Der Hase und der Tanuki.1

[32] Mitten zwischen hohen Bergen, aber nicht weit von einem größeren Flusse, lebte einst ein alter Bauer mit seiner Frau. Der große Wald, der rings um seine Wohnung sich weit, weit hin ausdehnte, gewährte ihm fast seinen ganzen Lebensunterhalt, denn täglich ging er dahin, um dies oder jenes zu sammeln, das nachher in seiner eigenen Wirtschaft verbraucht oder von ihm verkauft wurde. Bei seinen Wanderungen schloß er feste Freundschaft mit dem guten Hasen, mit dem er manch Stündlein verplauderte, wenn er sich am Wege niedersetzte und seine mitgenommene Mahlzeit verzehrte. Der Tanuki aber sah dies mit Neid und Mißgunst an, denn er war ein böses, zanksüchtiges Thier; er bestahl den Bauer so oft er konnte, fraß oder verdarb das Essen, das der Bauer dem Hasen geben wollte, und verübte so manchen Schabernack gegen die beiden Freunde, daß sie endlich die Geduld verloren und dem Tanuki nach dem Leben trachteten.

So legte sich denn der Bauer eines Tages in den Hinterhalt, und als der Tanuki nichts ahnend des Weges kam, da überfiel ihn der Bauer, packte ihn und band ihm alle vier Beine mit Stricken fest, so daß er sich nicht rühren noch regen konnte. Voll Freude schleppte er ihn nach Hause; jetzt war er Herr des bösen Thieres, das ihm so manchen Verdruß bereitet hatte. »Nun soll er es mit dem Tode büßen,« sagte er zu seiner Frau, »wir wollen ihn schlachten und sein fettes Fleisch kochen.« Mit diesen Worten hängte er den Tanuki mit dem Kopfe nach unten an einen Balken auf, und da kein Holz im Hause war, so ging er nochmals in den Wald, um sich die nöthige Feuerung zusammen zu holen.

Die alte Frau, welche eben dabei war, den Reis für die Woche im Mörser zu stampfen, rührte den schweren Stößel ganz gewaltig, damit sie die saure Arbeit vollendet hätte, wenn ihr[33] Mann aus dem Walde zurück käme. Während sie so emsig arbeitete und kaum aufblickte, hörte sie auf einmal ein Wimmern und Wehklagen, das der Tanuki ausstieß. Sie hielt nun inne mit der Arbeit und blickte zu demselben empor. Das eben hatte der Schalk gewünscht, und nun that er so sanft und bat die Frau so kläglich, ihn doch von den Stricken zu befreien, die ihm so weh thäten, daß sie auch ganz mitleidig gegen ihn wurde. Noch aber rührte sie sich nicht vom Flecke und behielt den Stößel in der Hand, denn sie dachte, ihr Mann würde es ihr sehr verübeln, wenn sie seinen Feind losbände. Der Tanuki aber war viel zu klug und fing mit neuen Listen und Ränken wieder an zu bitten. Die Frau möchte ihn nur losbinden, sagte er, er wollte auch ganz gewiß nicht fortlaufen und wollte ihr den Reis in kurzer Zeit fertig stampfen. »Dann kannst du dich erholen,« setzte er in gutmüthigem Tone hinzu, »denn das Reisschälen ist eine schwere Arbeit und paßt nicht für schwache Frauen.« Das leuchtete auch der Alten ein, und so band sie den Tanuki los. Die gute, alte einfältige Frau! Nun mußte sie für ihre Leichtgläubigkeit büßen. Denn kaum stand der böse Tanuki auf den Füßen, so packte er die Frau, nahm ihr die Kleider ab und warf sie unbarmherzig in den großen Reismörser. In wenig Augenblicken hatte er sie kurz und klein gestampft. Allein damit noch nicht zufrieden, stellte er einen Topf aufs Feuer und kochte dem Bauer ein Mittagsessen aus dem Fleische seiner Frau. Als er aber damit fertig war und aus der Thür hinausblickte, da sah er den Alten mit einem großen Bündel Holz herankommen. Nun zog er nicht allein die Kleider der alten, von ihm gemordeten Frau über seinen Leib, sondern nahm auch durch Zauberkünste, die er verstand, ihre Gestalt an. Geschwind setzte er dem Bauer sein Essen vor, und da derselbe sehr hungrig war, ließ er es sich gut schmecken und aß alles auf. Und wie der falsche Tanuki sah, daß nichts mehr übrig war, da lachte er hell auf, ließ die Kleider auf die Matte fallen und nahm seine eigene Gestalt wieder an. Und nun schalt er den Bauern: »Du bist ein[34] schlechter Kerl, der Thiere fängt und sie schlachten will, pfui! Jetzt hast du dich in deiner eigenen Falle gefangen, denn was du gegessen hast, das war deine Frau, und wenn du ihre Knochen haben willst, so geh nur vor das Haus und sieh unter den Fußboden, da liegen sie!« Wie er dies gesagt hatte, lief er fort und verschwand bald im Walde.

Der alte Bauer aber war starr vor Schrecken und so betrübt, daß er sich lange nicht vom Flecke rühren konnte. Dann sammelte er jedoch sorgfältig die Knochen seiner guten alten Frau, die er richtig fand, bestattete sie und schwur dem bösen Tanuki ewige Rache. Als er sein Werk vollendet, setzte er sich in sein einsames Haus und weinte bitterlich, und das war ihm auch nicht zu verdenken, denn er hatte ja seine eigene Frau ohne es zu ahnen selbst aufgegessen.

Wie er nun weinte und jammerte, da kam sein Freund, der Hase, vorbeigesprungen; der spitzte die Ohren und horchte auf das Klaggeschrei des Alten, und wie er deutlich hörte, daß dieser und kein anderer die Jammertöne ausstieß, da steckte er verwundert seinen Kopf zur Thür hinein und fragte den Bauern nach dem Grunde seiner Klagen. Unter Seufzen und bitteren Thränen erzählte dieser die ganze fürchterliche Begebenheit, und der Hase, von Mitleid und Entrüstung ganz erfüllt, tröstete seinen Freund und versprach, ihm bei seiner Rache zu helfen. »Ich will gleich damit beginnen,« sprach er, »denn der falsche Gesell muß sofort bestraft werden.« Er sah sich in der Haushaltung des Alten um, fand bald, was er brauchte, und bereitete einen Brei aus heißem Pfeffer, den er gut mischte und wohlverwahrt in die Tasche steckte. Nun nahm er noch eine Axt, empfahl sich dem Alten und ging in den Wald. Er lenkte seine Schritte zu des Tanuki Wohnung und klopfte bei ihm an. Der Tanuki, der gegen den Hasen keinen Argwohn hatte, freute sich sehr, als er in dessen Händen eine Axt sah, denn er selber besaß keine. Er dachte also, da wäre etwas zu gewinnen, und machte sich augenblicklich bereit, mit dem Hasen zu gehen. Das war nun[35] ganz nach Wunsch und Absicht des Hasen, der die diebische Art des Tanuki wohl kannte. Er stellte sich hoch erfreut darüber, daß dieser mit ihm gehen wollte, und war ausnehmend höflich und gefällig gegen ihn. Als sie miteinander durch den Wald wanderten, hieb der Hase mit der Axt viele dicke Äste ab; als er aber eine tüchtige Tracht derselben hatte, nahm er dünnere Sträucher für sich und sagte, die dicken könne er nicht fortbringen. Der gierige Tanuki war darüber sehr vergnügt und sammelte alle die dicken Zweige, die ihm der Hase auf den Rücken festbinden half. Und so trottete er schwer beladen nach Hause; der Hase lief mit seinem dünnen Bündel hinter ihm drein.

Nun konnte der Hase seinen Plan ausführen, und das that er auch, indem er heimlich das Holz auf dem Rücken des Tanuki in Brand steckte. Der Tanuki merkte nichts und fragte nur, was das Knattern bedeute, das er höre. »Das sind Steine, die von dem Berge abbröckeln und herabrollen, die rasseln so,« entgegnete der Hase, und damit gab sich der Tanuki zufrieden und merkte nicht eher, daß das Geräusch von den brennenden Zweigen auf seinem Rücken herrühre, bis ihm das Fell auf dem Rücken ganz und gar verbrannt war. Von Schmerz gepeinigt, ließ er das Bündel Holz vom Rücken fallen und klagte und stöhnte. Der Hase aber tröstete ihn und sagte, daß er ein gutes Pflaster bereit habe, das ihm Linderung verschaffen würde; so etwas habe er für den Fall der Noth immer bei sich. Damit holte er seinen Brei hervor, strich ihn auf ein großes Bambusblatt und legte es auf die Brandwunden. Da aber heulte der Tanuki vor Schmerz laut auf und sprang wie unsinnig umher; der Hase aber lachte ihn obendrein aus und lief in heller Freude zu seinem Freunde, dem alten Bauer, und erzählte ihm den Streich, den er ihrem Feinde gespielt. Der alte Mann jedoch schüttelte sorgenvoll sein Haupt und meinte, jetzt würde der böse Gesell erst recht auf Ränke sinnen; nein, das einzige Mittel, um Ruhe vor seinen Tücken zu haben, sei, daß man ihn für immer unschädlich mache. Wie sie nun zusammen auf Mittel sannen, da[36] beschlossen sie zuletzt, zwei Kähne anzufertigen; der kleinere sollte aus Holz gemacht werden, wie alle anderen Kähne, der zweite, größere aber sollte aus Thon gemacht werden. Alsogleich gingen sie ans Werk, und als beide Kähne fertig und beide mit gleicher Farbe bestrichen waren, da ging der Hase zu dem Tanuki, der noch immer krank lag, und lud ihn zu einem Fischzuge ein. Der Tanuki war freilich dem Hasen noch böse wegen seines Schabernacks, aber schwach und sehr hungrig, und deshalb kam ihm die Einladung sehr gelegen. Er ging also mit dem Hasen ans Ufer des Flusses, wo beide Kähne angebunden waren und in den Wellen schaukelten. Als der Tanuki sah, daß der eine Kahn viel größer war und bedachte, wie viel mehr Fische er fangen könnte, wenn er diesen wählte, da sprang er ohne Bedenken in den großen, schöneren Kahn, während der Hase in dem kleinen, hölzernen Platz nahm. Und nun ruderten beide flott aufs Wasser hinaus; doch kaum waren sie weit genug vom Ufer gekommen, so versetzte der Hase mit seiner Ruderstange dem anderen Kahne einen so starken Stoß, daß derselbe sogleich zerbrach. Der Tanuki fiel ins Wasser, und als er sich durch Schwimmen retten wollte, stieß ihn der Hase so lange immer wieder unter das Wasser, bis er kein Lebenszeichen mehr von sich gab. Dann nahm er den Leichnam in seinen Kahn und ruderte ans Land. Und als er nun alles dem alten Manne verkündet und dieser gesehen hatte, daß der Tanuki todt war, da ward er seines Lebens erst wieder froh, und beide, der Alte und der Hase, waren glücklich, daß der Tod der alten Frau so bald und so vollkommen gerächt war, und lebten noch lange zusammen als gute Freunde in ihren Bergen.

1

S. Märchen: des Tanuki Scherflein, S. 26.

Quelle:
Brauns, David: Japanische Märchen und Sagen. Leipzig: Verlag von Wilhelm Friedrich, 1885, S. 32-37.
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