D. Untreue beim Borgen.

[130] 24. Aus Indien.


Die Eulen hatten keine Federn und borgten welche von ihren Nachbarn, aber da sie nachher das Geliehene ableugneten, werden sie von diesen gejagt und geschlagen, sobald sie sich des Tags herauswagen.


  • Literatur: Panjab Notes and Queries 1, 47.

25. Aus China.


Einstmals hatten die Hunde Hörner, aber der Hirsch hatte keine. Und wenn er mit den Ziegen kämpfte, wurde er jedesmal geschlagen. Darum bat er die Enten: »Geht doch einmal zu den Hunden und beredet sie, mir ihre Hörner zu leihen, damit ich den Ziegen eine gute Tracht Püffe geben kann. Nachher will ich sie ihnen wiedergeben«. »Nein, nein!« sagten die Enten und sahen ihn schlau von der Seite an. »Wir wollen nichts mit solchen Sachen zu tun haben. Seht Euch nach einem andern Vermittler um. Wir kennen Euch zu gut. Wenn Ihr erst die Hörner habt, so werdet Ihr weglaufen und sie nicht wiedergeben.« Darauf ging der Hirsch zu einem Hahn. Der hörte ihm zu und lief dann zu den Hunden, um deren Hörner zu borgen. Sodann kämpfte der Hirsch mit den Ziegen, nachher aber verschwand er in den Wäldern und gab die Hörner nicht zurück.

Darum ruft der Hahn bis heute: »Lok kah hwen konko-á«, d.h.: Hirsch, gib die Hörner den Hunden wieder. Die Enten aber schnattern: »Hawk-awk-ah-ah-awk!« und schütteln die Köpfe. Das soll heißen: Wir haben gewußt, was der Hirsch tun würde.


  • Literatur: China Review 14, 164.

26. Sage der Araber.


In alten Zeiten war das Stachelschwein ein Mensch. Er borgte sich einmal von jemand einen Kamm. Als dieser sein Eigentum zurückfordern wollte, leugnete der Mensch den Besitz, und der Eigentümer sprach zu ihm: »So schwöre mir«. Er schwor, und da verwandelte ihn Gott in ein Stachelschwein. Die Zähne des Kammes drangen ihm durch die Haut.


  • Literatur: Revue des traditions populaires 4, 577.

27. Aus Samoa.


a) Es heißt, die Ratte habe einst Flügel gehabt, und die große Fledermaus oder der fliegende Fuchs hatte keine. Eines Tages sagte die Fledermaus zur Ratte: »Laß mich deine Flügel ein bißchen probieren, ich möchte einmal sehen, wie das Fliegen ist«. Die Ratte lieh ihr die Flügel, und sie flog damit fort und kam niemals damit wieder. Seitdem sagt man zu jemand, der borgt und nicht wiedergibt: Er macht es wie die Fledermaus mit der Ratte.


  • Literatur: Turner, Samoa, Lond. 1884, p. 216.

b) Die Ratte begehrte gar sehr die Flügel des fliegenden Hundes. Dieser Häuptling, die Ratte, saß stille und sann auf eine List, wie sie wohl die Flügel des fliegenden Hundes bekommen könnte, weil es schwierig war, indem dieser hoch oben flog, während sie unten auf der Erde herumkroch. Die Ratte schaute nun nach einem Baume mit Früchten aus, die der fliegende Hund liebte. Da sah die Ratte, daß der Hund gar sehr die Früchte des gatae [Erythrina mit schönen roten Blüten] liebte. Einige Tage lang sah die Ratte, wie der fliegende Hund beständig an diesen Früchten hing. Da dachte die Ratte sich folgendes aus: Gut, ich will an den Ort hinaufsteigen, wo der fliegende Hund ist. Da ging die Ratte zum fliegenden[131] Hund und gelangte hinauf. Und sie rief dem Hund zu; aber der Hund flog fort und hängte sieh an den ifi (Inocarpus edulis, Baum mit guten eßbaren Früchten). Dies war ein anderer Baum, dessen Früchte er liebte. Darauf ging auch die Ratte von dannen und stieg auf den ifi, wo der Hund war, und dieser sah, wie die Ratte heraufkam. Darauf flüchtete er, aber die Ratte rief ihm zu: »Lauf doch nicht davon, weil dies nicht dein Baum ist; denn es ist mein Baum; aber warte nur auf mich; lauf nicht davon, laß uns zusammen sprechen.« Da antwortete der Hund: »Gut, ich will warten; was ist es dann, was du mit mir besprechen willst?«

Da sprach die Ratte: »Herr, Hund, wie kommt es denn, daß du ohne Recht von meinem Baume issest? Ich esse davon.« Der Hund antwortete: »Ratte, ich bitte um Entschuldigung, du hast Recht.« Die Ratte antwortete: »Nach einer guten Sache aber steht mein Begehren; ich bin dir deshalb nicht böse, im Gegenteil, ich möchte mit dir Freundschaft schließen, ich will dich, Hund, auch nicht fortjagen, komme nur auf den Baum hier, um zu essen«. Da sprach der Hund: »Hund, es ist gut, laß uns Freundschaft schließen.«

Da sprach alsbald die Ratte: »Herr, Hund, hast du Angst, wenn du hoch oben fliegst? Denn wenn ich so hinsehe, so kommt es mir sehr hoch vor, wo du fliegst.« Es antwortete der Hund: »Herr, Ratte, ich fürchte mich nicht.« Ratte: »Ist das wahr?« Hund: »Es ist wahr, ich habe keine Angst.« Da sprach die Ratte: »Hund, habe Mitleid mit mir, gib mir deine Flügel, damit ich es lerne und sehe, ob du wahrhaftig bist auch in deiner Freundschaft zu mir.« Da antwortete der Hund: »Gut, ich will dir meine Flügel geben, damit du es lernest; damit du siehst, daß es ganz wundervoll da ist, wo ich immer hingehe«. Wieder sprach der Hund: »Herr, wenn du aber gehst, gehe ja nicht weit weg.« Es antwortete die Ratte: »O, nein, ich will nur auf den Baum fliegen, der dort steht; ich komme dann rasch wieder, um dir deine Flügel zu bringen; iß du derweil nur recht viel, bis du satt bist.«

Da griff der Hund nach seinen Flügeln, brachte sie und heftete sie an den Leib der Ratte, und die Ratte sprach zum Hund: »Herr, Hund, bitte erlaube, daß ich dir meine Sachen zur Aufbewahrung übergebe, die mich bei der Bewegung hindern«. Darauf gab sie dem Hund den Schwanz und die vier Füße, und der Hund griff danach und setzte die Füße an und setzte auch den Schwanz an seinen Hinterleib.

Wieder sprach der Hund: »Herr, komm nur schnell wieder, daß ich mich nicht verspäte.« Und es antwortete die Ratte: »Ich komme rasch, bleibe du nur und iß, bis du satt bist.« Da flog alsbald die Ratte davon, während der Hund beständig fraß und nach der Ratte schaute, die stetig sich entfernte und nicht umkehrte. Da weinte der Hund, und also waren seine Worte: »Auē! auē! auē! Die Ratte hat mich angeführt, sie ist mit meinen Flügeln davongegangen.«

Dies ist die Geschichte vom Hund, dem die Flügel abhanden kamen, und der nun auf der Erde lebt; so nennt man die Ratte jetzt Flughund, während man den Flughund Ratte nennt. – Davon kommt auch das Sprichwort, das die Sprecher gebrauchen, wenn ein Häuptling von einem andern Häuptling betrogen wird; dann sagen nämlich die andern Häuptlinge: Aber kanntest du denn nicht die Freundschaft des fliegenden Hundes und der Ratte?


  • Literatur: Krämer, Samoainseln 1, 359.

28. Sagen der Cherokee.


a) Die Sage von der Schildkröte und dem Truthahn s.o.S. 17.

b) Die Schildkröte konnte einst pfeifen. Als sie beständig pfeifend umhergeht und ihre Pfeife den anderen Tieren zeigt, wird das Rebhuhn eifersüchtig und[132] bittet um die Erlaubnis, die Pfeife zu probieren. Die Schildkröte ist mißtrauisch, aber das Rebhuhn meint, sie könnte dabeibleiben, während sie übe. So willigt sie denn ein. Das Rebhuhn läuft zuerst ganz nahe bei der Schildkröte, fragt, wie es klinge, und wird von ihr belobt. Dann läuft es eine Strecke weiter voraus und fragt wieder, wie es ihr gefalle. Zuletzt fliegt es auf einen Baum und läßt der Schildkröte das Nachsehen. So hat diese jetzt keine Pfeife mehr. Deshalb, und weil sie auch den Skalp eingebüßt hat (oben S. 17), schämt sie sich und verkriecht sich, wenn jemand kommt.


  • Literatur: Mooney, Cherokee Myths 289. – Bei Santa-Anna Nery, Folklore brésilien p. 195 borgt das Krokodil von der Schildkröte deren Pfeife (»dont il jouait en provoquant l'admiration de tous les animaux«) und gibt sie nicht wieder. Die Schildkröte gewinnt sie aber durch List zurück.

29. Aus Frankreich.


a) Der Kuckuck ist ein Vogel, dem nicht zu trauen ist. Er hat sich Getreide geborgt und es niemals zurückgegeben. Sowie die Ernte herankommt und er die Sicheln schleifen hört, macht er sich davon, um neuem Drängen zu entgehen. Auch fürchtet er, von den Schnittern gezüchtigt zu werden.


  • Literatur: Revue des trad. pop. 3, 262, Nr. 26.

b) Der Kuckuck hatte nichts mehr zu essen und wurde dadurch so mager, wie er noch jetzt ist. Da mußte er sich Getreide borgen, und das schuldet er noch heute. Darum sieht man den Kuckuck im August nicht mehr, er fliegt fort.


  • Literatur: (Franche-Comté und Nivernais.) Revue des trad. pop. 14, 506 (= Ons Volksleven 11, 187) und Sébillot, Folklore de France 3, 164.

c) Der Kuckuck hatte kein Getreide mehr und lieh sich etwas von der Turteltaube, er versprach es bei der Ernte wiederzugeben, aber nach der Ernte ging er fort, ohne sein Versprechen zu halten.


A lou proumieira javela

Lou coucou quita la terra,


  • Literatur: Sébillot, Folklore 3, 164. M.M. Gorse, Au baspays de Limosin, 235. Vgl. auch das Kapitel: Lebensgewohnheiten.
Quelle:
Dähnhardt, Oskar: Natursagen. Eine Samlung naturdeutender Sagen, Märchen, Fabeln und Legenden, 4 Bände, Leipzig/Berlin, 1907-1912, S. 130-133.
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