E. Borgen für ein Fest.

[133] 30. Märchen der Toradjas (Zentral-Celebes).


Der Jahrvogel borgt von der grünen Taube deren weiße Halskette, um sie bei einer Festlichkeit zu tragen, und behält sie dann für sich. Und daher kommt es, daß er bis zum heutigen Tage eine weiße Halskette trägt und daß andererseits die Taube nimmermehr nachläßt zu weinen. Auch stammt daher die Redensart, wenn man etwas ausleiht: Es sei nicht wie das Leihen des Jahrvogels!


  • Literatur: T.J. Bezemer, Volksdichtung aus Indonesien, S. 355.

31. Aus Indien.


a) Der Pfau, der einst ein Vogel mit dunklem Gefieder war, borgte den glänzenden Rock der Prachtdrossel (pitta coronata), um zu einer Hochzeit zu gehen, und gab es nicht wieder. Nun ruft die Pitta durch den Dschungel »ayittam, ayittam«, mein Kleid, mein Kleid.


  • Literatur: Folklore Journal 5, 354 (Ceylon). Vgl. Nr. 20.

[133] b) Das Rebhuhn und der Pfau wetteiferten einst im Tanzen, und als die Reihe an das Rebhuhn kam, borgte es sich die schönen Füße des Pfauen, die es aber bis jetzt noch nicht zurückgegeben hat.


  • Literatur: Crooke, Pop. Rel. and Folklore of N, India 2, 251.

c) Es wurde einmal eine große Hochzeit gefeiert in der Vogelwelt, und es wurde eine allgemeine Einladung erlassen. Da aber nicht alle gefiederten Gäste schön waren, baten die häßlichen andere, doch einigen Schmuck mit ihnen zu tauschen. Es wurden Einwände gemacht gegen solche falsche und erborgte Eitelkeit, aber die dringenden Bitten siegten, und der Eichelhäher und der Papagei tauschten die Füße, während der Pfau seinen schönen Schnabel und seine Füße dem Flamingo gab unter der Bedingung, daß sie ihm danach gleich wiedergegeben würden. Als die Hochzeitsfestlichkeit vorüber war, verlangten der Papagei und der Pfau ihren Schmuck zurück, aber Häher und Flamingo sagten: »Wenn wir sie jetzt wiedergeben, sieht man, daß es alles falscher Schein war«. So wurde nichts wieder gegeben, und daher sind nun die Füße des Papageien schwer und häßlich, während die des Hähers schön und elastisch sind, und dasselbe findet sich beim Pfau und Flamingo. Aber das gebrochene Versprechen brach ihre Freundschaft.


  • Literatur: Indian Antiquary 81, 327 (Sage der Talings und Telegus).

d) Der Pfau liebte einst des Schwanenkönigs Tochter, und als er um sie warb, borgte er sich des pitta oder avichchiya herrlichen Schwanz. Er gewann sie, wollte aber die Federn dem Eigentümer nicht wieder geben. Dieser schreit nun immer »avichchi mavichchi« (ich werde klagen, wenn er (Maitri Buddha) kommt). Die Pfauhenne ist zornig über die Täuschung ihres Mannes und hackt ihren (so!) Schwanz während der Paarungszeit.


  • Literatur: Indian Antiquary 33, 231.

32. Aus Malta.


Der Pfau hatte einst Füße mit hübschen Klauen; die paßten zu seinem ganzen Äußeren, aber sie hatten einen Fehler: sie klapperten, und der Pfau ärgerte sich oft, da er nie leise auftreten konnte. Da veranstalteten die Tiere einmal ein Fest, um zu sehen, wer von ihnen das vollkommenste Geschöpf wäre. Auch den Pfau hatte man dazu geladen, aber er schämte sich, daß die klappernden Füße seine sonst so untadelige Erscheinung beeinträchtigten, und wollte nicht hingehen. Der Hahn war gleichfalls unzufrieden, denn er hatte damals noch kein so buntes Gewand wie heutzutage, und so kam es, daß er den Pfau aufsuchte, um sich ein paar Federn zu borgen. Der Pfau hatte zwar anfangs keine Lust, von seinem Putz etwas zu opfern, aber schließlich sagte er: ›Ja, ich kann dir ein paar Federn geben, nur mußt du dich mit solchen begnügen, die am Hinterteil sitzen; die verbergen doch bloß meine Schönheit; und außerdem mußt du mir deine ritterlichen Füße leihen. Ich will zeigen, wie schön sie sich ausnehmen, wenn sie einen schmucken Körper tragen.‹ Der Hahn sagte zu, und der Pfau wollte gleich zugreifen und sich die Füße anlegen. Aber der Hahn sagte: ›Zieh nur erst deine Klauen aus, damit der Sporn richtig sitzt.‹ Der Pfau tat es und zupfte dann so viel Federn aus, daß das Hinterteil bloßgelegt wurde. Der Hahn aber steckte sie sich an und war gar stolz, wie gut ihn der Federbusch kleidete. Als nun der Pfau ihm die Sporen abverlangte, lachte der Hahn ihn innerlich aus, laut aber sagte er: ›Natürlich kriegst du sie; nur muß ich erst heimgehen, um sie abzulegen. So im Freien geht das nicht!‹ Also gingen sie zusammen in des Hahnes Behausung,[134] und dort gab der Hahn dem Pfau ein paar Füße: sein Vater war mauserig gewesen, und die Füße waren etwas grindig, doch hatten sie schöne Sporen. Eilig zog der Pfau sie an und ging voller Stolz von dannen. Plötzlich aber kam ein kalter Wind auf, und an der Stelle, die durch das Federzupfen kahl geworden war, spürte er empfindlich frischen Luftzug. Da sah er seine Torheit ein und ging gesenkten Hauptes in die Versammlung der Tiere. Kaum hatten sie bemerkt, wie er hinten so kahl war, da lachten sie ihn aus, und als er sich selbst von seinem Aussehen überzeugen wollte und mit den gespornten Füßen hinaufschlug, traf ihn ein neues Unglück: die Sporen waren nur lose befestigt gewesen, und so fielen sie ab. Der Pfau wurde des Betruges angeklagt und mußte die Versammlung verlassen. Wütend suchte er den Hahn auf und verlangte seine Federn zurück. Aber dieser blähte sich auf und behauptete, der schöne Busch habe ihm von jeher gehört. Und als der Pfau seine abgelegten Klauen forderte, spottete er: ›Gib nur fein acht! Sicher trittst du mal darauf, und dann wachsen sie dir an!‹ Da ging der Pfau heim und war tief gekränkt.

Heute noch hat er seine Schmach nicht vergessen. Wenn er sich stolz aufbläht und die schillernde Federung entfaltet, so braucht man ihm nur auf die Füße zu sehen, um ihn ärgerlich zu machen. Auch wenn er sich unbeobachtet glaubt, kann er toll werden vor Wut, wenn er an seine Füße denkt und sieht, daß die Klauen noch immer nicht angewachsen sind. Der Hahn hat sie nämlich aus Bosheit weitergegeben, und ein anderes Tier trägt sie bis auf den heutigen Tag.


  • Literatur: Frdl. Mitt. von Frl. B. Ilg.

33. Sage der Wadschagga (in Madschame, am Kilimandscharo).


Das Eichhörnchen ging zum Frosch und sprach zu ihm: »Ich möchte gern zu Tanze gehen und habe doch keinen Tanzschweif. Borge mir deinen schönen Schwanz, daß ich damit tanze. Ich bringe dir ihn auch bald wieder.« Der Frosch gab ihm seinen Schwanz. Das Eichhörnchen kletterte damit geschwind auf einen Baum und sang zum Frosch herunter: »Sieh diesen schönen Schwanz! So komm und hol ihn doch!« Der Frosch sprang und sprang, aber er vermochte es nicht, am Baume emporzuklettern. So wurde der Frosch vom Eichhörnchen betrogen und verlor seinen Schwanz.


  • Literatur: Lichtstrahlen im dunkeln Erdteile, hg. von A. von Lewinski. Kleine Serie Nr. 3. Neun Dschagga-Märchen erzählt von den Missionaren Gutmann und Fokken (Leipzig 1905), S. 16.

34. Aus Kamerun.


Der häßliche Vogel Kang erhält eine Hochzeitseinladung. Er beredet den Überbringer, daß er seinen Nachbar, den bildschönen Munga, nicht auch einlade, da er krank sei. Dann sucht er diesen selbst auf und lügt ihm vor, seine Neider hätten ihn für krank ausgegeben und bewirkt, daß er übergangen worden sei; denn sie fürchteten, hinter seiner Schönheit zurückstehen zu müssen. Hierauf macht er den Vorschlag: Du leihst mir dein Kleid; darin gehe ich statt deiner zur Hochzeit und enttäusche die Erwartung deiner Feinde; inzwischen ziehst du mein Kleid an. Das geschieht. Kang kehrt aber nicht wieder zu Munga zurück, und seitdem ruft ihn dieser in klagendem Tone: N-Kang! N-Kang!


  • Literatur: E. Meinhof, Märchen ans Kamerun 2. A., S. 21.

35. Mongolische Sage.


Ein Lhama, der sich auf Zauberei verstand, wollte alle Häuptlinge der Erde unterwerfen und selbst der alleinige Häuptling werden. Dazu machte er ein Tier,[135] das Menschen töten konnte. Dies war das Kamel, das damals die Hörner des Hirsches hatte. Es tötete die Menschen mit den Hörnern und biß sie mit den Zähnen. So vernichtete es viele Völker, bis ein Häuptling, der ein hoher buddhistischer Priester war, einen hölzernen Stock in seine Nase tat, ihm einen Zügel umtat und es unterwarf. Er nannte das wilde Tier Kamel. »Trage jetzt Argal« (aus Düng gemachte Feuerung) sagte er. So trug das Kamel Feuerung, und der Mensch führte es zur Tränke an der Nase.

Einmal, als das Kamel auf der Weide war, kam der Edelhirsch (cervus elaphus) zu ihm. Dieser hatte damals nur Hörner, wie das Benntier (cervus tarandus). Er sagte: »Gib mir deine Hörner, heute ist die Hochzeit des Löwen und des Tigers. Morgen, wenn du zur Tränke kommst, will ich sie dir wiedergeben.« Das Kamel gab seine Hörner. Am anderen Morgen, als es zur Tränke kam, war aber kein Hirsch da, und das Kamel ging ohne Hörner wieder fort, denn der Hirsch hatte es getäuscht. Darum sieht sich das Kamel jetzt beim Wassertrinken nach rechts und links um und hebt den Kopf in die Höhe – es will sehen, wo der Hirsch ist. Der Hirsch aber wirft jedes Jahr sein Geweih ab, weil es ihm nicht gehört.


  • Literatur: Folklore Journal 4, 28.

36. Erweiterung durch das Motiv des Wettlaufs zeigt folgende Sage aus Annam.


Ehemals hatte der Büffel zwei Reihen Zähne und das Pferd gar keine. Eines Tages begegnete der Büffel, als er von einem Feste heimkehrte, dem Pferde. Dieses bat ihn, er möchte ihm seine obere Kinnlade leihen, damit es auch zum Feste gehen könne. Der Büffel willigte ein, doch bei der Rückkehr wollte das Pferd ihm die Kinnlade nicht wiedergeben. Es sprach: »Wir wollen Wettlaufen. Wenn du mich einholst, erhältst du deine Kinnlade zurück«. Der Büffel konnte es nicht einholen, und seitdem hat er im Oberkiefer keine Zähne.


  • Literatur: Landes, contes annamites S. 202.

37. Aus Frankreich.


a) Es waren einmal eine Nachtigall und eine Blindschleiche, die hatten jede nur ein Auge und lebten zusammen in einem Haus lange Zeit in Frieden und Einigkeit. Eines Tags aber wurde die Nachtigall auf eine Hochzeit gebeten, da sprach sie zur Blindschleiche: »Ich bin da auf eine Hochzeit gebeten und möchte nicht gern so mit einem Auge hingehen. Sei doch so gut und leih mir deines dazu, ich bring dir's morgen wieder.« Und die Blindschleiche tat es aus Gefälligkeit. Aber den anderen Tag, wie die Nachtigall nach Haus gekommen war, gefiel es ihr so wohl, daß sie zwei Augen im Kopf trug und zu beiden Seiten sehen konnte, daß sie der armen Blindschleiche ihr geliehenes Auge nicht wiedergeben wollte. Da schwur die Blindschleiche, sie wollte sich an ihr, an ihren Kindern und Kindeskindern rächen. »Geh nur«, sagte die Nachtigall, »und such einmal!


Ich bau' mein Nest auf jene Linden,

So hoch, so hoch, so hoch, so hoch,

Da magst du's nimmer wiederfinden!«


Seit der Zeit haben alle Nachtigallen zwei Augen und alle Blindschleichen keine Augen. Aber wo die Nachtigall hinkommt, da wohnt unten[136] im Busch eine Blindschleiche, und sie trachtet immer hinaufzukriechen, Löcher in die Eier ihrer Feinde zu bohren oder sie auszusaufen.


  • Literatur: Aus der Sologne (Dep. Loir-Cher). Mémoires de l'Académie celtique 2, 204 (Paris 1808). Frei übersetzt in der 1. Ausg, der KHM. der Brüder Grimm (1812), S. 20 f., Nr. 6. Die französischen Reime ahmen den Ton der Nachtigall glücklicher nach:
    je ferai mon nid si haut, si haut, si bas, que tu ne le trouveras pas! Eine übereinstimmende Parallele aus Berri steht in denselben Mémoires, t. 4, p. 100 ff. Vgl. Reinhold Köhler, Kl. Sehr. 1, 75. Vgl. auch Rolland, faune pop. 3, 21 (Côte d'or), Revue des langues romanes 4, 318 (Languedoc), Desaivre, Croyances, présages etc. p. 26 (Echiré). Sébillot, Folklore de France 3, 162 f.

b) Die Blindschleiche hatte einst ausgezeichnete Augen. Die Nachtigall, die damals blind war, borgte sie von ihr, um zur Hochzeit einer Fee zu gehen. Hinterher aber wollte sie sie ihr nicht zurückgeben. Seitdem singt die Nachtigall Tag und Nacht, um den Kummer ihres allzu vertrauensseligen Freundes zu lindern.


  • Literatur: Laisnel de la Salle, Le Berry 2, 294. Vgl. Croyances et legendes du Centre de la France (1875) 2, 245.

c) Die Blindschleiche lieh der Nachtigall ihre Augen; diese versprach, sie ihr wiederzugeben, wenn die Brombeerblätter abfielen. Da diese aber im Herbst nicht abfallen, so ist die Blindschleiche blind geblieben.


  • Literatur: Rolland, Faune pop. 2, 22. (Aus Bourbonnais.)

d) Die Nachtigall stiehlt das Auge, um damit zur Hochzeit des Zaunkönigs zu gehen, und die Blindschleiche sagt: »Wenn du schläfst, nehme ich es dir wieder weg«. »Aber ich werde nicht schlafen,« antwortet die Nachtigall, und seitdem singt sie Tag und Nacht, aus Furcht, daß sie einschlafen könnte.


  • Literatur: Rolland, Faune pop. 2, 270. (Aus Loiret.)

e) Früher hatte die Nachtigall nur ein Auge, und die Blindschleiche hatte zwei Augen. Nun wurde aber die Nachtigall einmal zu einer Hochzeit eingeladen und wollte dort nicht gerne so erscheinen. Sie ging daher zur Blindschleiche und sagte zu ihr: »Lieber Freund, willst du mir nicht eins deiner Augen leihen, damit ich auf der Hochzeit, zu der ich eingeladen bin, gut aussehe?« – »Wirst du es mir auch wieder geben?« – »Sobald ich zurückkehre, das schwöre ich dir.« – Die Nachtigall erregte große Bewunderung auf der Hochzeit, man beglückwünschte sie zu ihren schönen Augen, und sie wurde dabei so stolz, daß sie sich weigerte, sie der Blindschleiche zurückzugeben. Die Blindschleiche sagte zu ihr: »Du beträgst dich wie ein Gauner, aber ich werde mich rächen, früher oder später, am Tage oder in der Nacht, wenn du schläfst«. »Nun gut«, sagte die Nachtigall, »so werde ich nie schlafen«, und sie hielt Wort. Aber einmal schlief sie doch des Nachts ein vor Müdigkeit, mitten in einem Weinstock, und die Banken der jungen Pflanze schlangen sich um ihren Hals; sie erwachte, glaubte, daß die Blindschleiche sie überrascht habe, und befreite sich nicht ohne Mühe. Bei Tagesanbruch sah sie ihren Irrtum und beruhigte sich, aber seitdem schläft sie nicht mehr, und um sich wach zu halten, singt sie:


La vigne pouss', pouss', pouss', je ne dors ni nuit ni jour.


Der Weinstock treibt, treibt, treibt, ich schlafe bei Tag und Nacht nicht.


  • Literatur: Revue des trad. pop. 1, 177. (Aus Nivernais.) Der Schluß – die Verwicklung in den Weinstock – beruht auf Kontamination. Vgl. Kap. »Tierstimmen«.

f) Gleich der vorigen Variante, doch ohne die Weinstoekgeschichte; auch tritt die Elster statt der Nachtigall auf. Zuletzt heißt es:

[137] »Seit jenem Tage sinnt die arme Blindschleiche auf Bache. Sie verbringt ihr Leben am Fuße der Bäume und Mauern und versucht, den Gesang der Vögel zur Zeit des Nistens zu hören. Und da das Gehör nicht durch das Gesicht unterstützt wird, klettert sie blindlings um die Bäume herum und frißt ohne Unterschied die Eier aller Vögel, in der Hoffnung, das Geschlecht ihrer Feindin zu zerstören.«


  • Literatur: La Tradition 4, 250 (Aus der Beauce).

38. Varianten aus Deutschland (Mecklenburg).


a) Die Nachtigall kommt zur Blindschleiche: »Nawersch, leihn mi dien Og'; ik bün to Gevatter baden un kann doch mit mien een Og' nich hengahn.« Sie erhält es und bringt es nicht wieder.


b) De Duw' bett to Hochtiet wullt; dee hett man een Og' hatt un de Hartworm (Blindschleiche) ok. Dor hett se den Hartworm baden, he süll ehr sien Og' to dohn, se wull em dat ok wedder gäben; se hett dat œwer behollen.


c) De Hartworm hett sien Ogen utleihnt an den Adeboor (Storch). Dee is früher nich so scharpsichtig wäst; he hett de Poggen nich ornlich sehn künnt. Wenn dat Loof von de Boom fööl, denn süll he se wedder hebben. Dat geschüht jo nich, un so hett de Hartworm sien Ogen nich wedder krägen.


d) De Hartworm hett sien Ogen utleihnt an de Snaak, dee hett früher keen Ogen hatt. Wenn de Dann ehr Loof afföllt, denn sall he sien Ogen wedder hebben.


  • Literatur: Wossidlo, Volkst. Überl. aus Mecklenburg 2, 350.
    Die westfälische Erzählung bei Firmenich, Germaniens Völkerstimmen 1, 283 und die mecklenburgische bei H. F. W. Raabe, Allgem. plattd. Volksbuch 1854, S. 234 sind aus Grimm EHM. Nr. 6 der ersten Ausgabe in die Mundart übersetzt. Vgl. ß. Köhler, Kl. Sch. 1, 73.

39. Parallele aus England.


Shakespeare, Romeo and Julia Act III, Sc. 5:


›Some say the lark and loathed toad changed eyes‹.


Da die Lerche häßliche und die Kröte sehr glänzende Augen hat, entstand jene Sage, auf die Shakespeare anspielt.


  • Literatur: Vgl. Swainson, British Birds p. 94.

40. Rutenische Sage aus dem Sniatyner Bezirk (Podolien).


Lang, lang ist es her, da hatte die Nachtigall nur einen Kopf und keinen Rumpf. So ging sie einst zur Kirmes und konnte doch nicht essen, weil ihr der Rumpf fehlte. In dieser Notlage traf sie die Gevatterin Zecke und sagte zu ihr: »Leihe mir deinen Rumpf. Nach der Rückkehr von der Kirmes will ich ihn dir wiedergeben.« Die Zecke tat ihr den Gefallen. Als sie nun zurückkehrte, wartete sie schon am Wege, um den Rumpf an sich zu nehmen. Die Nachtigall aber war wohl darauf bedacht, ihr nicht zu be gegnen: der Rumpf hatte ihr gar zu gut behagt. Da wartete nun die Zecke und wartete. Endlich machte sie sich auf zur Wohnung der Nachtigall und bat: »He, Gevatterin Nachtigall, gib mir meinen Rumpf zurück.« Die Nachtigall aber schrie: »Wenn du die Gewalt hast, so nimm ihn dir. Freiwillig gebe ich ihn dir nicht.« Da erwiderte die Zecke: »Warte, du schlauer Vogel! Ich komme bei Nacht und stehle ihn dir!« – »Oho!« sprach die Nachtigall, »so will ich den Rumpf mit Fädchen an einen Zweig heften und den Kopf herabhängen lassen; dann kannst du den Rumpf nicht abreißen, und ich fange[138] zu schreien an und hetze die Hunde auf dich.« In der Nacht kam die Zecke und wollte den Rumpf abreißen. Die Nachtigall wachte auf, erschrak und fing an zu schreien: »Gevatterin Zecke! Gevatterin Zecke! Schlagt sie, fangt sie« usw. (Rutenische Stimmennachahmung.) Seit der Zeit schläft die Nachtigall nicht mehr in der Nacht, die arme Zecke aber geht ohne Rumpf herum.


  • Literatur: Lud IX, 3 (1903), S. 289–92 (gekürzt).

41. Aus Rumänien.


a) Wenn der Holzbock (Ixodes ricinus) ein Tier beißt, so saugt er, bis sein Leib anschwillt. Denn er hat keinen After. Einst hatte er einen, die Nachtigall aber hatte keinen. Diese ärgerte sich, weil sie bei den Mahlzeiten bei ihrer Pate deshalb nicht viel essen konnte. Daher borgte sie sich einmal den After des Holzbocks. Als sie aber sah, wie schön es mit einem After ist, gab sie den geborgten nicht zurück, und so blieb der Holzbock ohne After.


  • Literatur: Archiva din Iaşi 8 (1897), 249.

b) Die Bachstelze hatte früher keinen Schwanz. Als sie nun einmal zur Hochzeit der Lerche eingeladen war, bat sie den Zaunkönig, ihr den seinigen auf ein paar Tage zu leihen. Der Zaunkönig, der damals noch – so klein er war – einen sehr langen Schwanz hatte, lieh ihn seinem Freunde. Als er ihn wiederhaben wollte, tat die Bachstelze, als ob sie taub wäre. Seitdem hat der Zaunkönig keinen Schwanz mehr, die Bachstelze aber wippt mit dem erborgten immerfort hin und her, um sich zu vergewissern, daß sie ihn nicht verloren hat.


  • Literatur: Revue des trad. pop. 8, 595 = Marianu, Ornitologia 1, 329.

c) Ursprünglich hatte nicht der Wiedehopf, sondern der Kuckuck den schönen Federschopf auf dem Kopfe. Als aber der Wiedehopf zur Hochzeit der Lerche ging, borgte er sich vom Kuckuck den Schopf und erregte so auf der Hochzeit durch seine Schönheit allgemeines Aufsehen. Auch er selbst gefiel sich in dem Schmuck so, daß er ihn behielt und dem Kuckuck nicht zurückgab. Dieser aber berief eine Vogelversammlung, in der unter dem Vorsitz der Lerche über die Schopfangelegenheit beraten werden sollte. Aber hier sprach die Lerche dem Wiedehopf den Kopfschmuck zu, wohl deshalb, weil er durch seine Tracht ihre Hochzeit so verschönt hatte.


  • Literatur: Marianu, Ornitologia 2, 168.

42. Aus Böhmen.


Der Wiedehopf borgt sich für eine Hochzeit die Krone des Kuckucks und gibt sie nicht wieder. Seit dieser Zeit hat der Wiedehopf eine Krone auf dem Kopfe, der Kuckuck aber hat keine, und deshalb schreit er: Kluku, Kluku, d.h. Bube, Bube! und meint damit den Wiedehopf; der Wiedehopf aber fertigt ihn bloß mit den Worten ab: jdu, jdu – ich komme schon!


  • Literatur: Grohmann, Aberglaube und Gebr. aus Böhmen Nr. 471 und Sagen S. 245 = Krolmus, Staročesk. pověst. 1, 501. Vgl. Revue des trad. pop. 9, 626 f.

Das Märchen knüpft wohl an Abstemius, Fab. 45 (bei Nevelet, Mythologia Aesopica S. 553) an, wo der Wiedehopf auf des Adlers Hochzeit erscheint; der Adler läßt sich durch den Prunk der Krone und die schönen Federn des Wiedehopfs verleiten, ihn obenan zu setzen, worüber die andern Vögel murren.


  • Literatur: Bearbeitet von Burkh. Waldis 2, 76 = Kirchhof, Wendunmuth 7, 60 mit Anm. von Österley. Vielleicht verband sich damit die Fabel von der Krähe, die sich mit[139] fremden Federn schmückt (Aesop Nr. 200 Halm). Die Bachstelze auf des Adlers Hochzeit s. unten: Gabenvęrteilung I, 1.

Nach Wossidlo, Volkst. Überl. aus Mecklenb. 2, Nr. 289 hat der Wiedehopf die Krone, die ursprünglich der Schildkröte gehört hat. Diese war einst ein König mit Krone und Panzer. Man hat ihm aber die Krone gestohlen und nur den Panzer gelassen. Die gestohlene Krone trägt jetzt der Wiedehopf, der es jedem mitteilt, daß er die Krone auf dem Kopf hat. Deshalb ruft er seitdem: »Up, up, up!«


43. Aus Finnland (Südkarelen).


Der Eichelhäher wollte einstmals auf eine Hochzeit gehen. Aber weil er ein so schlechtes Gewand hatte, so bat er den Kuckuck um ein schöneres Kleid und versprach, es wiederzubringen. Er hielt indes nicht Wort und brachte es nicht. Seitdem gibt der Eichelhäher keinen Laut von sich, solange der Kuckuck in der Nähe ist. Auch hat der Eichelhäher viel schönere Federn als der betrogene Kuckuck, der sich sein Lebtag mit einem häßlichen Kleid begnügen muß.


  • Literatur: Freundliche Mitteilung von Herrn Prof. Kaarle Krohn.
Quelle:
Dähnhardt, Oskar: Natursagen. Eine Samlung naturdeutender Sagen, Märchen, Fabeln und Legenden, 4 Bände, Leipzig/Berlin, 1907-1912, S. 133-140.
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