III. Warum die Bienen vom Stiche sterben.

[266] Anders erging es einer zweiten Fabel, die gleichfalls auf dem Motiv der Begehrlichkeit beruht, aber weniger lehrhaft aussieht.


Die Bienen, so sagt Äsop (ed. Halm Nr. 287–287c), baten Zeus um die Vergünstigung, die Menschen mit ihrem Stachel zu töten. Zeus aber verfügte, daß sie selbst vom Stiche sterben sollten.


Das gleiche wird nach Rimicius auch bei Steinhöwel erzählt (Nr. 109, hg. von Österley S. 253):


... Ain pin, die des wachs muoter ist, kam für die gött, inen ze opffern, und brachte dem got Jupiter ain gab von könig, deren sich der got sere fröwet, und schuoffe, daz man die pinen geweren sölte, was sie bitten würde. Do sprach die pin: Durchlüchtigister got aller göt, ich bitte, du wöllest dyner dienerin diser gab geweren, daz alle, die zuo dem binkar koment, das honig dar uß ze niemen, so balde ich die stiche, das sie ze hand sterben. Jupiter ward solicher gebett lang zwyflich, wann menschlichs geschlecht hette er gar lieb. Ze letst sprach er zuo der pinen: Du solt dar an benügig syn, welher zuo dem binkar komet das honig ze niemen, stiche du in und laßest den angel in dem stich, daß du als balde sterbest, und daz der angel dyn leben sye. Also ward der pinen übler wonsch, wider das menschen geton, in sie selber gewendet.


Der naturgeschichtliche Charakter dieser Fabel, die poetische Begründung, warum der Stich für die Bienen selber tödlich ist, überwiegt den moralischen Zweck so sehr, daß moderne Sammler, die die Fabel aus dem Volksmunde aufzeichneten, sie keineswegs als solche erkannt haben.


  • Literatur: Vgl. Revue des trad. pop. 1, 91: ›legende‹ du Nivernais; 1, 151: legende de la Basse-Bretagne. Mélusine 1888, 221. Maspons y Labrós, Lo Rondallayre p. 24. Etnogr. Obozrěnije 5, 2, 177; Ivanov in Char'kovskij Sbornik 1888, S. 97; Dragomanov, Malorusskija predanija S. 12, Nr. 33; Etnogr. Zbirnik 12, S. 29, Nr. 30; Romanov, Bělorusk. Sbornik 4, S. 169, Nr. 26; Dobrovol'skij, Smolenskij etnogr. Sbornik 1, S. 287, Nr. 54; Zbiór wiadom. 3, 102.

Eine rumänische Volkssage schließt sich in freierer Weise an die antike Fassung, indem sie folgendes berichtet:


Als Gott die Tiere versammelt hatte, um mit ihnen über ihre Lebensaufgabe zu sprechen, sagte die Biene, es gefalle ihr nicht, daß sie so viel Honig und Wachs für die Menschen fertigen müsse. Sie bitte um einen Stachel, um ihren Honig und sich vor den Menschen zu schützen, und wen sie stäche, der sollte sterben. Gott[266] aber erfüllte diese hochmütige Bitte nicht, sondern bestimmte, sie solle auch fernerhin für die Menschen arbeiten; einen Stachel solle sie bekommen, aber nur, um damit zu schrecken, nicht zu stechen. Wenn sie stäche trotz seines Gebots, so sollte sie selbst dadurch umkommen.


  • Literatur: Marianu, Insectele S. 138.

Die Honiglieferung wird auch in einer sizilianischen Sage mit dem Stachel und dem Tode der Biene in Verbindung gebracht.


Als der Herr die Biene schuf, gab er ihr die Fähigkeit, täglich ein wenig Honig zu machen. Die Biene gehorchte. Aber die Menschen, an jene Süße nicht gewöhnt, hatten kaum gekostet, so wollten sie um jeden Preis davon haben. Ihrer ledig zu werden, begann die Biene alle zu stechen. Als das der Herr erfuhr, bestrafte er sie damit, nur wenige Tropfen Honig täglich machen zu können und sterben zu müssen, unmittelbar nachdem sie gestochen habe.


  • Literatur: Pitrè, Usi e costumi Sicil. 3, 341 (ebd. auch die unerweiterte äsopische Fassung).

Ebenso in Malta.


Die Biene war von ihrer Erschaffung an sehr hochmütig und zwar deswegen, weil sie zierlichen Körpers war und den Honig zu gewinnen wußte. Wie sie aber merkte, daß die Menschen ihr den Honig abnahmen, ärgerte sie sich und beschloß, dem Meister eine Bitte vorzutragen: sie bat um eine giftige Waffe! Da gab ihr der Meister den kleinen Stachel, sagte aber kein Wort dazu, und die Biene flog voller Übermut heim. Nun wollte sie den Honig für ihre Kinderchen verteidigen und mit dem Gifte des Stachels die Menschen töten. Doch kaum gebrauchte sie den Stachel, so fiel sie hin und war dem Sterben nahe. So rief sie nach dem Meister, und dieser antwortete und sprach: »Du wolltest mich überlisten, wolltest, daß ich durch deinen Stachel die Menschen zu Schaden kommen lasse und nur deswegen, damit du deinen Kindern den Honig aufsparen mögest. Nun aber wisse: Tiere und Pflanzen sollen für den Menschen da sein. Der Mensch pflanzt und hegt die Rosen, die Blumen, und deswegen hat er ein Recht auf den von dir gesammelten Honig! Du hast dir eine Waffe erbeten, kannst dich verteidigen, doch werden deine Gedärme am Stachel hängen bleiben! Dies wird dein Tod sein.«


  • Literatur: Freundliche Mitteilung von Frl. B. Ilg.

Eine andere rumänische Sage benutzt hingegen nur die allgemeinen Umrisse des Vorbildes und bringt im übrigen noch einen neuen Gedanken zum Ausdruck, indem sie den Fleiß der Bienen im Zusammenhang mit ihrem Sterben begründet:


Die Biene bat Gott um einen Stachel. Sie bekam ihn bewilligt, aber sie darf ihn nur gebrauchen, wenn sie in jedem Sommer 12 Oken Honig hervorbringt. Deshalb ist die Biene so fleißig; trotzdem aber bringt sie diese Menge nicht zusammen und muß deshalb sterben, sobald sie sticht.


  • Literatur: Marianu, Insectele S. 139.

In Frankreich arbeitet die Sage mit dem beliebten Mittel des steigernden Zusatzes.


1. Variante aus Nivernais.


Als der liebe Gott die Gaben unter die Tiere verteilte, verlangten die Bienen in silbernen Körben zu wohnen, und um geachtet zu werden, baten sie, daß[267] ihr Stich immer tödlich sein möge. Der liebe Gott, der zornig war über so große Anmaßung und Boshaftigkeit, antwortete ihnen: Ihr werdet in mit Kuhmist belegten Weidenkörben wohnen, und jede Biene, die sticht, soll daran sterben.


  • Literatur: Revue des trad. pop. 1, 91.

2. Variante aus der Basse-Bretagne:


Als Gott die Bienen geschaffen hatte, wurden sie sogleich hochmütig. Denn es war ihnen die Gabe gegeben, geschickte Arbeiter zu sein und Honig hervorzubringen. »O Herr,« sagten sie zum lieben Gott, »laß uns in goldenen Häusern wohnen.« Aber Gott antwortete ihnen: »Wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt werden. Ihr werdet in Häusern aus Stroh wohnen.« »Herr,« begannen sie wieder, »erzeige uns wenigstens die Gnade, daß wir Schrecken einflößen dürfen, indem wir durch jeden Stich unseres Stachels den Tod bringen.« Aber Gott sprach: »Die Waffen des Bösen kehren sich gegen ihn selbst. Wenn ihr ein lebendes Geschöpf angreifen werdet, so sollen eure Stiche für sie ohne Folgen sein, aber ihr werdet sterben.«


  • Literatur: Revue des trad. pop. 1, 151.

Eine Variante aus der Haute-Bretagne nimmt eine Wendung ins Christliche.


Bienen gibt es erst seit Ankunft Christi auf Erden. Als sie im Begriff waren den Herrn zu verlassen, um auszufliegen, sagte eine: Alles, was ich mit meinem Stachel stechen werde, wird sterben. – Nein, sagte Christus, sondern jeder, den ihr stechen werdet, wird sich davon erholen, aber ihr werdet nach dem Stiche sterben. Daher sterben die Bienen vom Stiche.


  • Literatur: Sébillot, Légendes chrétiennes p. 19, I. cf. Maspons y Labrós 2, 24.

In Rußland liegt eine dunkle Erinnerung an die äsopische Fabel in folgendem Wortlaut vor:


Die Biene bat Gott, daß der Mensch von ihrem Stiche sterbe, nicht sie selber. Gott aber sagte: Wer wird dich dann erhalten?


  • Literatur: Etnogr. Sbornik 6, Abt. 1, 124.

Eine kaukasische Überlieferung, die Sumcov wohl mit Unrecht als Nachklang aus der Antike auffaßt, erzählt folgendes:


Schlange und Biene befragen einen Propheten über ihr Los. Die Schlange, sagt dieser, wird Kopfschmerzen haben. Dafür stirbt der von ihr Gebissene, während die Schlange am Leben bleibt. Die Biene dagegen wird keine Kopfschmerzen haben, doch stirbt sie vom Stich.


  • Literatur: Sbornik material. dl'a opis. Kavkaza 9, 108. Vgl. Etnogr. Obozr. V, 2, 177.

Eine bisher unbeachtet gebliebene Parallele hierzu findet sich in Rumänien:


Einst hatte der Hund Kopfschmerzen zum Tollwerden; er lief klagend umher und traf eine Schlange, die an derselben Krankheit litt. Diese sagte zu ihm: »Für euch Hunde ist Gras ein gutes Mittel gegen Kopfweh.« Der Hund begann sofort Gras zu fressen, und das Mittel half ausgezeichnet. Der Teufel aber gab dem Hunde ein, Gutes mit Bösem zu vergelten, und so sagte dieser zur Schlange: »Von den Alten weiß ich, daß die Schlangen sich auf eine Straße begeben müssen, um den Kopfschmerz loszuwerden.« Die Schlange befolgte den Rat. Alsbald aber kam[268] ein Wanderer auf der Straße daher und schlug die Schlange auf den Kopf, so sehr, daß ihr Kopfschmerz auf ewig verschwunden war. Seitdem fressen die Hunde Gras als Mittel gegen Kopfweh, die Katzen machen es ihnen nach, sie ziehen Katzenkraut vor. Die Schlangen aber legen sich auf die Straße.


  • Literatur: Şezătoarea 3, 151.

Schlange und Biene erscheinen auch in folgender Variante nebeneinander.


Vordem war das Bienchen besser als jetzt. Einmal sagte es zu unserm Herrn Christus: wen es steche, der solle sterben! »So sollst du sterben!« Und seitdem stirbt das Bienchen auch. – Die Schlange sagte auch: wen sie steche, der solle sterben! »Gut, wen du stichst, der soll sterben! doch dich soll die Erde nicht aufnehmen!« Und sie nimmt sie auch nicht auf, denn wenn ihre Zeit naht, daß sie verenden will, legt sie sich auf die Fahrstraße und wird zerquetscht.


  • Literatur: Kálmány Világunk alakulásai nyelvhag. S. 46.

Mit einem Sagenstoff, der uns im ersten Bande dieses Werkes mehrfach begegnet ist, vermengt sich die äsopische Fabel in folgender rumänischen Variante:


Als Gott den Erdenball fertig hatte, war ein bißchen Erde übriggeblieben. Er wußte nicht, was er damit anfangen sollte. Drum schickte er die Biene zum Igel, um von ihm Rat zu holen. Der aber wollte nichts sagen. Die Biene aber belauschte sein Selbstgespräch: »Offenbar weiß Gott nicht, daß er daraus Berge und Täler machen kann,« und teilte das Gott mit, der danach handelte. Als Belobung wollte ihr Gott einen Wunsch erfüllen. Frech wünschte die Biene: wen sie steche, der solle sterben. Gott aber gefiel das nicht; er bestimmte vielmehr, daß die Biene durch ihren eigenen Stich sterben sollte. Und so ist's noch heute.


  • Literatur: Marianu, Insectele S. 128.

Mit einer Sage von ungleichen Kindern (Natursagen III, 468) vermengt sich die Fabel in folgender Variante aus Poitou.


Die Biene, die Ameise und die Spinne waren Schwestern. Ihre Mutter wurde krank. Da wurde die Ameise gesucht, um ihre Mutter zu pflegen. Die Ameise sagte, daß sie keine Zeit hätte, daß sie Vorrat für den Winter einsammeln müsse. Darauf wurde die Spinne gesucht, sie sagte, sie habe ein Gebälk angefangen, was sie vorher beendigen wolle. Zuletzt ging es zur Biene, die sagte, sie habe zwar viel zu tun, aber Arbeit könne Arbeit bleiben, sie wolle ihre Mutter pflegen. – Dafür wollte sie der liebe Gott belohnen und sagte ihr, sie dürfe in einem Hause wohnen. Sie bat um ein goldenes und wollte, daß alle, die sie stechen würde, sterben müßten. Aber der liebe Gott sagte: »Nein, du wirst in einem Hause aus Holz, verschmiert mit Ochsendreck, wohnen.« Und seitdem ist es so, daß nicht die Gestochenen sterben, sondern im Gegenteil die Bienen, wenn sie stechen.


  • Literatur: Archivio XIII, 124.
Quelle:
Dähnhardt-Natursagen-4, S. 266-269.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Hoffmann, E. T. A.

Fantasiestücke in Callots Manier

Fantasiestücke in Callots Manier

Als E.T.A. Hoffmann 1813 in Bamberg Arbeiten des französischen Kupferstechers Jacques Callot sieht, fühlt er sich unmittelbar hingezogen zu diesen »sonderbaren, fantastischen Blättern« und widmet ihrem Schöpfer die einleitende Hommage seiner ersten Buchveröffentlichung, mit der ihm 1814 der Durchbruch als Dichter gelingt. Enthalten sind u.a. diese Erzählungen: Ritter Gluck, Don Juan, Nachricht von den neuesten Schicksalen des Hundes Berganza, Der Magnetiseur, Der goldne Topf, Die Abenteuer der Silvester-Nacht

282 Seiten, 13.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten. Elf Erzählungen

Romantische Geschichten. Elf Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Michael Holzinger hat für diese preiswerte Leseausgabe elf der schönsten romantischen Erzählungen ausgewählt.

442 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon