V. Vereinzeltes zur Königswahl der Vögel und Vierfüßler.

[190] 1. Bei Nicolaus Pergamenus1 (14./15. Jahrh.) findet sich die folgende eigentümliche Erzählung, über deren Quelle und sonstige Verbreitung nichts bekannt zu sein scheint.


De bubone qui voluit habere dominium alitum. Cum aves omnes conventum celebrarent et post coenam omnes pacifice conquiescerent, nihil titubantes, ecce bubo se exaltavit dicens: sum ego quamplurimum inter volucres suppeditatus nec magnificatus, ut nobilitas mea requirit, sed me volo nunc sublimare, volo enim cum amicis consanguineis inter aves salire omnesque magnas trucidare, ut post princeps et dux alitum existum. Quapropter ad se clamavit porphirionem et nycticoracem, vespertilionem et zuetam nec non et omnes nocturnales aves et cum ipsis inter alites armata manu aggreditur, volens magnas perimere et dominium civitatis usurpare. Aves autem, ex somno excitatae, intuentes proditores ad arma concurrerunt eosque ceperunt et ad aquilam vinctos perduxerunt, ut iudicium de ipsis propalaret. Aquila vero hoc audiens sententiam contra proditores protulit, quod statim per civitatem traherentur et in patibulo post suspenderentur, necnon et omne genus bubonis sic in perpetuum persecutioni datum et infestum et ab avibus est devitatum. Haec est enim causa seeundum fabulas, pro qua bubonem aves persequuntur et sibilant, unde in die non audet inter volucres apparere, sed de nocte volans cibum sibi quaerit dicens: male levat se, qui cadit, perit et qui false tradit.


2. Eine auf die Lebensweise der Raubvögel sich beziehende Ätiologie findet sich in der folgenden Fassung aus Rumänien:


Nachdem sich die Vögel einen Kaiser gewählt hatten, kamen die Raubvögel zusammen, um die Rangordnung aufzustellen. Obenan sollte der Adler stehen,[190] dann der Falke, der Mönchsgeier (Vultur monachus), der Gänsegeier (V. fulvus), der Lämmergeier (Gypaëtus barbatus), der Königsweih (Milvus regulis), der Habicht (Astur palumbarius), der Sperber und zuletzt der Baumfalk (Falco subbuteo). Dieser letztere nun war mit seiner Unterordnung nicht zufrieden. Darum sprach er zu den Vögeln, sie sollten sich nicht einem Herrscher unterordnen, sondern sich vor den Jägern fürchten, die, gerade wenn sich so viele Vögel versammelten, leichtes Spiel hätten. Diesem Rate folgten die Vögel – und seitdem findet man nie mehrere Raubvögel zusammen; der kleine Baumfalke aber war so von. seiner untergeordneten Stellung befreit.


  • Literatur: Marianu, Ornitologia 1, 134.

3. Auch die folgende Erzählung von der Eule, dem Falken und dem Würger gehört hierher.


Einstmals kamen alle Vögel der Welt überein, sich einen König und Führer zu wählen. Nur die Eule erschien dazu nicht, da das Eulenweibchen gerade brütete. Da beschlossen die Vögel alle, daß derjenige, der die Eule sähe und sie nicht schlüge, ausgewiesen und als Feind behandelt werden sollte. Darum läßt sich die Eule nicht bei Tage sehen, sondern bei Nacht, denn sobald die Vögel sie sehen, wollen sie sie schlagen.

Der große Falke (hawk) wollte auch König sein und ernannte sich selber dazu, aber den andern war es nicht recht, deshalb flog er in Feindschaft von allen fort. Und sobald der Falke irgend einen Vogel erblickt, stürzt er sich auf ihn, denn er ist ihr Feind. – Die übrigen aber wählten unter sich einen König. Sie wählten den gabelschwänzigen Würger (Dicrurus forficatus, shrike) wegen seiner angesehenen Stellung, seines langen Federschopfs und wechselreichen Gesanges. Darum sehen die Leute den Würger als König der Vögel an.


  • Literatur: Folklore 3, 342 = Folklore Journal 1, 311, Sibree, Folklore of the Malagasy.

4. In einer wenig interessanten Erzählung aus Süd-Nigeria wird der Fischadler König der Vögel, Dayrell p. 156 Nr. 40.

Nicht selten beginnen die Fabeln von der Königswahl der Vögel mit. der Begründung, daß diese dem Beispiel der Tiere, d.h. der Vierfüßler folgen wollten, indem sie sich ein Oberhaupt erwählten. Auffallend ist es nun, daß wir fast gar keine Sagen und Fabeln besitzen, die sich an jene Wahl der Vierfüßler knüpfen, trotzdem die Vorstellung von einem Königtum bei den Tieren sich im Abendlande immerhin bis ins zweite vorchristliche Jahrhundert verfolgen läßt, während die im Orient noch viel älter ist.2 Ganz allgemein ist es aber der Löwe, den die Vierfüßler zum König erwählen, und diese Vorstellung ist bis auf den heutigen Tag auch bei uns noch lebendig.

5. Eine Fabel der Lur, afrikanischer Neger in Wadelai, am Flusse Aja knüpft an die Königswahl des Löwen an.


Die Tiere, zu einer Versammlung einberufen, beschlossen einen König zu wählen. Nachdem sie über die Vorzüge der Thronerhebung des Elefanten gestritten hatten, fiel die Wahl auf den Löwen. Nachdem dieser König geworden war, lebte er kurze Zeit mit allen in guter Eintracht; bald aber wurde er müde, sich nur von:[191] Pflanzenkost zu nähren, wie seine Untertanen. »Warum,« sagten seine Räte, »kostest du nicht das Fleisch der kleinen Tiere? Sie haben ein zartes und wohlschmeckendes Fleisch.« [Ein kranker Eber, der dem König nicht selbst huldigen kann, sendet einen Sohn zu ihm, der nicht zurückkehrt, und danach einen zweiten, der gleichfalls nicht wiederkommt; er forscht der Sache nach und verkündet dann laut die Wildheit des Königs, der sich von den Söhnen seiner Untertanen nähre.] Von diesem Tage an entfernten sich die Tiere von dem Löwen, und dieser fing einen offenen Krieg mit allen an.


  • Literatur: Casati 1, 309.

6. Eine lose sekundäre Anknüpfung an die Königswahl der Vierfüßler findet sich auch in einer Fabel des Schwaben Marner (ed. Strauch S. 111, Anm. S. 167. Quellen und Forschungen Bd. 14). Bei dieser Gelegenheit macht nämlich die Kröte Ansprüche auf das Königreich, denn ›sie habe [ebenfalls] vier Beine‹. Der Löwe weist sie mit ihren Ansprüchen kurz und entschieden ab: ›du bist tieren3 nicht gelich‹. Da bläht sich die Kröte so stark auf, daß sie platzt.

Die letzte Quelle für diese kleine Geschichte aus der Mitte des 13. Jahrh. ist sicher die bekannte äsopische Fabel vom Frosch und dem Ochsen.4 Ob diese aber vom Marner selbständig umgeformt und der Königswahl angepaßt worden ist, entzieht sich meiner Beurteilung.

Fußnoten

1 ed. Graesse p. 228.


2 Vgl. Grimm, Reinh. Fuchs, Einl. S. 45.


3 D.h. den meisten


4 Vgl. Kurz zu Waldis 1, 31.


Quelle:
Dähnhardt-Natursagen-4, S. 192.
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