IV. Nachapets Tochter.

[42] Es lebte einmal ein gewisser Basik Nachapet, ein reicher Mann. Er beschloss nach Jerusalem zum heiligen Grabe zu wallfahrten und mit seinem Sohne und seiner Frau machte er sich auf den Weg. Sie hatten noch eine Tochter, die war schon im Jungfernalter und unbeschreiblich schön. Sie gaben sie dem Dorfältesten, damit sie bis zu ihrer Rückkehr bei ihm wohne.[42]

Dem Dorfältesten kam der böse Gedanke ein, sich bei der Jungfrau einzuschmeicheln, aber wie sehr er auch schmeichelt, er kann ihr Herz nicht gewinnen. Endlich gelingt ihm das mit Hilfe einer alten Hexe. Da sagt die Jungfrau zum Dorfältesten: »Wenn es schon einmal so ist, so will ich dich erst im Bade waschen.« Sie wusch ihm gut den Kopf, seifte ihm die Nase, den Mund, die Augen, das ganze Gesicht ein, nahm das Waschbecken, schlug ihn damit auf den Kopf und auf den Rücken, bis sie ihn halb tot schlug. Dann lief sie fort. Der Dorfälteste kann vor Schmerz die Augen nicht öffnen und blutet; er verlor die Besinnung und fiel zu Boden. So verging einige Zeit, ehe er wieder zu sich kam. Dann stand er auf, wusch sich, kleidete sich an und denkt bei sich: »Ich habe meine Absicht nicht erreicht, im Gegenteil, sie hat mich noch vor allen im Dorfe, vor alt und jung, verunehrt. Was soll ich thun?«

Er nahm und schrieb den Eltern der Jungfrau einen Brief. »Ihr habt mir eure Tochter anvertraut und sie empfängt an einem Tage hundert Männer.« Die Eltern erhielten diesen Brief und vergassen alles andere. Sie machten sich auf und kehrten zurück. Es blieben ihnen noch zwei Tagereisen bis zum Dorfe und der[43] Vater befiehlt dem Sohne voraus zu reiten und die Tochter umzubringen.

Der Bruder kam zur Schwester und sagt: »Der Vater und die Mutter kommen, gehen wir ihnen entgegen!« Sie setzten sich zusammen auf ein Pferd und ritten fort. Unterwegs stiegen sie auf dem Gipfel eines hohen Berges vom Pferde. Die Schwester war auf dem Pferde eingeschlafen und schläft weiter. Der Bruder kann die Hand nicht erheben um sie umzubringen und liess sie dort sitzen. Er zog der Schwester das Hemd aus, setzte sich aufs Pferd und ritt davon. Unterwegs schoss er einen Vogel, tauchte ihr Hemd in das Blut und brachte es dem Vater. »Da habe ich sie umgebracht,« sagt er zum Vater, »zum Beweise habe ich das Hemd gebracht.« Die Eltern der Jungfrau kehrten nach Hause zurück. Der Dorfälteste kam und versicherte, es sei wahr, was er geschrieben. Unterdessen hatte sich die Jungfrau ausgeschlafen, sie stand auf und sieht, dass ihr. Bruder nicht da ist. Auch seine Spur ist verschwunden und ringsumher keine Menschenseele zu sehen. Nur in der Ferne war ein Wald zu sehen. Und sie ging in dieser Richtung fort, kam in den Wald, irrte lange, lange umher und verirrte sich. Sie gelangte an eine Fontäne und neben[44] dieser stand ein Ahornbaum. Und sie kletterte auf den Baum, ganz auf den Wipfel. Ob sie lange oder kurze Zeit hier war, ist nicht bekannt, sie sieht, es kommt ein Königssohn geritten, um im Walde zu jagen. Er kam näher und hielt bei der Fontäne an. Es war ein sonniger Tag und der Schatten des Ahornbaumes fiel auf das Bassin. Er sieht, jemand hat sich zwischen die Äste versteckt. »Wer ist denn dort?« fragte er: »Ein Tier, ein unreiner Geist oder einer von Adams Geschlecht? komm herunter, wenn nicht, da schiess ich dich herunter!« – »Ich bin weder ein Tier noch ein unreiner Geist, ich bin von Adams Geschlecht wie du,« antwortete ihm die Jungfrau, »warum willst du mich umbringen, ich werde von selbst hinuntersteigen; aber wisse, ich bin eine keusche Jungfrau und ganz nackt, ziehe deinen Mantel aus, lege ihn hierher und gehe etwas auf die Seite; ich werde hinuntersteigen und mich anziehen.« Die Jungfrau kroch vom Baume herunter, zog den Mantel an. Der Königssohn kam näher und sieht, dass sie wunderschön ist. Er vergisst das Essen und Trinken und weidet sich nur an ihrer Schönheit. Er nahm sie, setzte sie auf sein Ross und brachte sie in sein Schloss. Wie hätte er jetzt noch an der Jagd Gefallen[45] finden können? Ich sage, ein Jahr, zwei Jahre lebten sie zusammen. Einmal sagt der König zum Sohne: »Ziehe aus und suche dir eine Braut, wenn dir irgend eine Königstochter gefällt, freie um sie!«

Der Königssohn antwortet: »Meine erwünschte Braut ist die, die ich selbst gefunden habe.«

Die Eltern sagen:

»Aber wer weiss, wessen Geschlechtes und Stammes sie ist, du unser Geborener! Was kann das für eine sein, die du im Walde gefunden! Gott mag wissen, ob sie von Menschen oder einem Teufel geboren worden.«

»Nein,« sagt der Königssohn, »sie ist meine Braut und ich heirate sie.«

»Nun thue, wie du glaubst,« antworten die Eltern, »die Schande fällt nur auf dich!« Sie verheirateten den Sohn mit der Jungfrau. Es verging ein Jahr und Gott gab ihnen zwei Kinder. Bis dahin hatte die junge Frau mit ihrem Manne nicht ein Sterbenswörtlein gesprochen. Einmal legte die Mutter die Kinder in die Wiege und wiegt sie und singt ein Lied und weint zu gleicher Zeit. Zufällig kam der Mann und fragt: »Frau, warum weinst du, was hast du für einen Kummer?« – »Ach,« erwiderte sie, »ich schweige immer, aber ich[46] habe ja Vater und Mutter, mir ist bange nach ihnen. Mich hat ja doch kein Stein geboren, ich bin ja doch nicht auf dem Baume zur Welt gekommen. Erlaube mir, dass ich meine Eltern besuche!«

Der Königssohn liess seinen Heerführer rufen, liess Wagen anspannen und gab fünfhundert Krieger zur Begleitung.

Und zum Heerführer sagt er: »Begleite deine Herrin bis zu ihrem Elternhause und von dort kehre zurück!«

Sie machten sich auf und zogen fort. Sie fuhren den ganzen Tag, am Abende machten sie Halt am Ufer eines Baches. Sie assen das Nachtmahl und legten sich jeder an seinen Platz schlafen. Nur der Heerführer schläft nicht; er hat sich schrecklich in seine Herrin: verliebt. Er stand auf, ging zu ihr und sagt: »Gewinne mich lieb, wenn nicht, da bringe ich einen von deinen Söhnchen um!«

»Ich kann dich nicht lieben,« antwortet die Herrin, »wenn du willst, bringe meinen Sohn um!«

Sofort brachte der Heerführer ihren Sohn um.

Am Morgen machten sie sich auf und fuhren weiter. Am Abende machten sie Halt um auszuruhen. Der Heerführer ging wieder zur Herrin, aber auch diesmal konnte er ihr Herz[47] nicht gewinnen. Er brachte den zweiten Sohn um.

In der dritten Nacht ging der Heerführer wieder zur Herrin. Lange macht er ihr Vorstellungen. »Nun siehe zu,« sagt er, »ich habe deine zwei Kinder umgebracht und werde auch dich noch umbringen.«

»Nun, Gott wird dich richten,« sagte die Herrin, »warte, ich will nur zu Gott beten und mich waschen und komme zurück!«

Der Heerführer nahm einen Strick, band ihn an ihren Fuss, damit sie nicht entfliehen könne und sie ging an den Bach, streifte den Strick ab, band ihn an einen Stein und lief fort.

Unterwegs begegnete sie einem Hirten.

»Mein Hirt, mein Hirt,« sagt sie, »lass uns die Kleider wechseln!«

»Mit grossem Vergnügen,« sagte der Hirt und sie wechselten sie. Dann schnitt sie ihre Haare ab, setzte eine Filzmütze auf und ging ins Vaterhaus.

Basik, ihr Vater, sitzt am Thore und raucht die Pfeife. Sie ging, küsste ihm die Hand, verbeugte sich und blieb vor ihm stehen.

Basik wandte sich zu ihr und fragt: »Woher kommst du, Bursche in der Filzmütze?«

Sie antwortet:

»Herr, ich habe gehört, dass du viele Arbeiter[48] hast, willst du mich nicht auch dingen? Ich werde dir dienen, wie du es forderst; die Nahrung werde ich schon verdienen.«

»Nun gut, komme, du magst das Geflügel beaufsichtigen,« antwortete der Greis.

Mag sie hierbleiben und wir kehren zum Heerführer zurück.

Der Heerführer kehrt zurück und meldet dem Königssohne: »Deine Frau hat ihre zwei Kinder umgebracht und ist in der Nacht entflohen.«

Der Königssohn nahm den Heerführer und ein ausgewähltes Heer mit sich und zog aus um sie zu suchen.

So kamen sie an Basiks (seines Schwiegervaters) Dorf und stiegen in seinem Hause ab.

Sie erkundigen sich hier nach ihr, aber dieser kann nichts verstehen. Abends assen sie das Nachtmahl und der Königssohn sagt: »Nun, habt Ihr nicht hier einen Märchenerzähler? Wir würden ihn gern hören.« Es hörte das der verkleidete Hirte, die Frau des Königssohnes, die hier das Geflügel beaufsichtigte und sie bot sich an Märchen zu erzählen.

Aber Basik sagt: »Nein, wir müssten uns seiner schämen, zeigt dem Königssohne nicht diesen schmutzigen Burschen!«

Der Königssohn erfährt das und sagt:[49] »Das macht nichts, mag er kommen und erzählen!«

Der Bursche mit der Filzmütze trat ein, setzte sich nieder und sagt: »Ich will Euch ein Märchen erzählen, aber der Dorfälteste und der Heerführer müssen hier sein. Ich werde die Thür zumachen, damit niemand hinausgeht, bevor ich nicht zu Ende bin.«

Der Heerführer und der Dorfälteste kamen, setzten sich nieder und die Thür wurde zugemacht.

Sie öffnete den Mund und erzählte alles, was mit ihr vorgefallen war, wie ein Märchen.

Als sie vom Dorfältesten zu erzählen begann, sagt dieser: »Der Bauch fängt mir an weh zu thun!«

Als sie vom Heerführer zu erzählen begann, sagt dieser: »Der Bauch fängt mir an weh zu thun!«

Aber so sehr sie auch baten, man machte ihnen die Thür nicht auf, bevor die Erzählung nicht zu Ende war.

Da wandte sie sich zu den Anwesenden und sagt:

»Du bist mein Vater, dieser ist mein Bruder, dieser mein Mann, jener Satan der Dorfälteste und dieser da der Onkel des Satans, der Heerführer, und das bin ich!«[50]

Sofort hieben sie dem Heerführer den Kopf ab und dem Dorfältesten schlitzten sie den Bauch auf.

Und der Vater und der Sohn, der Mann und die Frau freuen sich mit einander.

Vom Himmel fielen drei Äpfel herab.

Quelle:
Chalatianz, Grikor: Märchen und Sagen. Leipzig: Verlag von Wilhelm Friedrich, 1887, S. 42-51.
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