28. Der Reiche und der Arme

[136] Es war einmal ein armer Mann und seine Frau. Dem sagte eines Tages ein Reicher: »Komm, armer Schlucker, ich nehm' dich mit auf die Jagd.« »Wie soll ich denn mit dir auf die Jagd gehen, wenn ich nichts zu essen mitzunehmen habe?« antwortete der Arme. »Sag' deiner Frau, sie soll im Aul um eine Schüssel Mehl betteln und dir Wegkost daraus backen.«[136] Der Arme ging also zu seiner Frau und setzte ihr die Sache auseinander; sie ging betteln, brachte eine Schüssel Mehl und buk ihrem Mann Brot.

Am folgenden Tag gingen der Reiche und der Arme zusammen auf die Jagd. Den ganzen Tag wanderten sie herum und fanden kein Wild. Abends suchten sie sich einen Ort zum Übernachten aus, zündeten ein Feuer an und setzten sich nieder. Lange saßen sie da; schließlich sagte der Arme, es wäre wohl Zeit, Abendbrot zu essen. »Ja, du hast recht«, antwortete der Reiche. Sie holten hervor, was sie hatten, aßen und legten sich dann schlafen. Auch am folgenden Tag bekamen sie kein Wild zu Gesicht und kehrten müde zu ihrem vorigen Nachtlager zurück. Wieder saßen sie eine Weile da, bis der Arme endlich wieder ans Essen dachte. »Was sollen wir denn essen? Hast du vielleicht noch etwas?« antwortete der Reiche, zog seinen Vorrat hervor und aß, gab aber dem Armen nichts davon ab. Der schaute zu, wie der andre sich sättigte, und als er sah, daß für ihn gar nichts abfallen wollte, bat er um eine Kleinigkeit. »Wenn du mich eines deiner Augen ausstechen läßt, geb' ich dir zu essen«, antwortete der Reiche. Was sollte der Arme auch tun? Es blieb ihm gar nichts anderes übrig, als ein Auge zu opfern, wofür er ein Stückchen Brot erhielt. Kaum aber hatte er dies verzehrt, als der Reiche ihn mit den Worten »Mach, daß du fortkommst. Dein Unglück hat auch mich angesteckt«, fortjagte. Er erlaubte ihm nicht einmal, über Nacht dazubleiben.

Der Arme tappte sich in der Nacht durch den Wald hindurch und kam endlich ins freie Feld, wo er am Fuße eines kleinen Hügels ein Licht sah, auf das er nun auch zuging. Als er näher kam, sah er ein Haus vor sich. Er schaute hinein und als er fand, daß es leer war, kroch er in den Dachstuhl und versteckte sich da.

Bald darauf kamen ein Wolf, ein Bär und ein Fuchs und traten ins Haus. Der Bär sagte zu den andern: »Wir[137] wohnen doch zusammen und schlafen zusammen, warum: sollten wir nicht auch zusammen essen? Also raus, mit dem, was jeder von euch hat.« »Was ich habe,« sagte der Fuchs, »ist ein Stück Goldstoff; das ist meine ganze Habe, davon lebe ich, davon esse ich und trinke ich: ich brauch' ihn bloß ein paarmal zu schütteln und gleich fällt allerlei zu essen und zu trinken heraus.« »Das ist doch eine äußerst wertvolle Sache, Fuchs,« meinte der Bär, »ich aber habe eine ganze Grube voll Geld, ja, die hab' ich, kommt nur mit, ich zeige sie euch.« Und der Wolf zeigte auf einen Baum und sagte: »Wenn ich ein Schaf raube und werde dabei verwundet, dann lauf ich zu diesem Baum und reibe mich daran und gleich heilt die Wunde zu, als ob mir gar nichts geschehen wäre.«

Auf diese Weise taten die Dreie ihre ganze Habe und ihre ganze Macht zusammen. Aber der Bär war ein kluges Tier: »Wenn wir alles das aufbrauchen, was wir jetzt haben,« sagte er, »so taugt das nichts; wir wollen doch lieber arbeiten. Was werdet ihr tun?« »Ich gehe auf die Hühnerjagd,« sagte der Fuchs, und »Ich geh' und hol' ein Schaf«, der Wolf, und der Bär: »Ich will mal Hafer fressen.«

Das hatten sie also nachts ausgemacht und als es Morgen wurde, tat jeder, was er sich vorgenommen hatte. Unser Armer war aber immer noch auf seinem Dachboden. Als die drei fort waren, kletterte er herunter, nahm alles, was dem Bären und dem Fuchs gehörte, nämlich den Goldstoff und das Geld mit, ging zu dem Baume, von dem der Wolf gesprochen hatte, und rieb daran sein ausgestochenes Auge: gleich sah er wieder so gut wie früher. Dann ging er weiter und kam zu den Hirten, die ihn frugen, was er auf dem Rücken trage. »Nichts Besonderes,« antwortete er, »ich war mit einem Reichen auf der Jagd, und was kann ich wohl anders haben jetzt als Kohlen?«

Inzwischen war auch der Wolf angekommen und rief den Hirten zu, sie sollten ihm den schuldigen Tribut[138] abliefern. »Komm nur her!« riefen ihm die Hirten zu und der Wolf schlich, sich an die Herde heran, näher und immer näher. Die Hirten aber schössen auf ihn und trafen so gut, daß ihm das Hirn aus dem Schädel fiel. Der Arme holte sich das Hirn – zu den Hirten sagte er, es sei eine Arznei – und steckte es in seinen Sack. Der Wolf lief zu seinem Baum und rieb sich daran – aber diesmal half es ihm nichts mehr; der Baum hatte alle seine Wunderkraft an den Armen abgegeben. Dieser aber ging weiter und kam in ein Dorf, das einem Fürsten gehörte.

Nun war dieser Fürst sehr krank und von allen Seiten kamen, wie dies der Brauch ist, Leute, um ihn zu besuchen. Der Arme fragte sie, warum sie alle hergekommen wären, und als er den Grund davon erfuhr, drückte er den Wunsch aus, den Fürsten besuchen zu dürfen. Zuerst wollten sie es ihm nicht erlauben, aber der Fürst hatte von seinem Wunsche gehört und befahl, ihn vorzulassen. Der Arme trat ins Zimmer des Fürsten, setzte sich und sagte dem Brauche gemäß: »Möge dir die Kraft eines Lebendigen zuteil werden!« Dann aber frug er den Kranken, wie es bei ihm mit den Arzneien stünde. »Ach,« antwortete dieser, »hätt' ich nur einen, der mir ein gutes Heilmittel brächte, ich würde ihm geben, was er nur wollte.« Der Arme ließ nun Milch bringen, kochte darin das Wolfshirn und gab dem Kranken etwas davon zu trinken. Gleich wurde der Fürst gesund, wie ein Hirsch31, so gesund fühlte er sich. Und mit dem Danke geizte er nicht: er ließ seine Pferde von der Weide holen, wählte das beste aus, sattelte es und tat dazu noch den besten Säbel, den besten Dolch, das beste Gewehr und die beste Pistole, die er hatte und schenkte alles dem Armen. Als dieser schon auf dem Pferde saß, bekam er vom Fürsten noch eine ganze Schafherde mitsamt ihrem Hirten geschenkt. Schnell wie der Wind ritt unser Armer davon.[139]

Als der Reiche von all dem erfahren hatte, ging er dem Armen entgegen und frag ihn, woher er denn alle die Reichtümer habe. »Nur schnell heraus mit der Sprache, sonst nehm' ich dir die Hälfte weg davon; wir waren doch zusammen«, drohte er. »Wenn du dir ein Auge ausstechen läßt, sag' ich's dir«, antwortete der Arme. Nun, da war weiter nichts zu machen; der Reiche hielt sein Auge hin und der Arme stach es ihm mit demselben Dolche aus, den er von dem Fürsten bekommen hatte. Dann sagte er: »Als ich damals nachts von dir weg ging, sah ich ein Licht, ging ihm nach und kam zu einem Hügel, wo ein Bär, ein Wolf und ein Fuchs wohnten, von denen hab' ich alles bekommen.« Der Reiche machte sich auf den Weg, fand das Haus und versteckte sich auf dem Dachboden. Die drei kamen abends nach Hause; zuerst der Wolf, der ein wenig krank war. Als sie alle drei versammelt waren und sich ein wenig ausgeruht hatten, frug der Bär: »Nun, wer von euch hat etwas mitgebracht?« »Ich bin zu den Hirten gegangen«, sagte der Wolf, »und bin verwundet worden; dann bin ich zu meinem Baum gelaufen und habe mich gerieben und gerieben, aber umsonst – darum bin ich jetzt krank.« »Und ich,« sagte der Fuchs, »ich war an allen Hühnerställen, konnte aber nichts finden.« »Und ich,« fügte der Bär hinzu, »ich wollte Hafer fressen, aber er war noch grün und darum bin ich auch leer nach Hause gekommen.« Lange saßen sie noch so, bis es Zeit zum Abendessen wurde. Da sagte der Bär zum Fuchs, er solle etwas zu essen und zu trinken schaffen. Der Fuchs zündete ein Licht an und suchte nach seinem Goldstoff, konnte ihn aber nirgends finden. »Was sollen wir essen, wenn ich meinen Goldstoff nicht finde«, sagte er. »Ach du neckst uns nur,« sagte der Bär, »ich will mal einen Rubel holen aus meiner Grube.« Aber die Grube war leer. »Das hat der Wolf getan«, meinte der Bär, »der hat alles versteckt.« »Ich bin krank und weiß von nichts«, antwortete der Wolf. »Nein, nein, du warst es;[140] du stellst dich bloß krank, damit man dich nicht im Verdacht haben soll, aber damit kannst du uns nicht betrügen«, rief der Bär und warf sich mit dem Fuchs auf den Wolf. Sie brachten ihn um und fraßen ihn auf.

Als sie damit fertig waren, sprang der Fuchs auf den Dachboden und fand da einen Menschen, den Reichen. »Da ist ein Mensch,« rief er dem Bären zu, »der hat sich hier versteckt. Das ist der Dieb! Und wir haben unseren Gefährten umsonst umgebracht!«

Und dann zogen sie den Reichen herunter und fraßen ihn trotz seiner Versicherungen, er sei nicht der Dieb, auf.

Dem Armen aber hat Gott ein schönes Leben beschieden; er lebt heute noch.

31

sadji-chuzän = wie ein Hirsch; ein Ausdruck, um vollkommene Gesundheit des Körpers und des Geistes zu bezeichnen.

Quelle:
Dirr, A.: Kaukasische Maerchen.Jena: Eugen Diederich, 1922, S. 136-141.
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