Die wunderbaren Schicksale Hangwan's und der Terute.

[267] Am Hofe des Schogun Yoschinori, der gleich seinem Vater Taka-Uji mit der höchsten Gewalt im Staate vom Kaiser bekleidet war und seine Würde und Macht auch seinen Nachkommen, dem erlauchten Geschlechte der Aschikaga, hinterließ, lebte ein vornehmer und hochangesehener Fürst Namens Motschiuji, der in Folge seiner Bravheit und Tüchtigkeit vom Schogun mit dem wichtigen Amte eines Gouverneurs der Stadt Kamakura betraut ward und deshalb seine Besitzungen verließ, um fortan in dieser Stadt in hohen Ehren zu leben. Leider genoß er die wohlverdiente Gunst des Herrschers nicht lange; eine heftige Krankheit warf ihn darnieder, und schweren Herzens mußte er seine trostlose Wittwe und einen erst elfjährigen Sohn ohne Stütze zurücklassen, als ihn die Götter von dieser Welt abberiefen. Als er auf dem Sterbebette lag, ließ er außer jenen beiden Theuren seinen obersten Beamten oder Karo, einen schon bejahrten Mann Namens Yokoyama, zu sich berufen und beschwor diesen, treu und sorgsam auf seinen Sohn, den jungen Prinzen Kenwomaru, zu achten, ihn gut zu erziehen und Sorge zu tragen, daß demselben sein Erbtheil unverkürzt in die Hände gelange, wenn er der einst erwachsen und im Stande sei, es selbst zu verwalten. Yokoyama gelobte dem Sterbenden dies alles aufs feierlichste, und so verschied Fürst Motschiuji ruhig und in vollem Vertrauen auf seinen Oberbeamten. Er ahnte nicht, daß dieser ihn nur durch gleißnerische Verstellung hintergangen hatte und im Grunde seines Herzens ein arger Bösewicht war.

Noch bösartiger indessen war Yokoyama's Sohn, Saburo, ein gewandter Krieger, aber hinterlistig und grausam und dabei keineswegs so tapfer, als er sich gern den Anschein gab. Dieser Saburo mißbrauchte das hohe Ansehen, in welchem sein Vater stand, auf alle mögliche Weise, und sein Vater leistete ihm, wenn[268] er irgend konnte, dabei Vorschub. So dachte Saburo denn auch ohne alle Mühe die Hand einer der Dienerinnen der verwittweten Fürstin, der schönen Terute, zu erlangen; er fand jedoch ganz unerwarteten Widerstand. Terute verschmähte ihn und bat ihre Eltern flehentlich, sie nicht mit Saburo zu vermählen; sie liebte, wie sie ihren Eltern gestand, einen der Waffengefährten desselben, den jungen Hangwan, und hatte Grund zu glauben, daß er ihr ebenfalls zugethan sei. Terute's Vater, der wackere alte Krieger Tone Maguroku, war ganz mit seiner Tochter einverstanden; auch er hatte einen Widerwillen gegen Saburo und eine aufrichtige Zuneigung zu Hangwan. Daher nahm er den letzteren, als er seinerseits sich um Terute's Hand bewarb, freundlich auf und gab seine Einwilligung zu der Verlobung seiner Tochter mit ihm auf das bereitwilligste.

Hierdurch aber war Saburo aufs tiefste beleidigt und schwor dem Hangwan blutige Rache. Zu feige indessen, sich mit ihm in offenem Kampfe zu messen, lauerte er ihm zu nächtlicher Zeit auf, und als Hangwan einstmals, nur mangelhaft bewaffnet, von seiner Braut nach Hause zurückkehren wollte, sprang Saburo aus einem Versteck hervor und gedachte ihn mit leichter Mühe tödten zu können. Hangwan indessen ließ sich nicht einschüchtern; er zog das kurze Schwert, das er bei sich führte, und drang so entschlossen auf den weit besser bewehrten Gegner ein, daß er wohl bald ihm das Handwerk gelegt hätte, wenn das Unglück nicht in diesem Augenblicke den alten Tone Maguroku herbeigeführt hätte. Dieser hatte den Waffenlärm gehört und war aus seiner Wohnung herausgestürzt, um zu sehen, ob sein Schwiegersohn nicht in Gefahr sei, und als er seine Befürchtung bestätigt fand, drang er mit Ungestüm auf den Angreifer ein. Dieser aber war geschickt zurückgesprungen und hieb seitwärts auf den alten Mann ein, der ihm an Gewandtheit nicht gewachsen war und zu Tode getroffen niedersank. Mit erneuetem Grimme drang nun Hangwan gegen Saburo vor, so daß dieser in Angst und Schrecken gerieth und eilends das weite suchte. In der[269] Dunkelheit gelang es ihm, an den Fluß zu gelangen, der in der Nähe vorbeiströmte, und unter dem Uferrande vermochte er sich so gut zu verbergen, daß alles Suchen Hangwan's vergeblich war.

Hangwan's erster Gedanke war nun, sich selber den Tod zu geben, da er nicht vermocht hatte, seinen Schwiegervater, der noch dazu für ihn selber gestorben, an jenem Elenden zu rächen. Wer aber sollte dann diese Rachepflicht üben, die ihm doppelt heilig sein mußte? Blieb er am Leben, so durfte er hoffen, schließlich doch noch eine Gelegenheit zu finden, bei welcher er dem hinterlistigen Feinde, in welchem er den Saburo wohl erkannt hatte, den Lohn für seine Tücke zu zahlen im Stande war, während im Falle seines eigenen Todes nur zwei wehrlose Frauen übrig blieben, deren Saburo hätte spotten können.

So ging denn Hangwan schweren Herzens zu Terute und ihrer Mutter und erzählte ihnen, was vorgefallen. Obgleich in tiefster Trauer und Verzweiflung, sannen doch beide Frauen nur auf Rache. Sie belobten Hangman höchlich, daß er sich nicht umgebracht habe, sondern ihnen bei Erfüllung dieser Pflicht helfen wolle; sie sagten aber, auch sie seien bereit, ihr Leben zu opfern, um nur an dem Bösewichte, dem Mörder des ihnen so Theuren, die gerechte Vergeltung zu üben. Hangman theilte indessen ihre Hoffnung, daß dies bald gelingen werde, keineswegs; trübe Ahnungen hatten sich seiner ganz und gar bemächtigt.

Und diese bestätigten sich nur allzubald. Der, welcher in der Untersuchung über Tone Maguroku's Ermordung Recht zu sprechen hatte, war kein Anderer, als Yokoyama, Saburo's Vater, und so lautete dessen Urtheilsspruch denn auch so hart als möglich gegen Hangwan und gegen die Hinterbliebenen des Getödteten. Hangwan, so hieß es, hatte ehrloser Weise versäumt, sofortige Rache für seinen Kampfgenossen zu nehmen, der an seiner Seite und für ihn gefallen war; er ward aus den Reihen seiner Kameraden ausgestoßen und mußte als rechtloser Flüchtling – als Ronin, wie die Japaner diese unglücklichen, ruhelosen Krieger nennen – in die Verbannung ziehen. Der Wittwe[270] konnte zwar das Recht nicht abgesprochen werden, für ihren Mann Rache zu suchen, noch auch der Terute, den Tod des Vaters zu rächen; jedoch wurden sie gegen alles Recht und gegen alle Billigkeit für unwürdig erklärt, in der Fürstin Diensten zu bleiben, bis sie dieser Rachepflicht Genüge geleistet, und hierdurch verloren sie alle Mittel, ihr Dasein zu fristen. Und dies war um so härter, als sie nicht einmal an die baldige Ausführung einer Rachethat denken konnten, denn Saburo war unterdessen geflohen und hielt sich ängstlich verborgen.

Dennoch trösteten sich die drei Unglücklichen. Sie verschoben ihre Pläne gegen Saburo, ohne sie aufzugeben, und gingen gefaßt und ergeben von dannen. In einem ablegenen Dörflein, nicht weit vom Meeresstrande, fanden sie endlich ein Unterkommen, das ihnen Sicherheit versprach, und von hier aus stellten sie die eifrigsten Nachforschungen nach Saburo an. Endlich schien es, als sollten ihre Anstrengungen erfolgreich sein, denn sie hörten wiederholt, Saburo sei in der nicht weit entfernten Provinz Suruga gesehen; und als die Nachricht mehrfach von glaubwürdiger Seite bestätigt wurde, machte sich Hangwan, als Bettler verkleidet und vollkommen unkenntlich, auf den Weg, um den Schurken zu suchen.

Saburo war aber weit erfahrener in Ränken und hinterlistigen Streichen jeder Art, und so war es auch nur ein Fallstrick von ihm gewesen, daß er das Gerücht hatte verbreiten lassen, er halte sich in Suruga auf. In Wahrheit weilte er ganz in der Nähe und hatte nur Hangwan entfernen wollen, um einen frechen Streich gegen die beiden Frauen auszuführen. Am Abend des nämlichen Tages, an welchem Hangwan sich auf die Reise begeben, kam er an der Spitze von sechs Gefährten vor ihre Wohnung. Seine Genossen besetzten die Ausgänge, er selbst aber drang in das Haus und verkündete mit höhnenden Worten, er sei gekommen, um Terute gewaltsam zu entführen. Augenblicklich griff sowohl diese, als ihre Mutter zu den Schwertern, die sie für alle Fälle bereit hatten, und so drangen beide tapfer[271] auf den Verhaßten ein. Dieser aber war auf solchen Angriff gefaßt; während er die Streiche der beiden Frauen abwehrte, gab er seinen Leuten ein Zeichen, auf das sie hereinstürzten und Terute packten, banden und fortschleppten. Als dies geschehen, hieb der Bösewicht ohne Mühe die verzweifelnde und wie wahnsinnig sich geberdende Mutter nieder.

So war das Bubenstück gelungen, eben in dem Momente, wo den Frauen eine unerwartete Hülfe kam, die ihnen um ein Haar noch hätte Rettung bringen können. Hangwan war es, der etwa bis Mittag fort gewandert war, dann aber allerhand bedenkliche Gerüchte vernahm, als ob Saburo in der Nähe sei. Unverzüglich machte er sich auf den Rückweg, aber trotz aller Eile kam er zu spät; er fand nur Terute's Mutter, die in ihrem Blute lag und ihrem nahen Tode entgegensah. Doch konnte sie ihm noch erzählen, was vorgefallen, und ihn beschwören, ihrer armen Tochter nachzueilen.

Er stürmte hinter den Räubern her und fand auch trotz der Dunkelheit ihre Spur. Mit rasender Hast folgte er derselben; sie führte ans Meer. Hier aber sah er nur noch aus der Ferne, wie die Missethäter ein Boot bestiegen und Terute gebunden in dasselbe brachten. Sie stießen ab, und als er den Strand erreichte, kämpfte das Boot bereits mit den Wellen, welche von einem Sturme, der gerade in diesem Augenblicke sich aufmachte, gewaltig geschaukelt wurden. Hangwan, der gern sein Leben aufs Spiel setzen wollte, um Terute zu retten, bat die Schiffer, welche am Strande wohnten, vergebens aufs eindringlichste, ihn hinauszufahren oder ihm wenigstens ein Boot zu überlassen; keiner wagte es, denn der Sturm brach mit zu großer Heftigkeit los.

Trostlos kehrte der Unglückliche zu seiner Schwiegermutter zurück, fand sie aber bereits todt, und so mußte er sich begnügen, ihr die letzten Ehren zu erweisen.

Als Terute aber in dem Kahne lag, in den man sie geschleppt, und erkannte, daß sie willenlos ihrem schlimmsten Feinde[272] anheimgegeben war, beschloß sie, List anzuwenden. Sie that, als sei sie von der Hülflosigkeit ihrer Lage überwältigt, und sagte dem Saburo, sie wolle sich in das unvermeidliche fügen und die Seine werden; nur möge er ihre Fesseln abnehmen. Dies geschah; kaum aber hatte Terute ihre Hände frei, so entriß sie dem Saburo seinen Säbel und hieb und stach mit allen Kräften auf ihn los. Leider war sie nicht stark genug, ihn zu tödten oder lebensgefährlich zu verwunden. Wüthend über ihre Hinterlist, packte er sie, entwand ihr die Waffe und holte nun seinerseits zu einem tödtlichen Streiche aus, als der Sturm, der rasch an Stärke zugenommen hatte, ihn sammt dem ganzen Nachen umwarf. Alle, die darinnen waren, wurden von den wilden Wogen erfaßt; Terute aber sah ein bleiches, zorniges Antlitz in überirdischem Glanze über dem Fluthengebrause erscheinen und wußte nun, daß ihre Mutter todt war, daß deren Geist den Sturm erregt und ihren Tod abgewandt habe. Kaum vermochte sie noch einen Schrei auszustoßen, der Sturm und Wellen übertönte, dann schwanden ihr die Sinne, und als ihre Lebensgeister wiederkehrten, befand sie sich auf festem Lande. Fischersleute, die in ihrem kleinen Fahrzeuge vor dem plötzlichen Sturm ans Ufer flüchteten, hatten ihren Angstschrei gehört; eine Woge hatte sie in die Nähe des Fischerbootes geschleudert, und so war sie von den Insassen desselben gerettet.

Auch Saburo erreichte das Land mit Hülfe eines Stückes von seinem zertrümmerten Boote; seine Genossen wurden dagegen sämmtlich von den empörten Fluthen verschlungen. Noch war die Zeit des Bösewichtes nicht abgelaufen, und noch sollten seine Verfolgungen der Terute und dem Hangwan viel Drangsal bereiten; vor der Hand aber war er nicht zu fürchten, denn er war genöthigt, seine Wunden zu pflegen, und bedurfte längerer Zeit, um sich von dem starken Blutverluste, den er erlitten, wieder zu erholen.

Während alle diese Dinge sich ereigneten, hatte Yokoyama, Saburo's heimtückischer Vater, ruchlose Pläne geschmiedet, durch[273] welche er den jungen Prinzen Kenwomaru, den ihm sein ehemaliger Gebieter auf dem Todtenbette anvertraut, zu Grunde zu richten und sich selber seines Erbes zu bemächtigen gedachte. Zu dem Ende hatte er sich mit einem bösen Zauberer in Verbindung gesetzt und durch denselben allerhand Höllenspuk gegen den unglücklichen Prinzen herrichten lassen. Gespenster quälten denselben fast stündlich bis aufs Blut; er ward sehr krank, und alle Mittel, welche man dagegen anwandte, waren umsonst. Mit jedem Tage ward der arme Knabe elender und sein Zustand verzweifelter. Nicht selten kam es vor, daß die Wachen, die sein Lager umstanden, von einem jähen Blitz und Knall erschreckt wurden; dann aber sahen und hörten sie nichts weiter als das ängstliche Hülfegeschrei und das vergebliche Ringen des Prinzen mit unsichtbaren Verfolgern.

Unter den wachthabenden Kriegern befand sich auch Hangwan's Vater Oguri, der trotz aller Schleichwege, welche Yokoyama eingeschlagen, um ihn zu entfernen, treu und standhaft auf seinem Posten geblieben und unablässig bemüht war, für des Prinzen Wohl zu sorgen. Niemand hatte daher ein so wachsames Auge wie er, und es entging ihm nicht, daß jener Blitz und Knall sich stets aus einer bestimmten Ecke des Gemaches erhob. Er hatte dieselbe daher, so oft er den Wachtdienst versah, beständig im Auge und sah einstmals, wie aus dem Feuer und Dampf ein Gespenst hervorkam, das genau die Gestalt und die Züge des kranken Prinzen trug. Es stürzte sich auf denselben und rang mit ihm aufs grimmigste. Oguri trat herzu; aber obgleich er des Prinzen Angstrufe unablässig hörte, vermochte er das Gespenst von seinem jungen Herren selber nicht zu unterscheiden, so täuschend war die Aehnlichkeit. Um endlich dem Aermsten Erleichterung zu verschaffen, griff er auf gut Glück zu; aber es war der Prinz, den er gepackt, das Gespenst flog in die Höhe und grinste ihn mit scheußlichem Antlitz an. Auf Oguri's Antrieb untersuchte man jedoch den unheilvollen Winkel, aus dem der böse Geist aufgestiegen, und[274] da fand man eine Strohpuppe mit Kleidern des Prinzen, die offenbar zu einem Trugbilde desselben verzaubert und, um den Prinzen recht wirksam zu quälen, nach allen Seiten hin mit großen Nadeln durchstochen war. Man vernichtete sie, und der Prinz fühlte sich erleichtert.

Als aber diese Vorgänge dem Yokoyama hinterbracht waren, verurtheilte er ohne weiteres den Oguri zum Tode, weil er unbefugter und höchst unehrerbietiger Weise an das Lager seines Herren getreten sei und sogar freventlich Hand an ihn gelegt habe. Oguri starb den Tod eines braven Kriegers; er schlitzte sich den Bauch auf, und einer seiner Gefährten hieb ihm, wie dies in solchen Fällen üblich, um seine Todesqual zu kürzen, das Haupt ab. Seine Wittwe, Hangwan's Mutter, entleibte sich auf die Nachricht davon in ihrer Verzweiflung selbst.

Bevor indessen Oguri den Todesstreich empfangen, gelobte er mit lauter Stimme, er werde von nun an als Geist unablässig über seinen jungen Herrn wachen und so die bösen Pläne ihres beiderseitigen Feindes zu nichte machen. Und das that er getreulich; mochte Yokoyama noch so oft seine Zaubermittel anwenden, die bösen Geister hatten keine Macht mehr über den Prinzen Kenwomaru. Oguri's Schatten wich nicht von seiner Seite und wehrte jeden Angriff der Unholde ab.

Ein treuer Diener unternahm es, Hangwan die Kunde von dem Tode seiner Eltern und von der neuen Rachepflicht, die ihm oblag, zu überbringen. Doch dauerte es lange, ehe er ihn fand, denn Hangwan, der von dem Scheitern des Bootes in jener Schreckensnacht, zugleich aber von Saburo's Rettung gehört hatte, irrte von einem Orte zum andern, stets von der Hoffnung geleitet, er werde endlich seinem Feinde begegnen und Vergeltung üben können. Daß Terute gerettet sei, wußte er nicht, aber eine innere Stimme sagte ihm, sie sei ebenfalls noch am Leben, und so spähete er emsig auch nach ihr aus.

Auf diese Weise war er in die Provinz Owari gelangt, wo Saburo viele Verwandte hatte, und wo er daher am ehesten[275] hoffen durfte, denselben zu treffen. Sein Zufluchtsort war daselbst das Haus eines alten Freundes, Namens Utayemon, eines wohlhabenden Landbesitzers in der Nähe von Matsukase. Hier war der ruhelose Hangwan endlich einmal in Sicherheit, hier konnte er ohne Besorgniß den großen, breitbeschirmten Hut, wie ihn die flüchtigen Krieger, die Ronin tragen, bei Seite legen und sich mit Utayemon und seiner Tochter Usuyuki ungestört unterhalten. Gar bald gewann ihn Utayemon so lieb, daß er ihm vorschlug, immerdar bei ihm zu bleiben und sein Eidam zu werden, und die schöne Usuyuki war nur allzu geneigt, diesem Vorschlage zuzustimmen, denn eine heftige Leidenschaft für Hangwan hatte sie ergriffen. Umsonst erklärte dieser, als er zu seinem Kummer wahrnahm, daß Usuyuki ihn liebe, daß er nicht mehr frei sei, sondern der Terute Treue gelobt habe, und daß außerdem eine schwere Pflicht der Rache auf ihm laste. Alles dies minderte Usuyuki's Liebe nicht; sie seufzte Tag und Nacht, und eine tiefe, unheilbare Schwermuth befiel sie.

Der Bote, welcher ausgezogen war, Hangwan den Tod seiner Eltern zu melden, war inzwischen ebenfalls in die Provinz Owari gelangt und hier mit Terute selber zusammengetroffen, welche gleich ihm Hangwan suchte. Beide zogen nun vereint weiter und gelangten schließlich eines Abends bei Utayemon's Hause an, wo sie den Gesuchten fanden. Ungeachtet des Grames, den der Anblick ihrer glücklichen Nebenbuhlerin der armen Usuyuki bereitete, wurden sie gastfrei und liebevoll aufgenommen, und eben waren Hangwan und Terute im Begriff, sich einander ihre traurigen Erlebnisse zu erzählen, als neues Unheil über sie hereinbrach, abermals auf Anstiften ihres Todfeindes Saburo. Dieser hatte nicht sobald bemerkt, daß der ehemalige Diener von Hangwan's Vater sich auf die Wanderung begeben, als er ihm eifrig nachspüren ließ, und so kamen Saburo's Häscher, ein zahlreicher Trupp Soldaten unter einem zuverlässigen Führer, bald nach Ankunft der Terute und ihres Begleiters vor Utayemon's Hause an.[276]

Ungestüm pochten sie an die Außenläden, die man wegen des Einbruchs der Nacht geschlossen, und als Utayemon hinausblickte, sah er das Haus rings von Soldaten umstellt. Jeder derselben hatte eine Laterne angezündet und hielt sorgsam Wacht, damit Niemand entwischen könne. Zwei oder drei Soldaten waren näher herangetreten und forderten ungestüm, man solle ihnen den Hangwan, den bösen Feind ihres Gebieters, ausliefern, sonst würden sie das Haus seinem Besitzer über dem Kopfe anzünden. Umsonst betheuerte Utayemon, während Hangwan, Terute und ihr Diener sich versteckten, es sei Niemand im Hause; vergebens erbot er sich, sie durch alle Räume desselben zu führen. Die Soldaten blieben dabei, Hangwan müsse darinnen sein; sie stießen immer schärfere Drohungen aus, und Utayemon sah wohl, daß nur ein verzweifelter Entschluß das ärgste Unheil von seinem Gaste und Freunde abzuwenden vermochte. Er rief daher den Soldaten zu: »Wohlan, wartet ein wenig, ich will euch den Kopf Hangwan's überliefern.« Alsdann begab er sich zu seiner Tochter. »Bist du,« so sprach er zu ihr, »erbötig, dein Leben für das deines Geliebten hinzugeben, so ist die Zeit gekommen; ein anderes Mittel, ihn zu retten, giebt es nicht. Dein Leben, und mit ihm das meine, ist ohnedies freudlos, laß uns also beide sterben; denn wenn du dich jetzt für Hangwan opferst und dessen Rettung gelungen ist, so werde ich nicht säumen, dir zu folgen!« Usuyuki zögerte keinen Augenblick; sie durchschnitt sich die Kehle, und Utayemon trennte ihr Haupt vollends vom Rumpfe und übergab es einem der Soldaten. Dieser that es in einen Sack und entfernte sich nun sammt allen seinen Genossen.

Gebrochenen Herzens wollte Utayemon seinen Freunden, die in verschiedenen Schlupfwinkeln Zuflucht gefunden hatten, ihre Rettung aus der Todesgefahr verkünden, ohne ihnen zu sagen, welchen Preis er für ihr Leben hatte zahlen müssen. Aber Terute hatte voll Entsetzen und Verzweiflung gesehen, wie er den Soldaten ein blutiges Haupt überreichte, und da sie nicht[277] zweifelte, daß dies Hangwans Kopf sei, so sprang sie in äußerster Wuth aus ihrem Versteck hervor und warf dem Utayemon den unerhörten Verrath, den er, wie sie meinte, an seinem Gastfreunde begangen, in so ungestümer Weise vor, daß er auch nicht ein Wort zu seiner Rechtfertigung vorbringen konnte. Zugleich drang sie mit einem Schwerte auf ihn ein, und als der Diener ihre Worte vernahm, sprang er herzu und half ihr, den edlen Utayemon, der sich kaum wehrte, niederzuhauen. In diesem Augenblick aber trat Hangwan herzu, der von allem, was vorgefallen, keine Ahnung hatte, und wie versteinert ließen die beiden von Utayemon ab. So war es denn kein Verrath, den dieser geübt; Hangwan war am Leben und unversehrt, und bald zeigte sich denn auch, wessen Leben der Unglückliche geopfert und wie schnöden Lohn er dafür bekommen hatte. Terute war in Verzweiflung, denn der Verwundete lag bereits in den letzten Zügen. Flehentlich bat ihn Terute um Verzeihung; er aber entschuldigte noch ihren Irrthum und verzieh ihr nicht allein, sondern sagte auch, er sterbe gern, nachdem er seine Tochter der Pflicht der Dankbarkeit habe opfern müssen. Diese Pflicht aber sei unabweislich gewesen, weil Hangwan's Vater ihn selbst einmal in früheren Tagen mit Gefahr seines eigenen Lebens aus ähnlicher Todesnoth gerettet habe. Die arme Usuyuki sei willig und freudig in den Tod gegangen, da sie Hangwan hoffnungslos aufs innigste geliebt habe. Terute, ganz niedergeschmettert von so viel Edelmuth, rief nun: »Zürne mir nicht, abgeschiedener Geist! Ich verspreche dir, daß du im Jenseits als Hangwan's Gattin ebenso vor mir den Vorrang haben sollst, wie ich ihn hier auf Erden habe!« Da erklang der Koto,1 auf dem Usuyuki ihre Klagen ertönen zu lassen pflegte, zum Zeichen, daß der Geist der Unglücklichen versöhnt war und das Opfer der Terute annahm.

Ohne Rast und Ruhe mußten indessen die beiden Unglücklichen,[278] denen sich der getreue Bote als dritter Leidensgefährte zugesellte, das letzte Asyl verlassen, das Hangwan gehabt, und ein Leben voll Entbehrungen und Strapazen in öden Wäldern und Bergen führen, während Saburo in Sicherheit und Wohlleben seine Tage verbrachte. Fühlte er sich doch endlich sicher, daß Hangwan, dessen vermeinten Kopf man ihm gebracht, ebenso wie Terute, deren Untergang in jener Sturmnacht er nicht bezweifelte, todt sei.

Und gleichsam als wollte das Schicksal seine letzte Tücke gegen die Unglücklichen üben, erkrankte Hangwan so schwer, daß er nicht mehr im Stande war, zu gehen. Terute und der treue Diener fertigten einen rohen kleinen Wagen an, ein Brett mit vier Rädern darunter, und so wagten sie sich endlich wieder unter die Menge, da sie in den Schwefelquellen von Kumano Heilung des Kranken zu finden hofften. Der Diener belustigte, wenn sie in größere Ortschaften kamen, die schaulustige Menge mit allerhand Gauklerkünsten, die er früher erlernt, und erwarb so das nöthige Geld, dessen sie für die Reise bedurften. Endlich kamen sie bei den Heilquellen an, allein Hangwan blieb lahm, und selbst als Terute sich als Büßende unter einen Wasserfall stellte, um die Götter auf diese Weise zum Mitleid zu bewegen, war nichts von Besserung seiner Leiden zu verspüren.

Da nahte ihnen nochmals drohendes Unheil durch Saburo, der von Hangwan's und Terute's Aufenthalt zu Kumano sofort durch Späher benachrichtigt ward und, zähneknirschend ob so vieler mißlungener Pläne, nun mit Aufgebot aller erdenklichen Hinterlist der Sache ein Ende zu machen entschlossen war. Der Wagen, auf dem der Diener den Hangwan zog und den Terute begleitete, ward eines Tages an einer einsamen Stelle von Wegelagerern angegriffen; der Diener, welcher wohl bewaffnet war, schlug dieselben in die Flucht, ward aber von ihnen bei der Verfolgung weiter und weiter gelockt. So waren Terute und Hangwan allein und hülflos, und nun sprang Saburo aus dem Gebüsch hervor. Niemand anders als er hatte jene Wegelagerer[279] angestiftet, um den einzigen Helfer zu entfernen, der ihn an der Ermordung der Terute und des gelähmten Hangwan hätte hindern können. Höhnend hielt er ihnen vor, was sie alles an ihm verbrochen hätten; dann packte er Terute und band sie trotz ihres Sträubens an einen Baum, um nun vor ihren Augen zuerst dem Hangwan den Todesstreich zu versetzen.

Hangwan hatte unterdessen seine zitternden, kraftlosen Hände zum Himmel erhoben und in dieser äußersten Noth die Götter um endliche Erhörung seiner jahrelangen Klagen angefleht. »Geister meiner armen, unschuldig dahingemordeten Eltern, Geister der von diesem Scheusal geschlachteten Eltern Terute's, o helft mir jetzt und laßt mich endlich Rache üben! Alles will ich künftig gern erdulden, wenn nur dies mir gewährt wird!«

Und siehe da, seine Glieder waren auf einmal geschmeidig wie je zuvor. Er konnte aufspringen, er konnte ein Schwert, das er für äußerste Fälle bei sich versteckt gehalten, mit kräftiger Hand schwingen. So stand er dem Saburo gegenüber, der sich dessen nicht versehen hatte, und dem der Schreck die Glieder lähmte. Hangwan packte ihn und hielt ihn fest, bis Terute, deren Bande rasch durchschnitten waren, herzutrat und mit Hangwan's Schwerte dem Schurken den Kopf abschnitt. Die beiden richteten nun ein feuriges Dankgebet an die Geister ihrer Eltern und steckten als Sühnopfer für dieselben Saburo's Haupt auf einen Pfahl, der am Wege stand.

So fand sie der treue Diener, der unterdessen seine Feinde weit in die Flucht geschlagen, und nun dankten sie alle drei den Göttern und den Geistern der Verstorbenen für ihre Gnade.

Auch fernerhin verblieb der Götter Gunst dem vielgeprüften Paare. Hangwan behielt Gesundheit und Kraft, die ihm so wunderbar wiedergeschenkt waren, auch ferner; er vermählte sich feierlich mit Terute und trat kühn vor Yokoyama, dem er den Tod seines Sohnes meldete und zugleich verkündete, daß Terute und er eigenhändig die ihnen obliegende Rachethat vollführt und damit ihren Pflichten genügt und ihre Ehre wiederhergestellt[280] hätten. Er verlangte für sich und Terute die Wiedereinsetzung in ihre frühere Stellung. Yokoyama mußte sich fügen; er sann zwar auf neue Ränke, aber Prinz Kenwomaru, den Oguri's Geist gegen alle seine bösen Zaubereien beschirmt hatte, erreichte bald die Jahre der Mündigkeit, und damit war die Macht des Bösewichtes gebrochen.

Es dauerte auch nicht sehr lange, bis Hangwan Gelegenheit fand, den Tod seiner Eltern an Yokoyama zu rächen. Dieser konnte es nicht verschmerzen, daß er nicht mehr im Besitze seiner früheren Macht war, und versuchte allerhand Verschwörungen anzuzetteln. Dieselben wurden aber verrathen; Yokoyama mußte fliehen und empörte sich nun offen gegen seinen rechtmäßigen Gebieter. Mit einer Schaar entschlossener Krieger überfiel er das feste Schloß, in welchem Kenwomaru wohnte. Schon war er in die Thore eingedrungen, aber die Soldaten des Fürsten, Hangwan an der Spitze, trieben die Feinde wieder zurück. Die meisten derselben fielen im Kampfe, und unter ihnen befand sich auch Yokoyama, den Hangwan selbst erschlagen hatte und dessen Kopf er triumphirend über dem Schloßthore aufpflanzte.

Nun blieb ihm und der Terute nichts mehr zu wünschen übrig; sie lebten noch lange glücklich und gelangten zu hohen Ehren am Hofe ihres Herrn und Gebieters.

1

S. Märchen von Kätzchens Entführung, S. 56.

Quelle:
Brauns, David: Japanische Märchen und Sagen. Leipzig: Verlag von Wilhelm Friedrich, 1885, S. 267-281.
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