[40] 11. Der Wunschfetzen, die Goldziege, die Hutsoldaten.

Es war einmal ein Schuster, der war sehr arm und hatte nichts als eine Frau und eine alte Ziege. Er konnte sich in der Heimat nichts mehr verdienen und beschloß deshalb fortzureisen. »Höre, liebe Frau«, sagte er eines Tages zu ihr: »Du siehst, daß ich mir hier nichts verdienen kann, und ich bin daher willens, morgen fortzureisen. Schlachte unsere Ziege, damit ich unterwegs etwas zu essen habe.«

Des andern Tages wurde die Ziege geschlachtet, der Schuster nahm einen Theil derselben mit und reiste fort. Er ging den ganzen Tag und konnte weder ein Dorf noch eine Stadt erreichen. Müde legte sich der arme Mann unter eine am Ende des Weges stehende Statue nieder, um daselbst ein wenig auszuruhen. Als er eben das Fleisch auspacken wollte, fing die Statue zu sprechen an und fragte den Schuster: »Sag mir, was hast du in deinem Bündel?« »Ein Stück Ziegenfleisch«, war die Antwort des erstaunten Mannes. – »Siehst du, lieber Mann, die kleine hölzerne Hütte am Ende des Weges?« »Ja, die seh ich«, antwortete er. – »Dort geh hin und wirf dein Fleisch hinein. Es haben nämlich dort die Teufel ihre Werkstatt. Wenn sie dich nachher fragen, was du als Bezahlung forderst, so antworte ihnen: ›Den alten Fetzen, der auf dem Bette liegt.‹ Der Schuster ging sogleich zur Hütte, warf sein Fleisch hinein und verlangte als Bezahlung den von der Statue bezeichneten Fetzen. Erst nach langem Hin- und Widerreden[40] erhielt er denselben. Der Schuster ging damit zurück. Unterwegs betrachtete er seinen Gewinn, und siehe da, der Fetzen war bedeutend schlechter als alle, die er in seiner Wirtschaft hatte.«

Der Schuster kam zur Statue zurück und sprach seinen Unwillen über ihren Rath aus. Allein die Statue sprach: »Nimm dieses Stäbchen aus meiner Hand und klopfe damit dreimal auf deinen Fetzen.« Der Schuster that, wie ihm befohlen, und auf dem Fetzen waren die besten Speisen aufgetischt. Da konnte sich der Schuster, der schon lange keine solchen Speisen gegessen hatte, wieder einmal laben. Nach beendetem Mahle dankte er der Statue, nahm seinen Fetzen und war entschlossen, in seine Heimat zurückzukehren.

Unterwegs aber übernachtete er in einem Wirtshause und zeigte den daselbst anwesenden Gästen sein Zauberstück. Der Wirt und die Wirtin bewunderten dasselbe und hegten im Innern den Wunsch, einen solchen Fetzen zu besitzen. Des Nachts stahl der Wirt dem Schuster sein Zauberstück und legte anstatt dessen einen andern zu dem Bette des Gastes hin. Des andern Tages zahlte der betrogene Mann seine Zeche und zog mit dem vermeintlichen echten Fetzen in seine Heimat. Dort angekommen, ließ er gleich seine ganze Sippe zu einem fröhlichen Mahle einladen. Schon waren die geladenen Gäste erschienen, schon warteten dieselben auf die vielen Speisen, die da kommen sollten, als der Schuster mit seinem Fetzen in der Hand in die Gesellschaft eintrat, und in würdiger Weise die Geschichte der letzten Tage erzählte.

Darnach zog der Schuster sein Stäbchen hervor und hieb langsam und gelassen dreimal auf den Fetzen. Allein keine Speisen erschienen. Der Schuster schlug zu wiederholtem Male und immer kräftiger, aber der Fetzen blieb tot liegen und die hungrige Gesellschaft mußte unverrichteter Sache wieder abziehen. Der arme Mann glaubte, die Statue sei die Ursache des Unglücks.[41]

Bald darauf unternahm der Schuster seine zweite Reise, auf welche er wieder ein Stück seiner Ziege mitnahm. Abermals kam er zur Statue, die ihm befahl, sein Fleisch wieder den Teufel zu geben und dafür die alte Ziege zu verlangen, welche an der Thüre angehängt sei. Der Schuster that dasselbe und erhielt eine alte Ziege, die viel elender war, als die, welche er vor seiner Abreise geschlachtet hatte. Als er zur Statue kam, beschwerte er sich bei derselben über das alte Thier, das er erhalten habe. Allein die Statue gab ihm ein Stäbchen in die Hand und befahl dem Manne, mit demselben auf den Rücken der Ziege zu hauen. Der Schuster that, wie ihm gesagt wurde, und nun fielen zu seinem nicht geringen Erstaunen Goldstücke aus den Ohren des Thieres. Wie froh war unser Mann, als er das Gold sah! Schnell stattete er seinen Dank bei der Statue ab und ging eilig mit der alten Ziege nach Hause.

Unterwegs aber fühlte er Hunger und Durst, er kehrte daher ein und kam gerade wieder in jenes Gasthaus, wo er früher geherbergt hatte. Nachdem er gegessen und getrunken, wollte er seine Zeche zahlen. Geld hatte er aber keines, und um solches zu bekommen, führte er die Ziege in's Zimmer und schlug dreimal mit dem Stäbchen auf den Rücken des Thieres. Dasselbe schüttelte Gold aus seinen Ohren, und der Schuster bezahlte damit seine Zeche. Kaum hatte der Wirt das gesehen, als er schon darauf sann, wie er die Ziege in seine Gewalt bekommen könne.

Der Wirt besaß ebenfalls eine Ziege, welche der besprochenen auf's Haar ähnlich sah. Deshalb beschloß er, während der Nacht seine Ziege und die des Schusters auszutauschen. Gedacht, gethan. Die Ziege ward ausgetauscht. Als der Schuster des andern Morgens aufwachte, zog er gutes Muthes davon, ohne von dem Tausche nur die geringste Ahnung zu haben. Als er nach Hause kam, mußte sein Weib gleich einen Schweinsbraten holen und überhaupt für ein köstliches Mittagsmahl[42] Sorge tragen. Das Geld werde er schon herbeischaffen. Nachdem das Mahl verzehrt war, wollte unser Schuster sein Kunststückchen probieren. Er führte die Ziege in das Zimmer und hieb mit dem Stäbchen dreimal auf den Rücken des Thieres. Allein man sah kein Gold fallen. Der Schuster schlug immer heftiger, aber ohne Erfolg. Nur ein schwaches Mäh von Seiten des geplagten Thieres unterbrach die geheimnisvolle Stille. Alle Versuche waren umsonst, das Thier schüttelte zwar traurig den Kopf, aber kein Gold fiel aus seinen Ohren. Der arme Schuster sah sich wieder betrogen, und nun unternahm er seine dritte und letzte Reise, auf welche er wieder ein Stück Ziegenfleisch mitnahm.

Auch jetzt ging er zur Statue, welche ihm abermals rieth, das Ziegenfleisch den Teufeln zu geben und dafür den neben dem Bette stehenden alten Hut zu verlangen. Der Schuster that, wie ihm von der Statue befohlen war, und erhielt wirklich den alten Hut, der aber in sehr schlechtem Zustand war.

Als der Schuster zur Statue zurückkam, gab ihm diese ein Stäbchen, mit welchem er dreimal auf den Hut klopfen sollte. Der Mann that es und zu seinem Erstaunen rückte ein ganzes Regiment Soldaten heraus. Er konnte sich nicht satt sehen an dem kleinen Heere, klopfte dann wieder auf den Hut und alle Soldaten nahmen in demselben Platz. Die Statue erklärte nun dem Schuster, daß ihm seine früher gewonnenen Zauberstücke der Wirt gestohlen habe, bei dem er übernachtete. Der Schuster nahm sich vor, dieselben zu holen und ging, nachdem er sich bei der Statue bedankt hatte, in jenes Wirtshaus. Dort angekommen, verlangte er von dem Wirte den Fetzen und die Ziege. Der Wirt aber gab ihm dieselben nicht zurück. Da klopfte nun der Schuster auf seinen Hut und sogleich war die ganze Schankstube mit Soldaten überfüllt, welche dem Wirte mit dem Tode drohten, wenn er jene Stücke nicht herausgäbe. Voll Angst gab derselbe das Verlangte her, und der Schuster kehrte nun als[43] reicher Mann in seine Heimat zurück. Als er nach Hause kam, ließ er sogleich den König des Landes einladen, und versprach demselben allerlei zu zeigen. Der König kam auch, besah die Ziege und den Fetzen, und die aufgetischten Speisen mundeten ihm vortrefflich. Allein beim Abschiede gab er seinen Dienern den Befehl, den Fetzen sowohl als auch die Ziege zu stehlen. Dieses geschah auch. Der Schuster verlangte umsonst sein Eigenthum, der König lachte ihn nur aus. Da erklärte der Schuster, auf seinen Hut vertrauend, dem Könige den Krieg, den dieser mit lachendem Munde auch annahm. Beide bestimmten nun den Ort und die Zeit des Kampfes. Als der Tag herankam, war der Schuster der erste auf dem Schlachtfelde; bald erschien auch der König mit zehn seiner besten Soldaten. Sobald der Schuster diese sah, ließ er sein Heer aus dem Hute marschieren und gab ihnen den Befehl, den König und die anderen gefangen zu nehmen. Der König war ganz verwundert über das Heer und wollte fliehen, denn er fühlte sich zu schwach; allein die feindlichen Scharen, die hatten ihn schon umringt. Er mußte sich ergeben, und man führte ihn zu dem Schuster. Dieser versprach ihm die Freiheit, sobald er die Ziege und den Fetzen zurückgestellt habe.

So ward einmal ein König sogar von einem Schuster überwunden.[44]

Quelle:
Vernaleken, Theodor: Kinder- und Hausmärchen dem Volke treu nacherzählt. 3.Auflage, Wien/Leipzig, 1896 (Nachdruck Hildesheim: Olms, 1980), S. 40-45.
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