C. Das Ausschauen nach dem westlichen Berg.

[150] 1. Sage der Aino.


Als der Schöpfer diese Welt der Menschen geschaffen hatte, waren die guten und die bösen Götter alle zusammen (untereinandergemengt). Sie stritten. Die bösen wollten die Welt beherrschen und die guten auch. Da trafen sie folgendes Abkommen: Wer zur Zeit des Sonnenaufgangs zuerst das leuchtende Gestirn erblickt, soll die Welt beherrschen. Wenn die bösen Götter es zuerst aufgehen sähen, sollten die bösen herrschen, und wenn die guten sie zuerst sähen, sollten die guten herrschen. So sahen also alle Götter zusammen dahin, wo das Gestirn aufgehen sollte. Nur der Fuchsgott sah gen Westen. Nach einiger Zeit rief er aus: »Ich sehe die Sonne aufgehen.« Alle Götter, die bösen wie die guten, sahen sich um, und wirklich: sie sahen den Abglanz des Gestirns im Westen. Darum herrschen jetzt die leuchtenden (guten) Götter.


  • Literatur: Folklore Journal 6, 19.

2. Burjätische Variante.


Amyn-Sagan-chuluguna (bedeutet anscheinend – nach Potanins Übers. IV, 144 eines burjatischen Sprichwortes – die weißmäulige Maus) und das Kamel stritten, mit welchem Monat das Jahr anzufangen sei. [Folgt Wette.] Das Kamel legte sich hin mit der Schnauze nach Osten. Chuluguna aber kletterte ihm auf den Höcker... [Das Kamel will sich im Ärger über die verlorene Wette auf Chuluguna werfen], sie scharrte sich aber in Asche ein vor Schreck. Und jetzt noch reißt das Kamel oft die Feuerbrände auseinander und durchsucht die Asche in der Hoffnung, Chuluguna zu finden.


  • Literatur: (Vgl. unten die Sagen von den suchenden Tieren.)
    Potanin, Očerki 4, 143.

3. Mongolische Sage.


a) Das Kamel und die Maas wetteten einst, wer von ihnen früher die Sonne würde aufgehen sehen. Das Kamel schaute gegen den Osten, die Maus aber setzte sich auf den Kopf des Kamels, lugte gen Westen aus und erblickte zuerst die Sonnenstrahlen auf den westlichen Bergen. Auf diese Weise versäumte das Kamel das Recht auf das erste Jahr im Zyklus von 12 Jahren1, und heute noch liebt das Kamel den Kopf zu heben und umherzuschauen.


  • Literatur: Potanin, Okraina 2, 342. Vgl. oben S. 136.

b) Das Sprichwort: »Du handelst ja so, als ob Elch und Maus sich streiten wollten« (das man beim Zwist eines Reichen oder Starken mit einem Armen oder Schwachen gebraucht) beruht auf folgender Überlieferung:

[Elch und Maus, die Vorfahren der jetzigen Mäuse und Elche, stritten miteinander.][150] Der Elch sagt: »Unsere Sonne geht im Osten auf!« Die Maus jedoch behauptet: »Nein, die Sonne geht bei uns im Westen auf!« – Nun legt sich der Elch mit dem Gesicht gen Osten hin, die Maus – gen Westen. Als aber die Sonne im Aufgehen begriffen ist, beleuchten ihre Strahlen die Höhen der Berge im Westen. »Breitrückiger! deine bunte Sonne hat sich mit dem Hintern zugekehrt!« ruft die Maus bei den ersten Sonnenstrahlen. Der Elch geriet in Zorn ob dieser List, und seit der Zeit ist er der Maus feindlich gesinnt.


  • Literatur: Chudjakov, Verchojanskij sbornik. Irkutsk 1890 (= Zapiski Vost.-Sib. Otd. Imp. Russk. Geogr. Obšč. po etnogr. vol. I, Teil 3).

4. Aus Rußland (ohne Naturdeutung).


Rabe und Schwein stritten miteinander, wer die Sonne zuerst erblicken werde. Der Rabe sprach zum Schwein: »Ach, du Schwein, du siehst die Sonne überhaupt nie!« Das Schwein entgegnete: »Wir wollen um die Wette wachen und es darauf ankommen lassen, wer von uns sie zuerst erblickt.« Der Rabe flog auf eine Eiche und fing an, gen Osten zu schauen, ob die Sonne nicht bald aufginge. Das Schwein hatte den Einfall, nach Westen auf den Berg zu schauen, und schrie auf: »Rabe, siehst du die Sonne? Ich sehe sie.«


  • Literatur: Etnogr. Sbomik 6 (Abt. 1), 124.

5. Aus Nord-Sizilien (ohne Naturdeutung).


Teufel und Bauer wetten, wer die Sonne zuerst aufgehen sieht; der Bauer blickt nach einer Bergspitze im Westen.


  • Literatur: Cristoforo Grisanti, Usi, credenze, proverbi e racconti popolari di Isnello raccolti ed ordinati (Palermo 1899) S. 202.

Das gleiche Motiv des Ausschauens nach Westen findet sich – aus dem Orient übertragen – in der Literatur des Mittelalters. So erzählt Joh. Pauli, Schimpf und Ernst 269 (hg. von Oesterley S. 179):


Vf ein mal waren drei brüder, künigs sün, da wolt ieglicher künig sein, vnd kamen mit einander für die richter. Die richter erkanten, da sie an dem morgen frü alle drei solten vff das feld gon. vnd welcher an dem ersten die sonn vff sehe gon, der solt künig sein.

Sie giengen frü vff das feld, die zwen stalten sich gegen vffgang der sonnen, vnd der drit gegen nidergang der sonnen. Der sähe die son wol ein halb Stund ee scheinen an dem berg, der da gegen was, dan die andern, darumb ward er künig an seines vatters stat ....


  • Literatur: Oesterley vergleicht hierzu: Justin. 18, 3; Joh. Gallensis, Communiloquium sive summa collationum (Argent. 1489 fol.) 2, 14; Libro de los Enxemplos 347 (in: Biblioteca de autor. Español. tom. 51, p. 443); Gesta Romanorum ed. Swan 84 (London 1824); Douce, Illustr. of Shakespeare 2, 410; Hemmerlin, de nobilitate et rusticitate (s. 1. et a., fol.) 6, fol. 19 b; Sani, Gerlach, Eutrapeliarum libri tres (Leipzig 1656) 2, 445. Wackernagel, Deutsches Lesebuch Teil 3, Abt. 1, 80 (Basel 1841).

Fußnoten

1 Die Jahre werden in Zyklen von je 12 Jahren vereinigt; jedes Jahr trägt den Namen eines Tieres. (Potanin, Očerki 4, 143.)


Quelle:
Dähnhardt, Oskar: Natursagen. Eine Samlung naturdeutender Sagen, Märchen, Fabeln und Legenden, 4 Bände, Leipzig/Berlin, 1907-1912, S. 151.
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