IX. Warum der Fuchs eine weiße Schwanzspitze hat.

[243] Die bisher besprochenen Naturdeutungen bezogen sich meist auf das Äußere des Bären, oder es waren Feindschaftsätiologien. Im folgenden haben wir es nun mit einem Sagenmotiv zu tun, in dem erklärt wird, warum der Rotfuchs eine weiße Schwanzspitze hat.1 Diese im Norden besonders häufig lokalisierte Sage folgt nicht selten gleich auf die Schwanzfischerepisode und ist daher, wie Krohn (S. 58) meint, möglicherweise von Anfang an, jedenfalls aber schon sehr früh in diesen Zusammenhang eingefügt worden. Die Urform rekonstruiert Krohn (S. 54) wie folgt:


Der Fuchs steckt sogleich seinen Kopf in das Butterfaß der Hausfrau. Die Hausfrau trifft bei ihrer Rückkehr von der Wuhne den Fuchs, wie er den Rahm verzehrt. Sie schlägt den mit besudeltem Kopfe Fliehenden mit der Butterwelle auf das Schwanzende, welches seitdem weiß ist. Als der Fuchs nachher mit dem Bären zusammentrifft und dieser sich über die erlittenen Prügel und besonders über das Abreißen des Schwanzes beklagt, sagt er, daß die Hausfrau ihn noch viel schlechter behandelt habe, so daß das Gehirn ihm aus dem Kopfe rinne.


Wir haben es hier zunächst nur mit dem Motiv zu tun, wie durch einen Schlag auf den Körperteil eines Tieres die getroffene Stelle in ihrer Farbe verändert wird. Dieser Zug ist in ätiologischen Sagen nicht selten anzutreffen2, und man darf ihn zu den typischen rechnen. Dann ist unsere Sage eine primär-ätiologische, erfunden zum Zweck der Erklärung des weißen[243] Endes vom Fuchsschwanz, und als solche sieht auch Krohn sie an. Allein zugleich ist dann alles nicht unmittelbar in das einfache Schema der Naturdeutung Passende spätere Zutat, die nur dem sekundären Zweck der Angliederung an eine Tiermärchenkette dient. Die Aufteilung Krohns auf einzelne Sagen ist daher an diesem Punkt etwas willkürlich durchgeführt, denn er nimmt keine Rücksicht auf dasjenige Maß an Handlung, das notwendig und auch genügend ist um einen Sageninhalt zu bilden. Das Zusammentreffen mit dem Bären und die Erklärung des Fuchses, ihm sei es noch schlechter ergangen als dem Bären, dienen lediglich als Überleitung zu einer neuen Erzählung, denn der nun folgende Zug: ›der Geschlagene trägt den Ungeschlagenen‹3 wird dort ja schon vorbereitet. Krohns Urform werden wir somit auf die erste Hälfte beschränken und aus dem Zusammenhang der Kette herauslösen müssen, um zu dem einfachen Kern der kleinen Natursage zu gelangen.

Den ätiologischen Schluß haben eine Reihe von finnischen Varianten4, eine lappische5 und zwei norwegische6, die wir aber z.T. des abweichenden Hauptmotivs wegen an anderer Stelle zu besprechen haben. Erwähnt sei hier, das die Szene im lappländischen Märchen (Poestion S. 13 = Natursagen 3, 74), wo der Hermelin einen Schlag auf den Schwanz erhält, weshalb nur dieser schwarz wird, die Maus aber derart getroffen ist, daß sie am ganzen Körper schwarz wird, wohl sicher in Anlehnung an den Schluß derjenigen Sage entstanden ist, die unsere Fuchsschwanzätiologie enthält.

1. Aus Norwegen stammt die folgende Variante.


[Eines Tages lag der Bär und fraß von einem Pferde, das er gerissen hatte. Mikkel, der Fuchs, kam herangeschlichen und wünschte sich einen guten Bissen vom Pferdefleisch.] Er machte Wendungen und Fuchshaken bis er dem Bären in den Rücken kam, dann war er mit einem Satz auf der andern Seite der Pferdekruppe, erschnappte sich ein Stück und rannte damit fort. Der Bär war nicht weniger langsam, schlug nach Mikkel und traf ihn mit seiner Tatze auf die Spitze des roten Schwanzes; seit der Zeit hat der Fuchs eine weiße Schwanzspitze.


  • Literatur: Asbjörnsen, Norske Folke-Eventyr S. 62, Nr. 74, 4 (Ny Samling, Christiania 1871).

2. Aus Finnland.


a) Der Fuchs zur butternden Ilmola-Bäuerin: »Der Bär beschmutzt deine[244] Quelle!« Die Bäuerin eilt hinaus den Bären fortzujagen. Der Fuchs ans Butterfaß. Die Bäuerin schlägt den Fuchs mit der Butterschwinge auf die Schwanzspitze; seitdem ist sie weiß.


  • Literatur: Aus Perniö.

b) Der Mann befreit den Bären aus der Falle. Der Bär droht ihn zu töten. Als Richter kommen die Stute, der Hund und der Fuchs, welcher den Bären wieder in die Falle lockt. Der Mann verspricht dem Fuchs Hühner zum Lohne. Die Bäuerin schlägt mit dem Breiquirl den Fuchs auf die Schwanzspitze, daß diese weiß wird.


  • Literatur: Aus Rantasalmi. Von Prof. Krohn freundlichst mitgeteilt.

Die gleiche Naturbeobachtung hat möglicherweise auch im Orient den Anlaß zur Entstehung einer der unsern ähnlichen Erzählung gegeben, darauf deutet wenigstens eine Anspielung im Pañcatantra, wo ein Schakal7 den Namen Dadhipuććha trägt, was Benfey (Bd. 2, 269 Anm.) mit »Milchschweif habend« übersetzt.

Fußnoten

1 Literatur bei Krohn S. 55, vgl. auch unten S. 248.


2 Vgl. Natursagen 3, 56 f. 74. 90 Nr. 21. 129. Äußere Körperform (Schwanz) durch einen Schlag verändert: ebenda S. 54.


3 Vgl. Krohn S. 59. Heimat 7, 17 (aus Schleswig-Holstein). Wisser, Wat Grotmoder vertellt 2, 32. Lemke, Volkstümliches 2, 219 Nr. 44. Hahn, Griech. und alban. Märchen 2, 93 Nr. 86. Zeitschrift d. Ver. f. Volksk. 15, 345. Jahn, Volksmärchen Nr. 556. 558. Haltrich-Wolff S. 42 Nr. 10. Cosquin Nr. 54. Haupt, Sagenbuch der Lausitz 2, 207 f (aus Haupt-Schmaler, Volkslieder Anhang 2). Ciszewski, Krakowiacy 1, 308 Nr. 256. Journal of American Folklore IX, 127. 195. Strohal 1, 1, 249 f. Etnograf. Zbirnik 4, 170. Blätter f. pomm. Volksk. 9, 36. Zeitschr. d. Ver. f. Volksk. 10, 107. 21, 194.


4 Vgl. Krohn S. 56, unten S. 248, Schreck, Finn. Märchen S. 191 ff. (mitgeteilt unten S. 247 f.) und 231 f. (mitgeteilt unten S. 259).


5 Poestion, Lappl. Märchen S. 15 (= Natursagen 3, 129).


6 Asbjörnsen-Moe Norweg. Volksm. übers. v. Bresemann 1, 146 f. (mitget. unten S. 249) und die hier folgende Variante.


7 Der Schakal ist bekanntlich in den orientalischen Märchen der Träger derjenigen Rolle, die in den europäischen dem Fuchse zugeteilt ist.


Quelle:
Dähnhardt-Natursagen-4, S. 245.
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