I. Die Gewinnung des Feuers.

[92] »Im besonderen galten Vögel, die einen feuerroten Schnabel oder einen feuerroten Fleck auf dem Kopfe zeigen, als solche Feuerbringer. A. Liersch fand bei den Wenden die Volkssage, daß die feuerlosen Menschen die Vögel gebeten hätten, ihnen doch von der Sonne etwas Feuer zu holen, daß es aber von allen Vögeln nur dem Storch gelungen sei, bis zur Sonne zu fliegen und die Himmelsgabe herabzubringen. Es wird nicht gesagt, daß er sich dabei den Schnabel rot gefärbt; aber jedenfalls hängt damit der weitverbreitete Glaube zusammen, daß ein Haus, auf welchem der Storch nistet, vor Blitz- und Feuerschaden bewahrt sei.« (Ernst Krause, Tuisko-Land S. 313.)

Solche Feuervögel hat es schon im alten Indien gegeben. Agni, das zum Gott gewordene Feuer (vgl. Bd. IV), kommt als Falke vom Himmel hernieder, so daß sich ihm, wie Kuhn (Herabkunft des Feuers2 29) bemerkt, der blitztragende Adler des Zeus vergleichen läßt. Auf eine solche Vorstellung mag vor allem die Schnelligkeit plötzlichen Herniederfahrens eingewirkt haben. Von anderen Vögeln, die in diesen Kreis von Anschauungen mit eingetreten sind, erwähnt Kuhn den Schwarzspecht (S. 30 f.), der mit seinem rotleuchtenden Kopfe den Römern als Blitzträger gegolten habe. »Jedenfalls«, fährt er fort, »steht es fest, daß auch den Römern der Mythus von einem feuerbringenden Vogel bekannt gewesen sei, wie dies ein Aberglaube, den Plinius hist. nat. X, 13 mitteilt, unzweifelhaft ergibt. Er sagt: Inauspicata est et incendiaria avis, propter quam saepenumero lustratam urbem in annalibus invenimus ..., quae sit avis ea, nec reperitur, nec traditur: quidam interpretantur incendiariam esse, quaecunque apparuerit carbonem ferens ex aris vel altaribus, alii spinturnicem eam vocant: sed haec ipsa quae esset inter aves, qui se scire diceret, non inveni.« Als incendiaria avis, der einen Feuerbrand von der Sonne holt, erscheint in vermutlich keltischen Sagen der Zaunkönig. »Man muß hierbei nicht an den gewöhnlichen Zaunkönig denken, sondern an den gelbköpfigen Zaunkönig oder das Goldhähnchen, von dem es eine Art oder Abart mit feuerrotem Scheitel gibt (regulus igni-capillus).« (Krause, ebd. S. 314.) Ein Vogel, der in dem bekannten, schon von Plinius und Aristoteles erwähnten Wettfluge der Vögel (s. Bd. IV) die Sonne nicht scheut, sondern über den Adler hinaus zu ihr emporfliegt, ein Vogel, der in sicher sehr altem Volksglauben und in merkwürdigen Volksbräuchen als verwandelte Fee betrachtet wird (s. »Verwandlungen«), ist zweifellos nicht erst gestern und heute zum Feuerholer gemacht worden. Er war es vielleicht schon in der arischen Frühzeit. Darum sind die folgenden Varianten von ganz besonderer Wichtigkeit.


1. Aus der Normandie.


a) Man brauchte einen Boten, der das Feuer vom Himmel herabbrächte. Der Zaunkönig, so schwach und zart er ist, willigte ein, diesen gefährlichen Auftrag[93] zu vollziehen. Es fehlte wenig, so wäre derselbe dem mutigen Vogel verderblich geworden. Während des Fluges nämlich verzehrte das Feuer sein Gefieder und erreichte sogar den leichten Flaum, der seinen schwachen Körper beschützt. Erstaunt über einen solchen Opfermut kamen alle Vögel überein, dem Zaunkönig je eine ihrer Federn zu geben, um seinen nackten und schauernden Leib zu bekleiden. Die Eule allein hielt sich abseits, aber das erregte den Unmut der andern Vögel so sehr, daß sie sie seitdem nicht mehr in ihrer Gesellschaft dulden wollen.


  • Literatur: A. Bosquet, La Normandie romanesque et merveilleuse p. 220.

b) Als der Zaunkönig das Feuer vom Himmel brachte, waren seine Federn ganz verbrannt. Da opferten alle Vögel eine Feder, um ihm ein neues Kleid zu machen. Das Rotkehlchen aber, das sich eifrig bemühte, dem noch brennenden Zaunkönig zu helfen, kam dabei zu nahe an ihn heran, und seine Federn fingen auch Feuer. Auf seiner Brust kann man noch die Spur davon sehen.


  • Literatur: Rolland, Faune populaire 2, 264 = Notes and Queries 3, 492 mit dem Zusatz, daß der Kuckuck allein keine Feder hergibt; er wird dafür verachtet.

c) Vor langer, langer Zeit gab es noch kein Feuer auf Erden, und man wußte nicht, wie man sich welches verschaffen sollte, und beschloß, sich an den lieben Gott zu wenden. Aber der ist weit weg, und wer kann die Reise unternehmen? Man bat die großen Vögel, die schlugen es ab, dann die mittelgroßen, die schlugen es auch ab, sogar die Lerche. Während man noch beriet, hörte der Zaunkönig (sylvia troglodytes) zu. »Da niemand gehen will«, sagte er, »so werde ich gehen.« »Aber du bist so klein, deine Flügel sind so kurz! Du wirst von der Anstrengung vorher umkommen.« »Ich werde es versuchen«, sagte er. »Wenn ich unterwegs sterbe, um so schlimmer.« Damit fliegt er fort und kommt wirklich beim lieben Gott an. Dieser war sehr erstaunt, ihn zu sehen, und ließ ihn auf seinen Knien ausruhen. Aber er zögerte, ihm das Feuer zu geben. »Du wirst dich verbrennen«, sagte er, »ehe du auf die Erde kommst.« Aber der Zaunkönig bestand darauf. »Nun wohl«, sagte der liebe Gott endlich, »ich werde dir geben, worum du bittest. Aber nimm dir Zeit, fliege nicht zu schnell! Wenn du zu schnell fliegst, wirst du deine Federn verbrennen.« Der Zaunkönig versprach, sehr vorsichtig zu sein, und flog fröhlich der Erde zu. Solange er noch weit entfernt war, mäßigte er den Flug. Aber als er in die Nähe kam und alle sah, die ihn erwarteten und ihm zuriefen, beeilte er unwillkürlich seinen Flug. Was der liebe Gott gesagt hatte, geschah. Als er das Feuer brachte, hatte er keine einzige Feder mehr: alle waren verbrannt. Die Vögel versammelten sich um ihn; jeder riß sich eine Feder aus, um ihm schnell ein neues Kleid zu machen. Seitdem ist sein Kleid so gesprenkelt. Nur die Fledermaus wollte ihm nichts geben. Alle Vögel warfen sich auf sie, um sie für ihre Hartherzigkeit zu strafen. Und sie mußte sich verbergen; darum fliegt sie nur des Nachts aus. Wenn sie tagsüber ausfliegt, stürzen alle Vögel auf sie und zwingen sie zur Umkehr.


  • Literatur: Fleury, Littérature orale de la Basse-Normandie, p. 108.

2. Aus der Bretagne. (Das Feuerholen ist verloren gegangen.)


Der Zaunkönig hatte einst seine Federn verloren, und jeder Vogel gab ihm eine von den seinigen, nur die Eule wollte sich nicht daran beteiligen.

»Ich«, sagte sie, »gebe keine von meinen Federn, der Winter kommt bald, und ich fürchte mich vor der Kälte.«

[94] »Wohlan«, sagte darauf der König der Vögel, »du, Eule, sollst von nun an der unglücklichste unter den Vögeln sein, du sollst immer frieren und nur des Nachts aus deinem Loche dich hervorwagen. Zeigst du dich aber am Tage, so werden dich alle Vögel ohne Gnade und Barmherzigkeit verfolgen.«

Und seitdem hört man die Eule immer rufen: »Hu, hu, hu«, als oh sie vor Kälte beinah stürbe.


  • Literatur: Rolland, Faune pop. 2, 44 aus Luzel, Rapports sur une mission en Bretagne, 4e rapport, p. 203.
    Ähnlich: l'Annuaire de la Manche 1832, p. 223. L'Artiste (Journal) 3e série 2, 300 = Swainson, British Birds, p. 124: »seitdem darf sich die Eule nicht in Gesellschaft anderer Vögel zeigen«.

3. Aus dem Departement Loiret.


Als der Zaunkönig das Feuer vom Himmel geraubt hatte und es zur Erde bringen wollte, verbrannten seine Flügel, und er mußte seine kostbare Last dem Rotkehlchen anvertrauen; das tat sie auf seine Brust, so daß es seinen Hals verbrannte. Da kam die Lerche, nahm das heilige Feuer und erreichte damit die Erde. Sie gab den Schatz den Menschen.


  • Literatur: Rolland, Faune pop. 2, 294. Vgl. Sébillot, Folklore de France 3, 156.

4. Aus Démuin.


Nachdem die Menschen aus dem irdischen Paradies vertrieben worden waren, mußten sie durch Arbeit ihr Leben fristen. Während langer Jahre kannten sie den Gebrauch des Feuers nicht, sie konnten ihre Nahrung nicht damit zubereiten und sich nicht daran erwärmen. Da entschloß sich Gott, das Feuer auf die Erde zu schicken. Der Zaunkönig übernahm diesen Auftrag, obgleich er der kleinste der Vögel war. Im Fluge aber fing sein Gefieder Feuer, alle Federn verbrannten, sogar der leichte Flaum, der seinen Körper deckte, so daß er ganz nackt auf Erden ankam. Als die andern Vögel das Opfer dieses Kleinen sahen, hielten sie Rat und beschlossen einstimmig, daß jedes dem Zaunkönig eine Feder geben solle. Nur die Eule weigerte sich, dies zu tun. Da verjagten die Vögel die Selbstsüchtige, die seitdem ihr dunkles Versteck nur des Nachts verläßt, da sie den Zorn der Vögel fürchtet.


  • Literatur: A. Ledieu, Nouvelles et legendes rec. à Démuin 160 f.

5. Aus Bayeux.


Man sagt, daß der Zaunkönig das Feuer vom Himmel gebracht habe. Unglück widerfährt dem, der ihn tötet oder sein Nest zerstört.


  • Literatur: Pluquet, Contes pop. de Bayeux, p. 44.

6. Wallonische Sage.


Als Gott die Erde gemacht hatte und alles, was darauf ist, bemerkte er, daß das Feuer fehlte. Das Feuer war im Himmel. Man mußte es bis zur Erde herunterholen. Der liebe Gott bat die Vögel, die in der Luft fliegen und fast bis nahe an den Himmel kommen, es uns zu bringen. Die Schwalbe stellte sich zuerst vor. Der liebe Gott gab ihr das Feuer und empfahl ihr, es nicht loszulassen, bis sie auf der Erde sei. Aber beim Hinabfliegen blieb das Feuer am Schwanz der Schwalbe sitzen und brannte die Mitte aus. Als die Schwalbe das sah, ließ sie das Feuer los und stieg wieder zum Himmel. Darum haben die Schwalben einen scherenförmigen Schwanz.

Dann fand sich der kleine Zaunkönig ein, uns das Feuer zu bringen. Beim Hinabfliegen blieb das Feuer in seinen Federn sitzen. Aber der Zaunkönig ließ es[95] nicht los. Als er das Feuer auf der Erde niederlegte, hatte er keine Feder mehr; er war ganz nackt wie ein Wurm. Als die Vögel ihn so unglücklich sahen, gaben sie ihm je eine Feder, außer dem Käuzchen, das nichts geben wollte. Darum hat der Zaunkönig alle Arten von Federn. Und darum versteckt sich auch das Käuzchen am Tage und kommt nur des Nachts heraus. Wenn es das Unglück hätte, am Tage herauszukommen, würden alle anderen Vögel über es herfallen, weil sie sich noch alle erinnern, daß es dem Zaunkönig keine Federn geben wollte.


  • Literatur: Wallonia 1894, 187. Vgl. Sébillot, Folklore de France 3, 159.

7. Aus Guernsey.


Das Rotkehlchen hat zuerst das Feuer nach Guernsey gebracht. Als es über das Wasser flog, wurden seine Federn verbrannt, und seitdem ist seine Brust rot geblieben.


  • Literatur: Notes and Queries 5th Ser. 3, 492.

Diesen Sagen von dem himmlischen Ursprung des Feuers stehen die folgenden gegenüber:


8. Aus Lorient und der Haute-Bretagne.


Der Zaunkönig holt das Feuer nicht vom Himmel, sondern aus der Hölle. Als er durch das Türschloß (serrure) fliegt, röten sich seine Federn.


  • Literatur: Sébillot, Folklore de France 3, 157.

9. Aus Carmathenshire (Wales).


Weit, weit fort ist ein Land des Wehs und der Dunkelheit, voll Geister des Übels und des Feuers. Tag für Tag bringt das Rotkehlchen dahin einen Tropfen Wasser in seinem Schnabel, um die Flamme zu löschen. Es fliegt so nahe an den brennenden Strom, daß seine armen kleinen Federn ganz versengt werden, daher heißt es auch »Bron-rhuddyn« (verbrannte Brust). Um kleine Kinder zu retten, fliegt es zu diesem Höllenpfuhl. Wenn es von diesem Land des Feuers zurückkehrt, so fühlt es die Kälte des Winters noch mehr als die anderen Vögel.


  • Literatur: Notes and Queries 7, 328.

Sagen vom Feuerholen finden sich außerhalb Europas besonders häufig in Amerika, aber auch in Asien, Australien und Afrika.

Quelle:
Dähnhardt, Oskar: Natursagen. Eine Samlung naturdeutender Sagen, Märchen, Fabeln und Legenden, 4 Bände, Leipzig/Berlin, 1907-1912, S. 92-96.
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