II. Die Wundernachtigall.

[10] Es lebte, es war ein König. Einmal lässt er eine Kirche bauen; man baute sieben Jahre, baute sie fertig und weihte sie ein. Der König ging in die Kirche, um zu beten, aber plötzlich erhob sich ein Wirbelwind, beinahe hätte er den König umgeworfen; und er sieht vor sich einen Wanderer. »Ein langes Leben wünsche ich dir, König,« sagt er zu ihm, »du[10] hast eine schöne Kirche erbaut, aber es fehlt noch etwas in ihr.« Der Wind wurde stärker und der Wanderer verschwand. Der König liess die Kirche niederreissen und eine neue bauen. Als sie fertig war, liess sie der König einweihen und dabei geschah dasselbe, was das erste Mal geschehen war. Der König liess wieder die Kirche niederreissen. »Diesmal arbeitet neun Jahre,« sagte er, »und baut mir eine solche Kirche, dass man eine ähnliche in der ganzen Welt nicht finden kann.«

Die Kirche wurde erbaut; der König ging hinein, um zu beten; es entstand ein Wind und derselbe Wanderer erschien vor ihm. »Ich wünsche dir ein langes Leben, König,« sagte er, »es ist wahr, deine Kirche hat nicht ihres Gleichen, aber leider fehlt ihr noch etwas.«

Da fasste der König den Einsiedler am Kragen und sagte zu ihm: »Nun sprich, wir wollen sehen, was meiner Kirche fehlt. Schon zum dritten Male befiehlst du, sie niederzureissen.«

»Dieser Kirche fehlt zu ihrer Pracht eine Wundernachtigall.«

Es sagte das der Einsiedler und der König kehrte ins Schloss zurück. Der König hatte drei Söhne. Die Söhne bemerkten des Vaters Trauer und fragten ihn:[11]

»Väterchen, was hast du für einen Kummer?«

»Ich denke darüber nach,« sagte er, »dass ich alt geworden bin und meiner Kirche die Wundernachtigall fehlt. Wie soll ich sie denn suchen gehen?«

»Wir werden selbst ausziehen und sie dir bringen,« sagten die Söhne. Sie machten sich alle drei fertig, bestiegen die Pferde und zogen aus. Nach einem Monate kamen sie an die Scheidestelle von drei Wegen und standen unschlüssig da.

Von ungefähr kam ein Einsiedler zu ihnen und fragt sie:

»Wohin geht euer Weg, ihr Burschen?«

»Wir suchen die wunderbare Nachtigall, aber wir wissen nicht, welchen Weg wir einschlagen sollen.«

Der Einsiedler sagt:

»Derjenige, der den breiten Weg einschlägt, wird zurückkehren; der, der den mittleren einschlägt, kann zurückkehren oder vielleicht auch nicht, aber der, der den unteren Weg einschlägt, für den giebt es keine Hoffnung auf eine Rückkehr.«

Der ältere Bruder ritt auf dem breiten Wege fort, er ritt und ritt und kam an ein Schloss.

»Wozu soll ich noch weiter reiten?« sagt[12] er bei sich. »Ich kann noch umkommen. Ich will lieber in diesem Schlosse in Dienst treten und hier wohnen.«

Der zweite Bruder ritt auf dem mittleren Wege weiter. Er ritt über einen Berg und sieht ein Schloss stehen. Er stieg vom Pferde, band es an einen Ring und ging in den königlichen Garten. Dort steht eine grüne Bank; er setzt sich darauf. Plötzlich sieht er zwischen Himmel und Erde einen schwarzen Mohren schweben; er kam zu ihm geflogen und berührte ihn mit einem Stabe: der Königssohn verwandelte sich in einen runden Stein und rollte unter die Bank.

Der jüngste Bruder bestieg sein Pferd und ritt auf dem unteren Wege weiter. Der Einsiedler erbarmte sich des Königssohnes, denn dieser ging ja seinem Untergange entgegnen und lehrte ihn, wohin er gehen solle und wie er die wunderbare Nachtigall bekommen könne. »Reite und unterwegs wirst du einen Bach sehen. Die Besitzerin der wunderbaren Nachtigall hat durch ihren Zauberspruch das Wasser des Baches verdorben und trinkt selbst nicht davon. Du trinke und sage: ›Ach, wie das süss ist, es ist das wahre Lebenswasser!‹ Geh durch den Fluss und du wirst einen Hain sehen. Die Besitzerin der wunderbaren Nachtigall[13] hat den Hain ganz verkommen lassen und er ist durch ihren Zauberspruch ganz mit Unkraut bewachsen. Pflücke davon etwas ab, rieche daran und sage: ›Ach, was für ein Duft, es sind wahre Himmelsblumen!‹ Wenn du den Hain hinter dir hast, wirst du auf der einen Seite einen Wolf angebunden sehen, auf der anderen ein Lamm. Vor dem Wolfe liegt Heu, vor dem Lamme Fleisch. Nimm du das Fleisch und lege es dem Wolfe vor und dem Lamme das Heu. Von dort reite weiter und du wirst ein grosses Thor sehen; die eine Hälfte steht offen, die andere ist geschlossen. Öffne die geschlossene Hälfte und schliesse die offene. Wenn du ins Schloss kommst, wirst du sehen, dass die Besitzerin der wunderbaren Nachtigall schläft; sie schläft sieben Tage und sieben Tage wacht sie.

Wenn du das alles vollbringst, wirst du die wunderbare Nachtigall mitbringen, wenn nicht, so wirst du nicht bis an Ort und Stelle gelangen und zurückkehren kannst du auch nicht«

Der Königssohn ritt fort und sah, wie der Einsiedler gesagt hatte, eins nach dem andern: den Bach, den Hain, den Wolf, das Lamm, das Thor und that, wie er ihn geheissen hatte. Er ging ins Schloss und sieht eine Jungfrau, schön[14] wie eine Gazelle, liegen. Die wunderbare Nachtigall, die bei ihrem Kopfkissen hing, flog aus ihrem Käfige heraus, setzte sich der Jungfrau auf die Brust und fing an auf tausendartige Weise zu singen: die Jungfrau versank in Schlummer. Der Königssohn trat näher, fing die wunderbare Nachtigall, machte auf dem Gesicht der Jungfrau ein Zeichen und machte sich auf den Rückweg.

Die Jungfrau erwacht und sieht, dass die wunderbare Nachtigall nicht da ist; sie erriet es, dass man sie geraubt hatte und fing an zu schreien:

»Thor, halte ihn!«

Das Thor sagt:

»Gott helfe ihm! Er hat ja meinen offenen Flügel geschlossen und den geschlossenen geöffnet.«

Und sie schrie: »Wolf, Lamm, haltet ihn!«

Diese sagen: »Gott helfe ihm! Er hat ja das Heu dem Lamme vorgelegt und das Fleisch dem Wolfe.«

Und sie schrie: »Hain, halte ihn!«

Dieser sagt: »Gott helfe ihm! Du hast mich ganz vernachlässigt, ich bin ganz mit Unkraut bewachsen und er hat es in Himmelsblumen verwandelt.«[15]

Und die Jungfrau schrie: »Bach, halte du ihn!«

Dieser sagt: »Warum denn? Du hast mein Wasser vergiftet und mich in eine schmutzige Pfütze verwandelt. Mag er gehen, Gott helfe ihm!«

Die Jungfrau sieht, dass alles umsonst ist. Sie nahm ein Pferd, bestieg es und jagte selbst dem Diebe nach.

Lassen wir sie einstweilen auf dem Pferde!

Der Königssohn kam zum Einsiedler, verneigte sich vor ihm und sagt: »Da hast du die wunderbare Nachtigall!« Dann fragte er nach den Brüdern. Der Einsiedler sagte ihm, dass jene noch nicht zurückgekehrt seien. Da gab der Königssohn die wunderbare Nachtigall zum Aufbewahren und ritt fort auf der breiten Strasse. Er kam in eine grosse Stadt, ging ins Gasthaus, um etwas zu essen und traf hier zufällig den ältesten Bruder. Dieser diente hier. Im Geheimen liess er ihm seine Ankunft mitteilen, nahm ihn mit sich und kehrte zum Einsiedler zurück. Den ältesten Bruder liess er auch hier und ritt aus nach dem zweiten. Er ritt auf dem mittleren Wege, kam über den Berg und sieht ein Schloss stehen, das wie Feuersglut glänzt.

Er stieg ab, band das Pferd an und ging[16] in den königlichen Garten und setzte sich auf die grüne Bank. Von der entgegengesetzten Seite kam ein schwarzer Mohr gelaufen und ruft ihm zu: »Ach du, ist denn dieser Garten herrenlos, dass du dich hier niedersetzest?«

Der Mohr ergriff einen Stab und wollte schon den Königssohn damit berühren, aber dieser war gewandter als er. Er riss dem Mohren den Stab aus den Händen und schlug ihn damit. Der Mohr verwandelte sich in einen Stein. Da sagt der Königssohn zu sich selbst: »Hier haben sie wahrscheinlich auch meinen Bruder umgebracht!« Er nahm und schlug mit dem Stabe auf die runden Steine und er sieht, alle Steine verwandeln sich in Menschen und fangen an zu laufen. Er bemerkte, dass sein Bruder nicht darunter war; da sieht er unter der Bank noch einen Stein liegen. Er schlägt mit dem Stabe darauf, der Stein verwandelt sich in einen Menschen und das war sein Bruder. Er fing auch an zu laufen. Der Königssohn rief ihm nach: »Bruder, wohin läufst du? Ich bin ja dein Bruder.« Dieser schaut sich um und sieht, es ist wahr. Und sie kamen zusammen zum Einsiedler.

Sie nehmen die wunderbare Nachtigall und ziehen zu dreien aus. Unterwegs hatten sie Durst. Da kamen sie an einen Brunnen und[17] liessen den jüngsten Bruder hinunter, um Wasser zu schöpfen. Wasser bekamen sie auch, aber den Bruder liessen sie im Brunnen und sagen zu einander: »Wenn auch er mit uns kommt, wie werden wir uns da vor dem Angesichte des Königs zeigen?« Sie nahmen die wunderbare Nachtigall und zogen fort. Sie kamen nach Hause und sagen zum Vater: »Der jüngste Bruder, der teure, ist tot und die wunderbare Nachtigall haben wir beide bekommen.« Und sie setzten sie in die Kirche, aber sie giebt keinen Laut von sich.

Unterdessen reitet die Jungfrau den Spuren der Königssöhne nach. Sie kam in ihr Reich und fragt: »Wer ist der Held, der meine wunderbare Nachtigall weggenommen hat?« Die zwei Königssöhne sagen: »Das sind wir.« – »Und was habt ihr unterwegs gesehen?« – »Wir haben nichts gesehen.« – »Da habt ihr meinen Vogel nicht genommen, ihr Diebe!« sagte sie. Sie ergriff den König und die beiden Königssöhne und warf sie in den Kerker und bemächtigte sich selbst der Stadt und sagt:

»Bevor nicht der erscheint, der die wunderbare Nachtigall gestohlen hat, lass ich euch nicht los.«

Lassen wir sie hier und gehen wir zum jüngsten Königssohne.[18]

Weiber, die Gerste mähten, zogen ihn aus dem Brunnen heraus und eine Alte nahm ihn an Kindesstatt an. Es vergingen zwei Wochen, da verbreitete sich das Gerücht, dass die, die nach der wunderbaren Nachtigall ausgezogen waren, zurückgekehrt seien und hinter ihnen her die Eigentümerin des Vogels gekommen sei.

Auch der Königssohn hörte davon und er bittet eines Tages die Alte, ihn in die Stadt zu lassen, da er die neue Kirche sehen wolle. Er ging, er kam in das Schloss und sieht, weder der Vater noch die Brüder sind da. Er fragt: »Wo sind sie?« Sie sagten ihm, dass die Eigentümerin der wunderbaren Nachtigall gekommen wäre, alle ergriffen und in den Kerker geworfen hätte. Der Königssohn ging in den Kerker und befreite den Vater und die Brüder. Da sagt die Jungfrau zu ihm: »Ich bin ja die Eigentümerin der wunderbaren Nachtigall; fürchtest du dich denn nicht vor mir?« Der Königssohn antwortete: »Und ich bin der, der die wunderbare Nachtigall weggenommen hat. Ich fürchte mich nicht vor dir.«

Da fragte sie ihn: »Und was hast du unterwegs gesehen?«

Der Königssohn erzählte ihr vom Bache, vom Haine, vom Wolfe, vom Lamme und vom Thore; alles was er gemacht und gesehen[19] hatte, »Wenn du das alles nicht glaubst,« setzte er hinzu, »da hast du ja noch ein Zeichen auf dem Gesichte, du bist meine Braut!«

»Du hast es auch verdient,« sagte die Jungfrau.

Sie bereiteten alles zur Hochzeit vor und gingen in die Kirche zur Trauung. Da löste sich der wunderbaren Nachtigall die Zunge und sie fing an auf tausendfache Weise zu singen.

Vom Himmel fielen drei Äpfel herab.

Quelle:
Chalatianz, Grikor: Märchen und Sagen. Leipzig: Verlag von Wilhelm Friedrich, 1887, S. 10-20.
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