Der Kaufmann.

[152] Es war ein Kaufmann, der hatte drei Söhne, zu diesen drei Söhnen sagte der Kaufmann: »Sehet zu im Traume, was ihr für Weiber nehmen werdet.«

Die Söhne gingen. Der älteste Sohn kehrte zurück, als er zurückkehrte, sprach er: »Eines Kaufmanns Tochter habe ich genommen!« Der mittlere Sohn kehrte zurück, als er zurückgekehrt, sprach er: »Im Traume nahm ich die Tochter eines Beamten.« Vorerwähnter ältester Sohn ging nun wieder fort, um die Tochter des Kaufmanns zu freien. Der vorerwähnte mittlere Sohn ging nun wieder fort, um die Tochter des Beamten zu freien. Der jüngste Sohn kehrte zurück, als er zurückgekehrt, sprach er: »Ich fand kein Mädchen (keinen Menschen), im Traume lag am Rande des Wassers ein Frosch, den nahm ich.«

Der älteste Sohn kehrte zurück und führte die Tochter des Kaufmanns heim. Der mittlere Sohn kehrte zurück und führte die Tochter des Beamten heim. Der jüngste Sohn suchte umher, fand kein Mädchen, aber am Rande des Wassers fand er einen Frosch; er nahm den Frosch vom Rande des Wassers und brachte ihn nach Hause.87

Der Kaufmann sprach: »Meine älteste Schwiegertochter möge eine Jacke machen; meine mittlere Schwiegertochter möge Hosen machen; meine jüngste Schwiegertochter möge Stiefel machen! Morgen will ich zum Fürsten gehen.«

Als der älteste Sohn zurückgekehrt war, sprach er zu seinem Weibe: »Mein Vater hat gesagt, du mögest eine Jacke machen.«

Als der mittlere Sohn zurückgekehrt war, sprach er zu seinem Weibe: »Mein Vater hat gesagt, du mögest Hosen machen.«[152]

Als der jüngste Sohn zurückgekehrt war, zählte er Geld.

Der Frosch sprach: »Weshalb zählst du Geld?«

Der Jüngling sprach: »Um aus der Bude Stiefel zu kaufen, zähl' ich Geld. Mein Vater sprach: Du mögest Stiefel machen, er wolle morgen zum grossen Fürsten gehen. Was bleibt mir anders zu thun übrig als sie zu kaufen.«

Der Frosch sprach: »Ich will schon die Stiefel machen, du rühre das Geld nicht an.«

Der Jüngling stiess das Geld (in den Kasten) zurück und ging schlafen.

Am Morgen weckte der Frosch den Jüngling und sprach: »Der Stiefel ist fertig!«

Als der Jüngling aufstand, lag der Stiefel da, als er den Stiefel betrachtete, war es ein goldgestickter Stiefel, er nahm ihn und ging zum Hause seines Vaters. Die beiden älteren Söhne kamen und zeigten die Jacke und die Hosen. Ihr Vater fand diese untauglich, zankte und warf sie fort. Der jüngste Sohn gab seinem Vater die Stiefel; der Vater betrachtete sie, fand keine Naht und sprach: »Der Stiefel gefällt mir!«

Darauf sagte er: »Meine älteste Schwiegertochter möge Weissbrot zubereiten; meine mittlere Schwiegertochter möge Zwieback bereiten; meine jüngste Schwiegertochter möge Brot backen! Morgen will ich zum Fürsten gehen.«

Die altern Söhne kehrten zurück und teilten ihren Frauen die Rede des Vaters mit.

Der jüngste Sohn kehrte heim und als er dort angekommen, zählte er Geld.

Der Frosch sprach: »Weshalb zählst du Geld?«

Der Jüngling sprach: »Mein Vater sagt, du mögest Brot backen; soll ich etwa glauben, dass du Brot backen kannst? Deshalb zähle ich Geld, um auf dem Markte Brot zu kaufen.«

Der Frosch sagte: »Du rühre das Geld nicht an, ich werde das Brot schon backen!«

Der Jüngling schlief ein.[153]

Am Morgen sprach der Frosch: »Stehe auf und bringe das Brot fort.«

Der Jüngling nahm das Brot und brachte es seinem Vater. Sein Vater nahm es, besah es und sagte: »Was ist denn das für weisses?«

Der Jüngling sprach: »Es ist meines grindigen Froschweibes Brot.« Schön, sagte der Vater.

Die Speise, welche die beiden älteren Schwiegertöchter bereitet hatten, gefiel ihm nicht, und er liess sie den Hunden vorwerfen. Darauf sprach der Kaufmann: »Morgen mögen meine drei Schwiegertöchter kommen und mir etwas vorsingen, ich möchte ihre Stimme hören.«

Die älteren Söhne, als sie zurückgekehrt waren, sprachen zu ihren Weibern: »Der Vater sagte, ihr möchtet morgen kommen und ihm etwas vorsingen.«

Die beiden älteren Schwiegertöchter schmückten sich ganz mit Seide. Der jüngste Sohn kehrte zurück und sprach zu seinem Froschweibe: »Ich schäme mich meines Weibes und will sie nicht hinbringen. Was für eine (Frau) mit schönem Gesichte soll ich wohl hinbringen? was für eine Stimme mag ein Frosch wohl haben? Ein fremdes Mädchen will ich mieten; will sie zeigen und recht schön singen lassen.«

Der Frosch sprach: »Miete kein Mädchen, ich selbst will wohl hingehen und etwas vorsingen.«

Der Jüngling hatte kein Vertrauen zu seinem Froschweibe, wurde nachdenkend und schlief ein.

Am andern Morgen sagte der Frosch: »Steh schnell auf.«

Der Jüngling stand schnell auf und sprach; »Du bist ein schlechter grindiger Frosch; ich schäme mich und werde mit dir zusammen nicht hingehen.«

Der Frosch sagte: »Wie dem auch sein mag, lass uns zusammen gehen, wir müssen ja zu deinem Vater gehen.«

Der Jüngling sagte: »Nein! zugleich mit dir gehe ich nicht; ich werde vorausgehen.«[154]

Der Frosch sagte: »Ja, wenn du dich meiner schämen solltest so gehe voraus.«

Der Jüngling ging voran und dort angekommen, setzte, er sich sinnend an die Seite seines Vaters. Als sein Vater hinblickte, sagte er: »Nirgends giebt es ein Mädchen, dem Frosche vergleichbar.« Ihr Gesang war äusserst fröhlich: ihr Gesicht, wenn sie dort hinblickte, war dem Monde gleich; »wenn sie hierher blickte, war es der Sonne gleich; durch das Fleisch hindurch waren die Knochen sichtbar; durch die Knochen hindurch war das Mark sichtbar. Das Innere der Wohnung wurde erleuchtet von ihrer Schönheit.«

Der Vater schaute hin und sprach: »Diese übertrifft die beiden Schwiegertöchter.« Darauf schaute der Vater die beiden älteren Schwiegertöchter an und sprach: »So hässliche Dinger wie diese sind, mögen sich fortpacken.« Seinen beiden älteren Söhnen gab er nichts, auch nicht einmal Geld, und jagte sie fort. Seinem jüngsten Sohne und seiner Schwiegertochter gab er Alles, was er besass und lebte in ihrem Hause (wörtlich: er selbst liess sich nieder in ihrem Fertigen). Seine beiden älteren Söhne machte er zu Hirten, seine beiden älteren Schwiegertöchter zu Köchinnen; der jüngste Sohn wurde ein Kaufmann ersten Ranges.


In dem Pelze steckt ein Mann, aber wer kennt ihn?

Unter der Schabracke ist ein Pferd, aber wer kennt es?88

Quelle:
Seidel, A. (Hg.): Anthologie aus der asiatischen Volkslitteratur. Weimar: Verlag von Emil Felber, 1898, S. 152-155.
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