willst du nicht lieber in den Wald gehen und jagen?« Jener versetzte: »Nein, ich will lieber hier bleiben. Ich mag mich nicht viel bewegen, und ich wünsche, daß die Leute mich hier immer finden können.« »Gut,« sagte Qäls, »du sollst immer hier bleiben,« und verwandelte ihn in den Fisch Spā'ltsEp.


  • Literatur: Boas, S. 22.

γ) Qäls wanderte weiter und traf einen alten Mann mit kleinem Kopfe, namens K'ē'wuq. Er fragte ihn: »Bleibst du immer hier in deinem Hause?« »Ja,« erwiderte jener, »mir liegt nichts daran herumzureisen.« Da verwandelte Qäls ihn in einen Flußlachs, der immer im Süßwasser bleibt.


  • Literatur: Boas, S. 23.

[465] 5. Aus Tonga.


Im Himmel wohnte mit seinen beiden schönen Töchtern der Gott Langi (Himmel). Als dieser einstmals nach Bulotu, dem Wohnsitz der Götter, zu einer Götterversammlung berufen war, ließ er seine Töchter vor sich kommen und sagte: »Ich weiß, daß ihr neugierig seid und meine Abwesenheit gern benutzen möchtet, um nach Tonga hinabzusteigen und dort die schönen Fürsten zu sehen und kennen zu lernen. Tut es nicht, denn es würde die schlimmsten Folgen haben, wenn ihr hinginget.« Als ihm nun die Töchter versprochen hatten, zu bleiben, ging er nach Bulotu. [Die Töchter gehen trotz des Versprechens nach Tonga, wo die Fürsten beim Mahle sitzen. Unter diesen entsteht ein Streit um den Besitz der Mädchen. Das Getümmel wird so laut, daß die Götter in Bulotu es hören.] Erzürnt schickten sie den Langi ab, daß er seine Töchter zurückrufe und sie bestrafe, und eilend stürmte dieser nach Tonga. Doch als er ankam, war die eine Tochter schon tot, der anderen riß er im heftigen Zorn das Haupt ab und warf es ins Meer. Allein dies schwamm weiter und wurde zur Schildkröte; daher Schildkröten zu essen ein Frevel gegen die Götter wäre.


  • Literatur: Waitz, Anthropologie der Naturvölker 6, 94.

6. Aus Finnland (Paulaharju).


a) Die Kröte ist aus einer Königstochter entstanden. Die wollte garnichts tun, nicht einmal den Mund wollte sie zum Essen öffnen. Sie bat nur immer: »Wenn ich doch nichts zu tun brauchte!« Als sie einmal allein in ihrer Kammer war und die anderen hereintraten, fanden sie eine Kröte darin auf dem Fußboden. Der König ergriff sie und warf sie zum Fenster hinaus.

Da sprang sie in den Wasserstrom hinein und schwamm bis in die Neva den Flußlauf entlang. Daraus sind die Wasserkröten entstanden.


  • Literatur: Frdl. Mitt. von Prof. K. Krohn. Im wesentlichen gleichlautend: Krohn, Suom. Kansans. 1, 284, Nr. 307.

b) Ein Mädchen war mit anderen beim Beerenpflücken. Sie war so schön, wie man wohl keine zweite fand. Als die Mädchen vom Beerenpflücken nach Hause gingen, dachte sie nur daran, immer noch schöner zu werden, und bat Gott darum. Gott aber sah, daß sie dadurch seiner spottete, weil sie schon vorher so schön war, und er verwandelte sie in einen Frosch, und so ist der Frosch entstanden.


  • Literatur: Krohn, S. 284, Nr. 308.

7. Vom unteren Fräser River.


a) Der Biber saß an der Türe seines Hauses. Er wollte Pēpahā'm zur Frau haben. Diese war damit beschäftigt, einen schönen Mantel zu weben. Als sie endlich damit fertig war, sagte sie zum Biber: »Was sitzest du so lange da? Gehe fort! Ich will dich nicht zum Manne haben. Deine Füße und deine Hände sind zu kurz, und dein Bauch ist zu dick.« Der Biber antwortete nicht, sondern blieb ruhig sitzen. Das Mädchen arbeitete weiter. Als sie sich nach einiger Zeit umdrehte und den Biber immer noch dasitzen sah, sagte sie abermals, sie wolle ihn nicht, da seine Hände und Füße zu kurz seien, sein Bauch zu dick. Da dachte der Biber: »Ich will nach Hause gehen. Sie schilt mich doch nur.« Er ging fort und sang: »MElmElE'ts qoqōlē'etlp!« (d.h. Steige Wasser bis über die Bäume!) Da fing es an zu regnen. Als K·ā'iq das sah, band er zwei Boote zusammen, legte Planken darüber und fuhr von dannen. Das Wasser stieg höher und höher, und das Mädchen kletterte auf seinen Webstuhl, um nicht zu ertrinken. Sie rief nun: »K·alā'uya![466] (Biber) komme und hole mich!« Jener aber war böse und wollte sie jetzt nicht mehr haben. Er sagte: »Warzen sollen künftig deinen ganzen Körper bedecken.« Sie ward dann in einen Frosch verwandelt.


  • Literatur: Boas, Indianische Sagen. S. 36.

b) Qäls wanderte weiter und traf den Salamander, einen alten Mann mit weißem Haar und langen Nägeln. »Alter, was ißt du? Wovon lebst du?« fragte ihn Qäls. Jener erwiderte: »O mein Enkel, ich habe garnichts zu essen.« »Und warum tust du immer den Menschen deine Exkremente in den Mund und tötest sie so? Das ist nicht gut. Später sollen die Menschen deine Exkremente als Gift gebrauchen!« Und damit verwandelte er ihn in einen Salamander.


  • Literatur: Boas, ebd. S. 23.

c) Und Qäls kam an ein Haus, da wohnte ein alter Mann, die Klapperschlange. Dieser saß vor seinem Hause und hielt etwas hinter seinem Rücken versteckt. Qäls setzte sich ihm gegenüber und fragte: »Alter, was versteckst du da?« Dieser antwortete nicht auf die Frage, sondern sagte nur: »Damit habe ich schon den Marder besiegt.« Qäls fragte ihn noch einmal, er aber antwortete garnicht. Da hieß er ihn aufstehen und sah nun, daß jener eine Kassel hinter seinem Rücken verbarg. Er steckte ihm dieselbe an den Rücken und sagte: »Fortan trage immer die Rassel!« und verwandelte ihn in eine Klapperschlange. Da jener ein Schamane gewesen war, kann er auch noch heute Menschen vergiften.


  • Literatur: Boas, ebd. S. 22.

d) Qäls ging weiter und kam zu einem Hause, in dem wohnte ein alter Mann mit rotem Gesichte und roten Haaren an Händen und Füßen. Er hieß PētHEl. Als Qäls kam, versteckte er sich, und als er weiterreiste, verwandelte er sich in eine kleine Schlange (rot am Bauch, schwarz auf dem Rücken) und folgte ihm. Als Qäls abends das Lager aufschlug und der älteste Bruder sich setzte, kroch er in dessen After. »Ha!« rief Qäls, »machst du solche Streiche? So bleibe eine Schlange und tue immer desgleichen.« Seither ist PētHEl eine kleine Schlange, die immer den Menschen folgt, sogar ins Wasser, und ihnen in den After kriecht.


  • Literatur: Boas, ebd. S. 22.

8. Rumänische und neugriechische Insektensagen.


a. Die ungleichen Kinder.

α) Eine arme Frau schickte ihre beiden Kinder in die weite Welt, weil sie daheim nicht genug zu essen hatten. Als ihre Todesstunde kam, sandte sie nach ihnen; der Knabe aber war so beschäftigt, daß er nicht kommen wollte. Das Mädchen dagegen kam an das Sterbebett der Mutter. Die Freude des letzten Wiedersehens war groß; als die Mutter tot war, verwandelte sich das Mädchen in die Biene; sie ist immer froh und munter, die Menschen lieben sie. Sie wohnt in der Honigwabe, und die Christen fertigen aus dem Wachs Kerzen, die sie in der Todesstunde zu Ehren der Mutter Gottes anstecken.

Der Knabe wurde zur Spinne, die ewig allein lebt, ohne Geschwister und Eltern, die Welt flieht und sich an dunklen Orten verbirgt, die Menschen aber hassen sie.


  • Literatur: Marianu, Insectele, S. 135.

β) Spinne und Biene wurden ans Totenbett ihrer Mutter gerufen. Die Biene kam und wurde von der Mut ter gesegnet: von den schönsten Blumen sollte[467] sie essen, die Welt sollte sich an ihrem Honig ergötzen, ihr Wachs zu Ehren Christi brennen und Gott sie reich segnen. Die Spinne aber kam nicht, sondern blieb beim Weben. Deshalb verfluchte sie die Mutter: Tag und Nacht solle sie spinnen und nie Glück haben.


  • Literatur: Papahagi, liter. popor. Aromînilor S. 772.
    Die Verwandlung ist hier, wie in den folgenden Varianten, durch eine einfache Tiergeschichte ersetzt worden.

γ) Die Biene und die Wespe waren Herzensschwestern und in allem gleich. Als einmal ihre Mutter schwer krank wurde, lud sie sie ein, sie zu besuchen und ihr auch etwas Stärkendes mitzubringen. Die Biene lief bereitwillig herbei und pflegte sie, soviel sie konnte, und stellte sie zufrieden. Die Wespe aber fand tausend Ausflüchte und Gründe, daß auch sie nicht wohl gewesen wäre, keine Zeit gehabt hätte und viele andere Lügen mehr, und sie ging gar nicht hin, nicht einmal zum Scheine, die bedauernswerte Mutter zu besuchen, welche mit dem Tode rang.

Wieder rief ihre Mutter die Biene, als sie den Tod nahe fühlte, und wünschte ihr von ganzem Herzen, daß sie in ihrem ganzen Leben voll Süßigkeit sei. Und darum sammelt und bereitet die Biene Honig und ernährt sich von diesem. Die Wespe verfluchte sie, daß sie immer voll Leid, Hunger und ohne Süße sei und nie in ihrem Leben Glück und Gedeihen sehe. Und darum bereiten die Wespen weder Honig wie Bienen, noch haben sie irgendwo eine Heimstätte. (Gortynia.)


  • Literatur: Politis, παραδόσεις Nr. 349.

δ) Die Zikade, die Ameise, die Biene und die Spinne waren Geschwister. Als ihre Mutter starb und sie zu sich rief, ihnen ihren Segen zu geben, da ging nur die Biene hin, die anderen blieben draußen. Sie wünschte ihr also, daß sie Wachs bereite für die Heiligen und Honig für die Menschen. Die übrigen verfluchte sie und sprach zu der Spinne: »Die ganze Nacht soll sie spinnen und es am Morgen wieder auftrennen.« Zur Ameise sprach sie: »Das ganze Jahr soll sie schleppen und ein Körnchen fressen.« Zur Zikade: »Sie soll immerfort rufen und bersten.« (Naxos.)


  • Literatur: Politis, ebd. Nr. 352.

ε) Eine Mutter hatte vier Kinder, das Stachelschwein, die Spinne, die Schildkröte und die Biene. Es kam eine Zeit, da wurde sie krank und schickte nach ihrem Sohne, dem Stachelschwein, und ihren Töchtern, die sie verheiratet hatte. Das Stachelschwein aber sagte zu dem Abgesandten seiner Mutter, er müsse Zäune um seine Weinberge bauen und habe keine Zeit. Da verfluchte ihn seine Mutter und sagte: »Die Stacheln sollen ihm im Rücken sitzen.« Die Spinne sagte, sie webe Leinwand und habe keine Zeit. Auch sie verfluchte die Mutter und sagte: »Sie soll weben und keine Leinwand haben.«

Die Schildkröte wiederum sagte, sie habe Wäsche, und darum gab ihr die Mutter den Fluch: »Der Waschtrog soll sich umkehren und ihr auf dem Rücken sitzen.« Die Biene aber war, als man die Nachricht brachte, beim Backen; und sie lief, wie sie war, mit dem Teig hin und traf ihre Mutter noch am Leben. Darum war diese auch zufrieden und segnete sie und sagte, was sie in ihre Hände nähme, solle zu Honig werden. Seitdem ist die Biene das gesegnetste Tier, und man braucht sie weder auf die Weide zu schicken, noch sie zu pflegen, sondern sie gibt einem Honig ohne Mühe und Kosten. (Thracien und sonst.)


  • Literatur: Politis, ebd. Nr. 351.

[468] ζ) Der Goldkäfer, Marienkäfer und der Mistkäfer waren zuerst Geschwister, und eines Tages gab ihnen ihre Mutter eine Arbeit. Die erste Schwester machte sie gut, und die Mutter war sehr zufrieden und segnete sie und wünschte, sie möchte ein Goldkäfer werden. Und sie wurde es auch. Der zweiten wünschte sie, ein Marienkäfer1 zu werden. Die dritte tat gar nichts, und die Mutter wurde unwillig und verfluchte sie dazu, sich immer mit Mist abzugeben. (Euboea.)


  • Literatur: Politis, ebd. Nr. 855.

b. Verschiedenes.

α) Als die Menschen immer sündhafter wurden, schuf Gott die Hölle und zeigte diese Strafe den bösen Menschen. Da besserten sie sich bis auf ein Mädchen, das sich durch seine Schönheit vor allen auszeichnete, aber auch durch seine Bosheit, mit der es die Mitmenschen zu verführen suchte. Da sandte Gott den Erzengel Gabriel aus, der diese Sünderin in die Hölle bringen sollte. Dieser aber wurde so von ihrer Schönheit gerührt, daß er Gott für sie bat. Gott gewährte noch ein Jahr Frist. Das Mädchen aber sündigte weiter; deshalb beschloß Gott, da das Mädchen schließlich auch in der Hölle Bosheiten vollführen könnte, es in einen Käfer zu verwandeln. So ging denn Gabriel hin, nahm das Mädchen bei den Haaren und wirbelte es so lange im Kreise, bis es zur Ritterwanze, einem kleinen roten Käfer mit schwarzen Punkten, wurde, der noch heute uns verführen will. Denn wenn man ihn auf den Finger setzt, so zeigt er, wohin man gehen soll. Aber da er uns verführen will, so muß man gerade nach der anderen Richtung gehen.


  • Literatur: Marianu, Insectele, S. 573.

β) Eine Frau, die ihr Leben lang nur Böses getan, ging in ihrem Alter ins Kloster, um Buße zu tun. Aber auch dort tat sie Böses und war dem Teufel geneigt. Mit Geld und Gunst brachte sie es jedoch bis zur Äbtissin. Da kamen einst Gott und Petrus als alte Männer ins Kloster und machten dem bösen Weibe Vorwürfe. Da sie keine Reue zeigte, verfluchten sie sie, und sie wurde zur Maulwurfsgrille, die nun unter der Erde Klosterzellen baut, aber auch da noch Böses tut, nämlich die Wurzeln der Kräuter abfrißt.


  • Literatur: Marianu, Insectele, S. 550.

γ) Einer beschwerte sich bei Gott über seinen Nachbar, einen hübschen Mann, der aber Tag und Nacht zu Hause tanzte und sprang, so daß die Nachbarschaft keine Buhe hatte. Gott prüfte selbst die Berechtigung dieser Klage und fand, daß der Nachbar wirklich unerträglich war. Deshalb befahl er ihm auszuziehen, und da dieser nicht wollte, so nahm er ihn her und schleuderte ihn wohl eine Meile weit, so daß er immer auf und, nieder sprang. Dazu sagte er: »So schön du früher warst, so häßlich und schwarz sollst du werden. Springen sollst du Tag und Nacht, von einem Ort zum andern, damit dein Nachbar Ruhe hat.«

Man glaubt, daß aus diesem unruhigen Geist der Floh entstanden ist.


  • Literatur: Marianu, Insectele, S. 412.

δ) Der Impăratul roşu (»rote Kaiser«, Sagengestalt, Herrscher der Ungeheuer) hatte eine Tochter und einen Sohn, ohnegleichen schön und gut, solange sie klein waren. Als sie aber groß wurden, da wurden sie böse. Darüber ärgerte sich der Kaiser so sehr, daß ihn der Schlag rührte, und er starb. Nun begann ein Streit um die Krone; das Mädchen behauptete, als die Ältere mehr Anspruch zu haben,[469] der Sohn aber meinte, daß nur ein Mann den Thron besteigen könne. So stritten sie sich, bis eines Tages der junge Mann betrunken heimkam und sich auf seine Schwester stürzte. Sie aber fürchtete sich nicht, nahm den Bruder beim Genick und warf ihn aus dem Lande hinaus. Der junge Mann konnte jedoch diese Schmach nicht ertragen; er kam zurück, tötete seine Schwester und bestieg den Thron. Gott aber machte aus dem toten Mädchen – zur Erinnerung – einen kleinen Käfer, auf dem Rücken rot, den er Buburuză (= Coccinella septempunctata, Marienkäfer) nannte, der noch heute lebt.


  • Literatur: Marianu, Insectele, S. 116.

ε) Es war einmal ein Mädchen, die Tochter einer Witwe; so schön es war, so faul war es auch. Die Mutter liebte ihr Kind über alles, nur die Faulheit ärgerte sie. Als sie eines Morgens aufs Feld ging, hieß sie ihre Tochter das Haus und den Hof kehren. Die aber blieb im Bett liegen und stand erst auf, als die Mutter heimkam. Als diese sah, wie das Mädchen anfing, den Kehricht mit den Füßen beiseite zu schieben, wurde sie so erzürnt, daß sie sprach: »Gott hat dir die Hände zum Arbeiten gegeben; wenn du den Kehricht mit den Füßen wegschiebst, dann soll dich Gott dein Leben lang Tag und Nacht mit den Füßen arbeiten lassen.« Kaum hatte sie das gesagt, so wurde das Mädchen in einen Käfer verwandelt, der Tag und Nacht mit seinen Füßen Kehricht trägt.


  • Literatur: Marianu, Insectele, S. 13.

ζ) Zur Zeit des Königs Alexander gab es einen sehr schönen jungen Mann, den gar manche Königstochter gern zum Gatten gehabt hätte. Nur der König Alexander haßte ihn, aber er hätte sich auch mit ihm versöhnt unter der Bedingung, daß der schöne Jüngling nie zu seiner Geliebten ginge und ihr vorsänge. Die Sonne brachte diese Versöhnung zustande; sie lebte damals noch auf Erden. Der junge Mann aber verspottete den König und ging erst recht zu dessen Geliebten. Zur Strafe verfluchte ihn die Sonne; er wurde schwarz, eine unscheinbare Grille (Gryllus campestris), und versteckte sich unter den Herd bei einer armen Frau, wo er schrie: »griž, griž«.

Die Königstöchter aber, die in den schönen jungen Mann verliebt waren, waren entsetzt darüber; sie verwandelten sich in Ameisen und brachten ihm so Nahrung, damit ihr Geliebter nicht verhungere. So ist's noch heute.


  • Literatur: Marianu, Insectele, S. 529.

9. Aus Island.


Der Eisenschmied (járnsmitur, ein Laufkäfer, Carabus) und die Spinne (kónguló) sind verzauberte Geschwister. Der Eisenschmied wird nicht eher entzaubert, als bis irgendein Menschenweib den Gurt von ihm löst, sie aber nicht eher, als bis irgendein Mann ihren Gürtel sprengt.


  • Literatur: Huld VI, S. 21.

10. Sage der Aino.


Zwei junge Donnergötter, Söhne des Hauptdonnergottes, waren von heftiger Liebe zu demselben Ainoweibe erfaßt. Da sagte der eine scherzend zum andern: »Ich will ein Floh werden, um in ihren Busen hüpfen zu können.« Der andere sprach: »Ich will eine Laus werden, um stets in ihrem Busen zu bleiben.« »Sind das eure Wünsche?« rief ihr Vater, der Hauptdonnergott. »Ihr sollt beim Wort genommen werden.« Sie wurden in einen Floh und eine Laus verwandelt, und daher stammen alle die Flöhe und Läuse ab, die es heute gibt. Daher kommt es,[470] daß die Flöhe jedesmal bei einem Gewitter allerorten herausspringen, wo vorher keiner zu sehen war.


  • Literatur: Chamberlain, Aino Folklore, S. 7.

11. Aus Pommern.


Es war einmal eine Prinzessin, die führte ein gar wildes Leben. Den ganzen Tag über tummelte sie sich auf ihrem feurigen Rosse herum und durchstreifte Feld und Flur. Eines Tages ritt sie durch einen finstern Wald. Da trat ein kleines Männchen auf sie zu und flehte sie um eine milde Gabe an. Aber die hartherzige Jungfrau wollte sich nicht in ihrem Vergnügen stören lassen und befahl dem Männchen, aus dem Wege zu treten.

Als es nicht gehorchte, trieb sie ihr Roß mit den Sporen an und überritt es. Kaum war der Frevel geschehen, so rief das Männchen mit überlauter Stimme: »Weil du so grausam gewesen, sollst du samt deinem Pferde in alle Ewigkeit umherreiten!« Und sogleich verwandelten sich die Prinzessin und ihr Roß in ein geflügeltes Tierchen [die Libelle], welches zum Andenken an die Begebenheit bis auf den heutigen Tag das Hatzpferd genannt wird. Erst, wenn das jüngste Gericht anbricht, wird der Fluch von ihm weichen, und es wird wieder zur Reiterin werden.


  • Literatur: Jahn, Volkssagen aus Pommern u. Rügen, S. 488.

12. Aus Österreich (Salzburg).


Vor alten Zeiten, als es noch Feen und Zauberer gegeben hat, lebte in einem Dörfchen ein Knabe namens Damian. Seine Eltern waren wohlhabende Leute und konnten ihm daher alles kaufen, was die anderen Kinder des Dorfes entbehren mußten. Darauf tat sich der kleine Narr so viel zugute, daß er sich für besser und vornehmer hielt als die anderen und stets von ihnen Gehorsam verlangte.

Mit den Jahren wuchs seine Habsucht immer mehr, und bald wurde er von allen Leuten verachtet und gemieden. Als seine Eltern starben, erbte er als einziger Sohn das ganze Vermögen der Eltern. Durch schlauen Handel vergrößerte er dieses noch mehr, aber rechte Freude fand er nicht, denn er fürchtete, sie möchten ihn bestehlen. So führte er ein einsames, durch Geiz und Neid verkümmertes Leben.

Unterdessen war Damians Schwester in fernem Lande in Not und Elend gestorben und hatte ihm ihr einziges Kind als Erbteil hinterlassen.

Damian sah sich genötigt, die arme Waise in sein Haus aufzunehmen; der arme Kleine aber hatte dort die bittersten Stunden. Jeden Augenblick von dem mürrischen Verwandten für eine unnütze Last gescholten, die nur Brot essen, aber keines verdienen könne, schleppte das arme Kind unter Hunger und Tränen seine Tage hin.

Einst saß der kleine Georg, so hieß der Knabe, wieder vor dem Tor des Vorhofes und verzehrte weinend sein grobes trockenes Brot, das ihm der karge Oheim unter Brummen und Schelten zugeteilt hatte. Da nahte sich ihm ein kranker, schwacher Greis und schaute heißhungrig nach dem Brote des Kleinen. Dieser, von Mitgefühl ergriffen, vergaß seinen eigenen Hunger und reichte mitleidig dem Alten die Brotrinde. Da stürzte Damian, der vom Hause alles mit angesehen hatte, wütend auf den Knaben los, schmähte und mißhandelte ihn und hetzte in seinem Zorn die Hunde auf den Alten. Diese rissen den Unglücklichen zu Boden.

[471] Da erhob sich aber der verwandelte Alte und rief mit fester Stimme: »Deine Habsucht wird deine Strafe werden! Nie sollst du imstande sein, dich von deinen Schätzen zu trennen! Ewig sei verdammt, sie mit dir zu führen, sie und dein ganzes Haus, auf dem nur Fluch und Tränenlasten!«

Als Damian dies hörte, stieß er ein schallendes Gelächter aus, pfiff seinen Hunden und verschwand in seinem Steinhause, das er hinter sich zuschloß.

Die herbeigeeilte Menge aber umringte mitleidig und hilfreich den sterbenden Greis und das mißhandelte Kind, heftige Drohungen gegen den grausamen Damian ausstoßend, bis die lauten Stimmen plötzlich vor einem höheren Gerichte verstummten, das sich ernst und furchtbar ihnen offenbarte. Der Himmel nämlich hatte sich ringsum verfinstert, heftige Donnerschläge erschütterten die Luft, und rote Blitze schlängelten sich wie Feuerzungen um das steinerne Haus. Dieses selbst aber schrumpfte unter dem Geheul des Sturmes, dem Rollen des Donners, den zuckenden Blitzen immer kleiner und kleiner zusammen. Starr vor Erstaunen und Grausen standen die Leute. Da stürzte Damian plötzlich heraus mit schreckensbleichen Zügen. Fort wollte er, aber seine Füße wurzelten im Boden. Krampfhaft öffneten sich seine Lippen zum Ruf nach Hilfe, aber die Stimme versagte ihm. Und immer kleiner und kleiner und kleiner wurde seine Gestalt, und da, wo sein Haus gestanden, sah man bald ein kleines, unansehnliches Tier – eine Schnecke mit ihrem steinernen Gebäude auf dem Rücken langsam und schwer dahinkriechen.


  • Literatur: Th. Vernaleken, Heimgarten 24, 783.

13. Aus Litauen.


Als Christus noch auf Erden war, hatte einstmals ein Mann Panzerhemd und Waffen angelegt, um mit ihm zu kämpfen. Aber Christus verwandelte den Mann in ein Tier, wie es damals noch keines gab, nämlich in einen Krebs.

Der Krebs hat noch heute einen Panzer an und führt Waffen und kann sich doch gegen den Menschen nicht verteidigen.


  • Literatur: Veckenstedt, Myth. Sagen u. Legenden der Zamaiten (Litauer) 1883, I, 228. Diese Erzählung stimmt zu dem žemaiti schen Sprichwort: Du erhebst dich wie der Krebs gegen den Perkun, und den gleichfalls žemaitischen Glauben, der Krebs nehme bei einem Gewitter ein Stöckchen zwischen die Scheren, um damit gegen den Gott zu streiten. (Bezzenberger, Altpreuß. Monatsschr. 22, 1885, S. 348.)

14. Aus Amerika.


Die Eidechsen waren einst kleine Menschen und lebten im Kampf mit den Bären, aber ihre Pfeile waren zu schwach, um den Bären zu schaden. Ein Knabe befreit sie alle von den Bären, indem er von einem Baum aus dem Anführer einen Pfeil in den Rachen schießt. Seitdem fürchten die Bären die Menschen und wohnen im Wald und können nicht mehr sprechen. Pfeilspitzen, die man jetzt findet, taugen nichts, es sind die der Eidechsen.


  • Literatur: Folklore Journal 7, 24.

15. Aus Finnland (Paulaharju).


Die Eidechse ist der Schlange Hurenkind. Sie hat vier Füße; die zwei Hinterbeine sind größer, und vorne hat sie Hände wie bei Menschen. Der Schwanz ist wie der einer Schlange und der Kopf wie der des Menschen. Sie ist der Schlange und des Menschen Hurenkind, sie ist vom Menschengeschlecht. Der eine Teil ist vom Menschen, und der Schwanz ist von der Schlange.[472]


16. Aus Schwaben.


Die Eidechsen sind verwünschte Prinzessinnen, die wegen ihrer Eitelkeit von Zauberern in solche Tiere verwandelt wurden. Der Schwanz war ehemals ihr schönes langes Haar. Auf dem Kopf sieht man noch zuweilen eine Krone.


  • Literatur: E. Meier, Sagen, Sitten und Gebr. aus Schwaben 1, 217. Vgl. Am Urquell 5, 113.

17. Südslavische Sage.


Es war einmal eine junge Frau, die eben erst geheiratet hatte. Als sie einmal Brot knetete, entfuhr ihr in Gegenwart ihres Schwiegervaters und ihrer Schwiegermutter ein Wind. Darüber schämte sich die Arme so, daß sie ihnen gar nicht mehr in die Augen blicken konnte. Sie setzte die Scheibe Brotteiges auf die Erde, legte sich auf die Scheibe und deckte sich zusammengekauert mit dem Backtrog zu. Dann bat sie Gott, er möge sie in was für ein Geschöpf immer verwandeln. Da wuchsen ihr die Scheibe und der Backtrog an den Leib an, und sie ward eine Schildkröte. Nun kroch sie langsam fort, kroch aus dem Haus hinaus und zog ins Gebirge.

Daher kommt es, daß sie jedesmal, wenn sie jemanden erblickt, gleich den Kopf hinter die Mulde zurückzieht und so lange sich nicht muckst, bis der vorbeigegangen. Das tut sie nur, weil sie sich schämt.


  • Literatur: Krauß, Sagen und Märchen der Südslaven. II, 123.

Fußnoten

1 Lat. coccinella septempunctata.


Quelle:
Dähnhardt, Oskar: Natursagen. Eine Samlung naturdeutender Sagen, Märchen, Fabeln und Legenden, 4 Bände, Leipzig/Berlin, 1907-1912, S. 473.
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