VII. Das Besudeln.

[64] 1. Aus Pommern.


Die Rauchschwalben sind von jeher sehr neugierig gewesen. Sie flogen immer an den Fenstern auf und ab, um zu sehen, was in den Häusern vorginge, und so ihre Neugierde zu befriedigen. Das ärgerte einen Finken. Er bestellte sich deshalb ein Faß rote Tinte und schrieb darauf mit großer Schrift: »Hier ist ein Geheimnis drin.«

Sofort kamen die Rauchschwalben herbeigeflogen und guckten zum Spundloch hinein. Der Fink aber saß in der Nähe, eilte schnell hinzu und stieß sie mit dem Kopf hinein. Seit der Zeit tragen die Rauchschwalben den roten Fleck unter der Kehle.


  • Literatur: U. Jahn, Volkssagen aus Pommern und Rügen S. 474.

[64] 2. Aus Annam.


Der Rabe und der coq de pagode (?) waren Männer im Dienste des Heiligen (Confucius), der sie zur Strafe, ihres Ungehorsams in Tiere verwandelte. Um der Strafe zu entgehen und den Heiligen lachen zu machen, hatte der Rabe sich ganz mit Tinte beschmiert. Der coq de pagode wollte es ihm gleichtun, hatte aber nur noch für die eine Hälfte des Körpers schwarze Tinte, für die andere mußte er rote nehmen. Daher ist der Rabe schwarz, der coq de pagode halb rot, halb schwarz.


  • Literatur: Landes, Contes annamites 210 f.

3. Vlämische Sage.


Die Kanarienvögel waren einst weiß. An einem Kirmestag aber sind Männchen und Weibchen, wiewohl sie auf ihren Eiern hätten sitzen sollen, leichtsinnig gewesen, haben in den Wirtshäusern zu viel getrunken und sind spät abends stark angeheitert heimgekehrt. Das Männchen fiel ins Nest, zerbrach die Eier und lag zappelnd in der gelben Flüssigkeit. Als es wieder herauskam, war es so gelb wie Gold. Das Weibchen machte es ihm nach. Weil aber das Männchen schon den größten Teil vom Eigelb an seinen Federn hatte, so ist es jetzt weniger gelb geworden, als jenes.


  • Literatur: Mont en Cock, Vlaamsche Vertelsels S. 82 (aus Denderleeuw). Vgl. die in der Haupthandlung ähnliche Sage in Bd. 2, 202.

4. Sage der Buschmänner.


Die Frauen der Buschmänner schicken die Krähen aus, um zu erfahren, was aus ihren Männern geworden ist, die von der Jagd nicht wiedergekommen sind. Sie hängen Fett um die Hälse der Krähen als Nahrung für die Reise. Daher haben die Krähen weiße Flecke (?) an Hals oder Brust.


  • Literatur: Bleek, a brief account of Bushman Folklore, p. 15.

5. Sage der Smith Sound-Eskimos.


Der Falke war damit beschäftigt, den Raben mit Flecken zu bemalen. Da kam ein Mann von hinten, daß sie ihn nicht sahen. Als er näher trat, erschrak der Falke und schüttete den Büß über den Raben, daß er schwarz wurde, während der Rabe ihn bespritzte, daß er schwarz gefleckt wurde.


  • Literatur: Journal of Am. Folklore 12, 174.

6. Sage der Zentral-Eskimos (Cumberland Sound).


Eule und Rabe waren einstmals gute Freunde. Eines Tages machte der Rabe ein neues schwarz und weiß gesprenkeltes Kleid für die Eule, die ihm dafür ein Paar Stiefel aus Walfischknochen machte. Danach machte sie noch ein weißes Kleid. Als sie es anpassen wollte, hüpfte der Rabe herum und wollte nicht stillsitzen. Die Eule wurde böse und sagte:

»Irgnautielungmik kuvirita pierakin, gigalerit. Wenn ich heulend über dich fliege, hüpfe nicht.«

Da der Rabe weiter hüpfte, wurde die Eule zornig und schüttete den Inhalt ihrer Lampe über ihn. Da schrie der Rabe qaq! qaq! und seitdem ist er ganz schwarz.


  • Literatur: Boas, Journ. of Am. Folkl. 7, 94.

7. Sage der Eskimos von der Westküste der Hudson-Bay.


Die Krähe und der große Eistaucher (loon) kamen zusammen, und da beide gut Kleider machen konnten, kamen sie überein, sich gegenseitig einen Anzug zu[65] machen. Sie nähten die Häute mit Faden zusammen, der mit Lampenruß geschwärzt war. Die Krähe nahm die Nadel zuerst und stichelte herein, heraus, bis der Saum um den ganzen Eistaucher herumging, darum ist er gefleckt. Darauf nahm der Eistaucher die Nadel und begann an der Krähe zu arbeiten. Aber diese wollte nicht stille halten, und zuletzt verlor der Eistaucher die Geduld und schüttete den Inhalt der Lampe auf sie und machte sie so ganz schwarz. Die Krähe wurde böse, nahm einen Stein und warf ihn dem Eistaucher nach, brach ihm damit die Beine und machte sie platt.


  • Literatur: Boas, Bull. Am. Mus. of Nat. Hist. 15, 320.

8. Sage der Missisagua.


Wāmīshī' wdjākīwā'nsī liebte seinen Schwiegersohn nicht. Eines Tages gingen sie zusammen auf die Jagd, und als sie sich lagerten, legten sie ihre Gamaschen und Moccasins zum Trocknen ans Feuer. W. vertauschte die Moccasins. Nach einer Weile warf er die Moccasins und Gamaschen, die er für die seines Sohnes hielt, ins Feuer. Des Morgens stand der Jüngling auf, fand seine Moccasins vor und zog sie an. W. wollte ihm erklären, daß sie ihm nicht gehörten, aber er hatte vergessen, daß er sie vertauscht hatte, ehe er sie verbrannte. So mußte nun W. barfuß gehen. Da schwärzte er seine Beine und Füße mit Kohle, und darum haben bis heute die Füchse schwarze Füße.


  • Literatur: Journal of Am. Folklore 3, 151.

9. Sage der Arapaho.


Es war eine weiße Krähe, die hielt alle Büffel gefangen, hatte sie eingeschlossen und war ihr Besitzer. In der Nähe eines Lagers spielten Leute mit den heiligen Pfeilen und dem heiligen Rad. Zwei junge Leute warfen das Rad einem Hindernis zu und folgten ihm wie bei einem Wettlauf. Als das Rad gerade das Hindernis berühren wollte, warfen sie mit ihren Stöcken danach. Eine Partie verlor oft. Ein junger Mann in weißem Gewand mit einem Köcher auf dem Rücken kam dazu und legte sich auf die Erde, um das Spiel zu sehen. Im Lauf des Spieles sagte ein Jüngling, der sich immer um alles kümmerte, zu dem Neuangekommenen: »Mein Freund, zeige mir deine Pfeile!« und nahm den Köcher. Da fand er, daß der andere Augen mit sich trug, um sie zu essen. Als nun der Fremde im weißen Gewand davonging, sagten die Leute: »Seht, seht, das ist die weiße Krähe. Paßt auf, wo sie hingeht.« Da paßten sie alle auf, wohin er ging, und versuchten, ihn zu fangen. Das Kaninchen legte sich dahin, wo die Krähe ihn finden würde, mit einem Pfeil auf dem Körper, und tat, als wäre es tot. Die weiße Krähe kam und sagte: »Was für einen Pfeil hast du?« Als sie keine Antwort bekam, flog sie fort. Sie setzte sich an einem anderen Ort nieder, wo eine fette Antilope mit einem Pfeil lag, und fragte: »Was für einen Pfeil hast du?« »Einen schwarz gemalten.« »Das ist nicht der richtige«, sagte die Krähe und flog wieder fort. Danach kam sie zu einem fetten Elch mit einem Pfeile und fragte: »Wie ist er bemalt?« »So sieht er aus«, wurde ihm gesagt. »Nein, das ist er nicht«, sagte die Krähe. Dasselbe wiederholte sich bei einem weißen Elch. Dann kam er zu einer weißen Büffelkuh, die lag mit einem Pfeil auf der Erde. Die weiße Krähe fragte, wie der Pfeil bemalt sei. »Auf der einen Seite ist eine gerade Linie, auf der anderen eine im Zickzack«, sagte die Büffelkuh. Da überzeugte sich die Krähe, daß dies ihr eigener Pfeil sei, und ging nahe hin. Da ergriff sie die Büffelkuh, und so war sie endlich gefangen. Die Leute banden sie oben an das Zelt, wo der Rauch hinausgeht, und dort wurde sie allmählich schwarz. Sie wird dann losgelassen, man folgt ihr und entdeckt ihr Zelt. Die Leute[66] lassen einen kleinen Hund bei der Krähe und gehen fort. Der kleine Sohn der Krähe verlangt den Hund als Spielzeug, widerstrebend erlaubt es die Krähe. Sobald die Leute dies sehen, kommen sie wieder und lassen sich von der Krähe zeigen, wo die Büffel sind. Als die Krähe in die Höhle der Büffel geht, läuft der kleine Hund voraus und wird zum großen Hund, der alle Büffel heraustreibt. Die Krähe will den Hund fangen, um sieh an ihm zu rächen, aber der Hund hängt sich an den Schwanz des letzten Büffels und entkommt so aus der Höhle. Da sagte das Volk: »Jetzt gibt es viele Büffel. Wenn wir sie getötet und geschlachtet haben, kannst du kommen, Krähe, du bekommst nur die Augen.« Da zerstreuten sich die Büffel nach Süden und nach Norden.


  • Literatur: Dorsey u. Kröber, Arapaho Traditions Nr. 122. Vgl. Grinnel, S. 145. Journ. of Am. Folkl. 11, 259. Petitot, trad. ind. 151. 379.

10. Sage der Tsimshian.


Txä'msen, der Rabe, kam zu einem Haus, zum Haus vom Kleinen Pech. Pech lud ihn ein, und er aß bei ihm. Danach schlief er. Dann schlug er vor, sie wollten Heilbutten fangen. Dem Kleinen Pech war es recht, und er sagte zu ihm: »Es ist nicht gut für mich, wenn ich nach Sonnenaufgang draußen bin, ich muß zurück kommen, wenn es noch kalt ist. Bis dahin werde ich auch genug Fische haben.« Tx. erwiderte: »Ich werde tun, was du sagst, Häuptling.« Der kleine Pech sagte: »Gut.« So gingen sie zum Fischen und fischten die ganze Nacht. Als die Sonne aufging, wollte der kleine Pech ans Ufer gehen, aber Tx. sagte: »Das Fischen gefällt mir. Lege dich ins Kanoe und bedecke dich mit einer Matte.« Das tat der kleine Pech. Danach rief Tx.: »Kleiner Pech!« »He«, erwiderte dieser. Nach einer Weile rief Tx. wieder: »Kleiner Pech!« Er antwortete wieder laut. Nach einiger Zeit rief Tx. noch einmal, und die Stimme des kleinen Pech war schwach. Nun hörte Tx. zu fischen auf und fuhr nach Hause. Er tat so, als ob er schnell ruderte, aber er setzte die Ruder flachkantend (edgewise) ins Wasser. Dann rief er wieder: »Kleiner Pech!« »He«, erwiderte der kleine Pech, aber seine Stimme war sehr schwach. Da wußte Tx., daß der kleine Pech am Sterben war. Sieh, da kam das Pech gelaufen und lief über die Heilbutten, wo der kleine Pech starb. Darum ist die Heilbutt auf einer Seite schwarz.


  • Literatur: Boas, Tsimshian Texts, 58 ff.

11. Negermärchen aus Amerika.


a) Eine Kuh graste eines Tages im Felde und hatte ihr Kälbchen bei sich. Es war sehr heiß, und das Kälbchen stellte sich in den Schatten seiner Mutter, um es ein bißchen kühler zu haben. Auch konnte ja die Kuh mit einem Schwanzschlag die Fliegen von ihnen beiden abwehren. Nach einer Weile kam eine Schar Perlhühner daher, die begrüßten die Kuh und fragten, wie es ihr ginge, und spazierten da herum, um sich zu sonnen. Die Kuh fraß ihr Gras und fragte, ob in der Nachbarschaft was Neues passiert sei. So schwatzten sie eine Weile, als sie ein merkwürdiges Geräusch von dem anderen Teil des Feldes her hörten. Die Perlhühner verwunderten sich sehr, was das sei, und machten nach ihrer Gewohnheit viel Geschrei, und die Kuh hob den Kopf und sah sich um. Sie konnte aber nichts entdecken.

Nach einer Weile ertönte das sonderbare Geräusch wieder, und als sie sich umsahen, o weh! da stand gerade vor ihnen ein großer, großer Löwe! Die Perlhühner flatterten erschreckt umher, und die Kuh sah sehr bestürzt drein. Der Löwe liebt aber Kuhfleisch mehr als alles andere, darum schüttelte er die Mähne[67] und dachte bei sich: Jetzt will ich mal die alte Kuh fangen und fressen, und das Kalb bring' ich dann meinen Kindern mit. Also geht er gerade auf die Kuh los. Die Perlhühner laufen hierin und dorthin und überallherum, aber die Kuh weiß wohl, daß sie der Gefahr ins Auge sehen muß, also senkt sie den Kopf und furcht den Sand mit ihren Hörnern. Der Löwe schleicht hier herum, der Löwe schleicht daherum und sucht, von wo er wohl auf die Kuh stürzen könne. Ringsherum schleicht er, aber überall starren ihm die Hörner der Kuh entgegen. Sie pflügt die Erde, zeigt das Weiße ihrer Augen und brummt vor sich hin.

Als dies nun so eine Weile gedauert hatte und die Perlhühner sahen, daß die Kuh sich gar nicht so sehr fürchtete, wurden sie auch mutig. Im Nu schlägt eins die Flügel zusammen und läuft zwischen den Löwen und die Kuh. Dann bückt es sich, wirft Staub in die Höhe und läuft fort. Danach läuft ein zweites dazwischen und wirft auch Staub auf. Dann ein drittes, und wieder eins, und wieder eins, und bis sie alle dran gewesen sind, ist der Löwe so blind geworden, daß er nicht mehr die Hand vor den Augen sehen konnte. Das machte ihn voll Wut, und er sprang auf die Kuh los, die ihn mit ihren Hörnern aufspießte und zerriß.

Als der Löwe nun tot war, rief die Kuh die Perlhühner herbei und fragte, was sie ihnen Gutes tun könne, da sie ihr so gut geholfen hätten. Die Perlhühner aber meinten: »Das macht nichts, Schwester Kuh, wir haben ja alle unseren Spaß gehabt, und es ist uns nichts Übles widerfahren.« Doch die Kuh fragte sie immer wieder, was sie haben möchten. »Es gibt schon etwas, was wir gerne haben möchten,« sagten sie endlich, »aber das kannst du uns nicht geben.« Als die Kuh sie jedoch fragte, was das sei, hielten sie schnell eine große Beratung miteinander. Die Kuh aber rief ihr Kälbchen und kaute ihr etwas, als ob an dem ganzen Tage nichts geschehen wäre.

Nach einer Weile kam ein Perlhuhn heran, verbeugte sich und sagte: »Wir alle werden sehr froh sein, wenn du es machen kannst, daß man uns nicht so weit aus der Ferne erkennt. Wir sehen blau aus in der Sonne und blau im Schatten und können uns nirgends verbergen.« Da kaut die Kuh nachdenklich, schließt die Augen und überlegt, kaut wieder und denkt und denkt und kaut, dann sagte sie: »Geh, hol' mir einen Eimer.« Das Perlhuhn lachte: »Beste Schwester Kuh, was um des Himmels willen willst du mit einem Eimer?« – »Geh, hol' mir einen Eimer!« – Da läuft das Perlhuhn fort und kommt nach einer Weile mit dem Eimer wieder und setzt ihn hin. Die Kuh stellt sich darüber und läßt Milch hineinfließen, bis er ziemlich voll war. Dann setzte sie alle Perlhühner in eine Reihe, tauchte ihren Schwanz in die Milch und besprengte das erste Huhn von oben bis unten mit Milch. Dabei sang sie:


»Hinweg mit allem Blau!

Perlhühner, werdet grau!«


Als die Hühner besprengt waren, setzten sie sich in die Sonne um zu trocknen, und seitdem sind sie gefleckt.


  • Literatur: Harris, Nights with Uncle Remus Nr. 33.

b) Der Hase stiehlt dem Menschen Erbsen. Der Mensch läßt seine Tochter den Garten bewachen: sie soll den Hasen hereinlassen, aber nicht wieder hinaus. Der Hase sagt zum Mädchen: »Mit meinem Zahn beiß ich dich, mit meinem Auge töte ich dich, mit meinen Hörnern (Ohren) steche ich dich« und bringt sie dreimal dazu, ihm zu öffnen. Das vierte Mal wird er gefangen. Der Mensch kommt hinzu, wird aber abgerufen und steckt den Hasen inzwischen in einen Sack. Da naht ein[68] Opossum; der Hase ruft aus dem Sack, er höre es in den Wolken singen. Das Opossum läßt ihn heraus und geht selbst in den Sack, um den Gesang zu hören. Der Mensch kommt zurück und schlägt das Opossum halbtot. Der Hase lacht. Der Mensch wirft eine Hacke nach ihm und schlägt ihm dadurch den Schwanz ab. Der Hase legt Flachs darauf, davon ist der Schwanz noch heute weiß.


  • Literatur: Harris, Nights with Uncle Remus, Nr. 32.

12. Sage der Avatime (Togo).


Ich war da, ein Mann war da, alle Menschen waren da, und eine Hungersnot kam über das Land. Sie hatten nichts zu essen, deshalb machten sich die Leute eines Tages auf, ein Dorf im Busch zu gründen. Als sie gingen, kamen sie an einen Ort, wo das Land gut war für den Ackerbau, und sie machten ein Feld. Sie bereiteten das Feld zu und säten Mais. Nach zwei Monaten war das Korn ganz ausgewachsen, und sie hatten Nahrung. Gott half ihnen, daß sie einen Knaben gebaren. Eines Tages waren sie an der Feldarbeit. Sie fanden eine Flöte und gaben sie ihrem Kinde. Eines Tages kam das Kind nach Hause. Als es kam, traf es einen Leopard auf dem Wege; und der sagte ihm: »Laß mich mal deine Flöte hören.« Das Kind sagte, es wolle nicht blasen, und der Leopard jagte hinter ihm her. Als das Kind nach Hause kam, kochte es und rührte Deimkayi (ein Pilz) in die Suppe und schüttete sie über den Leopard, und der Leopard wurde gesprenkelt.


  • Literatur: Zeitschr. f. afrik., ozean. u. ostasiat. Spr. 7, 17. Ähnlich wird der Schwanz der Elster durch geronnenen Talg einer Suppe gesprenkelt: ob. S. 15.

13. Sage der Dènè Peaux-de-Lièvre.


Der Riese Efwa-éké lädt alle Tiere und Vögel zu einem Tanzfest ein, wird zornig und reißt das Haus ein, daß fast alle unter den Trümmern zugrunde gehen, nur einige entkommen. So floh das Wasserhuhn, der Taucher und der Eistaucher ins Wasser. Letzterer war schwarz. Efwa-éké verfolgte ihn und warf ihm Kreide auf den Kopf, so daß dieser dadurch weiß wurde.


  • Literatur: Petitot, p. 223.

14. Sage der Wotjobaluk (Australien).


Zwei Brambamgal begegneten einem alten Mann namens Gertuk (ein Vogel); der besaß ein Wasserloch in der Astgabel eines Baumes, von dem niemand wußte, und das er auch niemand zeigen wollte. Die Brambamgal beobachteten ihn und sahen ihn einmal zum Baum gehen und trinken. Da sagten sie: »Möge die Astgabel dieses Baumes sich über unserem Großvater schließen!« Der Baum schloß sich und schloß den alten Gertuk mitsamt seinem Hunde ein. Bald danach kam Binbin (Baumläufer) mit zwei Freunden des Wegs und lief den Baum hinauf. Sie hörten irgendwo eine Stimme und riefen: »Wo bist du?« »Hier bin ich«, sagte Gertuk, »im Baum hier eingeschlossen.« Binbin nahm seinen Tomahawk und klopfte am Baum herum, um herauszufinden, wo er schneiden müsse. »Schneide nicht hier«, sagte Gertuk, »hier ist meine Stirn.« »Schneide nicht hier, hier ist mein Kopf« usw., bis Binbin böse wurde und gerade da ein Loch schnitt, wo Gertuks Brust war, und ihn sehr verletzte. Er zog ihn heraus und legte ihn auf die Erde. Gertuk blutete und war beinahe tot, aber sein Hund kam und leckte seine Wunden, bis er wieder gesund wurde. Der Fleck auf der Brust des Vogels zeigt noch, wo die Wunde war.


  • Literatur: Journ. of the anthrop. Inst. 18, 55.

[69] 15. Sagen der Maori.


a) Als Tuna-roa (der lange Aal) des Weges kam, hob Maui seine Axt auf, schlug Tuna-roa mit kräftigem Schlag und hieb ihm den Kopf ab. Der Schlag war so heftig gewesen, daß -Kopf und Körper eine Strecke voneinander lagen. Maui nahm den Kopf und warf ihn ins Salzwasser und den Schwanz ins frische Wasser, und von diesem Schwanz stammen alle Süßwasser-Aale ab. Das Blut schwenkte Maui umher, etwas fiel auf den kaka-riki (grüner Papagei) und etwas auf den pukeko und verursachte das Rot, das wir jetzt an diesen Vögeln sehen. [Anderes fiel auf Bäume und färbte sie rot.]


  • Literatur: White, Ancient History of the Maori 2, 116.

b) Ta-whaki wurde von seinem Schwager getötet, aber er war unschuldig an der Tat, für die er getötet wurde. Bei seinem Tode nahmen der kaka (Nestor productus) und der kaka-riki, ein kleiner grüner Papagei, von seinem Blut und befleckten ihre Federn damit. Daher rührt das Rot auf den Federn dieser Vögel. Ta-whaki kam durch eigne Kraft wieder zum Leben.


  • Literatur: White, Ancient History of the Maori 1, 55.

16. Indo-mohammedanische Sage.


Die rotbraune Brustfarbe des turtur humilis stammt vom Blute Alî's, des Schwiegersohnes des Propheten.


  • Literatur: Indian Antiquary 2, 229. – Blutbesudelte Vögel s. auch Bd. 2, 218 f. 223. 296. 1, 189 ff. 193. 284 f.

17. Sage der Tlingit.


Die Erde ist schmal und scharf wie ein Messer. Im Anfange stand die Welt aufrecht und bewegte sich aufwärts und abwärts im Räume. Wenn sie nicht zur Ruhe gekommen wäre, so hätte alles Leben vernichtet werden müssen. Alle Thiere versuchten nacheinander die Welt zur Ruhe zu bringen, aber vergeblich. Zuletzt von allen machte das Hermelin einen Versuch. Sein Schwanz berührte die gestaltlose Unterlage, über welcher die Welt sich auf und ab bewegte und an der es sie befestigen wollte mit seinem Schwänze. Daher wurde seine Spitze schwarz.


  • Literatur: Boas, Indianische Sagen von der nordpacifischen Küste S. 320.

18. Sage der Chitimache.


Zwei Vögel, der rotköpfige Specht und die Taube, entkamen der Flut, indem sie zum Himmel flogen. Ersterer hängte sich mit den Füßen an den Himmel, und die Wasser stiegen gerade hoch genug, um einen Teil seines Schwanzes zu bedecken. Darum ist der Hinterteil seines Schwanzes dunkel und so scharf abgesetzt von dem übrigen.


  • Literatur: Journ. of Am. Folklore 12, 286.

19. Sagen der Jicarilla-Apachen.


a) Das Volk, das noch in der Unterwelt lebt, schickt den Dachs auf die Erde, um sie zu besichtigen. Von einem Berg aus gelangt der Dachs auf die Erde und berichtet, daß überall Wasser sei, außer um die Öffnung, durch die er gegangen. Dabei wurden seine Beine schmutzig, und sie haben bis heute dunkle Farbe. Nach vier Tagen wurde der Truthahn ausge sandt, um zu sehen, ob das Wasser zurückgegangen sei. Als der Truthahn mit dem Schaum der Flut in Berührung kam, der die Öffnung umgab, wurde sein Schwanz naß und schwer,[70] er schüttelte ihn und schüttelte Tropfen auf seine Flügel. Daher haben die Flügel des Truthahns noch heute schillernde Farben. (Danachtrocknet der Wind die Wasser, und das Volk kommt an die Oberwelt.)


  • Literatur: Journ. of. Am. Folklore 11, 254.

b) Nach der Flut ging zuerst der Iltis auf die Erde, und seine Füße sanken in den schwarzen Schlamm; seitdem sind sie schwarz. Der Tornado wurde geschickt, ihn zurückzuholen – es war noch nicht Zeit. Der Dachs ging dann, auch seine Füße wurden schwarz, und er wurde zurückgerufen. Danach ging der Biber, watete durch den Schlamm und schwamm durch das Wasser. Er begann sogleich einen Damm zu bauen, um das noch vorhandene Wasser zu retten und ging nicht zurück. Der Tornado wurde geschickt, fand ihn bei der Arbeit und fragte ihn, warum er nicht zurückkehre. »Weil ich Trinkwasser für das Volk retten wollte.« »Gut«, sagte der Tornado, und sie gingen zusammen zurück. Wieder wartete man, und dann wurde die Krähe ausgeschickt, um zu sehen, ob es Zeit sei. Die Krähe fand die Erde trocken und viele tote Frösche, Fische und Reptilien umherliegen. Sie hackte ihnen die Augen aus und kam nicht wieder, bis der Tornado ihr nachgeschickt wurde. Das Volk wurde zornig, daß sie Aas gefressen hatte, und ließ sie schwarz werden. Vordem war sie grau.


  • Literatur: Am. Anthropologist 11, 199.

20. Sage der Juchi-Indianer.


Aus dem Wasser soll Erde geholt werden zur Schaffung des Festlandes. Der Eistaucher (loon) taucht und erhält dabei weiße Perlen um den Hals, die der Wasserdruck ihm so fest einpreßt, daß sie für immer an seinem Halse haften. Es gelingt ihm nicht, Erde zu holen. Der Biber wird geschickt und kommt tot in die Höhe, sein Leib ist aufgetrieben, wie es seitdem bei allen Bibern ist. Danach gelingt es dem Krebs, Erde zu holen.


  • Literatur: Amer. Anthropologist 6, 279.
Quelle:
Dähnhardt, Oskar: Natursagen. Eine Samlung naturdeutender Sagen, Märchen, Fabeln und Legenden, 4 Bände, Leipzig/Berlin, 1907-1912, S. 64-71.
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