Was der Teufel nicht tun konnte

[99] Der Priester Hilarion war, wie Ihr wißt, ein sehr weiser Mann und verstand sich gar wohl auf Zauberdinge. Er konnte Wunder wirken; doch hütete er sich davor, denn die heilige Kirche untersagt es, die Gott allein aufgesparten Werke nachzuahmen.

Er verbrachte die Nächte mit Lesen uralter Handschriften, die in allen Sprachen geschrieben waren, welche an den vier Enden der Welt gesprochen wurden.

Eines Tages nun erhielt der glückliche Vater ein Schreiben aus Konstantinopel, in welchem ihm befohlen ward, sich am Ostertage in Stambul einzustellen, um die Morgenmesse, ich weiß nicht in welcher Kirche, zu lesen.

Selbstverständlich traf der Vater alle seine Vorbereitungen, um dem Befehle seines geistlichen Obern nachzukommen. Er schaffte seinen Reisesack auf ein Schiff, das absegeln und am heiligen Samstag in Konstantinopel landen sollte.

Als alles in Ordnung war, dachte Hilarion, daß er noch Zeit habe ein Buch zu lesen, welches ihm ein Weiser seiner Bekanntschaft geliehen hatte, und schloß sich in sein Gemach ein, nachdem er sein Weib zu ihrer Schwestern einer nach Lesbos gesandt.[100]

Zweifelsohne war es ein Zauberbuch, denn Hilarion brachte sechs Tage und sechs Nächte damit zu, es zu lesen und darüber nachzusinnen, ohne an Essen oder Trinken zu denken, ohne sich ins Gedächtnis zu rufen, daß er in Konstantinopel an den feierlichen Festen der Auferstehung Christi erwartet würde.

Als der Vater des Buches letzte Seite umgewendet hatte, verspürte er einen unerträglichen Hunger und Durst. Und dann bemerkte er einen großen Volkshaufen vor seiner Türe.

Die einen schrieen, andere weinten oder seufzten.

»Was geht da vor sich?« sann der Priester nach.

Die Türe öffnend ward er es bald gewahr.

Die heilige Woche war ohne Gottesdienst verstrichen. Man hatte gemeint, er sei nach Konstantinopel gereist, und sich erst beunruhigt, als man durch Leute im Hafen erfahren, daß der Pope nicht Platz im Schiffe genommen, das ihn fahren sollte. Man hatte ihn tot im Pfarrhause geglaubt und sich vorbereitet, die Türen aufzubrechen.

Priester Hilarion beruhigte seine Pfarrkinder und fragte sie, welchen Tag man habe.

»Wir haben den Nachmittag des heiligen Sonnabends,« sagte man zu ihm.

Sprach der Pfarrer: »Geht nach Hause, liebe Kinder. Feiert Ostern im Nachbardorfe. Morgen früh muß ich in Konstantinopel sein.«

Erstaunt entfernten sich die Leute, waren jedoch[101] glücklich festgestellt zu haben, daß ihr würdiger Hirte noch am Leben war.

Priester Hilarion speiste mit einer Begierde, die man begreiflich finden wird, dann dachte er nach.

Wie sollte er zu angegebener Stunde in Konstantinopel sein? Ein menschliches Mittel erlaubte es nicht.

Der Teufel allein konnte ihm zu Hilfe kommen.

»Sei es, rufen wir Satanas,« sprach er bei sich.

Und bewirkte durch seine Beschwörungen das Kommen des Teufels.

»Was willst du, Hilarion?«

»Du sollst mich auf den Rücken nehmen und mich auf die Brücke von Galata nach Konstantinopel bringen. Und mußt vor Mitternacht dort sein.«

»Was leistest du mir dafür?«

»Gebe dir meine Seele, wohlverstanden; doch laß uns unsere Bedingungen stellen!«

»Ich höre!«

»Du wirst mich nach Konstantinopel bringen. Nach den heiligen Messen führst du mich wieder hierher.«

»Selbstverständlich.«

»Sobald du drei andere Arbeiten, die ich dir zu vollenden geben werde, verrichtet hast, gehört dir meine Seele.«

»Meinetwegen!«

»Dann auf und davon, mein alter Satan!«

Vater Hilarion aber war zur festgesetzten Stunde in Konstantinopel. Er konnte den Messen und der Synode[102] beiwohnen und am Osterabend in sein Pfarrhaus zurückkehren, was die Hochachtung und Verwunderung seiner Pfarrkinder vermehrte.

»Und was soll ich jetzt tun?« fragte der Teufel.

»Sollst die Straßen von Smyrna und Konstantinopel so sauber machen, daß auch nicht ein Stäubchen liegen bleibt.«

»Bist ein Schlauberger, Hilarion! Viel Mühe wird's mir machen, dieses erste Geschäft zustande zu bringen.«

Satan verschwindet. Hilarion zählte darauf, ihn nimmer wiederzusehn. Indessen waren keine zwei Tage verstrichen, als der Teufel strahlend zurückkam.

»Es ist geschehen!« sprach er. »In den Straßen Smyrnas und Konstantinopels kann man sich spiegeln und die Hunde sterben dort Hungers!«

Hilarion hub an an allen Gliedern zu zittern. Was sollte er Satan befehlen?

Seine Augen nach draußen richtend, sah er ein schwarzes Schafsfell, welches man zum Trocknen ausgespannt hatte.

»Nimm dieses Schafsfell, das mit seiner Wolle bedeckt ist und bringe es mir weiß wie Mehl zurück.«

»Hum,« brummelte der Teufel, »du gibst mir gar schwierige Aufträge. Weiß nicht, ob ich damit fertig werde. Doch will ich's versuchen!«

Und verschwand mit dem Vliese.

»Nimmer kann er das schwarze Schaf weiß machen,« dachte Priester Hilarion. Ich kann in Frieden schlafen[103] und sterben in der Hoffnung auf den Herrn. Einige Tage hernach kam sein Weib zurück und er erzählte ihr sein Abenteuer und den bösen Streich, welchen er dem Teufel letzthin gespielt hatte. Kaum war er damit zu Ende gekommen, als der böse Geist sich zeigte und triumphierend das Fell, weiß wie Schnee geworden, vorwies.

»Ist's das auch, welches ich dir gegeben habe?« fragte ihn der erstaunte Priester.

»Besieh es selber. Hast du nicht dein Siegel und dein Zeichen daraufgedrückt?«

»Wahrlich,« murmelte Hilarion. »Wie aber hast du dies Wunder vollführen können?«

»Hatte mich weidlich damit abgeplagt, ohne einen Schritt vorwärts zu kommen. Da aber riet mir ein anderer, sehr tückischer Geist, das Vlies mit dem Wasser eines ehrbaren Richters zu befeuchten. Du kannst dir vorstellen, wie ich habe suchen müssen. Nun wohl, ich fand den Richter; er war erst selbigen Abend zum Kadi ernannt worden und hatte keine Zeit gehabt zu richten! Also konnte ich das Vlies des schwarzen Schafes weiß machen. Doch genug des Plauderns. Welch dritte Tat muß ich vollbringen?«

Trotz seiner Weisheit sah sich Vater Hilarion besiegt. Und wußte nicht, wozu er sich entschließen sollte, als ihm sein Weib, die alles mit angehört hatte, zurief: »He, Vater, schämst du dich nicht wie ein Säufer zu saufen? Es ist kein Wein mehr in der Tonne, die voll war, als ich vor nicht vierzehn Tagen abreiste!«[104]

»Frau,« wollte der Priester widersprechen.

»Schweig, Trunkenbold; komm mit in den Keller!«

Nicht wissend, was ihm sein Weib sagen wollte, und denkend, daß etwa Diebe da seien, ließ der Pfarrer den Teufel stehen und folgte seiner Frau.

Als er im Keller war, hob die Alte ihre Röcke auf und ihr Hemd.

»Reiß' mir ein Schamhaar aus,« flüsterte sie.

»Aber was soll ich denn damit anfangen?«

»Dummer Tropf, der du dich schlau dünkst! ... Reiß' aus, sage ich!«

Das Haar ist da.

»Nun wohl,« sagt sie, »gib dies Haar dem Teufel und befiehl ihm, er solle dir genau solch ein Pferdehaar bringen.«

Vater Hilarion gehorchte. Nimmer wieder hörte man vom bösen Geiste sprechen, der ewig damit beschäftigt sein muß, das Haar von Hilarions Weibe zu erkennen.

Quelle:
[Hansmann, Paul] (Hg.): Schwänke vom Bosporus. Berlin: Hyperionverlag, [1918], S. 99-105.
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