IV. Die Wahl des Pfaus zum König.[185] 1

Eine nur in literarischer Überlieferung lebende Fabel ist die von der beabsichtigten Wahl des Pfaus zum König der Vögel. Da sie sehr arm an Handlung ißt und lediglich in einer Meinungsäußerung gipfelt, darf es[185] nicht wundernehmen, daß sie in lebender Volkstradition nicht zu finden ist. Eher fast mag man staunen, daß die Fabel seit dem äsopischen Zeitalter bis zu Rollenhagen und Caron (17. Jahrhundert) immer wieder auftaucht, freilich nicht ohne Spuren der langen Tradition, ehrenvollen Narben vergleichbar, aufzuweisen.

Die vermutlich älteste Fassung von allen vorliegenden dürfte die äsopische2 sein; in der Übersetzung von Binder3 lautet sie folgendermaßen:


Als die Vögel einen König wählen wollten, machte der Pfau wegen seiner Schönheit Anspruch darauf, daß man ihn wähle. Als nun die Wahl allgemein auf ihn fiel, nahm eine Dohle das Wort und sagte: »Wenn nun aber du König bist und den Adler die Lust ankommt uns zu verfolgen, wie wirst du uns da helfen?«


Auch diese Fabel ist ein gutes Beispiel dafür, ›wie der griechische Erzähler die Geschichte auf ihren knappsten und spitzesten Ausdruck, sozusagen auf ihre mathematische Formel bringt.‹4 Jeder Zug, jedes Wort ›sitzt‹ und ist bedeutsam, und nur zu berechtigt ist der Vorhalt der Dohle, die Pointe der Fabel.

Es dürfte nicht unwichtig für die Beurteilung der übrigen Fassungen sein, daß gerade dieser letzte, wichtige Zug in den indischen Versionen verändert und z.T. stark abgeschwächt erscheint, So z.B. schon im Tantrākhyāyika, wo man eigentlich eine gutmotivierte, kräftige Pointe zu erwarten geneigt wäre. Wir finden aber statt dessen hier wie im Jātaka vor allem die eine Begründung: die Eule hat ein unfreundlich blickendes Gesicht, wenn sie nicht böse ist, wie wird sie aber erst aussehen, wenn sie in Zorn gerät?5 Erst später heißt es auch im Tantrākhyāyika: »diese Eule ist böse, nicht fähig die Untertanen zu schützen6

Diese Abschwächung der Pointe ist zugleich die wichtigste Änderung gegenüber der griechischen Fassung, denn es wiegt weniger schwer, daß Eule und Rabe an die Stelle von Pfau und Dohle getreten sind7 und daß die wortreiche indische Erzählung so manches neue Detail aufweist. Alles in allem genommen verbürgen die Übereinstimmungen zwischen der griechischen und sämtlichen orientalischen Versionen die Verwandtschaft, und zwar sind es die folgenden vier Motive die für den Beweis in Frage kommen:


1. Die Vögel sind versammelt zum Zweck der Königswahl.

2. Die Wahl fallt zunächst einstimmig8 auf einen Vogel, allein der[186] Grund dafür ist wenig stichhaltig; öfter wird das gefällige Äußere des betreffenden Vogels zum Vorwand genommen.9

3. Ein abratender Vogel macht auf die mangelhaften Eigenschaften des Thronkandidaten aufmerksam.

4. Die Vögel stehen von der früheren Wahl ab.10


Wie wir gesehen haben, muß die äsopische Fabel als die ursprünglichste gelten, demnach ist es erst ein sekundärer, durch den Rahmen veranlaßter, Zusatz, wenn in den weitauspinnenden indischen Fassungen ein ätiologischer Schluß angehängt ist.

Im Tantrākhyāyika wird er folgendermaßen herbeigeführt:


Als unter den Vögeln Anarchie herrschte, da kamen sie alle auf den Gedanken: »Wen von uns salben wir zum König der Vögel?« Da kamen sie zu dem Beschluß: »Wir wollen die Eule salben.« So begannen sie denn die Salbungsfeierlichkeit, nachdem sie, wie es die Satzung erheischt, alle zur Salbung nötigen Gegenstände zusammengebracht hatten, .... da sahen sie in der Luft einen Vogel dahinziehen, dessen Namen sie nicht kannten. Als sie ihn sahen, unterbrachen sie die Salbung: »Dieser muß unbedingt auch zu unserer Versammlung zugezogen werden, denn etwas Großes ist diese königliche, für die ganze Erde wichtige Angelegenheit.« Und als er gekom men war, wurde er gefragt: »Lieber, bist auch du damit einverstanden, daß dieser Tagblinde [= Eule] uns als Untertanen schirme?« Jener sagte: »Sind denn alle andern Vögel ausgestorben, ... der Pfau, der Kuckuck, ... daß ihr diese Eule mit ihrem ungnädigen Blick für die Königswürde salben wollt? Und ferner:


48. Schon wenn sie nicht zornig ist, ist ihr krummnasiges, ganz schieläugiges, grausames, unfreundlich blickendes Gesicht böse; was wird sie erst tun, wenn sie zornig ist!

49. Salbt die von Natur furchtbare, allzugrausige, niedriggesinnte, unfreundlich redende Eule: es wird euch kein Heil daraus entstehen.


Aber vergeblich versengt sie mit ihrem Blick die Welt und ist für Vorwände empfänglich .... Diese Gemeine [Eule] ist böse, nicht fähig die Untertanen zu schützen ... Darum besitzt diese Eule jedenfalls nicht die Tugenden eines Mannes, dessen Dienste man suchen soll. Was sollen wir also mit ihr?«

Die Vögel billigten diese Rede [des Raben], dachten: »Er hat gut gesprochen« und sagten: »Wir wollen später wieder einmal zusammenkommen und über das große Königsgeschäft beraten.«

Nach diesen Worten, flogen alle Vögel auseinander, wie sie gekommen. Nur die Eule war zurückgeblieben und saß auf dem Königssitz, der Salbung harrend: »Und wer hat dies zu meinem Schaden gesagt?« Als sie nun den Hergang erfuhr, daß der Rabe es gewesen, da sagte die Eule, indem ihr Herz durch die Worte des Raben ent flammt war, zu ihm: »Was habe ich dir zuleide getan, daß du mir die Salbung verdorben hast? ... Wozu also viele Worte? Vom heutigen Tage an wird Feindschaft sein zwischen uns und euch.« Und als die Eule so gesprochen, gab sie die Hoffnung auf die Salbung auf und ging davon, wie sie gekommen.

[187] ... »So also, Majestät [sagte der Minister Cirajīvin zu Mēghavarna, dem Rabenkönige], besteht infolge der Wirkung der Rede zwischen uns und den Eulen Feindschaft11


Ähnlich wird im Jātaka Nr. 270 (Dutoit 2, 399) erzählt, daß wie die Menschen einen sehr schönen Mann, die Vierfüßler den Löwen und die Fische den Ānanda-Fisch zum Könige wählten, so auch die Vögel sich einen Gebieter suchen wollten.


[Die Eule erregt Gefallen und wird vorgeschlagen, allein die Krähe warnt vor ihr und spricht die Strophe:]


»Heil sei euch allen! Nicht gefällt mir,

daß ihr die Eule macht zum König.

Seht ihr Gesicht, wenn sie vergnügt!

Wie wird es erst sein, wenn sie zürnt?«


[Nach diesen Worten fliegt die Krähe davon, die Eule erhebt sich ebenfalls und verfolgt sie.] Von da an hatten sie Feindschaft miteinander. Die Vögel aber machten den Goldschwan zu ihrem Könige und entfernten sich wieder.


Auch in den Avadănas, den indischen, in China aufgezeichneten Fabeln findet sich eine Fassung unserer Erzählung, der allerdings die Feindschaftsätiologie fehlt.


Die Vögel versammeln sich zur Königswahl. Es werden verschiedene Vorschläge gemacht und die Eigenschaften derer, die sich zum König eignen, geschildert. Zuletzt nennt ein Vogel die Eule, denn sie wache in der Nacht und könne daher die Vögel beschützen. Die Mehrzahl ist mit diesem Vorschlag einverstanden, nur der Papagei widerspricht und sagt, wenn alle Vögel der Eule dienen würden, so müßten sie Tag und Nacht auf der Wacht sein, und das wäre ein elendes Schicksal. Gerate sie aber in Wut, so würde sie den Vögeln die Federn ausrupfen. Er schließt mit den Worten: »Zieht ihr es vor, eurer Federn beraubt zu werden, als um ein Weniges die Gesetze der Vernunft zu übertreten?« Die Vögel bewundern die Klugheit des Papageis, und nachdem dieser nochmals vor der Eule gewarnt hat, wird er selbst zum König der Vögel gewählt.


  • Literatur: St. Julien. Les Avadânas 1, 41 ff.

Als letzte der orientalischen Fassungen möge hier die armenische des Wardan stehn. Sie stimmt fast wortgetreu mit der äsopischen überein (nur daß die Dohle durch die Taube ersetzt ist) und hat wie diese keine Ätiologie.


Les oiseaux s'étant réunis, ils élurent le Paon, à cause de sa beauté, et le sacrèrent roi. La Colombe vint alors vers lui, et lui dit: O excellent roi, si les Aigles nous tourmentent, comment pourras-tu nous secourir?


  • Literatur: Choix de Fables de Vartan en Arménien et en Français p. 15, fab. VII. Paris 1825.

In der mittelalterlichen abendländischen Überlieferung, besonders in der Romulustradition ist die Fabel weit verbreitet.12 Mit mehr oder weniger[188] starken Abweichungen steht sie bei Odo (Hervieux 2, 599), Sheppey (Hervieux 2, 423) und Marie de France (Hervieux 2, 487). Für Maries Variante ist vielleicht auf vermittelnder Stufe zwischen ihr und der letzten Quelle13: Aesop Halmii Nr. 398 eine Fassung vorauszusetzen, in der wie bei Wardan fab. 214 die stärkste Stimme den Ausschlag für die Wahl zum Könige gegeben hat. Weiterhin finden wir die Fabel im Anhang zu der ca. 1522 gedruckten Ausgabe des Anonymus Neveletii15, bei Waldis16, im Froschmäuseler Rollenhagens und schließlich bei Caron.17 Da jedoch alle diese Fassungen nichts wesentliches18 Neues bieten und sämtlich einer Ätiologie ermangeln, beschränken wir uns an dieser Stelle auf ihre Aufzählung ohne auf die Texte näher einzugehen.

Eine gewisse Ähnlichkeit mit den obigen Varianten der Wahl des Pfaus zeigen die beiden folgenden Sagen aus Sibirien. Auch hier soll ein Ungeeigneter auf eine leitende Stellung im Vogelreiche berufen werden19, doch widerspricht die erfahrene Wachtel dieser Wahl und begründet die Untauglichkeit des Kandidaten. Das Folgende freilich dürfte auf selbständiger Erweiterung bestehen, aber gerade in diesem Teile finden sich einige interessante Ätiologien.


1. Die wilden Tiere und die Vögel versammelten sich um Könige zu wählen. Zum König der Vögel wählten sie den Adler, der kan-kerede heißt, und zum König der wilden Tiere den Löwen, Arslan. Auf dieser Versammlung gab man auch dem Kranich die Stelle irgend eines Befehlshabers; die Schnarrwachtel, die zur Seite stand, sagte: »Warum gab man diesen Posten so einem Langbeinigen und Langnäsigen?« Der Kranich war beleidigt, hackte die Schnarrwachtel und zerbrach ihr das Rückgrat; daher kann die Schnarrwachtel sich nicht mit einem Mal in die Luft erheben, sondern muß zuerst über die Erde hinlaufen. Die Schnarrwachtel riß ihrerseits vom Kopfe des Kranichs den Schopf ab, von dem nur die Reste an den Ohren übrig geblieben sind. (Erzählung eines Teleuten.)


  • Literatur: Potanin, Očerki 4, 185 Nr. 20 b.

2. [Als die Vögel sich einen König wählten und irgend jemand den Kranich vorschlug, sagte die Wachtel, daß sie Tag und Nacht keine Ruhe geben, sondern beständig schreien würde.] Der Kranich erboste sich, trat die Wachtel mit Füßen und brach ihr das Rückgrat, weswegen sie nicht weit fliegen kann. Dafür verurteilten die Vögel den Kranich, die Wachtel auf seinem Rücken in warme Länder zu tragen.20 [Und jetzt, wenn die Kraniche ziehen, unterscheiden die Burjaten vom Schrei der Kraniche das Piepen der Wachtel. Zum Könige wurde der Adler gewählt.] Die Fledermaus verweigerte ihre Unterwerfung, und sagte, sie sei kein Vogel, denn obschon sie Flügel habe, besitze sie auch Zähne. Als aber die[189] Mäuse sich einen König wählten, ... sagte die Fledermaus, sie sei keine Maus, denn sie habe Flügel. Dafür verurteilten sie die Vögel und Mäuse nur Nachts zu fliegen und nicht des Tages. Alle Vögel, die ihrem König Untertan sind, haben durchbohrte Schnäbel. (Erzählung eines Burjaten.)


  • Literatur: Potanin, Očerki 4, 174 Nr. 2 d.

Zum Schluß möge liier eine grusinische Legende Platz finden, die im Anfang zur Zaunkönigsage stimmt, dann aber mit der Wahl des Pfaus schließt.


[Salomo gelangt in den Besitz eines Wunderringes, den Gott einst Moses zugedacht hatte, und gewinnt dadurch die Kenntnis der Vogelsprache.] Einst versammelten sich die Vögel und wandten sich an Salomo mit der Bitte, ihnen aus ihrer Mitte einen Zaren zu wählen. Salomo war einverstanden und befahl frühmorgens zu erscheinen; wer dann am ehesten käme, solle der Zar werden. Die Vögel flogen davon. Am Morgen erhob sich Salomo, sieht – irgend ein winziges Vögelchen erscheint. Ihm schien es unmöglich, dieses winzige Vögelchen zum Zaren über alle Vögel zu machen und sagte daher zu ihm: »Geh und bring mir einen solchen Stock, der nicht gerade und nicht krumm ist.« Das Vögelchen machte sich auf die Suche und sucht bis auf den heutigen Tag. Darum nennt man es »Gobe-Mdzvrala«. Zum Zaren aber machte Salomo den Pfau.


  • Literatur: Etnograf. Obozr. 11, 4, 116 f.

Fußnoten

1 Vgl. Benfey, Pantsch. 1, 347 Kurz zu Waldis 1, 71 (wo zu verbessern ist: Pantsch. 2, 223 für 2, 322). Warnke, Die Quellen usw. S. 196. Hertel, Tantrākhyāyika 1, 137.


2 Halm 398. Für. 383. Kor. 53.


3 W. Binder, Die äsop. Fabeln S. 33 Nr. 53 (2. Aufl.).


4 Oldenberg, Die Literatur des alten Indien S. 126.


5 Hertel 2, 110.


6 Hertel 2, 114. In der jüngeren Überlieferung findet sich jedoch der gutmotivierte Zug: die Vögel sind blind in der Nacht, darum taugt die [tagblinde] Eule nicht als König und oberster Richter, vgl. Benfey, Pantsch. 2, 236.


7 Was nach Benfey (Pantsch. 1, 347) vermutlich geschehen ist, um die Rahmenerzählung weiter auszuspinnen.


8 Nur bei Bidpai und in den Avadānas ist bloß die Mehrzahl dafür.


9 Das Tahtrākh. hat den Zug nicht, wegen der (häßlichen) Eule! Im Jāt. und im Pañc. fehlt er trotzdem nicht.


10 Aus Gründen des inneren Stils, glaube ich, wird dieser Zug in der äsopischen Fassung nicht ausgeführt, allein hinzugedacht muß er auch dort werden.


11 Nach der Übersetzung und den Textergänzungen von Joh. Hertel, Tahtrākhyāyika Bd. 2, 110–117; mit unwesentlichen Abweichungen im Pantschatantra bei Benfey 2, 233–238 und bei Bidpai, s. Le Cabinet des fées 1, 17 (Genf 1786).


12 Vgl. Warnke, Die Quellen usw. S. 196. Kurz zu Waldis 1, 71.


13 Vgl. Grimm, Reinh. Fuchs, Einl. 44 f.


14 Choix de Fables de Vartan p. 5.


15 Hervieux 2, 421 vgl. 1, 574.


16 1, 71.


17 ›Pfau der Vogel König‹. Magdeburg 1618.


18 Exilium Melancholiae p. 327, ›Obrigkeit‹. Straßburg 1655.


19 In der zweiten Fassung handelt es sich auch um eine Wahl zum König.


20 Vgl. Potanin 4, 763: Nach dem Glauben der Bulgaren tragen die Störche die Schwalben übers Meer (Karavelov, Pam. nar. byta bolgarsk. 1, 260). Vgl. auch das jakut. Märchen Očerki 4, 627–629.


Quelle:
Dähnhardt-Natursagen-4, S. 190.
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