XXIII. Erzählung.
Der tanzende Goldfrosch und der singende Papagai. Die steinernen Stiefel. Der weisse Schlangensohn. Der Wünschelstab von Perlmutter. Die Frau in Hundehülle. Der Mann im Elsterbalg. Vier Königssöhne. – Siddhi-K ýr ist zur Ruhe gebracht und das Glück der Welt begründet.

[51] Darauf richtete er die Art und Weise seines Weges wie das vorige Mal ein, gelangte in den kühlen Todtenhain, um den Siddhi-K ýr zu holen, und während er mit ihm auf dem Rücken dahin wandelte, erzählte Siddhi-K ýr abermals folgende Geschichte.

Früh vor Zeiten lebte im Osten Indiens ein König, welcher 30 Minister und 10.000 Städte hatte. Dieser König besass einen tanzenden Goldfrosch und einen kunstvoll sprechenden Papagai. Für die beiden war ein Aufseher bestellt, der sie alle Tage wartete. Jeden Tag führte er den Frosch und den Papagai vor den König, um ihre Künste zu zeigen; der Frosch führte ein Tanzspiel auf, der Papagai aber pflegte Proben seines kunstvollen wunderlieblichen Gesanges zum Besten zu geben. Einstmals erschien ein Fremder, an dessen Spielen des Königs Sinn grosses Gefallen fand; aus lauter Freude darüber gab ihm der König reichliche Geschenke, worauf der Mann sagte: »Von nun an hat wohl der König keinen grösseren Liebling als mich!« Da sprach der Wärter des Goldfrosches und des Papagai: »O, der Goldfrosch[52] und der Papagai gelten noch mehr als du!« Indem sie so um den Vorrang mit einander stritten, begaben sie sich des andern Tages zum König. Als der fremde Sänger seine Lieder ertönen liess, schenkte der König dem Tanze des Goldfrosches keine Aufmerksamkeit mehr, während er sich an der Stimme des Sängers ergetzte und zufrieden lächelte. Der Aufseher schämte sich, weil ihm von dem Sänger der Vorrang streitig gemacht worden war; nach seiner Zurückkunft warf er den tanzenden Goldfrosch hinaus und liess ihn laufen. Da kam eine Krähe, nahm den Frosch weg, und als sie ihn eben auf einem Fels zu verspeisen im Begriffe war, sprach der Frosch: »Du Krähe, wenn du mich verzehren willst, so wasche mich erst im Wasser und dann verzehre mich«. Die Krähe dachte: »Das ist wahr!« und fragte den Frosch: »Wie ist dein Name?« worauf der Frosch erwiederte: »Mein Name heisst Bagatur-Ssedkiltu; (Heldensinn)«. Darauf nahm ihn die Krähe und setzte ihn in das Wasser, welches aus der Felsenhöhle unaufhörlich hervorströmte, der Frosch aber kroch in die Felsenhöhle hinein. Da rief ihm die Krähe nach: »Bagatur-Ssedkiltu!« Doch der Frosch sprach: »Ich müsste nicht klug sein, wenn ich mich so von meinem kostbaren Leben trennen wollte; über meines Sinnes Muth und Stolz sollen die drei kostbaren Kleinodien (Buddha, Glaube, Priesterwürde) entscheiden!« und mit diesen Worten hüpfte er in eine Felsenspalte hinein.

Inzwischen war der frühere Aufseher gekommen und[53] als er das Erdreich aus einander zu werfen und zu graben anfieng, sprach der Frosch: »Du, decke den Ursprung der Quelle nicht auf; der König hat hier eine Wasserleitung errichten lassen, wozu er mir die Vollmacht übertrug; lege sie ja nicht bloss durch Aufwühlen des Erdreiches. Wenn du jetzt auch in Sorge und Angst sein solltest, so werde ich dir später dafür eine Wundergabe verleihen. Passe wohl auf«, fuhr er fort, »ich will dir was sagen. Ich bin die Tochter der die weissen Perlmuscheln hütenden Drachenfürsten. Als ich einmal gieng des Königs Tochter baden zu sehen, hat sie mich mit einem goldenen Schaumlöffel aufgeschöpft und mitgenommen«.

Als der Mann zurückkam, brachte er die Meldung: »Den Papagai muss wohl ein Habicht geraubt haben«. Der König gerieth hierüber in Zorn und befahl den Mann abzuführen und die Todesstrafe an ihm zu vollziehen. Da sprach der königliche Minister Namens Ssain also: »Wenn wir diesen Mann tödten, so werden künftig weder Tänzer noch Sänger zu uns kommen; demnach wird es passender sein, wenn wir ihn durch Verbannung entfernen«. Der König billigte diesen Vorschlag. Er liess ihn von drei Männern begleiten, lud einem Büffel Lebensmittel auf, liess ihm steinerne Stiefel anziehen, und mit dem Verbote, dass sie nicht eher zurückkommen dürften, als bis er diese Stiefel abgetragen, jagte er ihn, in die Verbannung. Da sprach der Mann unterwegs: »Ich bin einmal ein gepeinigter Mann; aber warum sollt[54] ihr alle drei mit mir leiden? Wenn man diese steinernen Stiefel im Wasser einweicht und mit Stein abreibt, dann sind sie gleich abgenutzt«. Und als er bei diesen Worten die Stiefel abrieb, giengen sie entzwei und bekamen Löcher. Darauf kehrten die drei Leute nach Hause zurück.

Der Mann aber gelangte, seinen Büffel weiter führend, an das Ufer eines grossen Wassers. Da schlachtete er den Büffel und nährte sich davon; und nachdem das Fleisch ausgegangen, grub er mit den Hörnern Wurzeln aus und nährte sich von diesen. Da sah er einmal, wie eine Eule eine weisse Schlange im Schnabel festhielt und mit ihr davon flog. Seinen Gürtel abnehmend und ihn im Munde festhaltend rief er, indem er die Eule verfolgte und ihr nachsetzte: »Aus dem Munde hat Feuer gebrannt!« und bei diesen Worten nahm er den im Munde festgehaltenen Gürtel und warf ihn zur Erde. Da liess auch die Eule ihre Schlange, die sie im Schnabel festgehalten, fallen; der Mann hob die Schlange auf und legte sie auf einen Grasplatz, indem er sie mit der Mütze zudeckte. Darauf kamen aus der Mitte des Wassers zahlreiche Fürsten der Schlangendämonen auf Bossen an das Ufer des Wassers geritten; da sie aber nichts fanden, erschien ein weisser Mann, der ein weisses Pferd ritt und ein weisses Gewand anhatte. Dieser sprach zu dem Manne also: »Ich bin der Fürst der die weissen Perlmuscheln hütenden Drachen. Ich habe meinen Sohn verloren und nicht wiedergefunden; hast du, o Mann, ihn vielleicht gesehen?« Auf diese Frage versetzte der[55] Mann: »Wie sah dein Sohn aus?« »Mein Sohn«, erwiederte jener, »war eine weisse Schlange«. »Nun«, versetzte der andere, »indem ein Garuḍa-Vogel eine weisse Schlange davon tragen wollte, habe ich bewerkstelligt, dass er sie fallen liess, und habe sie dann aufgehoben«. Mit diesen Worten holte er den Sohn hervor und überreichte ihm denselben. Der Drachenfürst hatte eine grosse Freude, empfieng seinen Sohn und nahm den Mann in seine Residenz mit. Weil der Sohn wiedergefunden war, versammelten sich alle Fürsten der Schlangendämonen und veranstalteten ein Freudenfest. Nachdem der Mann nicht länger mehr verweilen konnte und den Wunsch äusserte jetzt zurückkehren zu wollen, sprach der Fürst der die weissen Perlmuscheln hütenden Drachen also: »Du hast mir gutes gethan. Zuerst hast du meine Tochter befreit; jetzt hast du meinen einzigen Sohn gefunden und mir zurückgegeben. Dafür will ich dich jetzt belohnen«. Mit diesen Worten übergab er dem Manne eine rothfarbige Hündin, gab ihm einen buntbemalten Fettmacher Mirjalaktschi, und nachdem er noch einen Muschelstab beigefügt hatte, brachte er ihn an den Rand des Wassers und gab ihm folgende Anweisung: »Wenn du einmal in Verlegenheit sein solltest um die Mittel zu deinem Unterhalt, so berühre nur den Fettmacher Mirjalaktschi mit diesem Muschelstab, dann werden alle Arten von Speisen zum Vorschein kommen. Von dir werden vier Könige abstammen, welche diese Welt von Ģambudvîpa beherrschen werden«.[56]

Nachdem er ihm diesen Bescheid ertheilt hatte und ins Wasser zurückgekehrt war, machte sich der Mann auf den Weg, indem er seine Hündin mit sich führte. Während ihrer Wanderung verwandelte sich Nachts die Hündin in ein Mädchen und wurde seine Frau, am Tage dagegen warf sie wieder die Hundehülle sich um und zog in Gestalt einer Hündin dahin. Einstmals als ihr Mann sich entfernt hatte, warf sie die Hundehülle ab und liess sie liegen; in gar reizend schöner Gestalt war sie ans Wasser gegangen, um zu baden. Bald darauf erschien der Mann und verbrannte die Hundehülle. Zurückgekehrt sprach die Frau zu ihrem Manne: »Jetzt kannst du mich nicht mehr auf deinen Wanderungen mitnehmen«, und fügte wiederholt noch manche herzbetrübende Worte hinzu.

Wieder einmal bei einer andern Gelegenheit, als sie gegangen war sich in diesem grossen Wasser zu baden, lösten sich ihr einige Haarlocken ab und schwammen im Wasser dahin. Eben war an die Mündung des Flusses die Magd eines mächtigen Königs gekommen, um Wasser zu holen; da die Locken in ihrem Schöpflöffel hängen blieben, nahm die Magd dieselben mit. Diese Haarlocken waren mit fünf Farben und sieben Kostbarkeiten ausgestattet.

Die Magd brachte die Locken zum König und als sie dieselben überreichte, sprach dieser: »Am Ursprung dieses Wassers muss offenbar eine reizende Frau, die Trägerin dieser Locken, wohnen; geht mit Mannschaft hinaus[57] und schafft sie mir her«. Mit diesem Auftrag sandte er sie ab. Während nun die Leute am Flusse aufwärts zogen, gewahrte die Frau dieselben und sprach zu ihrem Manne: »Ach, jetzt können wir beide nicht mit einander gehen. Es gibt keinen andern Ausweg als folgenden: Bis in einem Jahr will ich dich vermittelst einer List erwarten; innerhalb desselben aber sei der Tag so verabredet, dass ich am fünfzehnten des Monates Pauscha (12. Monats der Inder) auf den Rand eines Berges emporsteigen werde. Du aber mache dir aus dem Balg einer Elster einen Pelz und zieh ihn an; lass dich dann nieder zu mir und beginn lustig drauf loszutanzen; dann werde ich schon eine List anzuwenden wissen«. Während sie noch so sprach, erschienen die Soldaten, nahmen sie mit und führten sie vor den König.

Darauf tödtete der Mann nach dem Worte seines Weibes eine in der Schlinge gefangene Elster, zog ihr den Balg ab, machte sich einen Pelz daraus und legte ihn an. Im folgenden Jahre am 15. Tage des Monates Pauscha verweilten der Fürst und die Fürstin auf dem Berge. Da erschien der Mann in seiner Elsterhülle, und wie er lustig drauf loszutanzen begann, fieng die Königin bei seinem Anblick laut zu lachen an. Da sprach der König zu seiner Gemahlin: »Was ich auch immer im Verlaufe des Jahres auf alle erdenkliche Weise veranstalten mochte, niemals hast du gelacht; warum lachst du denn jetzt bei dem Spiele dieses widerlichen Menschen?« Auf diese Frage versetzte die Königin:[58] »Dass dieser widerliche Mensch eine solche Vogelhülle anhat, darüber habe ich so viel lachen müssen; wenn du, o König, sie anzögest, wie viel mehr würde ich erst dann lachen?« Der König fand Gefallen an diesen Worten, liess den Mann zu sich herauf bringen, und die Vogelhülle anziehend schlüpfte er hinein. Die Frau aber gab sofort den Mann für den König aus und liess folgendes verkünden: »Wenn etwa ein Mensch erscheinen sollte in einem nach aussen auf die verkehrte Seite gewendeten Kleide, der sich für den König ausgibt, so hetze man die Hunde auf ihn und lasse ihn nicht bis hieher kommen«. Als gleich nach dieser Bekanntmachung ein Mensch in einer Elsterhülle erschien und sich für den König ausgab, da hetzte man von allen Seiten die Hunde auf ihn und erschlug ihn auf der Stelle.

In derselben Nacht wurden dem König vier Söhne geboren. Der älteste von diesen Prinzen übersetzte in einem Tage für die Himmelsgötter und Menschen die heiligen Bücher in 1000 Sprachen, errichtete 100.000 Tempel und machte sich berühmt als geistliches Oberhaupt von Indien. Der jüngere Bruder desselben war in voller Jugendblüte mit aller Kraft und Machtfülle ausgerüstet; wenn er in einem Zuge vier rasch eilenden Menschen den Pfeil in das Herz schoss, stürzten sie nieder zur Erde. Dieser zweite Prinz machte sich unter dem Namen Barin Tschidaktschi Erketu, »der mächtige Ferntreffer«, als Herrscher der Mongolen berühmt Der nächst jüngere Bruder machte sich als Anführer eines[59] Heeres von 100.000 Mann, die aus der Öffnung eines einzigen Härchens seines Körpers hervorsprangen, unter dem Namen Gesser-Chân berühmt. Der jüngste Bruder endlich, der an einem Tage nach vier Gegenden vier Karawanen mit Führern an der Spitze abgehen liess und sich dadurch den alle Wünsche befriedigenden Talisman Tschintâmaṇi verschaffte, wurde als Beherrscher der Schätze unter dem Namen Barss-Irbiss (Tiger und Leopard = als Schâh von Persien) hochberühmt. –

Zu der Zeit war die Welt von Ģambudvîpa in einem überaus blühenden Zustand. Zu der Zeit hatte man auch dem Meister Nâgâr?una den Siddhi-K ýr überbracht. Jetzt ist dieser mit Wunderkraft ausgestattete Todte sowie die Leichenstätte, welche in der auf einem strahlenden Berge Südindiens belegenen und den Namen des »kühlen Haines« führenden Felsengrotte sich befindet, hochgefeiert unter dem Namen Siddhitu-Altan. Bis auf den heutigen Tag existiren sie noch. In der Folge wurden sie so die Veranlassung, dass der Menschen Lebenszeit und Glückseligkeit erhöht und ihre Wirksamkeit erweitert, dass Gesetz und Glaube in allen Gegenden immer weiter verbreitet wurden.

Quelle:
Jülg, Bernhard: Mongolische Märchen. Innsbruck: Verlag der Wagnerschen Universitäts-Buchhandlung, 1868, S. 51-60.
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