A. Die Pfeilkette.

[83] In Asien, bei den Wogulen, findet sieb, die in Bd. 1, 64 mitgeteilte Sage, daß der Sohn eines Schöpferpaares an einer Leiter in den Himmel klimmt und sich von der Sonnenfrau die Sonne zum Tragen erbittet. Er verbrennt aber so viele, daß die Sonnenfrau ihn tadelt: »Wenn du die Sonne trügest, gäbe es keinen lebendigen Menschen mehr.« Hierzu stellen sich außer der in Bd. 1 als verwandt nachgewiesenen Sage der Bilqula, worin das Dunkelbrennen der Tiere ausschließlich der sich versteckenden weißen Bergziegen erklärt wird, noch einige andere Sagen, in denen statt der Leiter die Sonnenstrahlen oder eine Pfeilkette benutzt wird:


1. Sage der Bilqula.


Snq (die Sonne) nahm eine Frau auf Erden. Von dieser hatte er ein Kind, das er T'ōt'k·oa'ya nannte. Die Menschen verspotteten das Kind, weil sein Gesicht immer schmutzig war. Der Knabe warnte sie: »Verhöhnt mich nicht, sonst wird Snq, mein Vater, euch strafen.« Die Menschen hörten aber nicht auf ihn und[83] glaubten nicht, daß Snq sein Vater sei. Als sie ihn wieder verhöhnten und quälten, sprach er: »Jetzt werde ich zu meinem Vater gehen und Rache an euch nehmen. Ich werde euch alle verbrennen.« Er begann an den Augenwimpern Snq's, den Sonnenstrahlen, hinanzuklimmen und erreichte so den Himmel. Er bat seinen Vater, ob er an seiner Statt die Sonne tragen dürfe. Dieser gab sie ihm, und er stieg morgens, die Sonne tragend, in die Höhe. Gegen Mittag machte er die Sonne heißer und heißer, so daß die Häuser und Bäume zu brennen begannen. Abends kehrte er in das Dorf zurück. Er sprach zu den Leuten: »Seht, ich verbrannte eure Häuser, weil ihr mich gequält habt.« Sie aber glaubten ihm nicht.

Er war nun reiner und schöner geworden und sprach zu den Menschen: »Wenn ihr mich wiederum quält, werde ich wieder zu meinem Vater gehen und euch alle verbrennen.« Die Menschen aber beschlossen, ihn zu töten. Da T'ōt'k•oa'ya ihre Absicht merkte, stieg er wieder an seines Vaters Augenwimpern gen Himmel. Dort beklagte er sich über die Menschen. Snq aber sagte nur: »Man hat dich nicht gern, weil du voll törichter Streiche bist.« Wieder ließ er seinen Sohn die Sonne tragen. Da machte dieser, daß es auf Erden so heiß wurde, daß alles verbrannte. Die Tiere, die sich nicht vor der Glut verbargen, wurden ganz versengt. Der Bär drückte nur seine Kehle gegen einen Stein; daher ward sein ganzes Fell schwarz mit Ausnahme dieses einen Fleckes. Das Hermelin versteckte sich unter Steinen, doch steckte seine Schwanzspitze heraus. Daher ist dieselbe schwarz. Die Bergziege kroch in eine Höhle. Daher blieb sie ganz weiß.

Als Snq aber sah, was sein Sohn tat, ward er böse und warf ihn zur Erde hinunter. Er verwandelte ihn in einen Mink.


  • Literatur: Boas, Indianische Sagen von der nordpacifischen Küste, S. 246. Vgl. die Variante bei Boas, Mythology of the Bella Coola Indians S. 102, wo der Sohn an der Pfeilkette (siehe Nr. 2) hinauf klimmt.

2. Sage der Hē'iltsuk.


Gyālastā'komē war ein Knabe, der mit seiner Mutter allein in einem Hause wohnte. Eines Tages fragte er seine Mutter, ob er keinen Vater habe. Sie antwortete, sein Vater sei weit fort. Da fing Gyālastā'komē an zu weinen und zu schreien: »Ich will meinen Vater finden.« Eine Frau, die ihn weinen hörte, gab ihm zwei Steinäxte, und er verbarg sie in den Armgruben. Ein Mann, namens Hantlē'k' (= der Schütze), gab ihm Bogen und Pfeile. Gyālastā'komē schoß einen Pfeil gen Himmel ab. Derselbe blieb im Himmelsgewölbe stecken. Er schoß einen zweiten ab, der die Kerbe des ersten traf, und so fuhr er fort, bis eine Kette gebildet war, die vom Himmel zur Erde herab reichte. Er schüttelte sie und fand, daß sie stark genug war, ihn zu tragen. Da kletterte er hinauf. Als er im Himmel ankam, traf er seine Stiefmutter vor der Türe ihres Hauses. Sie sprach: »Bist du endlich gekommen?« »Ja«, versetzte Gyālastā'komē, »ich suche meinen Vater.« »Gut, dann warte hier«, erwiderte jene, »er wird heute Abend zurückkehren. Er mag nicht mehr das Licht des Tages tragen. Nimm du seinen Platz ein!« Abends kam die Sonne nach Hause, der Vater Gyālastā'komē's. Er freute sich, seinen Sohn zu sehen, und hieß ihn an seiner Statt die Sonne tragen. Er gab ihm seine Kleidung und seine Schmucksachen und prägte ihm ein, ehe er am folgenden Morgen aufbrach, nicht zu rasch zu gehen, da sonst das Land verbrennen und die See austrocknen werde. Gyālastā'komē war aber ungehorsam.[84] Er ward ungeduldig, fing an zu laufen, und es wurde so heiß auf Erden, daß die Felsen zerbarsten und das Meer anfing auszutrocknen. Die Muscheln am Meeresboden wurden ganz schwarz gebrannt. Da ergriff ihn sein Vater und warf ihn zur Erde hinab, indem er rief: »Du bist zu nichts zu gebrauchen, werde ein Nerz. Fortan sollen die Menschen dich jagen.«


  • Literatur: Boas, ebd. S. 234.

3. Eine neue Naturdeutung zeigt eine Sage vom unteren Fraser River.


Als der Specht und der Adler ihre Söhne vermißten, wurden sie sehr betrübt. Sie sandten zu allen Leuten und allen Landen, um nach ihnen zu suchen: sie waren aber nicht zu finden. Endlich erfuhren sie von einem Manne, daß ihre Söhne im Himmel seien. Da wollten sie hinauf in den Himmel gehen, um ihre Söhne wiederzuholen. Sie wußten aber nicht, wie sie hinkommen sollten. Sie beriefen eine allgemeine Ratsversammlung, in welcher sie die Tiere fragten, wie man in den Himmel kommen könne. Zuerst trugen sie dem Pelikan auf, zu versuchen, in den Himmel zu fliegen. Er flog in die Höhe, mußte aber unverrichteter Sache umkehren. Dann trugen sie dem Maulwurf (? pElā'WEl) auf, zu versuchen, unter dem Wasser und unter der Erde in die Höhe zu kriechen. Er konnte es aber nicht. Dann ließen sie die Schwalbe (E'lEl) in die Höhe fliegen; sie gelangte aber auch nicht bis zum Himmel. Nun flog der Adler selbst in die Höhe, mußte aber auch unverrichteter Sache umkehren. Dann machte einer der am Meere wohnenden Zwerge K·stai'muQ die außerordentlich stark sind, den Versuch. Er gelang ihm aber nicht. Da sie nun gar nicht wußten, wie sie hinaufgelangen sollten, stand T'ā'mia, der Enkel von LEqyi'les, auf und sprach: »Ich träumte letzte Nacht, wie wir hinauf gelangen können.« Er strich seine Haare zurück, bemalte sie mit roter Farbe, machte eine rote Linie von seiner Stirn über die Nase zum Kinn herunter und begann zu singen, während seine Großmutter Takt schlug:


»Wus T'ā'mia tsEnā'! auatSEnsē'sē kulskuli'Ht te suā'yil.«

T'āmia ich! nicht ich fürchte mich zu schießen den Himmel.


Dann richtete er seinen Bogen nach dem Eingang zum Himmel droben und schoß einen Pfeil ab. Derselbe flog und flog und traf endlich den Himmel gerade unter dem Eingange. Er schoß einen zweiten Pfeil ab, der die Kerbe des ersten traf, und so fuhr er fort, bis die Pfeile eine lange Kette bildeten. Seine Großmutter half ihm dabei, indem sie sang und Takt schlug. Als die Kette fertig war, wischte er sich die rote Farbe vom Gesichte und bemalte seinen ganzen Körper mit gebrannten Knochen weiß. Dann verwandelte er die Pfeile in einen breiten Weg, der zum Himmel hinauf führte. Nun gingen alle Leute zum Himmel hinauf, kämpften mit den Himmelsbewohnern, besiegten sie und befreiten die Söhne des Spechtes und Adlers. Dann kehrten sie nach Hause zurück. Als alle glücklich wieder unten angekommen waren, zerbrachen sie den Weg, auf dem sie hinaufgegangen waren. Sie hatten nicht bemerkt, daß die Schnecke noch nicht angekommen war. Sie langte am Himmelstore an, als die Pfeilkette schon zerstört war, und mußte sich hinunterfallen lassen. Da zerbrach sie sich alle Knochen, und seither ist sie sehr langsam.


  • Literatur: Boas, ebd. S. 31.
Quelle:
Dähnhardt, Oskar: Natursagen. Eine Samlung naturdeutender Sagen, Märchen, Fabeln und Legenden, 4 Bände, Leipzig/Berlin, 1907-1912, S. 83-85.
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