E. Wolf oder Schwein als Besitzer des Dokumentes.

[124] Der Kreis der handelnden Tiere wird in den untenstehenden Fassungen weiter ausgedehnt: Wolf oder Schwein treten an die Spitze und müssen den Verlust ihrer wichtigen Papiere tragen. In der dritten, litauischen Variante sucht der Wolf, wie oben S. 117 der Hund, seine Adelsbeweise.


1. Aus Polen.


Ein Wolf beerbte seinen Vater. Es waren zwar mehrere Brüder, aber da ihn der Vater am meisten liebte, so vermachte er ihm alles. Die Brüder waren neidisch darüber und trachteten ihm sein Erbe wegzunehmen. Der Wolf bemerkte dies und dachte: Wo soll ich es verstecken? Er begegnet einem Hund und spricht zu ihm: »Weißt du was? du wohnst auf dem Dorfe, so verwahre mir meine Gerechtsame, denn ich weiß nicht, wohin damit. Und. dort, in deiner Hütte kannst du es irgendwo hintun.« Der Hund nahm es und dachte: »Ja, wo soll ich es verbergen, hoch hinauf kann ich doch nicht, hm!« Und so geht er heimwärts. Da kommt eine Katze daher. »Weißt du was? Mir gab ein Wolf seine Gerechtsame zur Verwahrung. Aber ich kann nicht hoch hinaufklettern, also nimm du es und verwahr' es irgendwo.« Die Katze nahm es und versteckte es hinter einer Latte unter dem Strohdach, und eine Maus kam und fraß es.

Und die Brüder des Wolfs begannen einen Rechtsstreit wegen des Vaterguts. Da ging der Wolf zum Hund, um das Testament zu holen, der Hund zu der Katze, und die Katze machte sich auf, die Gerechtsame herbeizuschaffen und fand eine Maus, wie sie gerade dabei war, sie zu zernagen. Sie kehrte um und erzählte es dem Hunde. Der Hund erzählte die ganze Geschichte dem Wolf, und der Wolf war erbost und stürzte sich auf den Hund. Der Hund ergriff die Flucht und brachte sich in Sicherheit! Warte nur! Für soviel Schrecken, wie ich ausgestanden habe, sollst du mir büßen. Und holla! ging es auf die Katze los. Aber die Katze flüchtete sich zur Stubendecke hinauf, und nun fiel die Katze über die Maus her. Und von jener Zeit an herrscht erbitterte Feindschaft zwischen Wolf und Hund, Hund und Katze, Katze und Maus. (Aus der Gegend von Iwonicz.)


  • Literatur: B. Gustawicz, »Podania«. In: Zbiór wiadomości do antropologii krajowej 5, S. 177.

2. Aus Weißrußland, Gouvernement Grodno.


In alten Zeiten lebten Wolf, Hund, Katze und Maus in guter Kameradschaft miteinander, haßten sich nicht, einer stand für den andern, und sie litten in nichts Mangel. Einmal hatte der Wolf Hunger, er ging zu Gott und bat um Durchfütterung. Gott gab ihm ein Schriftstück, worin ihm erlaubt war, in Kirchdörfern und Weilern sich Almosen ungehindert zu erbitten. Damit begab sich der Wolf auf sein Bettlergewerbe. Unterwegs mußte er über einen Steg, der über einen Bach führte, und fiel aus Unvorsichtigkeit ins Wasser, und das Papier wurde so naß, daß es, ohne vorher ausgetrocknet zu sein, nicht zu brauchen war. Er kam ins nächste Dorf gelaufen, rannte in die erste beste Stube hinein und bat dort den Haushund, ihm einen Freundschaftsdienst zu erweisen und ihm sein nasses Schriftstück zu trocknen; er selbst aber, auch naß, ging in die Getreidedarre sich abzutrocknen. Nach dem Weggang des Wolfes hatte der Hund, so sorgfältig es ging, das Schriftstück auf einer Bank ausgebreitet, und da es ihm nicht möglich war, die ganze Zeit des Trockenwerdens zu überwachen, überließ er das der Katze mit der Bitte, dieses Papier dem Wolfe zu übergeben, sobald er darum zu ihr kommen würde.[125] Unterdessen schlief die Katze ein, und das bald getrocknete Schriftstück fiel von der Bank zu Boden und geriet der Maus, die gerade hinzulief, in die Zähne. Die Maus, nicht wissend, was das für ein Papier sei, zerbiß es fast ganz und schleppte die Überreste in ihr Loch. Als der Wolf in die Stube zurückkam und von dem Geschehenen hörte, fing er an, seine Gefährten zu schelten. Da sich aber niemand als schuldig bekennen wollte, so verzankten sie sich untereinander völlig. Der Wolf war in Verzweiflung, denn mehr als ein Schriftstück konnte ihm nicht ausgereicht werden. Er heulte auf, der Arme, aus tiefster Wut und stürzte sich erbittert auf den Hund, dem es erst nach schwerem Kampfe gelang, sich seinen Tatzen zu entreißen. Dann warf sich der Hund seinerseits auf die Katze und ließ sie nicht eher los, als bis er sie fast zerbissen hatte. Nun warf sich die Katze auf die Maus, als Hauptschuldige am Unglück des Wolfes. Seitdem besteht gegenseitige Feindschaft und der Abscheu zwischen Wolf, Hund, Katze und Maus.


  • Literatur: Šejn, Materialy II, 348 Nr. 194.

3. Aus Litauen.


Wir erzählen von alten Zeiten, als noch die Menschen die Kühe kaum melkten, als noch die Steine wuchsen und die Tiere und Vögel sich miteinander unterhielten, daß die Menschen sie verstanden und mit ihnen sprechen konnten. Damals hatte der Wolf große Adelsbeweise. Er konnte diese Beweise im Walde nicht verstecken, also gab er sie dem Hunde. Er bat ihn: Da du alle Schlupfwinkel im Hause kennst und überall Zutritt hast, könntest du mir nicht meine Dokumente so lange verbergen, bis ich sie wieder brauche? Der Hund nahm vom Wolf die Adelspapiere an, und da er sie nicht gut verbergen konnte, gab er sie der Katze. Bittet der Hund die Katze: Du kannst überall hinein, auch wo es eng ist, du kannst besser verstecken, daß sie nicht verfaulen und verderben. Die Katze gehorchte dem Hund und, indem sie es gut machen wollte, trug sie und verbarg sie dieselben auf dem Boden. Inzwischen zerbiß die Maus die Dokumente. Der Wolf, der Hund, die Katze und die Maus lebten einträchtig miteinander so lange, als der Wolf nicht die Dokumente vom Hund und der Hund von der Katze verlangte. Nach einiger Zeit verlangte nämlich der Wolf die Dokumente vom Hunde, der Hund fragt die Katze. Die Katze geht auf die Suche und findet die zerrissenen Dokumente des Wolfes. Der Wolf sucht bis heute die Dokumente beim Hund, und der Hund sucht sie bei der Katze und die Katze bei der Maus. Und bis heute herrscht Feindschaft zwischen ihnen.


  • Literatur: Dowojna Sylwestrowicz, Podania żmujdzkie. Bibliothek der Wisła XIII, S. 400.

4. Aus Ungarn.


a) Warum das Schwein den Hund, der Hund die Katze, die Katze die Maas haßt.


Das Schwein empfing einmal irgendeine Urkunde (diplôme). Es hütete sie wie seinen Augapfel, aber einmal mußte es sich auf eine lange Reise begeben und konnte sie nicht mitnehmen. Es überlegte, was es damit tun könnte, und zuletzt entschloß es sich, sie dem Hund, seinem besten Freund zum Aufheben zu übergeben. Der Fund sorgte auch eine Zeitlang getreulich dafür, aber eine wichtige Sache zwang auch ihn zu verreisen. Was sollte er mit der Urkunde machen? Er hatte keine andere Bekanntschaft als die Katze, also vertraute er sie dieser an. Die Katze bewahrte sie eine Zeitlang gut auf, aber zuletzt langweilte es sie, denn sie konnte ihre Schwätzchen in der Nachbarschaft nicht dabei abhalten. Aber da sie niemand kannte, wußte sie nicht, wem sie das kostbare Gut anvertrauen solle, und verbarg[126] es auf dem Kornboden hinter einem großen Balken. Dann ging sie ohne jegliche Sorge fort, um ihre Besuche in der Nachbarschaft zu machen. Gegen Abend kam sie ins Haus zurück, suchte das Papier, aber die Mäuse hatten es ganz zernagt. Als der Hund zurückkam, konnte die Katze ihm die Urkunde nicht wiedergeben, und auch das Schwein verlangte es vergebens von jenem. Seitdem kann das Schwein den Hund, der Hund die Katze und die Katze die Maus nicht mehr leiden.


  • Literatur: Revue des trad. pop. VII, 479 = L. Arany, Eredeti népmesék p. 316, Pest 1862.

b) Eine Variante aus Magyar Nyelvör XVI, 571, vgl. L. Arany, Magyar Népmese-Gyiytemény S. 268, ist mir nicht zugänglich.

Quelle:
Dähnhardt-Natursagen-4, S. 124-127.
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