4. Der Meister und sein Schüler

[13] Es war einmal ein armer Bauer, der hatte einen Sohn. Eines Tages sagte seine Frau: »– Du mußt den Jungen etwas lernen lassen, sonst wird nichts aus ihm. Was soll denn das sein, wenn er so unwissend bleibt wie du.«

Dem Bauern paßte das zwar nicht, aber die Bäuerin gab ihm keine Ruhe. So machte er sich denn einmal auf den Weg, nahm seinen Sohn mit sich und begab sich auf die Suche nach einem Meister. Unterwegs wurden sie beide durstig, und da sie eben eine Quelle fanden, tranken sie sich satt und standen wieder auf mit den Worten: »Ach, wie gut bist du.«

Da kam plötzlich ein Teufel aus der Quelle hervor, verwandelte sich in einen Menschen und sagte zu dem Bauer:

»Was willst du Mensch! Was fehlt dir?«

Der Bauer erzählte ihm, was er beabsichtige.

»Gib mir deinen Sohn,« sagte der Teufel, »und laß ihn auf ein Jahr bei mir. Ich werde ihn lehren. Dann komm; wenn du ihn wiedererkennst, kannst du ihn mitnehmen, wenn nicht, bleibt er bei mir.«

Bei dem Teufel waren noch viele andere Knaben, die er auf diese Weise sich zu eigen gemacht hatte. Im Laufe eines Jahres hatten sie sich so verändert, daß ihre Eltern sie nicht wiedererkennen konnten. Aber das wußte der Bauer ja nicht; darum willigte er in den Vorschlag des Teufels ein, ließ seinen Jungen da und machte sich auf den Heimweg.

Als das Jahr um war, ging er seinen Sohn aufsuchen. Der Teufel war gerade nicht anwesend, und auf dem Hofe[13] stand eine ganze Menge Knaben. Der Bauer schaute und schaute – aber seinen Sohn konnte er nicht herausfinden. Desto besser kannte dieser seinen Vater und stand plötzlich vor ihm.

»Jetzt kommt unser Meister,« sagte er, »verwandelt uns alle in Tauben und befiehlt uns aufzufliegen. Wenn wir dann wegfliegen, werde ich der vorderste sein und wenn wir zurückkommen, der hinterste. Wenn dich dann der Meister fragt, welche Taube dein Sohn sei, so wirst du wissen, welche es ist.«

Wie freute sich da der Bauer und mit welchen Hoffnungen wartete er die Rückkehr des Meisters ab!

Der kam auch wirklich nach einiger Zeit, rief seine Schüler zusammen, verwandelte alle in Tauben und ließ sie auffliegen. Wirklich war der Bauernsohn der letzte, als sie zurückflogen.

»Nun, welche von den Tauben ist dein Sohn?« frug der Meister. Der Bauer deutete auf die letzte. Ganz greulich ärgerte sich da der Teufel; er erriet gleich, was da dahinter steckte, aber was sollte er machen? Er mußte dem Bauern seinen Sohn zurückgeben.

Vater und Sohn machten sich also auf den Heimweg. Da trafen sie eine Schar Edelleute, die eben jagten. Ein Hase lief da und hinter ihm die Hunde her, die ihn aber nicht einholen konnten. Da sagte der Junge zu seinem Vater: »Geh in dieses Gebüsch und jage einen Hasen auf; ich verwandele mich in einen Hund und fange ihn vor den Augen dieser Edelleute. Die werden dann in dich dringen, deinen Hund zu verkaufen; zier' dich aber und verkauf' mich recht teuer. Dann verwandle ich mich im passenden Augenblick wieder und hole dich ein!«

Gesagt, getan. Der Vater geht ins Gebüsch, scheucht einen Hasen auf, der Sohn verwandelt sich in einen Jagdhund, läuft dem Hasen nach, holt ihn ein und erwischt ihn vor den Augen der Edelleute.

Natürlich wollten die nun den Hund haben, kamen zu[14] dem Bauern und forderten ihn auf, seinen Jagdhund zu verkaufen. Der tat zuerst, als wollte er nicht; als sie ihm aber immer mehr boten, willigte er schließlich ein, steckte das Geld in die Tasche und gab ihnen den Hund. Die Edelleute banden das Tier mit einem Strick fest und führten es weg. Bald darauf stöberten sie unter einem Busche wieder einen Hasen auf, ließen den ebengekauften Jagdhund los und hetzten ihn auf den Hasen. Der Hund jagte das Langohr ein gutes Stück Weg vor sich hin und als ihn die Jäger aus dem Gesicht verloren hatten, verwandelte er sich wieder in einen Jungen und lief seinem Vater nach.

Als die beiden eine Weile gegangen waren, schien ihnen das Geld zu wenig. »Wir müssen noch welches bekommen«, sagte der Junge zu seinem Vater.

Wirklich trafen sie bald darauf auf eine zweite Gesellschaft von Edelleuten, die auf Fasanen jagten. Sie hatten ihre Falken losgelassen, aber es war umsonst gewesen. Schnell verwandelte sich nun der Junge in einen Jagdfalken und schlug einen Fasanen in der Luft.

Die Edelleute wurden fast närrisch vor Begeisterung, so sehr gefiel ihnen dieser Falke, und feilschten mit dem Bauern um dessen Preis. Billig ließ er ihn aber nicht ab, steckte sein Geld ein und trollte sich. Die Jäger wollten ihren neuen Falken bald auf die Probe setzen und ließen ihn auf den nächsten Fasanen los, den sie sahen. Der Falke jagte den Fasanen ein gutes Stück weit, verwandelte sich dann wieder und ... lief seinem Vater nach.

Jetzt hatten sie schon ziemlich viel Geld, aber dem Jungen war's noch immer zu wenig und deshalb schlug er seinem Vater ein neues Stückchen vor.

»Ich will mich in ein edles Pferd verwandeln, setze du dich auf mich, führe mich in die Stadt und verkaufe mich. Aber vergiß nicht, an einen Flimmeräugigen darfst du mich nicht abgeben und wenn schon, nimm den Zügel ab, sonst kann ich mich nicht mehr verwandeln.«[15]

Kaum hatte er das gesagt, als er schon ein schönes Pferd war. Sein Vater setzte sich darauf und führte es in die Stadt. Dort fanden sich viele Käufer, die Lust hatten, das Tier zu kaufen; am meisten aber bemühte sich darum ein Flimmeräugiger; wenn einer einen Rubel mehr bot, so bot er gleich einige Tuman5; den Bauern überkam die Geldgier und er gab ihm sein Pferd ab. Der Flimmeräugige kaufte ihm auch den Zügel ab, setzte sich darauf und trieb es weg.

Wie er sich freute, daß ihm sein Schüler wieder in die Hände gefallen war! Er ritt nach Hause und schloß ihn in einen dunklen Raum ein. Der Schüler aber wurde traurig und elend, und dachte darüber nach, wie er sich befreien könnte, fand aber kein Mittel. So verging die Zeit.

Eines Tages bemerkte er, wie in seinen Stall ein Sonnenstrahl eindrang. Als er nachsah, war es eine Spalte in der Türe. Schnell verwandelte er sich in eine Maus und schlüpfte hinaus. Als ihn der Meister sah, verwandelte er sich in eine Katze und lief der Maus nach.

Da läuft die Maus, ihr nach die Katze! Schon hatte diese den Rachen geöffnet um ihre Beute zu packen, als die Maus sich in einen Fisch verwandelte und ins Wasser sprang. Aber der Meister wurde im Nu ein Netz und schwamm hinter dem Fisch her. Fast war dieser gefangen, da verwandelte er sich in einen Fasan, der Meister als Falke hinter ihm her. Schon fühlte der Fasan die Klauen seines Feindes, als er sich in Gestalt eines rotbackigen Apfels niederfallen ließ, gerade in den Schoß des Königs. Gleich wurde der Meister zum Messer, das der König auf einmal in der Hand hielt. Schon wollte dieser zugreifen und den Apfel zerschneiden ... da war aber schon kein Apfel mehr da, sondern ein Häufchen Hirse und davor stand eine Henne mit ihren Küken ... der Meister. Sie pickten und pickten, bis nur noch ein Körnchen überblieb. Das wurde im letzten Augenblick zu einer Nadel, Huhn und Küken[16] zu einem Faden im Öhr der Nadel. Da flammte die Nadel auf und ... der Faden verbrannte.

Dann verwandelte sich die Nadel wieder in einen Jungen, der nach Hause zu seinem Vater ging und mit diesem froh und glücklich seine Tage verbrachte.

5

= 10 Rubel.

Quelle:
Dirr, A.: Kaukasische Maerchen.Jena: Eugen Diederich, 1922, S. 13-17.
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