V. Steckenbleiben im engen Loch.[232] 1

Die Neigung volkstümlicher Erzähler zu ätiologischen Schlüssen ist gelegentlich so stark, daß sie zur Umbildung des ursprünglich zugrunde liegenden Stoffes führt. In einer Erzählung der Siebenbürger Sachsen heißt es:


Der Fuchs und der Bär hatten einmal großen Durst. Da sprach der Fuchs: »Ich weiß in einem Keller guten Wein. Willst du, so gehen wir in der Abenddämmerung hin und holen ihn.« Dem Bären war das ganz recht, und als es Abend wurde, gingen sie hin. Damals aber hatte der Bär auch einen, so langen, ja noch längeren Schwanz als der Fuchs – und warum sollte er ihn auch nicht gehabt haben, er ist ja größer und stärker? – »Gevatter, ihr seid stark!« sprach der Fuchs, »lasset euren Schwanz zum Kellerfenster hinein, dann keule ich die Spitze fest ins Faßloch ein, und ihr zieht das Faß hinaus!« So geschah es; als aber der Fuchs fertig war, rief er: »Nun wartet, bis ich hinauskomme, daß ich auch ziehen helfe« und sprang hinaus. »Nun drauf los, Gevatter!« Der Bär zog, daß er kein Leben hatte, doch das Kellerfenster war zu klein, und das Faß ging nicht hinaus, aber bei seiner gewaltigen Kraft brach der Bär die Mauer mit dem Fasse durch. Das gab ein fürchterliches Gerumpel. Der Wirt im Hause erwachte, sah hinaus und rief seine Leute gleich zusammen. Sie eilten mit Stangen und Stöcken hinaus, dem Bären und Fuchse nach. Diese waren schon im Feld, der Fuchs voran, der Bär mit dem Faß Wein am Schwänze hinterher. Als er aber über einen Graben sprang, fiel das schwere Faß hinunter und nahm ihm ein Stück vom Schwanz mit. Doch war er froh, daß er vor den Verfolgern in den nahen Wald entkommen konnte. Seit der Zeit hat der Bär einen Stumpfschwanz.


  • Literatur: Jos. Haltrich, Deutsche Volksmärchen aus dem Sachsenlande in Siebenbürgen. 4. Aufl. 1885, S. 276 = Dähnhardt, Naturgesch. Volksmärchen Nr. 93, 2 (1. Aufl.).

Die Kellerszene, bekannt aus dem Reinhart Fuchs (Vers 499–560), ist hier nur in ihrem äußeren Rahmen gegeben, wird aber in den wichtigsten Motiven durch schlechtgelungene Neubildungen ersetzt, die eine der Ätiologie günstige Situation herbeiführen.

Zugrunde liegt ein Abenteuer, das seiner Idee nach ein Seitenstück zum Schwanzfischer bildet2, denn hier wie dort spielt der Fuchs die Rolle des hinterlistigen Ratgebers, der den dummen, gierigen Wolf in unheilvolle Lagen bringt. Es sind hierbei in der gesamten Überlieferung zwei Variantengruppen zu unterscheiden, die das Hauptmotiv folgendermaßen variieren:

1. Der Wolf frißt sich dermaßen voll, daß er in dem engen (Keller-)Loch,[232] durch das er entfliehen will, steckenbleibt und jämmerlich verprügelt wird. Seine Verfolger sind vom Fuchs herbeigelockt worden.

2. Der Wolf betrinkt sich im Keller und ruft, trotz Abratens des Fuchses, durch sein Singen die Verfolger herbei.

Die älteste und zugleich einfachste Fassung aus der Überlieferung der ersten Gruppe findet sich bei Odo3:


Reynardus semel duxit Lupum ad locum multarum carnium. Qui cum tenuis per foramen ar[c]t(i)um intrasset, inflatus nimia com(m)estione exire non potuit. Vigiles vero, excitati per clamorem Reynardi, Lupum usque ad evacuationem lustigaverunt.


Man wird diese Fabel nicht unmittelbar, wie J. Wolff es will4, auf Aesops ›Dickgefressenen Fuchs‹5 zurückführen dürfen, denn es fehlen die Mittelglieder zum Beweise dieses Zusammenhanges. Das gleiche Grundmotiv wird zwar auch dort variiert, aber die Abweichungen sind trotzdem recht wesentliche. Während bei Odo der Wolf und als Gegenspieler der Fuchs auftreten, bleibt bei Äesop der Fuchs in der engen Öffnung stecken und erhält von einem anderen seines eigenen Geschlechts den Rat, so lange zu warten, bis er wieder so dünn sei, wie er vordem gewesen.6 Diese Fabel hat eine Sonderentwicklung gehabt, wie ihr ausschließlich didaktischer Charakter beweist7, und es kann daher nur von einer sehr entfernten Verwandtschaft zwischen Aesop und Odo gesprochen werden, keinesfalls aber von einer nachweisbaren Abhängigkeit der jüngeren Erzählung.

In etwas erweiterter Form, aber in den Hauptzügen übereinstimmend, finden wir Odos Fabel auch bei Sheppey8, dann bei Kirchhoff9 und schließlich in mehr oder weniger veränderten Gestalt in einer Reihe von mündlich überlieferten Tiersagen10 wieder.

Es liegt kein Anlaß vor, den volkstümlichen Ursprung dieser besonders in West- und Mitteleuropa bekannten Fassung zu bezweifeln.11

Anders verhält es sich jedoch mit der zweiten Gruppe, die vor allem in den mittelalterlichen epischen Tierdichtungen, dann aber auch in mündlicher Tradition überliefert ist.[233]

Die hierher gehörenden Fassungen12 haben nämlich in den alten Rahmen des Kellerbesuchs als Hauptmotiv den Zug vom singenden und sich dadurch verratenden Wolf aufgenommen und dafür das Motiv des Steckenbleibens hingegeben.13

Entgegen Voretzsch14 und Gerber15 müssen wir für den ›singenden Wolf‹ eine orientalische Quelle annehmen, denn dieses ursprünglich nicht hierher gehörende Motiv finden wir bereits in der jüngeren Überlieferung des Pañcatantra16 und im Tuti-Nameh.17 Die einzige wesentliche Abweichung, die sich hierbei die europäische volkstümliche Tradition und die Epen gestatten, ist die, daß sie den singenden Esel durch den Wolf und dementsprechend auch den Schakal (im Pañcatantra) oder den Ochsen, resp. den Damhirsch in den beiden Überlieferungen des Tuti-Nameh durch den Fuchs ersetzen, während die Hand lung in allen wesentlichen Zügen unverändert übernommen wird. Dieser Personentausch war aber ein unmittelbares Erfordernis für die Aufnahme der Fabel in die europäische Fuchs-Wolf-Tradition und kann deswegen nicht überraschen. Um so interessanter aber ist darum die Tatsache, daß in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts (als die Tierepen also schon längst vorlagen) die Fabel auch noch in ihrer ursprünglicheren Gestalt – mit dem singenden Esel nämlich – bekannt gewesen ist, denn gegen Mitte des Jahrhunderts hat sie der Marner benutzt.18 Wichtig ist dabei der Umstand, daß hier bereits Reinhart und Ysengrim auftreten, also mit anderen Worten die Aufnahme der Fabel in die Tradition der Fuchsabenteuer vollzogen ist, der Esel aber trotzdem seine Rolle noch behalten hat. Dieses ist nämlich nicht mehr der Fall in der ältesten Anspielung auf europäische Tiersagen überhaupt und unsere ›Kellerszene‹ im besonderen.19 Hier wird auf ein Ereignis des Jahres 1112 Bezug genommen, das sich in Frankreich abgespielt hat und dessen schriftliche[234] Fixierung nur wenige Jahre jünger ist. Wohl wird der Ysengrimus erwähnt, allein da bereits die Kenntnis der Kellerszene vorausgesetzt wird, war damit auch die Möglichkeit abgeschnitten, den Esel für diese Handlung zu retten. Ebenso ist er aus den Tierepen vollständig verschwunden, und auch in der zwölften Extravagante20 betrinkt sich der Wolf und fängt an zu singen, denn »wann die dorfflüwt vol und trunken sint, so singent sie ire dorffliedlin; warumb wolt ich dann nit myn gesang ouch singen, so ich vol bin?«

Fußnoten

1 Vgl. Sudre p. 240–249. Voretzsch, Zeitschr. f. rom. Phil. 15, 172–177.


2 Vgl. auch Sudre p. 247 f.


3 Hervieux2 4, 407.


4 Haltrich-Wolff S. 500 zu Nr. 10.


5 Cor. 158. Für. 12. Halm Nr. 31. Sudre p. 246 f.


6 Dieser Zug findet sich auch bei Haltrich-Wolff Nr. 3.


7 Der auch von Sudre p. 247 betont wird.


8 Hervieux 2, 774 (1. Aufl.)


9 Wendunmut 7, 44.


10 Vgl. Grimm KHM. Nr. 73. Heimat 7, 17. Haltrich-Wolf Nr. 3. Jahn, Volkssagen Nr. 557. Blätter f. pomm. Volkskunde 8, 147. Lüder Woort, Plattdeutsche Gedichte S. 6. Curtze, Volksüberlieferungen aus Waldeck S. 173 Nr. 32. Kuhn, Märkische Sagen S. 296 (gehört auch der zweiten Gruppe an). Wisser, Wat Grotmoder verteilt 2, 32 bis 34. Jurkschat, Litauische Märchen S. 38 Nr. 9. Sébillot, Contea des provinces p. 320 und Contes pop. de la Hte. Bret. 3, 365. Cosquin, Contes popul. Nr. 64. Eberts Jahrbuch 9, 399. Bladé, Contes agenais p. 126 und Contes gascons III, 159 oben 3, 495.


11 Auch Sudre p. 270 spricht sich dafür aus.


12 Reinhart Fuchs v. 499–560. Roman de Renart br. VI, 704–730 (längere Anspielung), XIV, 202–538 (kirchliches Milieu). Reinaert 1, 1510 (hrsg. v. Martin). Reineke I, 17. Extravag, fab. XII. Waldis 3, 93. Haltrich-Wolff Nr. 10. Kuhn, Märkische Sagen S. 296 f. Lemke, Volkstümliches 2, 219. Jahn, Volkssagen Nr. 558. Fischer, Grammatik und Wortschatz S. 251 Nr. 2. Revue des trad. pop. 8, 30. 321. Teza, Reinardo e Lesengrino p. 71. Rosenplänter, Beiträge etc. 8, vgl. Grimm, Reinhart Fuchs, Einl. S. 284. Rußwurm, Sagen aus Hapsal Nr. 173. Schreck, Finnische Märchen S. 199. Šejn, Materialy 2, 20 Nr. 11, 259 Nr. 122. Dobrovol'skij, Smol. etnogr. sborn. S. 655 Nr. 2 (Schluß). Romanov Nr. 10. Bl. f. pom. Volksk. 9, 36.


13 In einzelnen der obigen Fassungen erscheint das Singen geändert in Herumspringen und -toben, durch das die Leute herbeigerufen werden.


14 Zeitschr. f. rom. Phil. 15, 172.


15 Great Russian Animal Tales p. 66 (Public, of the modern Language Association t. VI, Baltimore 1891).


16 Benfey 1 § 207. 2, 339. Die Fabel fehlt aber noch im Tantrākhyāyika, vgl. die Übersetzung von Joh. Hertel.


17 Rosen 2, 218. Iken Nr. 34 S. 138.


18 Ausgabe von Strauch S. 118 f., XV, 7. Grimm. Reinhart Fuchs, Einleitung S. 209 f.


19 Vgl. Grimm, Reinh. Fuchs, Einleitung S. 196 f. Voretzsch, Zeitschr. f. rom. Phil. 15, 172.


20 Steinhöwel, Esopus hrsg. von Oesterley S. 220.


Quelle:
Dähnhardt-Natursagen-4, S. 235.
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