II. Vikramâditja's Jugend. – Schalû das indische Wolfskind. – Vikramâditja der Besieger der Schimnus.

[79] Ardschi-Bordschi Chân stieg abermals die Stufen empor, um sich auf den Thron zu setzen. Da rief eine Holzfigur: »Halt König! habe ich es dir denn nicht gesagt? Bisher habe ich umständlich erzählt, in[79] welcher Weise, nachdem der hehre heldenmüthige König Vikramâditja zur Zeit seiner Kindheit in einer Einöde ausgesetzt worden und so sinnvolle Worte gesprochen, sein Vater, der König Gandharva, und die ganze erhabene Dynastie ihm ihre Huldigung dargebracht haben. Jetzt will ich vom Wandel des hochheiligen heldenmüthigen Königs Vikramâditja zur Zeit seines Heranwachsens erzählen. Du König und alle ihr Anwesenden, tretet heran und höret zu«.

Als einst König Gandharva, der Vater des hehren heldenmüthigen Vikramâditja, zum Kampfe mit dem Heere der Schimnus auszog, liess er seinen eigenen Leib in der Nähe einer Buddha-Statue zurück. Nachdem er nun als Geist den Himmelsgöttern gleich entschwunden war, trat die jüngere Fürstin aus niederem Stande zu der reizend schönen Gemahlin Üdsessküleng-Gôa-Chatun und sprach: »So lange unser Gebieter mit uns verkehrte, war er in menschlicher Gestalt; jetzt bei seiner Abreise ist er in so reizender, schöner, glänzender Erscheinung abgezogen! möchte er doch im Verkehre mit uns so reizend sein!« Auf diese Worte versetzte Üdsessküleng-Chatun lächelnd: »Weil du noch jung bist, so verstehst du das nicht; da er wusste, dass durch die Spitzen der schneidenden Schwerter sein Leib Schaden leiden könnte, so ist er als Geist in Gestalt der Himmelsgötter entschwunden!« Während ihrer Rückkehr dachte die Fürstin also: »Wenn ich des Königs zurückgelassenen Leichnam verbrenne, so dürfte er nach seiner Wiederkehr[80] wohl beständig in derselben reizenden Gestalt bleiben«. Mit diesem Gedanken begab sie sich zu dem Tempel des Buddha-Bildes, nahm den dort zurückgelassenen Leichnam des Königs, und indem sie von zahlreichen Dienerinnen Sandelholz herbeibringen liess, verbrannte sie den Leichnam. Während dies vorgieng, erschien der König in den Lüften und liess sich aus dem Himmelsraume also vernehmen: »Von meinen mit so vieler Mühe zusammengebrachten Unterthanen und von meinen mit so vieler Liebe behandelten Frauen und Kindern und von meinem vielgeliebten Leibe bin ich nun geschieden! Euch aber, meine Geliebten, wird das Heer der Schimnus, welches nach Verlauf von sieben Tagen erscheint und einen Metallhagel herabfallen lässt, euch, meine Theuern, wird es aufzehren. Es wäre gut, wenn ihr vor Ablauf der sieben Tage euch flüchten und von hier wegziehen würdet«. Nach diesen Worten entschwand er zum Nirvâṇa.

Während die Fürstin, die Adjutanten und Minister und das ganze zahlreiche Volk, indem sie sich an des Königs trefflichen Wandel erinnerten, einer fast sinnverwirrenden Trauer sich hingaben, sprach Üdsessküleng-Chatun: »Wenn ich auch noch so sehr dem Schmerze mich überlasse, so hilft das doch nichts; dagegen dürfte es von Nutzen sein, wenn ich nach dem Rathe des wundervollen Königs dieses eine Kind in Sicherheit bringe«. Und so machte sie sich in Begleitung ihrer fünf Dienerinnen auf, um in die Heimat zurückzukehren. Während sie nun alle sieben dahinzogen, geschah es, dass eines von[81] den Mädchen unterwegs niederkam. Da sprach die Königin: »Ei, dass du als Mädchen uns auf der Wanderung solchen Aufenthalt machst, was soll das heissen?« »O Königin«, versetzte das Mädchen, »ich habe mit Männern keinen Umgang gehabt; das ist vom Kosten des Bodensatzes gekommen der von der Königin genossenen Speise, die der Lama gesegnet«. Darauf erwiederte die Königin: »Wie könnten wir das dem Segen des Lama entsprossene Kind zurücklassen? wir wollen es mit auf unsere Wanderung nehmen«. Allein die andern Mädchen sprachen: »Da wir schon den früher gebornen königlichen Prinzen auf der Wanderung zu tragen haben, wie könnten wir jetzt noch ein so junges Blut mit uns weiter schleppen?« Und da sie alle zusammen diese Bemerkung richtig fanden, so Hessen sie das Kind in einer Wolfshöhle zurück. Von da weiter ziehend gelangten sie unter beständigen Sorgen wegen des Ausgehens ihrer Lebensmittel in die Nähe der Residenz des mächtigen Königs Kütschün-Tschidaktschi. Während sie dort an einem Felde Halt machten, versammelten sich eine Menge Leute auf der andern Seite des Feldes, welche die Schönheit der Fürstin Üdsessküleng-Chatun bewunderten und sich nach ihren Verhältnissen erkundigten. Mittlerweile hatte der Grosskönig auf einem Spaziergang in der Nähe des Feldes die zahlreiche Versammlung bemerkt, kam heran, und auf die Frage, was es hier gebe, trat ein Mann hervor und berichtete: »Es ist die Gemahlin eines mächtigen[82] Königs, heisst es; aus Furcht vor den Schimnus ist sie auf der Wanderung begriffen, der König ist zum Nirvâṇa eingegangen«. Der König trat selbst heran und befragte die Fürstin um die näheren Umstände. Die Fürstin erzählte ausführlich den ganzen Hergang, wie der König zum Nirvâṇa entschwunden, wie die jüngere Gemahlin seinen Leichnam verbrannt und wie sie selbst ihr Kind vor den Schimnus geflüchtet habe. Als der König dies vernommen, brach er in die Klage aus: »Wie schwer ist doch die Schuld der Frau, welche den Tod eines so vortrefflichen Königs verursacht hat!« Und mit den Worten: »Wie viel hat doch die Fürstin und das Kind gelitten!« gab er einem seiner Minister den Auftrag: »Nehmet Fürstin und Kind sammt den übrigen und bringet sie unter in einer neuen Wohnung, reichet ihnen Lebensunterhalt in reichlicher Menge und wartet ihrer beständig«. Darauf kehrte er in seine eigene Residenz zurück. Der Minister holte Fürstin sammt Kind und den übrigen ab, bezeigte ihnen nach dem Befehle des Königs grosse Ehren und wies ihnen die Wohnung an. Der junge Prinz Vikramâditja nahm zu an seinem Körper und von den Weisen lernte er Weisheit, von den Zauberern lernte er die Zauberkunst, von den Dieben lernte er das Diebshandwerk, von den Lügnern lernte er das Lügen, und indem er von den Handelsleuten den Handel erlernte, wusste er den Gewinn in ausgedehntem Masse zu erzielen.

Während ihres dortigen Aufenthaltes waren 500 Kaufleute ausgezogen, um Schätze zu erwerben. Auf[83] ihrer Heimkehr sahen sie einen Knaben mit jungen Wölfen spielen. »Wie kann ein Menschenkind«, sprachen sie zu einander, »mit jungen Wölfen spielen?« Mit diesen Worten fiengen sie den Knaben und nahmen ihn weg. »Wie wirst du«, fragten sie, »als Menschenkind mit Wölfen zusammen bleiben? geh mit uns«. Auf diese Worte versetzte der Knabe: »Ich bin ein Wolfskind; wollt ihr, nachdem ihr mich ergriffen habt, es doch auf meine freie Wahl ankommen lassen?« Allein der vornehmste unter den Kaufleuten, Galbischa, sprach: »Der Mensch muss mit Menschen umgehen, mit Wölfen umzugehen schickt sich durchaus nicht«, und so nahmen sie ihn mit sich.

Als diese Kaufleute in die Nähe der Residenz des Königs Kütschün-Tschidaktschi kamen und an einem Flussarm das Nachtlager aufgeschlagen hatten, nahten Wölfe und begannen zu heulen. Die Kaufleute pflegten das indische Wolfskind Schalû zu nennen. Daher fragten sie den Jungen: »Schalû, was sagen diese Wölfe?« »Diese Wölfe«, antwortete Schalû, »sind meine beiden Eltern; sie sagen: ›fünf oder sechs Frauen zogen des Weges und Hessen dich, als du geboren wurdest, bei uns zurück; da haben wir dich aufgezogen und gross gemacht; ohne unserer Wohlthat zu gedenken, hast du nun mit Menschen dich befreundet? Diese Nacht kommt ein Regen und da der Fluss eine gewaltige Überschwemmung anrichtet, so werden die Kaufleute sich in Sicherheit zu bergen suchen; bei dieser Gelegenheit komm[84] du, unser Liebling, wieder zurück. In der Nähe lauert dir ein Dieb auf‹«. Und in der That lag der Prinz Vikramâditja, in der Absicht einen Diebstahl auszuführen, in der Nähe auf der Lauer. Als er nun hörte, wie Schalû seinen Gefährten die Worte der Wölfe mittheilte, dachte er: »Dieser Kenner der Wolfssprache ist kein gewöhnlicher Mensch. Dass ein Regen kommt, mag eine Lüge sein; aber wie konnte er wissen, dass ich auf der Lauer liege?« Und indem er umkehrte, sagte er: »Dir werde ich alle Nacht aufpassen!« Nach dieser Drohung entfernte er sich. Die Kaufleute aber änderten in Folge von Schalû's Verständniss der im Wolfsgeheul enthaltenen Worte ihren Aufenthaltsort und liessen sich auf einem vierseitigen Berge nieder. Als in der Nacht der Regen in Strömen goss und der Fluss mächtig über die Ufer trat, sagten die Kaufleute zu einander: »Ohne Schalû hätten wir umkommen müssen!« und gaben dem Schalû Schätze in reichlicher Menge zur Belohnung.

Als sie in der folgenden Nacht abermals an einem Flussarme lagerten, kam der Prinz Vikramâditja wieder, und während er sich auf der Lauer befand, nahten wiederum die zwei Wölfe von früher und begannen zu heulen. Die Kaufleute fragten den Schalû: »Was sagen die Wölfe?« worauf Schalû antwortete: »Das sind die an mir Elternstelle vertretenden Wölfe; sie sagen: ›wir haben dich so gross wachsen lassen und auferzogen; ohne dieser unserer Wohlthat zu gedenken, willst du nun mit Menschen davonlaufen? später werden wir nicht[85] mehr kommen‹. Ferner sagen sie: ›du, unser Liebling, schlaf diese Nacht nicht; den Fluss herab, an dem ihr lagert, wird der Leichnam eines todten Menschen geschwommen kommen; fang ihn auf, in der rechten Hüfte befindet sich der Edelstein Tschintâmaṇi; derjenige, welcher im Besitz dieses Talismans ist, wird ein die vier Welttheile beherrschender mächtiger König werden. Abermals befindet sich ein Dieb auf der Lauer‹«. Sobald der Prinz Vikramâditja Schalû's Worte gehört, gab er sein Diebsunternehmen auf, wandte sich stromaufwärts und als er, eine Weile abwartend, den todten Menschen heranschwimmen sah, nahte er sich, fieng ihn auf und nahm, indem er die rechte Hüfte aufschnitt, den Edelstein Tschintâmaṇi heraus. Dabei dachte er: »Dieser Knabe Schalû ist kein gewöhnlicher Junge; durch List will ich den Knaben in Besitz zu bekommen suchen«. Dann kehrte er zurück. Die Kaufleute wandten sich stromabwärts, fiengen zwar des Mannes Leichnam auf, fanden sich aber bitter getäuscht, als sie den Talisman verschwunden sahen.

Vikramâditja kam bald wieder. Er hatte Tücher, Leinwand und Wollstoffe mitgebracht; diese Tücher und die übrigen Waaren bot er zum Verkauf an, hatte sie aber mit Merkzeichen versehen, indem er an den einzelnen Enden Aufschriften anbrachte. Er fieng während seines Handels Streit an, geberdete sich ganz unsinnig dabei und liess zuletzt seine Wollstoffe, Tücher und andern Waaren vermittelst einer List in den einzelnen[86] Zelten der Kaufleute unvermerkt liegen. Er kehrte zurück und meldete dem König Kütschün-Tschidaktschi folgendes: »Ich war mit 500 Kaufleuten als Theilnehmer in Geschäftsverbindung getreten; allein sie vertrieben und verjagten mich, setzten mir eiligst nach und haben Tücher, Wollstoffe und die übrigen Waaren meines Antheils mir entrissen und mit sich fortgeschleppt«. In solchen Worten trat er als Ankläger auf und bat um Untersuchung. Indem der König sofort zwei Beamte entsandte an der Spitze von 200 Soldaten, die er mitgab, ertheilte er ihnen folgenden Befehl: »Wenn sich seitens der Kaufleute in Wirklichkeit die Entwendung der Tücher und Wollstoffe des Vikramâditja hier herausstellen sollte, so tödtet sie sämmtlich; wenn aber nicht, so ist Vikramâditja in hohem Grade strafbar«. Bei diesen Worten fiel Vikramâditja dem König zu Füssen und sprach: »Überall habe ich an den Enden meiner Tücher und Wollstoffe als Kennzeichen eine Aufschrift angebracht«. Des Königs Abgesandte sprachen nun zu den 500 Kaufleuten also: »Ihr habt die Waaren des jungen Vikramâditja hier gewaltsam ihm entrissen, sagt er; ferner finden sich an den Enden dieser Waaren schriftliche Merkzeichen vor, sagt er; vom Grosskönig hat er uns als Zeugen mitgebracht. Wir werden uns nun nach eines so mächtigen Königs Befehl richten, der, wenn ihr in der That die Sachen entwendet haben solltet, auf euern Tod lautet«. Darauf erwiederten die Kaufleute: »Weit entfernt davon, dass wir mit diesem[87] Jungen als Genossen verbunden gewesen wären, wir haben ihn nicht einmal je von Angesicht geschaut. Wenn wir in der That«, fuhren sie weiter, »die Sachen entwendet hätten, so wollen wir nach dem Befehle des Grosskönigs des Todes sein; wenn das aber nicht der Fall ist, wird dieser Junge dann so leichten Kaufes davon kommen?« »Was auch immer dabei herauskommen mag«, versetzten die Beamten, »wir werden nachsuchen«. Als sie nun nachsuchten und die an den Enden mit den Zeichen versehenen Wollstoffe und Tücher in den einzelnen Zelten fanden und hervorzogen, riefen die Kaufleute: »Die Verübung eines Diebstahles von unserer Seite hat nimmermehr Statt gefunden; zu unserem Verderben hat sich die Sache in Wahrheit gewendet, ob nun die Himmelsgötter, ob die bösen Dämonen dies bewerkstelligt haben«, und dabei fiengen sie insgesammt zu weinen an. »Das Weinen hilft euch nichts«, versetzten die Abgesandten des Königs, »wir werden euch insgesammt tödten«. Da sprach der junge Vikramâditja: »Was soll ich euch tödten lassen? gebt mir dafür den Knaben Schalû hier«. »Wir wollen ihn geben«, sprachen die Kaufleute, und indem sie ihn übergaben, sagten sie zu Schalû: »Schalû, du hast uns hiemit zweimal das Leben gerettet; dir werden wir, da du dich so schön benommen hast, das Beste was wir haben, stets dankbar weihen; um unseres Lebens willen magst du mit diesem Menschen gehen!« Schalû sprach: »Daraus dass 500 Menschen am Leben erhalten bleiben, dürfte[88] mir Vortheil erwachsen«, und so begab er sich mit Vikramâditja auf den Weg, die Kaufleute aber entliess der junge Vikramâditja straflos.

Als der Prinz Vikramâditja den Schalû mitbrachte, sagte seine Mutter Üdsessküleng-Chatun: »Vikramâditja, du mein Liebling, wo bist du hin gewesen? wem gehört dieser Knabe?« Auf diese Worte versetzte Vikramâditja: »Du meine theure Mutter! als ihr auf der Flucht begriffen wäret, hat eine von euch ihn geboren und zurückgelassen, sagt er«. Die Fürstin sprach: »Allerdings ist eines unserer Mädchen unterwegs niedergekommen und hat das Kind zurückgelassen; das könnte er vielleicht sein«, worauf Vikramâditja sagte: »Wenn er es in der That ist, so möge bei seiner Mutter die Milch eintreten und ihr Knabe Schalû möge noch schöner werden!« Einen solchen Wunsch sprach er aus. Und die Milch zeigte sich wirklich bei seiner Mutter und Schalû ward schön.

Eines Tages sprach der Prinz Vikramâditja zu seiner Mutter: »Meine Mutter! lebe hier ruhig weiter; von meinem Schalû begleitet will ich in der Residenz, in welcher mein königlicher Vater herrschte, mich umsehen«. »Mein Sohn Vikramâditja!« versetzte die Mutter, »die Entfernung ist gar weit, der bösen Menschen gibt es so viele; wie willst du, mein theurer, hingelangen?« Doch der Prinz Vikramâditja antwortete: »Mag auch die Entfernung weit sein, ich werde durch rüstiges Wandern schon hingelangen; wenn der Feinde auch viele sind,[89] ich werde sie zu überwinden trachten«. Und so machte er sich auf den Weg in die heimatliche Residenz. Als er endlich angekommen war, erfuhr er, dass der König Galischa auf die Nachricht, dass König Gandharva gestorben sei und zahlreiche Unterthanen sich flüchteten, daselbst in der Absicht erschienen war, sich dort niederzulassen und sich in den Besitz der Residenz des Königs Gandharva zu setzen. Allein schon früher waren die Schimnus erschienen und hatten Besitz davon ergriffen. Die Schimnus kehrten zurück, Hessen den König Galischa zwar eindringen, nahmen ihn aber dann gefangen und pflegten nun als Tributlieferung von ihm 100 Menschen mit einem Edelmann an der Spitze in Empfang zu nehmen. Als der Prinz Vikramâditja bei seiner Ankunft in ein Haus am äussersten Ende der Stadt eintrat, fand er daselbst ein altes Mütterchen, welches mit dem Antlitz nieder zur Erde gekehrt dalag; indem sie in einem fort sich das Gesicht zerkratzte, die Haare ausraufte und Staub und Asche kaute, hob sie der Prinz Vikramâditja auf und fragte sie: »Mütterchen! worüber grämst und kümmerst du dich so ausserordentlich?« Die Alte versetzte: »Ihr meine Jünglinge, wisst ihr es denn nicht? Ich hatte nur zwei Söhne. Unser König Galischa war hieher gekommen, um die Residenz des früheren Königs Namens Gandharva in Besitz zu nehmen; allein da er sich von den Schimnus beherrschen lässt, pflegt er diesen an einem Tage 100 Menschen mit einem Edelmann an der Spitze als Tribut zu überliefern. Einen meiner[90] Söhne habe ich bereits früher zum Tribut hingegeben; jetzt haben sie auch den einzigen mir noch übrig gebliebenen Sohn abgeholt, indem sie sagten, dass ich ihn hergeben müsse; desshalb werde ich nun einsam und allein in der Verbannung sterben müssen; das ist meine Klage!« Auf diese Worte erwiederte der Prinz Vikramâditja: »Mütterchen, bewahre, dass du sterben solltest! Deinen Sohn werde ich dir zurückschicken und ich will an seiner Stelle mich aufspeisen lassen!« »Ei bewahre, du mein muthiges Rösslein!« sagte die Frau; »ich bin ein altes Mütterchen, mit dem es zu Ende ist; wenn du, mein lieber, das versuchen wolltest, so würde deine alte Mutter gleich mir sich unaufhörlich grämen«. Doch der Prinz Vikramâditja sprach: »Mütterchen, lass das gut sein! Wenn ich den Sohn dir nicht zurückzuschicken im Stande bin, so nimm du an Kindes Statt diesen meinen Jüngern Bruder an, indem du ihn Sohn heissest«. Als er nun in die Behausung des Königs Galischa trat, hatte dieser eben die 100 Menschen mit dem Edelmann an der Spitze versammelt, welche sich in bitterem Kummer mit einander besprachen. Wie der König den Prinzen Vikramâditja erblickte, fragte er ihn, wem er gehöre? worauf Vikramâditja antwortete: »Ich bin der Sohn des Königs Gandharva; nach dem Tode meines Vaters bin ich aus Furcht vor den Schimnus geflohen; bloss von meinem jüngeren Bruder begleitet bin ich gekommen, um zu sehen, ob diese unsere Residenz sich wieder erholt hat?« Darauf liess der König Galischa[91] sich also vernehmen: »Der Himmel möge dich davor bewahren, dass du früher gekommen wärest! Das sei ferne von dir! Da ich zuerst gekommen, bin ich in Noth und Elend gerathen, und so liegen wir nun darnieder, indem ich 100 Menschen mit einem Edelmann an der Spitze als Tribut überliefern muss!« »Ich habe das«, versetzte der Prinz, »bei meiner Ankunft von einer alten Frau gehört; weil der Kummer der Alten so gross ist, so bin ich gekommen, um in eigener Person an die Stelle ihres Sohnes zu treten«. Der König Galischa sprach: »Du wirst nicht im Stande sein den Schimnus entgegenzutreten; es ist nichts anderes zu erwarten, als dass sie dich aufspeisen«. »Nun, ich bin erschienen«, erwiederte der Prinz, »um, wenn ich für einen Menschen mich aufspeisen lasse, bei meinen künftigen Wiedergeburten in einer höheren Stufe als der jetzigen geboren zu werden«. »Nun, so mag dieser gehen!« sagte der König, und schickte den Sohn der Alten zurück. Als nun Vikramâditja mit den 100 Mann dem Anscheine nach lustig tanzend abzog, rief der König Galischa, der ihm nachschaute, voll Erstaunen aus: »In dem einen Falle könnte er unser Retter sein; wenn der aber nicht eintritt, dann dürfte er wohl als Zuwachs zu den uns tödtenden Dämonen erschienen sein; was nun aber auch geschehen mag, wir wollen alle den Tag über versammelt bleiben«.

Als der Prinz Vikramâditja unter dem Geleite der 100 Personen nun in die grosse Residenz eintrat, befand[92] sich daselbst ein prachtvoller Königspalast; im Innern desselben befand sich der von Löwen getragene Thron. Der Prinz stieg zu demselben empor und setzte sich darauf nieder. »Ach«, sprach er in Thränen ausbrechend, »wie war es doch ganz anders, so lange mein armer Vater glücklich herrschte! seitdem wir ihn aber in die höheren Regionen entschwinden sahen, wie müssen wir da die Eitelkeit dieser Welt erfahren! Ach diese armen!« fuhr er unter Thränen fort, »was hätte man früher gedacht, wenn die Schimnus 100 Menschen verspeist hätten! Schimnus, dass ich deine Sippschaft nur nicht ausrotte!« Nach dieser Drohung schickte er die 100 Menschen nach Hause zurück. Dem Könige aber liess er sagen: »Deine Schimnus werde ich bändigen; lass in meiner Nähe 400 Gefässe mit Branntwein aufstellen«. Wie der König Galischa das hörte, freute er sich und liess alles so, wie jener es verlangt, aufstellen. Als nun das Heer der Schimnus erschien, fielen sie mit hastiger Gier über die 400 Gefässe voll Branntwein her und tranken im Übermass; wie sie völlig betrunken zu Boden lasen, da tödtete sie der Prinz, indem er sie in Stücke zerhieb. Inzwischen war der König der Schimnus, als er diese Kunde vernahm, erschienen und warf sich mit gezogenem Schwerte auf Vikramâditja. Doch der Prinz sprach: »Halt, König der Schimnus! geniess doch zuerst von den hier bei mir aufgestellten Sachen; wenn du mit ihnen fertig wirst, so will ich dein Sklave werden; bewältigst du sie aber[93] nicht, so werde du mein Sklave«. Der König der Schimnus verschlang alles, ward berauscht und fiel zu Boden. Da dachte der Prinz: »Der Ruhm, durch Tapferkeit ihn getödtet zu haben, dürfte höher sein, als der Ruhm, wenn es hiesse: ›er hat ihn durch List getödtet‹«. Und so hielt sich Vikramâditja ruhig abwartend zurück. Als der König der Schimnus sich mittlerweile wieder erholt und zum Kampfe sich emporgerichtet hatte, da hieb ihn der Prinz in zwei Stücke; daraus wurden zwei Menschen, die mit ihm zu ringen begannen. Diese zerhieb er in vier Stücke, woraus vier Menschen wurden, die mit ihm den Kampf aufnahmen. Diese hieb er in acht Stücke entzwei; daraus wurden acht Menschen, die auf ihn losstürzten. Da verwandelte sich der Prinz in acht Löwen, welche ein fürchterliches Gebrüll erhoben und jene vollständig zerrissen. Während dessen stürzten Berge ein und wurden zu Ebenen, die Ebenen aber zertheilten sich und Wasser stürzte aus ihnen hervor, das ganze Volk des Königs Galischa fiel besinnungslos nieder. Doch nachdem er den König der Schimnus getödtet, veranstaltete er eine Räucherung, versetzte die Erde wieder in ihre ruhige Stellung und rief das Volk zur Besinnung zurück; auf diese Weise ward alles in Glück und Freude verwandelt. Das gesammte Volk mit dem König Galischa an der Spitze bezeigte dem Prinzen Vikramâditja seine Verehrung. In solcher Weise hat der hehre heldenmüthige König Vikramâditja das Glück und die Freude der Königin-Mutter und seines ganzen Volkes begründet.[94]

»Wenn du ihm gleich bist«, sprach die Holzfigur, »dann setze dich auf den Thron; bist du es aber nicht, dann kannst du dich nicht darauf niederlassen«.

Quelle:
Jülg, Bernhard: Mongolische Märchen. Innsbruck: Verlag der Wagnerschen Universitäts-Buchhandlung, 1868, S. 79-95.
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