Der Todesgang der »Ken Tambuhan«.[290] 162

(Aus dem gleichnamigen malayischen Epos.)


Jetzt ging Ken Tambuhan den Todesgang,

Ihr süsses Gesicht, es war so bleich,

Wie der Mond in der Frühe, wenn dämmert der Tag.

Jetzt stand sie unter der Thüre des Schlosses;

Wer da nachsah, wischte sich die Thränen.

Jetzt traten sie in den wilden Wald;

In der Ferne entschwand das Schloss ihrem Blick.

Ken Tambuhan stiess an einen Stein,

Es träufelte Blut von ihrem Fuss.

Sie setzte sich hin auf die Erde und rief:

»O Königsohn, mein treuer Gemahl,

Wo bist du, hilf mir in meiner Not!«

Die Frauen sprachen: Ach, arme Herrin,

Empfiehl deine Seele der Gnade der Götter;

Wär' hier die Jagd des hohen Fürsten,

Wir müssten ja sehen die Spuren der Rosse.

Bitterlich weinte Ken Tambuhan,[290]

Sie seufzte und klagte mit matter Stimme;

Ken Tambuhan erhob sich, sie wandelte weiter,

Sie schleppte mühsam den wunden Fuss.

Weiter schritt sie müde und matt,

Man kam zu einem breiten Strom.

Der Henker schaute, er sprach das Wort:

»Jetzt sind wir, o Herrin, an unserm Ziel.«

Der Henker sprach, er sprachs nicht rauh:

»Mich zwingt das Wort der hohen Fürstin,

Im tiefen Walde muss ich dich töten,

Und nicht soll es wissen dein edler Gemahl.«

Wie Ken Tambuhan solches hörte,

Da klopfte ihr Herz, es schwand ihr Sinn,

Die Arme der Frauen umfingen sie;

Die klagten laut, in unsäglichem Weh,

Sie riefen jammernd dem Henker zu:

»Henker, töte uns beide zuerst!«

Ihre Thränen netzten den Leib der Ken,

Da erwachte ihr Sinn, sie erhob sich matt,

Sie sprach: »O weinet nicht so sehr!

So hat es gewollt der Wille der Götter,

So ist es gefügt durch mein Geschick;

Gekommen ist die Stunde des Scheidens;

Und wurdet ihr je von mir betrübt,

O Schwestern, seid mild, verzeihet es mir;

O Schwestern, kehret hin zur Stadt,

Erzählt mein Los meinem hohen Gemahl!«

Jetzt zog sie den Ring von ihrem Finger,

Und bot ihn dem Henker in die Hand:

»Dieses Gold, es sei dir zum Lohne,

Einen einzigen Dienst nur hoff' ich von dir.

Schaffe mir ein Todesbette,

Lege darauf meinen toten Leib,

Und decke mich zu mit bunten Blumen;

Auf dem Strom will ich treiben ins weite Meer,

Eine Verstossne ja bin ich aus fernen Landen.«[291]

Als der Henker das Wort gehört,

So stand er da und sprach zu ihr:

»Es soll dir geschehen, hohe Herrin!« –

Der Henker umfasste den holden Leib,

Er stiess ihr den Dolch in die tiefe Brust.

Ken Tambuhan fühlte den Todesstoss,

Langsam sank sie auf die Erde.

Da ergriff die Frauen unsäglicher Schmerz,

Ihr Klagen, ihr Weinen klang nicht leise.

Sie küssten die Herrin, sie sprachen das Wort:

»Hin bist du, Herrin, goldenes Herz.

Ach, wir wollen sterben mit dir;

Henker, nicht zaudere! töte uns auch!«

Wie der Henker das Wort gehört,

Regte sich etwas wie Mitleid in ihm;

Sein Dolch traf schnell die beiden Frauen:

Da waren sie wieder im Tode vereint.


Zur Erklärung: Ken Tambuhan ist die Gemahlin des Kronprinzen vom Lande Kuripan. Ihr Gatte hatte sie gegen den Willen seiner Mutter geheiratet. Diese lässt sie heimtückisch im Walde ermorden. Der Prinz ist gerade in demselben Walde auf der Jagd, und als er mit seinen Gefährten in einem Strome ein erfrischendes Bad nimmt, kommt ein blumenbedecktes Floss dahergeschwommen, das den Leichnam seiner Gattin trägt. In wildem Schmerz ersticht er sich gleichfalls. Die Mörderin wird darauf vom Volke grausam gerichtet. Es ist eins der wunderbarsten epischen Gemälde, wie der Dichter die Auffindung der Leiche Ken Tambuhans durch ihren Gatten schildert.

Quelle:
Seidel, A. (Hg.): Anthologie aus der asiatischen Volkslitteratur. Weimar: Verlag von Emil Felber, 1898, S. 290-292.
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