VII. Proben von Ortssagen über Aufenthalt oder Fehlen von Tieren.

[217] 1. Aus Großbritannien und Irland.


a) Als St. Patrik die Kanalinseln besuchte, wurde er in Jersey schlecht empfangen und mit Steinen geworfen; in Guernsey aber wurde er freundlich aufgenommen. Da nahm er die Kröten und Schlangen aus Guernsey und verbannte sie nach Jersey, das nun doppelt so viel davon hat.


  • Literatur: Folklore 15, 122 aus E. Carey, Guernsey Folk Lore.

b) Zu Beginn des vorigen Jahrhunderts besaßen die Hexen Schottlands größere Macht als die Irlands und lockten die unzähligen Heringe von Lough Swilly nach Schottland. Seitdem gibt es in Lough Swilly nur noch vereinzelte Heringe.


  • Literatur: Folklore 8, 16.

c) Columkille, der Schutzheilige von Donegal, wanderte umher, müde und hungrig, und traf einige Knaben, die hatten ein Feuer am Flußufer und brieten Forellen des Flusses. Columkille bat um einige, um seinen Hunger zu stillen, aber die Knaben weigerten sich, das Mahl mit ihm zu teilen. Columkille sprach darauf den Fluch aus, daß man in diesem Fluß weder Lachs noch Fo relle fangen solle. Seitdem gibt es im Clonmany weder Lachs noch Forelle, obgleich die benachbarten Flüsse reich an diesen Fischen sind.

Variante:

Die Knaben töteten und aßen die ›Ziege‹, die den heiligen Columkille mit Milch versorgte, während dieser schlief. Darauf folgte der Fluch.


  • Literatur: Folklore 8, 17.

d) Warum in manchen Jahren die Kuckucks zahlreich sind, in manchen nicht, wird so erklärt: Eine alte Frau in Sussex soll ihre Schürze mit Kuckucks füllen und je nach ihrer Laune wenigen oder vielen erlauben fortzufliegen.


  • Literatur: Folklore Record 2, 67.

2. Aus den Niederlanden.


Die hl. Oda wurde durch das beständige Geschrei der Elstern, die im Walde von Weert waren, in ihrer Andacht gestört und bat den Herrn, die Vermehrung dieser Vögel im Walde von Weert zu verhüten. Seitdem sieht man dort keine Elstern mehr.


  • Literatur: Ons Volksleven 11, 100.

3. Aus Westpreußen.


Wie die Bressen aus dem Kosellensee in den Czerwoneksee wanderten, s. Bd. 1, 201.[217]


4. Aus Livland.


a) Eine Sage, warum es im Burtneckschen See (bei Wolmar) keine Weißfische mehr gibt, s. Bd. IV und vorläufig meine Beiträge z. vgl. Sagen- und Märchenforschung S. 44.

b) Als das Heer der Russen unter Kaiser Peters Führung Riga belagerte, das von den Schweden verteidigt wurde, hatte es zuerst gar nicht den erwarteten Erfolg. Die Russen verloren mit der Hoffnung auch den Mut, während aus der Stadt stets das Geläute der Glocken und heller Freudenjubel erklang. Da die Spione nichts Ordentliches erfahren konnten, begab Peter sich selbst verkleidet in die Stadt. Als er eines Abends spät die Schanzen besah, hörte er, wie zwei auf Wache stehende Soldaten sich unterhielten. Einer von ihnen machte sich über die Feigheit der Russen lustig, da sie nicht einmal eine halbverhungerte Stadt einnehmen könnten; er selbst hätte das mit einem hundertmal kleineren Heere zustande gebracht. Als die Soldaten sich nun trennten, befahl Peter dem einen, ihn im Weigerungsfalle mit dem Tode bedrohend, ihm zu folgen. Der Soldat gehorchte. Wie sie nun im Lager Peters ankamen, erzählte der Soldat, daß Riga von einer schwedischen Prinzessin, einer Zauberin, beschützt werde, die sich, in eine Elster verwandelt, nachts in einem Loch an einer Schanze verberge, das er kenne. Wenn aber ein nackter Mensch bei Sonnenaufgang in dies Schanzenloch eine silberne Kugel hineinschösse, dann müsse die Prinzessin für alle Zeit eine Elster bleiben. Peter begab sich sogleich zur Stadt zurück, um es mit der silbernen Kugel zu versuchen. Als er geschossen hatte, verbrannte der Schwede auf dem Fleck, die Zauberin aber flog aus ihrem Loche heraus, ließ sich auf dem Kirchturm nieder und schrie laut: »Rrr, Kaiser Peter ist auch in den Mauern Rigas.« Die Feldherren gaben sogleich Befehl, daß die Tore geschlossen werden sollten. Um nicht gefangen zu werden, begab sich Peter zu einem deutschen Kutscher, namens Schwartz, der gerade Kehricht ausführte; hier legte er sich auf den Wagen und ließ den Kehricht auf sich draufschütten, um sich so aus der Stadt herausfahren zu lassen. Der Kutscher tat das auch. Auf den Kehrichthaufen aber ließ sich nun die Prinzessin-Elster nieder und schrie da geraume Zeit. Daher verfluchte Peter sie, daß sie auf ewig aus Riga verschwinden solle. Am selben Tage aber nahmen die Russen Riga ein. Von dieser Zeit an ist in Riga und fünf Werst weit in der Umgegend keine Elster mehr zu sehen.


  • Literatur: Bienemann, Livländisches Sagenbuch Nr. 184, I.

c) Die Polen hatten einst Riga eingenommen. Da zogen die Schweden heran, tun es ihnen wieder abzunehmen. Aber die Tochter des Polenkönigs, eine große Zauberin, saß auf einem Turme Rigas und verzauberte die Kugeln der Schweden, so daß sie alle abprallten. Endlich erschoß ein schwedischer Soldat die Zauberin mit einer silbernen Kugel. Sie wurde in eine Elster verwandelt und versank in der Düna. Hundert Jahre später kam sie eines Nachts aus der Düna heraus und bat einen Rigenser, ihr ein Kreuz herbeizubringen. Der aber weigerte sich, und die Elster fiel wieder in die Düna zurück, um dort aber mals hundert Jahre zu schlafen. Und so lange wird sich in Riga niemals eine Elster zeigen, als die Zauberelster in der Düna lebt.


  • Literatur: Ebd. Nr. 184, II.

5. Sage der Aino.


Zu Anbeginn der Welt lebten der Fuchs, die Otter und der Affe in engster Freundschaft. Eines Tages sprach der Fuchs zur Otter: »Was meinst du, wollen[218] wir uns aufmachen und Nahrung und Schätze von den Japanern stehlen?« Da die beiden Gefährten einwilligten, gingen sie zum Hause eines reichen Mannes und stahlen einen Sack Bohnen, einen Sack Salz und eine Matte. Als sie mit ihrer Beute heimkamen, sagte der Fuchs: »Otter, du magst das Salz nehmen, um die Fische zu salzen, die du fängst. Du, Affe, nimm die Matte, du kannst deine Kinder darauf tanzen lassen. Ich selbst will die Bohnen nehmen.« Darauf entfernten sich alle drei in ihre Behausungen. Bald nachher ging die Otter zum Fischen an den Fluß. Aber da sie ihren großen Salzsack beim Tauchen bei sich hatte, so schmolz das Salz im Augenblick zu ihrer großen Enttäuschung. Dem Affen ging es nicht besser. Als er die Matte oben auf einen Baum ausgebreitet hatte, um seine Kinder darauf tanzen zu lassen, fielen die Kinder herab und zerschmetterten. Der Affe und die Otter schlössen nun voller Wut über das Unglück, das die List des Fuchses über sie gebracht hatte, einen Bund gegen den Fuchs. Da nahm der Fuchs Bohnen aus seinem Sack, zerkaute sie zu einem Brei, beschmierte sich damit, legte sich hin und tat, als ob er krank wäre. Als die Otter und der Affe kamen, um ihn zu töten, sagte er: »Seht, wie jämmerlich ich zugerichtet bin! Das ist die Strafe, weil ich euch getäuscht habe. Mein ganzer Leib ist jetzt mit Beulen bedeckt, und ich bin am Sterben. Ihr braucht mich nicht zu töten. Geht nur weg, ich sterbe schnell genug.« Der Affe glaubte, daß der Fuchs die Wahrheit spräche, und ging unwirsch fort über die See nach Japan, und darum gibt es im Lande der Aino keine Affen. [Von der Otter wird nichts weiter gesagt.]


  • Literatur: Chamberlain, Aino Folklore p. 17.
Quelle:
Dähnhardt, Oskar: Natursagen. Eine Samlung naturdeutender Sagen, Märchen, Fabeln und Legenden, 4 Bände, Leipzig/Berlin, 1907-1912, S. 217-219.
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