Das Abenteuer des Kaufmanns Tschang-yi.[258] 149

Indes am Himmel die goldene Krähe kreist, und das Kaninchen von Jaspis ihrer Bahn folgt –

Kommen auf Erden die Menschen des jetzigen Zeitalters, während die des vorigen gehen.

Was in verflossenen Jahren die Stätte der Freude war, ist nun in einen verödeten Hügel verwandelt.

Und im Augenwinken wird Recht Unrecht und Sieg Niederlage.

Du musst lernen, ausser dem Bereich des Lärms und Gewühles dieser Welt, die Kühe zu erlesen.

Lass nicht, indem du die Miene annimmst überklug zu sein, zum Vorschein kommen, dass du ein Narr bist;[258] Dürste nicht nach Ausschweifung, sei nicht lüstern nach Reichtum;

So werden die Tage deines Lebens nicht erreicht werden von Krankheit und Trübsal!

Es wird berichtet, dass in der Provinz Kiang-si im Fu-Bezirk Yau-tschau, im Hsiän-Kreise Yu-tsin, in dem Dorfe Tschang-lo ein Mann lebte, welchen das gemeine Volk Tschang-yi nannte. Dieser Mann, ein Händler mit verschiedenen Gegenständen, war eines Tages in seinem Gewerbe zur Hauptstadt des Hsiän- Kreises gekommen, und es traf sich, dass die Nacht bereits weit vorgeschritten war ehe er seine Handelsgeschäfte beendet hatte. Er suchte daher eine Schlafstelle in einer Herberge ausserhalb der Stadt. Diese Herberge war aber bereits voller Leute und konnte ihm kein Unterkommen gewähren. Doch fand sich in einem Seitengebäude noch ein leeres Zimmer, in welchem niemand wohnte, welches indes fest verschlossen war. Tschang-yi wandte sich daher an den Wirt und sagte:

»Mein Gastgeber, warum öffnet Ihr nicht dies leere Zimmer und gebt es mir?«

Der Wirt erwiderte: »In diesem Zimmer, mein Herr, sind Geister oder Teufel, und ich wage nicht, in demselben Gäste zu beherbergen.«

»Gut, sagte Tschang-yi, und wenn selbst Geister oder Teufel darin sein sollten, warum sollte ich mich vor ihnen fürchten?«

Der Wirt hatte kein Wort mehr darauf zu sagen und konnte nur einwilligen; er schloss die Thür auf, nahm eine Lampe und einen Kehrbesen und gab beides an Tschang-yi. Dieser betrat mit der Lampe das Zimmer, stellte sie an einem sicheren Orte auf und füllte Öl auf, so dass sie ganz hell brannte. Mitten im Zimmer befand sich eine zerbrochene Bettstelle, auf welcher der Staub buchstäblich in Haufen lag. Er machte daher Gebrauch von seinem Besen, fegte alles rein, breitete dann die Betttücher aus und verlangte[259] etwas Reis und Wein. Nachdem er davon genossen, warf er die Thür ins Schloss, kleidete sich aus und ging schlafen.

Im Traume sah er ein sehr schönes Weib in reicher und prächtiger Kleidung; sie schritt vor und wendete sich seinem Lager zu. Immer noch träumend umarmte er sie, und als er erwachte – es ist seltsam zu erzählen – da war die Frau noch wie zuvor an seiner Seite. Tschang-yi fragte sie: wer sie wäre? und sie antwortete:

Ich bin die Frau eines Nachbars, und weil mein Mann über Land gegangen ist, so fürchtete ich mich allein zu schlafen; wir werden uns wohl gegenseitig in die Sache finden. Jetzt aber sprecht kein Wort mehr, später sollt Ihr alles erfahren.

Tschang-yi fragte sie nicht weiter, und als es heller Tag war, ging die Frau von dannen; des Nachts aber kam sie wieder, und beide Teile waren ebenso zufrieden miteinander wie das erste Mal. So ging es drei Nächte hintereinander: – als der Wirt, nachdem er sich überzeugt, dass sein Gast, der Kaufmann Tschang-yi, sich bei ihm ganz behaglich fühlte, mit Bezug hierauf bemerkte, vor Zeiten habe sich in jenem Zimmer eine Frau erhängt und seltsame Dinge hätten sich oft darin zugetragen, jetzt scheine ja aber alles ruhig zu sein. Tschang-yi verwahrte, was er gehört, in seiner Brust, und als die Nacht kam und mit ihr jene Frau, da richtete er an sie die Frage und sagte:

»Heute erzählte mir der Wirt, dass in diesem Zimmer der Geist einer Frau umgehe, welche sich selbst erhängt, ich vermute, dass Ihr dies sein werdet.«

Die Frau, ohne das geringste Zeichen von Scham zu verraten und ohne irgend einen Versuch zu machen, die Wahrheit zu verheimlichen, antwortete sogleich:

»Ich bin es in der That und keine andere! Aber Ihr, mein Herr, braucht keine Furcht zu haben, ich habe nicht im entferntesten die Absicht, Euch ein Leid zuzufügen.«

Tschang-yi bat sie um die Gunst, ihm die Einzelheiten[260] ihrer Geschichte mitzuteilen, und sie that es mit den Worten:

»In meinem vormaligen Zustande war ich eine Courtisane und mein Familienname war Mu. In unserem Hause hatte ich die Nummer Zweiundzwanzig, und deshalb pflegte man mich Fräulein Nin-örr150 zu nennen. Ich ging ein Verhältnis mit einem Manne ein, welcher aus dem Yu-tsin-Distrikt war und den Namen Yang-tschun führte, und wir lebten in der That sehr vertraut zusammen. Er versprach mich zu heiraten und mit in seine Heimat zu nehmen; im Glauben daran unterstützte ich ihn mit meinem kleinen Privatvermögen, welches aus hundert Goldstücken bestand. Mein falscher Liebhaber verreiste, und als er in drei Jahren nicht zurückkehrte, wünschte die alte Dame, welche dem Hause vorstand, meine Neigung zu unterdrücken und setzte mir beständig zu, einem neuen Bewerber Gehör zu schenken; da ich nun keinen Ausweg sah, mich ihres ungestümen Drängens zu erwehren und unfähig war, den Kummer zu ertragen, welcher mich zu Boden drückte, so habe ich mich selbst erhängt und bin gestorben. Jenes Haus ward an den Mann verkauft, welcher es gegenwärtig als Wirtshaus benutzt; früher war dies mein Zimmer, und da mein Geist nicht gestorben ist, so fährt er fort, diesen Raum wie ehemals zu besuchen. Yang-tschun ist aus dem nämlichen Distrikte wie Ihr, vielleicht werdet Ihr ihn kennen?«

Tschang-yi antwortete, er kenne ihn sehr gut.

»Und wo ist er nun und wie geht es ihm?« fragte die Frau.

Tschang-yi entgegnete: »Letztes Jahr verlegte er seine Wohnung an das südliche Thor der Stadt Yau-tschau, wo er sich verheiratete und einen Kaufladen eröffnete. Sein Geschäft befindet sich in einem sehr blühenden Zustande.«

Der Frau entrang sich ein tiefer Seufzer, sie machte aber weiter keine Bemerkung.

Zwei Tage später, als Tschang-yi im Begriff stand, die Rückreise anzutreten, sagte sie zu ihm:[261]

»Ich habe ein mächtiges Verlangen, mein Herr, Euch zu folgen und mit Euch zusammenzuleben, aber ich weiss nicht, ob Ihr damit einverstanden sein werdet oder nicht?«

Tschang-yi antwortete: »Wenn Ihr die Fähigkeit habt, mich zu begleiten, welche Einwendung sollte ich dagegen haben?«

Hierauf sagte die Frau: »In diesem Falle, mein Herr, bitte ich Euch ein kleines Holztäfelchen herbeizuschaffen und darauf zu schreiben: ›Dies ist das Täfelchen des Geistes von Fräulein Nin-örr.‹ Ihr könnt es in Euren Kleiderkoffer thun, und wenn ihr es zu irgend einer' Zeit hervorzieht und mich ruft, so werde ich im Augenblick erscheinen.«

Unser Freund Tschang versprach alles zu besorgen.

Seine Gefährtin sagte darauf weiter: »Ich habe noch fünfzig Taels Silber unter diesem Bette vergraben, von denen niemand weiss, Ihr mögt sie nehmen, mein Herr, und darüber nach Gutdünken verfügen.«

Tschang-yi grub nach an der Stelle und fand wirklich einen Krug mit fünfzig Taels Silber, worüber sein Herz sehr vergnügt war – und so verging die Nacht.

Am nächsten Tage schrieb er das Täfelchen des Geistes, welches er sorgsam verwahrte, und, nachdem er dem Wirte Lebewohl gesagt, begab er sich auf den Heimweg. Zu Hause angekommen, erzählte er seiner Frau, alles was sich zugetragen. Zuerst war diese nicht allzusehr erfreut über das Abenteuer, als sie aber die fünfzig Taels Silber erblickte, gewann sie ihre gute Laune wieder und gab ihre volle Befriedigung zu erkennen. Nachdem Tschang-yi darauf das Täfelchen des Geistes von Fräulein Nin-örr an der östlichen Wand des Hauses aufgehängt, rief seine Gattin halb im Scherz den Geist und siehe! Fräulein Nin-örr trat im hellen Tageslicht hervor und machte vor der Frau vom Hause eine tiefe Verbeugung. Die gute Frau war anfangs nicht wenig erschrocken, nachdem sie sich aber an den Anblick des Gespenstes gewöhnt hatte, machte sie sich nichts[262] weiter daraus. Nachts als sich Tschang-yi und seine Gattin zur Ruhe begaben, schlief die Fremde zwischen ihnen, und – es ist seltsam zu erzählen – das Bett ging weder aus den Fugen, noch war es im geringsten zu enge.

Nach etwa zehn Tagen sagte die gespenstische Frau zu Tschang-yi: »Ich habe eine alte ausstehende Schuld in der Hauptstadt des Distrikts zu erheben, vielleicht würde es Euch genehm sein, mein Herr, mich zu begleiten und das Geld einzutreiben?« Unser Freund Tschang-yi hoffte, dass er die Sache zu seinem eigenen Vorteile ausnutzen könnte, und sagte sogleich zu. Er mietete ein Fahrzeug und legte das Täfelchen des Geistes sorgfältig in den Mittelpunkt des Bootes. Die Fremde reiste so mit ihm bei Tage und schlief mit ihm des Nachts, sie schien in der That den Verkehr mit Fleisch und Blut nicht im geringsten zu scheuen.

Als sie nach einer Reise von einigen Tagen am südlichen Thore der Stadt Yau-tschau ankamen, sagte die Frau: »Ich werde nun in das Haus Yang-tschuns gehen, um die alte Schuld einzufordern.«

Tschang-yi wollte sie fragen, was sie damit meinte, aber im Umsehen war sie bereits am Ufer. Er folgte ihr und sah sie deutlich in einen Laden verschwinden, welcher sich bei näherer Untersuchung in der That als der Laden Yang-tschuns erwies. Nachdem er eine Weile gewartet hatte, sah er sie nicht wieder herauskommen, aber das ganze Haus Yang-tschuns schien mit einem Male in Angst und Schrecken geraten zu sein, und die Töne des Wehklagens erschütterten den Erdboden. Bei einem der im Laden Anwesenden erkundigte er sich nach der Ursache. »Ach, sagte dieser, mein Herr, Yang-tschun befand sich vollkommen wohl; aber es muss ihm ganz unvermutet ein böser Teufel oder sonst etwas in den Weg getreten sein, denn das Blut spritzte ihm aus den neun Öffnungen seines Körpers und er ist gestorben«. Tschang-yi, welcher in seinem Herzen wusste, dass Fräulein Nin-örr die That gethan[263] hatte, stahl sich ganz still zu seinem Boote, zog das Täfelchen des Geistes hervor und beschwor ihn herauf, aber er kam nicht mehr zum Vorschein. Da erkannte Tschang-yi, dass Nin-örrs alte ausstehende Schuld in der Hauptstadt ihre Rache an Yang-tschun gewesen für das Unrecht, welches er ihr zugefügt, als sie noch ein Wesen dieser Welt war. Die Strophe eines gefühlvollen Gedichtes sagt mit Bezug hierauf:

Wang-kuei trat jedes Gefühl der Erkenntlichkeit für Wohlthaten mit Füssen und zog die tödliche Rache der Götter auf sich herab;

Li-yi versündigte sich ebenfalls gegen sein Gewissen und zur Strafe ward seine Natur verwandelt;

Ich bitte dich, lies diese kleine Geschichte von Yang-tschuns grausamer Handlungsweise und dem Schicksal, welches ihn dafür ereilte;

Und du wirst finden, dass der Kaiserliche Himmel den herzlosen Liebhaber nicht in Schutz nimmt.

Quelle:
Seidel, A. (Hg.): Anthologie aus der asiatischen Volkslitteratur. Weimar: Verlag von Emil Felber, 1898, S. 258-264.
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