III. Europäische Überlieferung.

[23] Auch nach Europa ist die Fabel literarisch wie mündlich gewandert. Wir finden sie bereits in der mittelhochdeutschen Dichtung.

In einem Gedicht Bruder Werners (MSH III, 16, Nr. 26) führt ein Fisch einen Affen über einen See. In der Mitte des Wassers angekommen, verlangt er dessen Herz oder droht ihn zu ertränken. Während der Affe mit dem Fisch unterhandelt, kommt dieser zu nahe ans Ufer. Der Affe springt ans Land und entflieht. (Vgl. Liebrecht, Zur Volkskunde S. 122.)

Aus dem Buch der Beispiele der alten Weisen (Kap. VI, Hollands Ausg. S. 122 ff.) schöpfte Hans Sachs, wie er selbst angibt, den Stoff zu der Fabel: Der aff mit der schildtkröten (Fab. u. Schw. hg. von Goetze[23] u. Drescher 2, Nr. 347; 4, Nr. 433. Vgl. Stiefel, Nürnberger Festschrift, S. 178).

Dazu kommen drei aus dem Volksmunde aufgezeichnete Versionen.


1. Aus Rußland (Moskau).


Es war einmal ein König der Fische, dem es an Weisheit fehlte. Seine Räte sagten ihm, wenn er das Herz eines Fuchses essen würde, würde er weise werden. Da schickte er eine Gesandtschaft, bestehend aus Walfischen und anderen Großen seines Reiches. »Unser König möchte deinen Rat in einer wichtigen Angelegenheit hören.« Der Fuchs willigte geschmeichelt ein. Ein Walfisch nahm ihn auf den Rücken.

Auf dem Wege, als die Wellen ihn schon benetzten, fragte er, was man denn eigentlich von ihm wolle. Sie sagten, ihr König wolle sein Herz essen, dadurch hoffe er, klug zu werden. »Warum habt ihr mir das nicht vorher gesagt?« fragte er. »Ich würde für eine so wertvolle Sache gerne mein Leben opfern. Aber wir Füchse lassen unser Herz immer zu Hause. Tragt mich zurück, damit ich es holen kann, euer König könnte sonst zornig werden.« Also trugen sie ihn zurück. Sobald er in die Nähe des Ufers kam, sprang er an's Land und rief: »O, ihr Narren, habt ihr je gehört, daß ein Tier sein Herz nicht bei sich hat?« und machte sich davon. Die Fische mußten ohne ihn zurückkehren.


  • Literatur: Cowell, vol. II, Nr. 208, S. 110 ff., Anm. um 1860 aufgezeichnet.

2. Fabel der transsilvanischen Zigeuner.


An einem großen Flusse stand einmal ein großer Nußbaum, auf diesem wohnte ein Eichhörnchen, unten im Flusse aber wohnte ein großer Fisch, der oft zum Nußbaum kam und das Eichhörnchen um Nüsse bat. Das Eichhörnchen warf dann Nüsse in den Fluß, und der Fisch trug sie ins Wasser hinab zu seiner Frau, die sie sehr gerne aß.

Einmal sprach die Frau zu ihrem Mann: »Höre, das Fleisch des Eichhörnchens wird wie Nüsse schmecken.1 Geh und bringe das Eichhörnchen, ich will es essen.«

Der Fisch wollte nicht und sprach: »Das Eichhörnchen habe ich lieb und will nicht, daß es sterbe.« Da wurde seine Frau zornig und sprach: »Ich weiß, daß du das Eichhörnchen liebst, denn es ist ja auch ein Weib, ich weiß, daß du bei ihm schläfst.2 Darum will ich, daß du es mir bringest.«

Da ging der Fisch zum Eichhörnchen und sprach zu ihm: »Liebe, komm zu mir in mein Haus. Ich trage dich auf meinem Rücken hin; du wirst dann im Wasser nicht ertrinken.3 Komm, wir haben gutes Essen.« Das Eichhörnchen stieg also auf den Rücken des Fisches, und als sie auf dem Wasser waren, sprach der Fisch: »O, du Arme! du wirst sterben, denn meine Frau will dich essen.« Da erschrak das Eichhörnchen und sprach: » Mein Herz ist nicht bei mir, es ist oben am Nußbaum, und ohne Herz kann ich nicht sterben; darum fürchte ich mich nicht.«

Nun sprach der Fisch: »Ich trage dich wieder zum Nußbaum! Geh und bringe dein Herz, denn meine Frau will, daß du sterbest.« Hierauf trug er das Eichhörnchen zurück. Dies sprang auf die Erde, lief davon und sprach: »Warte, du[24] dummer Fisch! Warte, mich wirst du nicht wiedersehen!« Und der dumme Fisch kam ohne das Eichhörnchen zu seiner Frau, die ihn ordentlich durchprügelte.


  • Literatur: H.v. Wlislocki, Ethnol. Mitt. aus Ungarn 1, 1887, Nr. 2, S. 166.

Der Fisch ist bei den Zigeunern das Sinnbild der Dummheit. »Dumm wie ein Fisch, klug wie ein Fuchs« lautet ein zigeunerisches Sprichwort.

Welches die unmittelbare Quelle dieser Fabel ist, läßt sich nicht angeben; vermutlich haben sie die Zigeuner aus ihrer indischen Heimat mitgebracht und im Laufe der Zeit die Affen in ein Eichhörnchen umgewandelt (zigeunerisch kápiká = Eichhörnchen, altindisch kapi = Affe).


3. Fabel der siebenbürgischen Szekler.


Wo es war, wo es nicht war, wo es gut war, während es nicht schlecht war, dort war ein modriger Eichbaum, auf dessen Wipfel ein Adler wohnte mit seiner lieben Gemahlin, und unten im Eichbaum hauste in einem Loch eine herrenlose Katze. Lange Zeit hindurch lebten in guter Freundschaft die Katze und der Adler samt dessen Gattin. Wenn die Adler von ihrem Heim wegflogen, bewachte die Katze unterdessen die Adlerjungen; wenn aber die Katze ausging auf die Wiesen und Felder, um Mäuse zu fangen, so bewachten die Adler deren Häuschen, damit es kein anderes Tier einnehme. Und wenn dann die Katze Mäuse nach Hause brachte, teilte sie sie stets mit den Adlern; denn diese aßen sehr gerne Mäusefleisch. – Einmal war's, wo's nicht war, genug dazu, es geschah, daß des Adlers teure Gattin also sprach zu ihrem Gemahl: »Uns ist es eine Schande fürwahr, wenn wir als Adler Mäuse fangen! Aber auch das ist wahr, daß ich das Mäusefleisch außerordentlich gern habe. Unser Nachbar dort unten ißt Tag für Tag Mäusefleisch, und ich glaube, daß sein Fleisch ganz nach Mäusen schmecken kann. Ich bitte dich, erwisch unsern Nachbar und flieg mit ihm auf irgendeinen hohen Berg; ich werde dir bald nachfliegen, und dann verzehren wir den Nachbar. Ich mag mich auch einmal an Mäusefleisch satt essen.« Hei! aber ihr Gemahl wollte davon nichts wissen, schließlich mußte er aber doch zur Katze hinabfliegen, zu der er also sprach: »Lieber Kamerad, ich bringe eine gute Nachricht. An der Grenze Bulgariens weiß ich eine Stelle, wo so viele Mäuse sind wie Würmer. Wenn du willst, so kriech auf meinen Rücken, und ich trage dich hin.«

Die Katze willigte ein, kroch auf des Adlers Rücken, und dieser flog mit ihr davon, während seine liebe Gattin ihnen in der Ferne nachfolgte.

Als sie schon weit geflogen waren, sprach der Adler: »Hei! lieber Kamerad, wie bedaure ich dich! Nicht wirst du mehr Mäusefleisch essen, denn meine Frau will, daß ich dich umbringe, damit sie dich verzehre; denn dein Fleisch wird gleich dem der Mäuse schmecken.« Da erschrak die Katze, aber sie faßte Mut und sprach: »Lieber Freund, du hast schlecht getan, daß du es mir nicht früher gesagt hast, als wir über jenen hohen Wald flogen. Denn dort liegt mein Herz verborgen, und dies ist der beste Bissen an mir. Ich weiß, daß es deiner Frau gut bekommen würde!«

Schnell machte der Adler kehrt und begegnete im Fluge seiner Frau, der er die Worte der Katze mitteilte. Na, die Frau brauchte eben nur noch das zu hören! Sie ließ durch ihren Gemahl die Katze an den Rand eines großen Waldes tragen, wo sie sich niederließen und zur Katze sagten: »Kamerad! Laufe und bring' uns dein Herz.« – »Zum Nachtmahl kehre ich damit zurück,« versetzte die Katze und lief und lief und lief in den großen Wald hinein, und wenn sie nicht stehen geblieben ist, so läuft sie auch noch heutigen Tags.


  • Literatur: Ebd. S. 166.

[25] Zu unterscheiden von der soeben behandelten Fabel ist eine zweite, in der die Schildkröte den Affen überlistet.


Aus Celebes.


Der Affe und die Schildkröte schlössen einstmals Freundschaft; dann gingen sie beide fort, und jeder pflanzte einen Bananenbaum. Der, welchen der Affe gepflanzt hatte, gedieh nicht und starb bald ab; aber der der Schildkröte schlug gut ein, wurde von ihr gebührend gepflegt, wuchs und trug Früchte. Als diese reif waren, sprach die Schildkröte zum Affen: »Lieber Freund, klettere bitte hier hinauf, ich kann es nicht.« Der Affe kletterte auf den Bananenbaum, pflückte die Früchte ab und fraß sie. »Laß mir auch noch einige übrig,« sprach die Schildkröte. Der Affe erwiderte, er wolle nur erst kosten. Als aber die Schildkröte sah, daß der Affe alle Bananen für sich nahm, begann sie den Rasen und die Kräuter um den Baum auszurupfen und ließ Unrat an dem Platze zurück. Dann pflanzte sie Stechpflanzen und bat den Affen um Blätter von dem Bananenbaum. Er warf einige herab, die Schildkröte sammelte sie und benutzte sie, um die Dor nen zu verbergen. Als nun der Affe wieder herabspringen wollte und er die Schildkröte fragte, wo er es am besten könnte, gab sie ihm die Stelle an, wo die Stechpalme mit den Blättern des Bananenbaumes stand. Der Affe sprang gerade in die spitzigen Dornen hinein, verwundete sich und starb. Als die Schildkröte sah, daß der Affe tot war, nahm sie seine Knochen und machte Kalk daraus.

Eines Tages kamen einige Affen dort vorüber und fragten die Schildkröte, wo ihr Freund sei. Sie gab ihnen Betel zu kauen, den sie aus dem Kalk gemacht hatte, und als sie fort waren, rief sie hinter ihnen dreimal her, daß sie die Knochen des Affen gegessen hätten. Sie kehrten um und wollten die Schildkröte verbrennen. Als diese damit einverstanden war, beschlossen sie, sie in den See zu werfen. Als die Affen sahen, daß sie darüber jammerte, nahmen sie sie und warfen sie hinein. Als aber die Schildkröte im Wasser war, rief sie den Affen zu: »Ich habe euch angeführt; hier ist ja meine Wohnung.«

Da schlössen die Affen einen Bund mit dem Dang-kou (anoa depressicornis) und überredeten ihn, den See auszutrinken und die Schildkröte zu fangen. Dieser tat es, und die Affen traten in den Sumpf, um die Schildkröte zu suchen. Da sprach diese zur Krabbe: »Der See ist von dem Dang-kou ausgetrocknet; ich bitte dich, stich ihn in den Bauch, um ihn zu verwunden.« Da stach ihn die Krabbe so stark, daß sein Bauch durchbohrt wurde und das Wasser herauslief, wie bei einer Überschwemmung. Der Dang-kou kam um, und die Affen ertranken alle zusammen. Darum tragen die Krabben noch heute auf dem Rücken ein Bild, wie einen Abdruck, der von dem Dang-kou markiert war, als er getötet wurde.


  • Literatur: Revue des trad. pop. 14, 547. Nach dem engl. Text von Kern, Actes du VIII. Congrès international des Orientalistes, IV. partie, section V (1892), p. 18–20.

Fußnoten

1 Vgl. textus simplicior des Pañcatantra. Oben S. 16.


2 Vgl. Tantrākhyāyika.


3 Vgl. Textus simplicior.


Quelle:
Dähnhardt-Natursagen-4, S. 26.
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