Das Gespenst von Sakura.

[416] Unter der Regierung des Schogun1 Jyemitsu, gegen die Mitte des siebenzehnten Jahrhunderts, lebte in Sakura, einem in der Provinz Schimosa nicht weit von der Hauptstadt Japans belegenen Städtchen, ein sehr milder, von seinen Untergebenen geliebter und zugleich am Hofe des Schogun hochangesehener Fürst oder Daimio. Als er starb, wurde er überall in seinem Gebiete tief betrauert; die Wehklagen seiner Unterthanen vermehrten sich aber noch, als sich herausstellte, daß sein Sohn und Erbe, Masanobu, keineswegs dem guten Beispiele seines Vaters folgte. Er bedrückte die Bauern auf alle mögliche Weise, und obwohl dieselben lange schweigend alle Drangsale über sich ergehen ließen, so bemächtigte sich schließlich doch die Verzweiflung ihrer Gemüther. Die Dorfältesten traten zusammen und beschlossen,[416] koste es, was es wolle, bei dem Beherrscher des ganzen Landes, dem wie alle Anderen auch ihr Fürst Gehorsam schuldete, im nahen Yedo sich zu beschweren, damit in irgend einer Weise der entsetzlichen Noth und Bedrückung ein Ende gemacht würde.

Der angesehenste und gescheidteste der Dorfvorsteher jener Gegend war ein gewißer Sogoro. Ihm ahnte indessen bei der ganzen Sache nichts gutes, und so weigerte er sich lange, an den Berathungen seiner Genossen teilzunehmen; als er endlich den Bitten derselben nachgab und mit ihnen ging, da nahm er zugleich von seiner Frau und seinen Kindern rührenden Abschied. Die Dorfältesten gingen in ihrer mißlichen Lage selbstverständlich mit großer Vorsicht und Zurückhaltung zu Werke. Sie setzten eine ganz demüthige Bittschrift auf, um zu erwirken, daß das Verfahren ihres Herren und Gebieters wenigstens untersucht würde. Falle die Untersuchung, so sagten sie, zu dessen Gunsten aus, so seien sie zu jeder Sühne und Buße erbötig; falle sie aber gegen denselben aus, so bäten sie in aller Bescheidenheit, aber aufs ernstlichste um Abstellung der Uebelstände. Wie aber Sogoro vorausgesehen, hatte die Bittschrift, die sie auf dem üblichen, vorgeschriebenen Wege an den höchsten Rath einsandten, und von welcher Masanobu als Mitglied dieses Rathes Kunde erhielt, keine andere Folge, als daß sie unter sehr scharfen Drohungen zurückgewiesen wurde. Was sollte man nun thun? Sogoro und noch fünf der Dorfvorsteher, deren im Ganzen dreißig dem Fürsten von Sakura unterstellt waren, übernahmen es, vor dem Palaste zu warten, bis die feierlichen Züge mit den Tragkörben oder Kagos der zur Rathsitzung sich versammelnden Fürsten ankamen, und dann auf gut Glück eine erneute Bittschrift in einen solchen Kago zu werfen. Sie hatten auch Glück; der Brief gelangte in die Hände eines der bestgesinnten der Herren vom Rathe, eines Fürsten von Yamato, ward von ihm mitgenommen und dem Rathe vorgelegt. Schon freuten sich die Dorfvorsteher des Gelingens ihres Planes; den Sogoro aber verließen seine bösen Ahnungen nicht. Eines Tages, während sie noch auf eine Antwort[417] seitens des Fürsten von Yamato warteten, sprach er zu seinen versammelten Amtsgenossen: »Wäre es nicht besser, daß nur Wenige von uns hier blieben und die Uebrigen ruhig nach Hause gingen? Bricht dann das Unheil über uns herein, so leiden nicht so Viele, und die, welche zu Hause sich befinden, können sich dann wenigstens unsere Leichname ausbitten und uns ehrenvoll bestatten, wenn Masanobu's Rache uns ereilt.« Durch solche Worte vermochte er endlich viele der Dorfvorsteher, aus Yedo nach ihrer Heimat zurückzukehren; er selbst aber und diejenigen, welche mit ihm zugleich die Bittschrift dem Fürsten von Yamato übermittelt hatten, mußten dableiben und auf dessen Antwort warten.

Nach sechstägigen Verhandlungen des höchsten Rathes endlich ließ sie jener Fürst zu sich bescheiden und eröffnete ihnen, der hohe Rath wolle allerdings ihre Angelegenheit untersuchen, könne sich aber nicht auf eine Beantwortung ihrer Bittschrift einlassen; vielmehr sei diese ungesetzmäßiger Weise befördert, und dies sei höchst strafbar. Alles, was er, der Fürst von Yamato, für sie habe thun können, sei, daß er ihnen Verzeihung ausgewirkt habe, falls sie die Bittschrift bereitwillig zurück nähmen. Dieser Beschluß, das sah Sogoro nebst seinen Genossen wohl ein, war äußerst betrübend, so wohlwollend er anscheinend auch lautete; unbedingt hatte Masanobu seinen Einfluß aufgeboten und in vollem Maße geltend gemacht. Bis die Untersuchung der Angelegenheit, welche der hohe Rath unabhängig von der Bittschrift zusagte, wirklich in Gang kam, konnten viele Jahre vergehen, und bis dahin hatte Masanobu alle Macht, seine Bedrückungen nur noch ärger auszuüben und sie namentlich gegen die widerspenstigen Dorfältesten zu richten.

In dieser verzweifelten Lage schlug Sogoro vor, man möge eine nochmalige Bittschrift direkt an den Schogun Jyemitsu gelangen lassen, indem Einer von ihnen sie in dessen Kago würfe, wenn der Regent sich in den hohen Rath oder zu irgend einer Feierlichkeit begeben wollte. Lange ward über diesen Vorschlag,[418] dessen große Gefahren man sich nicht verhehlen konnte, hin und her geredet; endlich aber kam es dazu, daß Sogoro, der sich zu der Ausführung desselben erboten hatte, die Einwilligung seiner Amtsbrüder erhielt. Nun lauerte er dem Zuge auf, welcher den Schogun in einer feierlichen Prozession zu den Gräbern der Angehörigen seiner Familie nach Uyeno2 geleiten sollte. Es gelang ihm, dicht an den Tragkorb des gestrengen Herrschers zu gelangen und seine Papierrolle hineinzuschleudern; aber natürlicher Weise packten ihn die Trabanten des Schogun und schleppten ihn in das Gefängniß; der Schogun erklärte sein Vergehen für todeswürdig und übergab ihn zur Bestrafung Niemand anders als dem Masanobu.

Masanobu aber gehorchte nur seiner Rachsucht, und so wurde nicht nur Sogoro, der auf den Tod längst gefaßt war, sondern auch dessen ganze Familie zu einer der grausamsten Todesarten verurtheilt, die man in Japan kennt, nämlich zu der Kreuzigung, bei welcher das unglückliche Opfer an zwei schräg über einander gelegte Balken festgebunden und dann durch Lanzenstöße langsam vom Leben zum Tode gebracht wird. Vergebens machten mehrere der Räthe Masanobu's demselben die ernstesten Vorstellungen; vergebens baten die sämmtlichen Bauern, welche dem grausamen Fürsten untergeben waren, wenigstens für die ganz unschuldigen Angehörigen Sogoro's um Gnade. Masanobu hörte nicht darauf und setzte seiner Grausamkeit noch dadurch die Krone auf, daß er die Wortführer der bittenden Menge empfindlich, mit Verbannung und Gütereinziehung, bestrafte, und es wird erzählt, daß sie sämmtlich elend zu Grunde gingen mit einer einzigen Ausnahme; Einer derselben ward nämlich Priester und rettete sich so vor den Drangsalen der Verbannung, und durch ihn allein ist denn auch die Nachricht von dieser Begebenheit der Nachwelt überliefert.[419]

So nahete denn der Tag des Blutgerichtes; Sogoro, der unterdessen schon drei Monate im Gefängnisse geschmachtet hatte, ward nebst seiner Gattin und seinen zwei Söhnen auf den Richtplatz geschleppt, und hier wurden erst die Söhne, dann die Frau, endlich er selber auf die angegebene Weise getödtet. Schon die Frau war muthig und ungebeugten Sinnes gestorben und hatte ihrem Verfolger Rache angelobt; als aber nun Sogoro, nachdem er die Qualen der Seinigen angesehen, an die Schandpfähle gebunden und zu Tode gepeinigt ward, da rollten seine Augen unheimlich, und Alle fühlten, daß es keine leere Drohung sei, wenn er laut verkündete, sein Geist werde nicht ablassen, Vergeltung für diese schreienden Missethaten an Masanobu zu üben.

Es waren auch nur wenige Tage vergangen, als wilde Spukgestalten im Schlosse zu Sakura erschienen. Inmitten derselben tauchte stets Sogoro's Gestalt auf und verkündete Unheil über Unheil. Masanobu's Frau starb, von unerklärlichen Schmerzen gepeinigt, Masanobu selbst erkrankte und hatte Anfälle von Irrsinn; immer aber verkündete das Gespenst noch fernere Schicksalsschläge.

Dieselben blieben nicht aus. Nach nicht sehr langer Zeit bekam Masanobu im Schlosse zu Yedo Streit mit einem anderen Fürsten; in seinem krankhaften Zustande zog er das Schwert, es folgte ein Zweikampf, und Masanobu's Gegner sank tödtlich verwundet zu Boden. Höchst wahrscheinlich wäre Masanobu nun wegen der Verletzung der Ehrfurcht gegen den Schogun, deren er sich durch seine blutige That schuldig gemacht, sofort, falls man ihn ergriffen hätte, zum Tode verurtheilt und hätte sich dem Brauche gemäß durch Bauchaufschlitzen selbst um's Leben bringen müssen; er floh daher aus dem Palaste, so schnell er konnte, schwang sich auf sein bestes Roß und jagte in athemloser Hast auf sein Schloß.

War das Vergehen Masanobu's an sich schon todeswürdig, so wurde er durch seine Flucht geradezu zum Rebellen. Der Schogun gerieth in den größten Zorn und sandte ein beträchtliches[420] Truppencorps gegen Sakura aus. Er war so erboßt gegen Masanobu, daß er die beiden zuerst von ihm ernannten Führer dieses Corps ohne weiteres schmachvoll absetzte, als ihm gemeldet wurde, daß dieselben sich mit dem Uebelthäter in gütliche Unterhandlungen eingelassen hätten. Die beiden neuen Befehlshaber besetzten daher ohne Zögern das Schloß von Sakura und nahmen Masanobu gefangen, der in seinem wahnwitzigen Zustande weder an Widerstand noch an einen Fluchtversuch zu denken vermochte.

Die Qualen desselben erreichten nun eine unerträgliche Höhe; seine Kräfte schwanden, seine Züge verzerrten sich, und seine blutunterlaufenen Augen begannen gerade so zu rollen, wie die des armen Sogoro in seiner Todesstunde. Dieses Schreckgespenst verließ den Fürsten Masanobu fast niemals, und auf Geheiß desselben peinigte überirdisches Feuer seine Glieder und Eingeweide. Schien diese Qual einmal nachlassen zu wollen, so kam Sogoro's Weib mit ihren unschuldig gemordeten Kindern und verdoppelte sie.

Endlich wurde Masanobu von Reue ergriffen. Er sandte zu den Priestern des nächsten Tempels und bat sie inständig, ihm durch Fürbitte bei den Göttern zu helfen. Zugleich setzte er allen Nothleidenden erhebliche Summen aus, ließ Reis vertheilen und gelobte feierlich, er wolle nie wieder die Bauern bedrücken oder ungerecht und grausam verfolgen.

Dies rettete ihn. Der Schatten des unglücklichen Sogoro ward von den Priestern beruhigt und erklärte, da des Sünders Reue aufrichtig und von Bestand war, er sei versöhnt. Und nun erlangte Masanobu, dessen Vergehen man mit vollem Grunde auf seine Geistesstörung schieben konnte, auch die Verzeihung des Schogun und lebte noch viele Jahre als ein gütiger Fürst, der seiner Unterthanen Wohl stets im Auge hatte und ihnen viel Gutes that.

1

Weltlicher Regent von Japan, ursprünglich Obergeneral und Vollstrecker der kaiserlichen Befehle; vgl. Heldensagen von Yoritomo etc. und geschichtliche Sagen S. 259 ff. Jyemitsu, Enkel des Jyeyasu, war der dritte Schogun aus der von letzterem gestifteten, bis 1868 im Besitze der Macht befindlichen Dynastie der Tokugawa.

2

Stadttheil der Hauptstadt Yedo oder Tokio, mit Park und Tempeln reich versehen, vergl. Sage von den Schlangen der Benten, S. 355.

Quelle:
Brauns, David: Japanische Märchen und Sagen. Leipzig: Verlag von Wilhelm Friedrich, 1885, S. 416-421.
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