[159] 36. Eins schlägt zwölf, zwölf schlagen neun und vierzig.

Es lebte einst ein König, der hatte eine schöne Tochter. Von weit und breit zogen die Prinzen hin, um sie zu freien. Doch sie wollte nicht heiraten und ließ sich von ihren Freiern ein Räthsel aufgeben; wenn sie es auflösen konnte, verfiel der Wagehals dem Tode und wurde gehängt.

Ein benachbarter Königssohn hörte von der wunderlichen Prinzessin, und nahm sich vor, sein Glück zu versuchen. Seinem alten Diener theilte er sein Vorhaben mit, verbot ihm aber, seinen Eltern etwas davon zu sagen. Der nächste Morgen war zur Abreise festgesetzt. Doch der Diener, dem alten König treu ergeben, verrieth den Plan. Der König ließ seinen Sohn rufen und wollte ihn von seinem Vorhaben abbringen, doch der Prinz hörte nicht auf seinen Vater; dieser nahm sich daher vor, seinen Sohn zu vergiften, damit er nicht durch Henkershand sterbe.

Früh am nächsten Morgen stand der Prinz auf und bestieg das von seinem Diener vorgeführte Pferd; er wollte die Burg verlassen, ohne seinem Vater Lebewohl gesagt zu haben. Indeß erschien der König an der Thür und reichte ihm zum Abschied einen Becher. Der Prinz aber, Böses ahnend, schüttete das Getränk über den Kopf des Pferdes hinab, rief seinem Vater einen Gruß zu und ritt zur Pforte hinaus, sein Diener hinter ihm her.[159]

Nachdem sie einige Tage geritten waren, kamen sie in einen großen Wald, welcher kein Ende zu nehmen schien. Da machte das Pferd des Prinzen auf einmal einen fürchterlichen Satz, der Prinz verlor das Gleichgewicht und fiel zu Boden, und das Pferd stürzte tot nieder. Das Gift hatte den ganzen Kopf und Hals des Thieres durchfressen. Nun mußten sie sich mit einem Pferde behelfen.

Wieder reisten sie mehrere Tage, da kamen sie in eine Waldlichtung und sahen hie eine Schar wildaussehender, bis an die Zähne bewaffneter Männer um eine Grube stehen. Sie wollten zurücktreten, doch es war schon zu spät, man hatte sie bemerkt. Es trat einer aus dem Haufen hervor und fragte sehr freundlich, wohin die Reise gehe. Nachdem der Prinz ihnen gesagt hatte, was er vorhabe, lachten ihm die Räuber in's Gesicht. »Bleib lieber bei uns«, sagten sie ihm, »eben jetzt haben wir unsern Hauptmann begraben, und wenn du willst, kannst du an dessen Stelle treten.« »Wer weiß, wozu das gut ist«, dachte er, nahm den Antrag an, und so ward er von der versammelten Bande, aus neun und vierzig Männern bestehend, als Führer gewählt. Sie nahmen ihn sammt seinem Diener in ihre Mitte und führten ihn durch Dick und Dünn, bis sie endlich in ein Wildthal kamen und vor einem Felsblocke stehen blieben. Einer der Räuber drückte an einer geheimen Feder; sogleich drehte sich der Stein wie in Angeln und ließ einen anfangs engen, niederen, sich aber immer mehr erweiternden Gang sehen, welcher durch viele Fackeln und Lampen erleuchtet war. Dieser Gang mündete in eine geräumige Höhle, von wo aus sich viele Gänge verzweigten. In dieser Halle war ein langer Tisch aufgestellt und mit vielen Speisen bedeckt. Sie setzten sich um den Tisch, aßen und tranken nach Herzenslust und vertheilten sich dann in ihre Gemächer. Einige blieben bei dem neuen Hauptmann, um ihm ihre Reichthümer zu zeigen. Sie führten ihn herum, zeigten ihm ihre Schatzkammer, ihre Waffensäle und Stallungen,[160] denn sie hatten auch Pferde. Sodann mußte er schwören, sie nie zu verlassen. Des andern Tages machten sich die Räuber auf, um wie gewöhnlich ihre Raubzüge zu unternehmen, ließen aber ihren Hauptmann nebst seinem Diener zurück, damit sie sich ausruhen könnten. Dem Diener war aber nicht ganz wohl dabei, darum verließ er die Höhle mit dem Versprechen, bald wieder zurückzukommen. Durch Zufall kam er an die Stelle, wo der vergiftete Gaul lag; da sah er, daß am Kopfe des Thieres zwölf tote Raben lagen, welche wahrscheinlich von den vergifteten Theilen gefressen hatten. Da dachte er, vielleicht könne er sich und seinen Herrn von der säubern Gesellschaft frei machen, wenn es ihm gelänge, die Räuber zu vergiften. Er nahm daher sein Weidmesser, schnitt die vergifteten Theile ab und steckte sie sammt den Raben in seine Jagdtasche. In der Höhle angelangt, richtete er das Mitgebrachte zu, machte aber seinen Herrn aufmerksam, ja von dem Wildbret nichts zu essen, welches er auftischen würde.

Bald darauf kamen die Räuber heim und waren lustig und guter Dinge, da sie einen guten Fang gemacht hatten; ermüdet setzten sie sich zu Tische und ließen's sich wohl schmecken. Doch bald nachdem sie gegessen, spürten sie heftige Bauchschmerzen und nacheinander erlagen sie dem Gifte. Der Hauptmann und sein Diener stellten sich, als ob sie auch heftige Schmerzen hätten. Als die Räuber alle regungslos dalagen, machte sich der Prinz auf, wählte aus den Stallungen ein Paar der schönsten Pferde und streute den andern zur Genüge Futter vor, damit sie, im Falle sie nicht bald, wieder kämen, auf eine Zeitlang Nahrung hätten. Hierauf verließen sie die Höhle, nachdem sie die Leichen in den vorbeifließenden Wildbach geworfen hatten. Bald erreichten sie das Ende des Waldes und sahen jetzt das Ziel ihrer Reise, die Stadt, vor sich liegen. Der Prinz ließ sich durch seinen Diener bei dem König melden. Er wurde von diesem sehr[161] freundlich aufgenommen und der König fragte nach seinem Begehren. Als ihm der Prinz sagte, daß er gekommen sei, der Prinzessin ein Räthsel aufzugeben, ward der König sehr traurig und bat ihn, von seinem Willen abzustehen. Doch der Prinz ließ es sich nicht ausreden und ward daher der Prinzessin gemeldet. Diese ließ sich von ihm das Räthsel vorlegen. Er that es, indem er sprach: »Eines schlägt zwölf, zwölf schlagen neun und vierzig, sage mir was heißt dieß?« Die Prinzessin schien verlegen und bat ihn um eine Frist von drei Tagen, damit sie das Räthsel überdenken könne. Der Prinz gestattete es, und es wurden ihm hierauf einige Gemächer eingeräumt, während man seinem Diener eine Stube zum Aufenthalte anwies. Die Prinzessin wußte sich weder zu rathen noch zu helfen, denn ein solches Räthsel war ihr noch nicht vorgekommen. Sie bot daher alles auf, den Diener des Prinzen zu bestechen, um von ihm die Auflösung zu erfahren. Sie schickte ihren Kammerdiener, einen durchtriebenen Kopf, zu ihm, damit er alles anwende, um die Auflösung zu erfahren. Der Kammerdiener nahm einen tüchtigen Krug voll des kräftigsten Weines mit, um dem Diener einen Rausch anzuzechen; doch das war vergeblich. Der alte Diener trank den zierlichen Kammerdiener unter den Tisch und schnitt ihm dann den Knebelbart ab, um ein Zeichen zu besitzen, mit welchem er die List der Prinzessin darlegen könne. Außerdem prügelte er ihn tüchtig durch, so daß dieser froh war, mit heiler Haut davon zu kommen. Dieß schüchterte die Prinzessin zwar ein, sie schickte aber trotzdem ihren Kutscher ab. Dieser war ein riesiger Kerl, mit dem nicht zu spaßen war. Es erging ihm nicht besser; auch er bekam, nachdem er einen Rausch hatte, eine Tracht Prügel. Betäubt fiel er nieder; da band ihm der Alte die Füße, holte sein Rasiermesser hervor und schor ihm den Kopf kahl, sodann warf er ihn zur Thür hinaus. Jetzt nahm sich die Prinzessin vor, ihr Glück selbst zu versuchen und wollte sich deshalb zu dem Diener[162] begeben. Dem kam es zu Ohren und er sagte es daher seinem Herrn. Dieser nahm den Posten des Dieners ein, um die Prinzessin genauer zu sehen. Er war entzückt von der Schönheit derselben und erzählte ihr seine ganze Geschichte und somit auch die Auflösung des Räthsels. Da kam sein Diener hinzu, ergriff seine Peitsche und maß ihr ein paar auf, trotzdem daß sein Herr abwehrte. Auch nahm er ihr den kostbaren Ring ab, den er am Finger der Prinzessin bemerkte.

Der festgesetzte Tag kam heran. Der Prinz fand sich pünktlich ein, und die Prinzessin erwartete ihn schon. Sie lud ihn ein, sich niederzusetzen; darauf nahm sie das Wort und sprach: »Du bist ein Prinz und solltest von deinem Vater vergiftet werden, schüttetest jedoch das Gift, welches er dir reichte, über dein Pferd, so daß dieses starb; von diesem Pferde fraßen zwölf Raben und auch diese erlagen dem Gifte und mit diesen Thieren tötetest du neun und vierzig Räuber um dich frei zu machen. Habe ich recht gerathen?« »Ja«, erwiederte er und war auf alles gefaßt. Da trat der Diener des Prinzen hervor und sagte, die Prinzessin habe nur durch List die Auflösung erfahren. Und das bewies er durch den Knebelbart, die Haare und endlich den Ring. Da mußte die Prinzessin eingestehen, daß sie nur durch List die Auflösung erfahren habe und gab dann ihre Hand dem Prinzen.

Ob er sie genommen hat, das weiß ich nicht.[163]

Quelle:
Vernaleken, Theodor: Kinder- und Hausmärchen dem Volke treu nacherzählt. 3.Auflage, Wien/Leipzig, 1896 (Nachdruck Hildesheim: Olms, 1980), S. 159-164.
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