A. Unzufriedene (hochmütige, trotzige) Tiere.

1. Vögel.

[176] 1. Rumänische Sagen.


a) Als Gott die Welt geschaffen hatte, bestimmte er jedem Wesen seine Nahrung. Alle Menschen und Tiere waren zufrieden, nur die Zigeuner und die Bachstelzen nicht, die nicht genug bekommen konnten. Da sagte Gott zur Bachstelze:

»Wenn die Zigeuner satt sein werden und nicht mehr sagen, daß sie Hunger haben, so dürft ihr euch den Dörfern nähern.«

Und zu den Zigeunern sagte er:

»Wenn die Bachstelzen in die Dörfer kommen, werdet ihr satt werden.«

Aber weil die Zigeuner immer Hunger haben, nähern sich die Bachstelzen niemals den Dörfern.


  • Literatur: Revue des trad. pop. 8, 596 = Marianu, Ornitologia 1, 330.

b) Ursprünglich hatte die Wachtel nur rote Federn. Unzufrieden mit ihrem Gewande bat sie Gott, ihr ein anderes zu geben. Gott aber nahm sie erzürnt beim Schwänze und tauchte sie in ein Gefäß mit Asche. Die Wachtel kam dann über und über mit Asche bedeckt heraus und begann ihr Gefieder zu waschen. Aber die Federn blieben bis heute rot und grau gesprenkelt.


  • Literatur: Marianu, Ornitologia 2, 231. Vgl. Albina (Revista Populară) 1, 772:

Gott gab den Vögeln Federn, so wie er wollte. Die Wachtel war nicht zufrieden, sie wollte einen Schwanz wie der Pfau. Gott erzürnte darüber, ergriff sie beim Schwänze und tauchte sie in Asche; dabei riß der Schwanz ab, und die Wachtel entfloh ohne Schwanz, ganz voll Asche.


c) Dem Wiedehopf bestimmte Gott Maisbrot als Nahrung; damit war der Vogel aber nicht zufrieden. Da bestimmte Gott ihm – weil es Roggenbrot damals noch nicht gab – Weizenbrot. Als sich der Wiedehopf daran satt gegessen hatte, kam er wieder zu Gott und forderte eine andere Nahrung. Da wurde Gott zornig und sprach: »Wenn du nicht einmal mit der besten Speise der Welt zufrieden bist, so sollst du von nun an – Schmutz fressen.« So geschah's.

Ebenso war der Wiedehopf mit seinem aus schönen Blumen hergestellten Neste nicht zufrieden. Deshalb hat ihn Gott auch darin in derselben Weise gestraft, wie in der Nahrung.


  • Literatur: Mariana, Ornitologia 2, 157. Vgl. Natursagen 1, 328.

[176] d) [Parallele:] Der König der Vögel lud zu seiner Hochzeit alle Vögel der Erde ein. Alle waren mit dem Mahle zufrieden, ausgenommen die Bachstelze, die von Schüssel zu Schüssel sprang und rief: »zirk auch mir, zirk auch mir!« Der Koch schlug sie wütend mit dem Löffel, der sich als Schwanz an ihr befestigte. So entstand der Schwanz der Bachstelze.


  • Literatur: Revue des trad. pop. 9, 621. Vgl. oben S. 15.

2. Aus Rügen.


Als Gott der Herr die Tiere auf Erden erschaffen und jedem Tiere seine Wohnung angewiesen hatte, fügten sich alle in den Willen des Herrn, und waren zufrieden mit dem Platze, den sie erhalten hatten. Nur der Kuckuck murrte und fand an allen Plätzen, die ihm angeboten wurden, etwas auszusetzen: das Dach, auf welchem der Storch nistete, war ihm zu luftig; die Wiese, auf welcher der Kiebitz wohnte, zu naß; die Furche, welche der Lerche zugewiesen war, zu niedrig; der Dachfirst, unter dem die Schwalbe ihr Nest baute, zu eng. Da ward der liebe Gott zornig und sprach: »So wähle dir selbst einen Platz, der dir mehr behagt!« Nun machte sich der Kuckuck auf die Suche, aber nirgends fand er einen Platz, an dem er nicht irgend etwas zu tadeln gehabt hätte. Und so ist es gekommen, daß er bis auf den heutigen Tag heimatlos umherirrt, seine Eier in fremde Nester legt und seine eigenen Kinder nicht kennt.


  • Literatur: Haas, Schnurren S. 107. Eine andere Erklärung des Umherirrens s. Natursagen 2, 6.

3. Aus Ungarn.


Der Kuckuck erbat sich von Gott das allerschönste Gewand; er war mit dem seinigen nicht zufrieden. Da ward Gott zornig auf ihn und setzte ihm den Teufelskamm auf. Seither bereut der Kuckuck stets seine Tat und ruft traurig, denn es lastet ein Fluch auf ihm.


  • Literatur: Kálmány, Ethnol. Mitteil, aus Ungarn = Világunk alakulásai nyelohagyomány-ainkban, S. 48 = Wlislocki, Volksgl. u. relig. Brauch der Magyaren S. 112.

4. Aus Rußland.


Der Specht bat Gott, ihm ein prächtiges Kleid zu geben, und Gott gab es ihm. Zugleich aber verhängte er ihm die Mühsal, sich sein Futter in der Weise zusammenzusuchen, daß er unter Baumrinde Insekten hervorholt.


  • Literatur: J. Werchratsky, Snadobi 1, 127.

2. Säugetiere.

1. Aus Rußland.


Der Bär saß auf einem Zaun und bat Gott um die fünfte Zehe. Gott sagte: »Ich will sie dir geben. Dann aber muß ich dem Menschen Flügel, dem Hunde Pfeil und Bogen geben.«


  • Literatur: Etnograf. Sbornik 6, Abt. 1, S. 122 (1864).

2. Aus Sizilien.


a) Eines Tages sagte der Esel: »Ach, warum muß ich einen Schwanz haben? Wozu dient er mir?« Und der Herr nahm ihn ihm fort. Als er aber ohne Schwanz war, fühlte er, wie er hinten gestochen und gebissen wurde; und da er sich nicht anders davon befreien konnte, schlug er aus und verlästerte die Fliegen, daß sie ihn in solcher Weise quälten. Dann ward er inne, wie notwendig ihm der Schwanz gewesen war, um alle Fliegen damit zu verjagen, die sich auf seinem[177] Rücken festsetzten. Und er bat den Herrn, und dieser gab ihm wieder einen Schwanz. Mit dem verjagt er sich nun, so gut es eben geht, die Fliegen.


  • Literatur: Pitrè, Usi e cost. Sie. 3, 422, Nr. 3.

b) Einmal beschwerten sich die Esel beim Herrn, daß sie längere Ohren hätten, als die Pferde. Da antwortete der Herr, daß er ihnen die Ohren verkürzen würde, wenn sie alle insgesamt beim Urinieren die Kraft hätten, den Urin bis zum Meere laufen zu lassen. Deshalb urinierten alle Esel an ein und demselben Ort. Als sie nun uriniert hatten, hofften sie, der Urin würde bis zum Meere hinlaufen. Aber da konnten sie lange warten! Mit erhobenem Kopf, zusammengepreßten Zähnen und zusammengezogener Oberlippe ließen sie Gott verstehen, daß sie damit nicht Erfolg gehabt hatten. Und seit jenem Tage machen die Esel nach dem Urinieren diese Geste.


  • Literatur: Ebd. Nr. 4.

c) Als der Herr die Welt schuf, erschuf er die Tiere fast alle mit Flügeln; unter denjenigen aber, denen er keine gab, war das Schwein, das sich darüber bei ihm beklagte. Der Herr wollte es zufriedenstellen und machte ihm ein paar aus Wachs. Das Schwein flog befriedigt auf und, um sich allen zu zeigen, flog es höher, als es durfte: denn die Sonne erweichte das Wachs, und das Schwein fiel herab auf die Erde, wodurch sein Rüssel die Form annahm, die er noch hat.

Und solchen Rüssel haben und werden alle Schweine haben, die es gibt und je geben wird.


  • Literatur: Ebd. S. 405.

3. Fische.

1. Rumänische Sage.


Als der liebe Gott die Tiere schuf, sagte er zum Fisch: »Du wirst im Wasser leben und dich von Insekten nähren. Du wirst niemals auf der Erde leben können, und gäbe ich dir unzählige Füße, die Menschen würden dich fangen.« Der Fisch antwortete:

»O Gott, gib mir nur sechs Flossen, und sollte mich der Mensch je fangen, so möge er mich auf das Kohlenfeuer werfen und mich essen«. Gott willfahrte der Bitte des Fisches, und man kennt sein jetziges Schicksal.


  • Literatur: Revue des trad. pop. 15, 5.

2. Aus Westpreußen.


a) Eigentlich stand beim lieben Gott fest, daß bei Erschaffung der Welt die Fische auf den Bäumen leben sollten. Doch mochten diese nicht gern auf diesen Willen eingehen, weil sie der Meinung waren, daß sie alsdann gar zu leicht von den Menschen herabgeholt und gegriffen werden könnten. Da erlaubte es ihnen auch der liebe Gott, setzte sie nach ihrem Willen in das tiefste Wasser und ihnen zugleich als Strafe fest, daß sie es sich alsdann gefallen lassen müßten, gefangen, geschnitten, gebraten und gegessen zu werden. Und also geschah es.


b) Als der liebe Gott den Fisch geschaffen hatte, fragte er ihn, ob er Füße haben wollte. Er verneinte es und wollte sich lieber auf dem Bauche fortbewegen. Auf die weitere Frage, wie er sterben wolle, erwiderte er im Glauben an seine Schnelligkeit: Wenn mich die Menschen lebendig fangen, so sollen sie mir auch lebendig die Schuppen abschrapen, mich lebendig schneiden und kochen.


[178] c) Aus der Tucheler Heide. (Aus der Novelle Cezar Grawinski von A. Weber). Unsere alte Mutter sagte jedesmal beim Fischschuppen: Es ist den Fischen ganz recht, wenn sie gequält werden. Denn als der liebe Gott den anderen Tieren aus Mitleid mit ihrer Not eine Waffe gab, dem Igel die Stacheln, der Kuh die Hörner, da sagten die Fische in ihrem Hochmute: Wir brauchen keine Waffen; wir sind so flink, daß uns niemand greifen kann. Und darum hat Gott aus Rache sie uns gegeben, daß wir sie quälen können, so viel wir wollen.


  • Literatur: A. Treichel, Zoolog. Notizen 4, 166 (Sehr. d. naturf. Ges. in Danzig, N.F. 6, H. 2); auch in den Bl. f. pomm. Volksk. 8, 91.

3. Aus Schweden.


Da der Herr die Fische erschaffen hatte, war die Flunder schöner als alle anderen. Sie vermochte aber ihr Glück nicht zu tragen, sondern stolz auf die eigene Schönheit, nannte sie den Hecht häßlich. Da sprach Gott: »Jetzt sollst du der häßlichste Fisch in der See werden!« Und seit der Zeit ist die Flunder häßlicher als alle anderen Fische.


  • Literatur: Cavallius, Wärend II. XIX. (Ångermanland).

4. Der Krebs.

1. Kleinrussische Sagen.


a) Der Krebs bat Gott immerzu, daß er ihm Ochsenaugen gebe. Aber Gott brachte ihm die Krebsaugen. »Stecke sie in den Hintern!« sagte der Krebs, und Gott steckte sie ihm in den Hintern.


  • Literatur: Dragomanov, Malorussk. nar. predanija, S. 13, Nr. 36.

b) Als Gott die Geschöpfe schuf und ihnen alle Gliedmaßen gab, verteilte er zuletzt die Augen. Alle Tiere waren versammelt, es fehlte bloß der Krebs. Gott verteilte alle Augen, für den Krebs blieben nur die allerkleinsten übrig. [Vgl. unten die Gruppe B.] Da kam der Krebs, und Gott gab ihm diese kleinen Augen. Er wunderte sich darüber und sagte: »Gib mir solche, wie der Ochse hat, und steck sie mir in den Hintern.« Da nahm ihn der Herr und steckte ihm die kleinen Augen in den Hintern, aber Ochsenaugen gab er ihm nicht.


  • Literatur: Jastrebow, Materialy S. 20. (Ebd. die Var.: Als alle Wassertiere ins Wasser gelassen wurden, schwammen die Fische vorwärts, der Krebs aber bewegte sich rückwärts. Da hatte Gott Mitleid mit ihm und gab ihm hinten Augen.) Unzugänglich ist mir Romanov, Bělorusskij Sbornik 4, 168, Nr. 21.

2. Weißrussische Sage.


Als Gott die Welt erschuf, schuf er dieses und schuf er jenes und endlich auch den Krebs. Dann machte Gott auch die Augen für ihn, brachte sie ihm und sagte: »Krebs, Krebs, hier sind die Augen für dich!« Der Krebs betastete sie, sie gefielen ihm nicht. Da sprach er zu Gott dem Höchsten: »Solche garstige Augen! Stecke sie in den Hintern.« Da steckte Gott ihm diese Augen hinein, und bis zum heutigen Tage sitzen beim Krebs die Augen dort, wo er sie hingewünscht hatte.


  • Literatur: Federowski, Lud białorusski 1, Nr. 579.

3. Polnische Sage.


Der Krebs hat im Gegensatz zu anderen Geschöpfen einen rückwärts gerichteten Blick und Gang. Denn als ihn der Herr Jesus machte, fragte er ihn: »Krebs, wo soll ich dir die Augen geben?« Und er erwiderte: »Im Hintern!« Da entgegnete der Sohn Gottes: »Dein Wille geschehe! Von nun an sollst du mit dem Hintern sehen und [mit ihm voran] gehen.«


  • Literatur: Zbiór wiad. 7, 115, Nr. 29.

[179] 4. Litauische Sagen.


a) Als Gott der Herr alle Tiere erschaffen hatte, setzte er allen Augen ein, und als er zuletzt zum Krebs kam, sagte er: »Nun, Krebslein, für dich sind nur ganz kleine Äuglein übrig geblieben!«

Der Krebs erwiderte: »Nun, so kleine steck dir an den Rücken!« Für diese Antwort setzte Gott sie ihm ins andere Ende ein, und somit behielt der Krebs die Augen im Rücken.


b) Als Gott die Tiere erschaffen und sie in das Paradies gelassen hatte, kam er nach einigen Tagen, sie wiederzusehen, und vermißte dabei den Krebs; er fragte, wo er sei, und dieser antwortete: »Wo hast du denn deine Augen, im Rücken vielleicht, daß du mich nicht sehen kannst?« Gott erwiderte darauf: »Mögen deine Augen sich da befinden, aber nicht meine!«


  • Literatur: Živaja Starina 4, 253. Vgl. Veckenstedt, Mythen 1, 229.

c) Von allen Tieren, die Gott erschaffen hatte, war der Krebs der allerklügste, darum, weil er Müller war Nachdem er einige Jahre gearbeitet hatte, fing er an zu stehlen und hatte dabei solches Pech, daß er jedesmal ertappt wurde. Da ging er zum Herrgott und bat ihn um Augen im Rücken, weil er sonst nicht sehen könne, wenn man ihm fremder Sachen wegen nachstelle. Gott bedachte sich nicht lange, nahm dem Krebs die Augen aus der Stirn und legte sie ihm in den Rücken ein. Als er nun die Augen im Rücken hatte, mußte der Krebs das Stehlen ganz aufgeben, denn jetzt konnte er nicht einmal rasch gehen. Da kam er nochmals zum Herrn und bat, er solle ihm vorn und hinten Augen geben, aber Gott antwortete: »Keinem habe ich vier Augen gegeben, und auch du wirst sie nicht erhalten.« Da trug der Krebs, wütend auf seinen Schöpfer, alle Gegenstände, welche zur Mühle gehörten, zum Fluß, warf sie ins Wasser und baute sich eine steinerne Mühle (d.i. die Höhle unter dem Stein am Ufer.) Es vergingen einige Tage, der Fluß schwoll an, und die Mühle wurde vollständig zerstört; der Krebs aber hatte nur den Mühlstein gerettet und ward ein armer Teufel.


  • Literatur: Živaja Starina 4, 256 f.

5. Aus Estland.


Als Gott die Tiere erschuf, hatten sie nicht gleich alle Glieder und Organe, sondern allmählich vervollkommnete Gott seine Geschöpfe, je nach Bedürfnis. Dem Krebs fehlten noch die Augen, weshalb er in einem dunklen Loche verborgen lebte. Da fragte ihn Gott: »Wohin soll ich dir die Augen schaffen?« Und der Krebs antwortete übermütig: »Meinetwegen magst du sie mir nach hinten setzen!« Daher hat er sie jetzt dort.


  • Literatur: Aus dem hdschr. Nachlaß von J. Hurt.

6. Aus Westpreußen.


Als der liebe Gott den Krebs geschaffen hatte, fragte er ihn, wo er die Augen haben wollte. Als er antwortete: »An der Hinterseite!« so geschah es. Als ihn der liebe Gott fragte, wie er sterben wollte, so meinte er im Vertrauen auf sein verborgenes Leben im Wasser: »Wenn mich die Menschen fangen, so sollen sie mich lebendig in heißes Wasser werfen und darin kochen.«


  • Literatur: A Treichel, Zoolog. Notizen IV = Sehr, der naturf. Gesellsch. in Danzig N.F. VI, H. 2, S. 166.

In losem Zusammenhang mit den angeführten Varianten stehen die beiden folgenden Sagen, in denen gleichfalls der Unmut des Krebses, ein[180] trotziger Ausruf von ihm und seine Bestrafung erzählt werden. Aber anstatt des Verteilens der Gaben erscheint das Überschreiten des Baches, wobei Jesus auf den Krebs tritt (vgl. Bd. 2, 84).


1. Rutenische Sage aus Galizien.


Christus watete durchs Wasser, er trat auf einen Krebs und drückte ihn. Damals aber hatte der Krebs die Augen vorne. Wütend rief er Christus zu: »Was gehst du da? Wo hast du deine Augen, daß du auf mich trittst; doch nicht im Hintern?« Christus aber sagte: »Weil du so zu mir sprichst, wirst du von nun an deine Augen im Hintern haben, nicht aber im Kopf!« Und so geschah's, und deshalb sieht auch der Krebs so aus.


  • Literatur: Zbirnyk 12, 77, Nr. 89.

2. Polnische Sage.


Fast wörtlich mit der vorigen übereinstimmend.


  • Literatur: Zbiór wiad. 7, 115, Nr. 30.

Dieselbe unverschämte Frage: »Hast du deine Augen hinten?« kehrt in estnischen Sagen wieder, wo aber statt des Überschreitens des Baches etwas anderes eingesetzt ist.


a) Gott ging einst an einem Bache hin und fragte die Krebse, wo der Weg sei. Sie antworteten schnöde: »Hast du die Augen am Hintern?« Zur Strafe dafür wurden ihnen selbst die Augen an das Hinterteil gesetzt.


  • Literatur: Wiedemann, Aus dem inn. u. äuß. Leben der Esten S. 466.

b) Nachdem Gott die Welt und alles, was darinnen ist, geschaffen hatte, kam er ins Wasser, um die Wassertiere zu besichtigen. Alle versammelten sich um ihn. Nur den Krebs konnte er nicht sehen und erkundigte sich nach ihm. Der Krebs, der gar nicht weit war, antwortete herausfordernd: »Hast du die Augen hinten, daß du mich nicht sehen kannst!« Für diese dumme Antwort setzte Gott dem Krebs die Augen nach hinten. Wenn er sie auch nicht gerade im Hinterteil hat, so weiß doch jedermann, daß der Krebs am schnellsten vorwärtskommt, wenn er den Krebsschwanz vorn und die Augen hinten hat. Wenn er flüchtet, so wendet er immer diese Art an.


c) Gott (Jumal) besichtigte alle Tiere und sah den Krebs nicht. Gott fragte nach dem Krebs. Dieser rief: »Hast du denn die Augen hinten, daß du mich nicht siehst!« Gott sagte: »Weil du mich nicht ehrfurchtsvoll angeredet hast, sollst du selbst die Augen hinten haben.«


  • Literatur: Darum hat auch der Krebs die Augen nicht vorne wie alle anderen Tiere. Aus dem hdschr. Nachlaß von J. Hurt.

Verblaßte Erinnerung an eine ausführlichere Geschichte zeigen folgende kurze Angaben.


1. Aus Oberschlesien.


Gott fragte einst den Krebs: »Wo hast du deine Augen?« Auf die Antwort: »Hinten!« erfolgte der Spruch: »Nun, so mögest du rückwärts gehen.«


  • Literatur: Nehring, Mitt. d. schles. Gesellsch. f. Volksk. 3, 9.

[181] 2. Aus Rumänien.


Das Volk glaubt, der Krebs gehe rückwärts, weil er vor Gericht gelogen und Gott ihn deshalb verflucht hat.


  • Literatur: Archiva din Iasi VIII. 1897, S. 265.

Auch in den Sagen vom Flüssegraben findet sich, wie weiter unten gezeigt werden wird, die Erklärung, warum der Krebs die Augen hinten hat.


5. Insekten.

1. Aus Livland (Lettisch).


Als Gott die Vögel und andere Tiere schuf, lehrte er jedes seine Beschäftigung. Der Laus und gnīda1 erlaubte er, in den Haaren des Menschen zu leben, an seiner Haut zu nagen und sein Blut zu saugen. Aber die gnīda war nicht damit zufrieden, nur an der Haut zu nagen, sie wollte bis auf den Knochen beißen. Da wurde Gott böse und band die gnīda ans Haar, damit sie sich nicht bis auf den Knochen hineinfressen könne.


  • Literatur: Lerchis-Puschkaitis, Latweeschu tautas pasakas.

2. Aus Estland.


Die Nisse2 sagte, sie werde sich ins Gehirn durchfressen, und muß daher an den Haaren hängen und leben.


  • Literatur: Aus dem hdschr. Nachlaß von J. Hurt.

3. Aus Rumänien.


Alle Tiere hatten sich zu Gott begeben, um von ihm Lebensregeln zu empfangen. Nur die Mücke kam zu spät; sie fand keine Entschuldigung. Gott bestimmte ihr als Nahrung den Saft der Pflanzen. Lange Zeit lebte sie davon; dann aber wollte sie mehr zu essen haben und versuchte, ihren Mann zu überreden, von Gott eine andere Nahrung zu erbitten. Der aber war mit dem Saft zufrieden und wollte nicht gehen. Deshalb ging die Mücke selbst. Gott gewährte ihr auch eine andere Nahrung: Blut von Menschen und Bindern; ihr Mann aber sollte außerdem auch noch Pflanzensaft essen dürfen. Seitdem nährt sich die Mücke von Blut, und wenn sie nicht genug findet, so muß sie sterben, ihr Mann aber genießt auch Saft von Kräutern und Bäumen.


  • Literatur: Marianu, Insectele S. 314.

Fußnoten

1 gnīdas, plur zu gnīda = Nisse (Eier der Läuse). Doch ist hier gnīda als Tier gedacht, also wohl Spezies der Laus. Nach dem dtsch. Wb. ist Nisse unverwandt mit poln. gnida. Buss. gnida = Lausenei, Nisse.


2 estn. »Ting.«; wohl auch Laus.


Quelle:
Dähnhardt, Oskar: Natursagen. Eine Samlung naturdeutender Sagen, Märchen, Fabeln und Legenden, 4 Bände, Leipzig/Berlin, 1907-1912, S. 182.
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