VI. Die verräterische Mutter.

[63] Es lebte, es war ein Mann, der hatte eine Frau. Der Mann war Jäger. Als sein Sterbetag kam, sagte er zur Frau:

»Du siehst, dass ich sterbe. Ich weiss, dass ich einen Sohn bekommen werde (die Frau war schwanger) und er wird des Vaters Handwerk weiter führen. Aber siehe zu, dass er nicht auf den Schwarzen Berg auf die Jagd geht.«

Der Mann stirbt und die Frau gebar bald darauf einen Sohn. Er wuchs heran und wurde Jäger.

Da sagt einmal die Mutter zu ihm: »Mein[63] Kind, weisst du, was für ein Verbot dein Vater bei seinem Tode gegeben hat?« Er hat gesagt: »Wenn mein Sohn Jäger wird, soll er nicht auf den Schwarzen Berg auf die Jagd gehen.«

Aber der Sohn scherte sich nicht um das Verbot, er bestieg sein Pferd und ritt geraden Weges auf den Schwarzen Berg. Er sieht, ein Dew fliegt ihm zwischen Himmel und Erde auf einem geflügelten Pferde entgegen.

»Ei, hast du denn nicht meinen Namen gehört, was kommst du hierher auf die Jagd?« Und dreimal warf er einen Knüttel nach ihm. Der Bursche rief Gott an und durch seinen Willen verwandelte er sich in eine Fliege und setzte sich an den Bauch seines Pferdes. Von hier schoss er zwei Pfeile auf den Dewen ab und der halb tote Dew fiel zu Boden. Er bestieg nun sein Pferd und sagt: »Ich will es antreiben, vielleicht trägt es mich irgend wohin.« Das Pferd trug ihn in das Haus des Dewen. Vierzig schöne Jungfrauen kamen heraus und fragen: »Wo ist der Dew?« Der Bursche antwortet: »Wie einen Hund habe ich den Dewen erschlagen und jetzt liegt er dort am Wege. Und wie hat er denn euch hierher gebracht?«

Jene antworten: »Wir sind vierzig Schwestern;[64] der Dew hat uns hierher gebracht. Aber wie hast du ihn tot geschlagen? Wir werden alle deine Frauen sein. Gut so?«

»Gut,« antwortet der Bursche und sie gingen das Haus des Dewen besehen. Seine Schätze sind unberechenbar. Er öffnet eine Thür, da liegen lauter Edelsteine, Rubinen und Amethysten. Er öffnet eine zweite, da fliesst Gold. Er öffnet eine dritte, da fliesst Silber.

»Ei, ei, das ist prächtig!« Und der Bursche blieb hier wohnen und beschäftigte sich mit Jagd.

Wie lange er hier war, ist nicht bekannt, aber ein ganzes Jahr verbrachte er hier. Einmal kehrt er von der Jagd zurück und sitzt da und seufzt in einem fort. Die vierzig Frauen versammeln sich um ihn herum und sagen: »Was fehlt dir? Wir sind unser vierzig schöne Frauen und gehören alle dir. Gefällt dir denn das nicht?«

»Ach nein,« antwortet er, »euch alle liebe ich, aber nicht minder meine Mutter. Euch einerseits und sie andrerseits. Ich habe mich an mein Mütterchen erinnert und deshalb seufze ich.«

Da sagen sie: »Nimm und bringe ihr einen Beutel Gold, mag sie in Überfluss leben!«[65]

Der Bursche sagt: »Ich werde gehen und meine Mutter hierher bringen.«

Die Frauen sagen: »Gut, bringe sie her!«

Er ritt hin und brachte sie. Und die Mutter erfuhr alles vom Sohne, wie und was, und sie wurde die Schwiegermutter aller Frauen. Sie verstand die Wundheilkunst und als einmal ihr Sohn auf der Jagd war, ging sie zum verwundeten Dewen und fing an ihn zu kurieren. Dann ging sie zu den Schwiegertöchtern und sagt: »Ihr verdammten Weiber, ihr habt euch gefreut, dass der Dew tot ist? Nehmt einen Teppich, wir werden ihn hierherbringen.« Sie brachten ihn. Die Mutter pflegte den Dewen im Geheimen bis er ganz gesund war. Sie fängt eine Liebschaft mit ihm an, aber sie fürchtet den Sohn. Einmal sagt sie zu ihm: »Weisst du kein Mittel, meinen Sohn zu entfernen? Schicke ihn nach etwas, aber so, dass er nicht mehr zurückkehren kann.«

»Gut,« sagt der Dew und die Mutter legt unter sich ins Bett trocknes Brot und stellt sich krank. »Ach, ach, mein Sohn,« sagt sie zu ihm, »ich sehe, dass ich sterbe, meine Knochen fallen schon auseinander.« So lügt sie und das trockne Brot knackt unter ihr.

Und der Sohn fragt: »Was kann dir helfen, Mütterchen?«[66]

Die Mutter antwortet: »Ich habe gehört, dass es eine Lebensmelone giebt. Wenn du sie finden könntest, würde ich davon essen und gesund werden. Wenn du sie aber nicht findest, werde ich natürlich sterben müssen.«

Der Sohn zog aus nach der Melone, er reitet und reitet und kehrt abends bei einem alten Weibe ein. Die Alte fragt ihn: »Wohin reitest du denn, mein Sohn?« Er antwortet: »Mütterchen, ich suche die Lebensmelone.«

Die Alte sagt: »Ei, mein Sohn, dich hat, wie ich sehe, ein Weib angeführt.«

»Nein,« sagt er, »ich muss sie finden.«

Da sagt die Alte: »Wenn du sie einmal suchst, so will ich dich lehren, wie du sie bekommen kannst. Du wirst lange, lange gehen, und zuerst zu vierzig, dann zu fünfzig Dewen kommen. Das Haupt jener vierzig Dewen ist eine Frau. Sie sitzt am Ofen und bäckt Brot. Wenn du dich auf sie stürzen und ihr etwas an der Brust saugen kannst, wird sie dir keinen Schaden zufügen. Wenn nicht, so frisst sie dich auf und wenn du um eine Tagereise von ihr entfernt wärest.«

Der Bursche ritt zu den Dewen, er stürzte sich auf das Dewenweib. Sie kam bald wieder zu sich, aber er hatte schon an ihrer Brust gesogen. »Mag der den Hals brechen, der[67] dich das gelehrt hat,« sagte sie; »du hast dich gerettet, wenn nicht, so wärst du für mich ein schmackhafter Bissen zum Abendbrote gewesen.

Nun komm, ich werde dich in den Kasten verstecken, damit dich die Dewen nicht auffressen, wenn sie abends heim kommen.«

Sie steckte ihn in den Kasten.

Abends kommen die Dewen heim und sagen:

»Ach, Mütterchen, das ganze Jahr hindurch bringen wir Wölfe und anderes Getier nach Hause und essen es zusammen. Was riecht es denn heute so nach Menschenfleisch? Du hast wohl einen Menschen gegessen? Hättest du uns doch wenigstens etwas davon übrig gelassen!«

Die Mutter sagt: »Ihr schlendert ja in Bergen und Thälern herum und deswegen riechet ihr nach Menschenfleisch.«

»Nein,« sagen sie und sie sagt: »Mein Vetter ist gekommen.« Die Dewen sagen: »Mütterchen, zeige ihn uns, wir werden ihn nicht fressen. Wir wollen ihn nur sehen.«

Die Mutter zieht den Burschen aus dem Kasten und giebt ihn den Dewen und diese nehmen ihn auf die Arme und beriechen ihn wie eine Blume und geben ihn einer dem andern.[68] Und sie fragen ihre Mutter: »Mütterchen, warum ist denn dein Vetter hierher gekommen?« Sie antwortet: »Er sucht für seine Mutter die Lebensmelone. Sie ist krank. Ihr müsst gehen und diese Melone holen.«

Da sagen alle vierzig Dewen einstimmig:

»Bei Gott! wir werden sie nicht finden, nein!«

Unter ihnen war ein lahmer Dew; dieser sagt zum Burschen: »Du Vetter, nimm einen Krug mit, einen Kamm und ein Rasiermesser. Wir beiden werden zusammen die Melone holen.«

Und sie gingen zusammen. Sie kamen an den Garten, wo die Lebensmelone wuchs und machten Halt. Der lahme Dew schnitt ein Stück von der Melone ab, gab es ihm und sagt: »Vetter, geh du voraus, ich werde dich einholen.« Das gesunde Bein stellte er über den Zaun, aber als er das lahme nachzog, schlug er damit an den Zaun. Die fünfzig Dewen erwachten und jagten ihm nach. Der lahme Dew sagt: »Vetter, wirf den Krug hin!« Er warf ihn hin und alle Felder und Berge waren mit Wasser überschwemmt. Wie die Dewen durch das Wasser waten und schon ganz nahe sind, schreit der lahme Dew:[69] »Vetter, wirf den Kamm hin!« Er warf ihn hin und es entstand ein dichter Wald.

Wie sie ihn fällen und nicht mehr viel übrig geblieben ist und sie schon nahe kommen, schreit der lahme Dew: »Vetter, wirf das Rasiermesser hin!« Er warf es hin und weit umher war alles mit scharfen Glassplittern bedeckt. Während sie über die Glassplitter steigen, kommen schon von der andern Seite vierzig Dewen den ihrigen entgegen und brachten sie in Sicherheit.

Der Bursche nahm die Melone und ritt zurück. Abends kehrte er wieder bei derselben Alten ein.

Diese fragt: »Nun, hast du sie gebracht?«

»Bei Gott! ich habe sie gebracht, Mütterchen!« sagt er.

Der Bursche schlief ein und die Alte nahm die Melone und legte eine andere hin.

Am andern Morgen nahm er die Melone und brachte sie seiner Mutter.

Diese ass davon und sagt: »Ach, meine Seele hat sich beruhigt, jetzt werde ich nicht mehr sterben.«

Der Sohn geht auf die Jagd und die Mutter sagt zum Dewen: »Ersinne doch ein Mittel, meinen Sohn fortzuschaffen. Schicke[70] ihn irgend wohin, damit er nicht mehr zurückkehrt.« – »Gut,« sagte der Dew.

Der Sohn kommt von der Jagd zurück und die Mutter legt trocknes Brot unter sich ins Bett und stellt sich krank. Das trockne Brot knackt und sie stöhnt in einem fort: »Ach, mein Sohn, ich sehe, dass ich jetzt sterbe, du wirst mich bald nicht mehr sehen!«

Da fragt der Sohn: »Was willst du, Mütterchen?«

Sie antwortet: »Mein Sohn, ich habe gehört, dass, wenn du mir Löwenmilch bringst und ich sie trinke, ich wieder gesund werde.«

Der Sohn ritt nach der Löwenmilch aus, er reitet und reitet und abends kehrt er wieder bei derselben Alten ein.

Die Alte fragt ihn: »Wohin reitest du denn, mein Sohn?«

»Mütterchen, ich suche für meine Mutter Löwenmilch,« antwortete er.

»Ach, mein Sohn, dich hat, wie ich sehe, ein Weib angeführt.«

»Nein,« sagt er, »ich muss welche finden.«

Die Alte sagte: »Wenn du einmal welche suchst, so will ich dich lehren, wie du sie bekommen kannst. Wenn du von hier weiter reitest, wirst du eine alte Löwin sehen. Sie hat ein schreckliches Geschwür auf der Tatze.[71] Morgens, wenn die Sonne aufgeht, geht sie zu einem Ahornbaume, legt die kranke Tatze an den Baum und heult laut, laut. Wenn du das Geschwür mit einem Pfeile aufstechen kannst, wird sie dir nichts thun, wenn nicht, zerreisst sie dich. Aber wenn du das Geschwür triffst, zeige dich zuerst nicht; erst wenn sie sich etwas beruhigt, gehe zu ihr und was du auch bitten magst, wird sie dir gewähren.«

Der Bursche machte sich auf und reitet fort. Da sieht er, die Löwin hat die Tatze an den Ahornbaum gelegt und heult schrecklich. Er nahm den Bogen und schoss einen Pfeil gerade in das Geschwür und es platzte.

Da brüllte die Löwin: »Ach, wer war denn das? Ich soll ihn auffressen, ach, ach!« Nach einer Weile beruhigte sie sich und sagt: »Der, der das gethan, mag mich bitten, um was er will, ich gebe es ihm.«

Der Bursche ging näher und die Löwin fragt:

»Hast du mein Geschwür aufgerissen?«

»Ja,« antwortet er, »ich, dein ergebener Diener.«

Da sagte sie: »Nun bitte, was du nur wünschest, gebe ich dir.«

Der Jüngling sagt: »Mein Mütterchen ist krank und bittet um Löwenmilch.«[72]

Die Löwin sagt zu ihm: »Komm in meine Höhle, dort sind zwei junge Löwen, die nicht mir gehören. Schlachte sie, nimm ihr Blut und ziehe deiner Wege, aber so, dass ich nicht ihren Schrei höre, denn sonst komme ich und fresse dich auf.«

Der Bursche schlachtete die zwei jungen Löwen, goss ihr Blut in einen Schlauch und legte ihn auf sein Pferd. Im Geheimen nahm er auch die zwei andern jungen Löwen mit.

Er ritt fort, ob er lange ritt ist nicht bekannt, er sieht, die Löwin verfolgt ihn. Sie holte ihn ein und sagt: »Wohin hast du denn meine Kinder gejagt?« Der Bursche antwortet: »Ich werde sie ja nicht schlachten, sondern sie bei mir behalten; vielleicht kann ich sie brauchen.«

»Wenn das so ist,« sagt die Löwin, »nimm sie dir!«

Der Bursche ritt weiter und abends kehrte er bei derselben Alten ein. »Gott grüss dich!« sagt er.

»Gott helfe dir, mein Sohn! Nun, hast du die Milch bekommen?«

»Bei Gott, ich habe welche bekommen,« antwortet er.

In der Nacht legte sich der Bursche schlafen; die Alte goss die Löwenmilch in ein[73] anderes Gefäss und in den Schlauch goss sie Wasser mit Ziegenmilch. Der Bursche bemerkte es nicht. Am Morgen stand er auf, nahm die Milch, bestieg sein Pferd und ritt zur Mutter.

Die Mutter trank die Milch und sagt:

»Ach, endlich hat sich meine Seele beruhigt!«

Am andern Tage ritt der Bursche auf die Jagd und seine Mutter sagt zum Dewen: »Dew, gehe du zu Grunde! Kannst du denn kein Mittel ersinnen meinen Sohn fortzuschaffen? Schicke ihn irgend wohin, damit er nicht mehr zurückkommt! Wenn nicht, da bringt er dich selbst um.« Der Dew antwortet: »Was soll ich denn thun? Der Bursche thut mir leid. Er ist ein so wackerer Held, wohin du ihn auch schickst, er kommt doch zurück. Nun warte, diesmal schicken wir ihn nach Lebenswasser.«

Die Mutter legt trocknes Brot unter sich ins Bett und stellt sich krank. Abends kam der Sohn nach Hause und die Mutter stöhnt in einem fort: »Ach, mein Sohn, ich sehe, dass ich jetzt sterbe!« und das Brot knackt im Bette.

Da sagt der Sohn: »Mütterchen, warum sollst du denn sterben? Sage mir, was du willst und ich bringe es dir.« Die Mutter sagt:[74] »Mein Sohn, ich habe vom Lebenswasser gehört. Wenn du mir welches bringst und ich es trinke, werde ich wieder gesund werden. Wenn nicht, so giebt es kein Mittel mehr und ich muss sterben.«

Am andern Tage bestieg der Bursche sein Pferd, nahm die zwei jungen Löwen mit und reitet fort Er ritt und kehrte abends bei derselben Alten ein.

»Guten Abend,« sagt er.

»Mein Sohn, wohin führt dich Gott?«

Er antwortet: »Ich hole für die Mutter Lebenswasser, sie liegt krank darnieder.«

»Ach,« sagt sie, »dich hat ein Weib angeführt.«

Der Bursche entgegnet: »Ich muss welches holen, was da auch sein möge.« Die Alte antwortet: »Mein Sohn, die anderen Male habe ich dich gelehrt, wie es zu bekommen war und du hast es immer bekommen und bist zurückgekehrt. Aber dieses Mal wirst du gehen und nicht zurückkommen.«

»Und was giebt es dort?« fragt der Bursche.

Die Alte antwortet: »Du wirst hinkommen und den Schlauch an die Quelle setzen und sieben Tage und sieben Nächte schlafen. Es wird eine Schlange, ein Skorpion, ein Dew[75] und ein Raubtier kommen und dich auffressen. Es giebt keine Rettung.«

Der Bursche sagt: »Was da auch sein möge, mit Gottes Hilfe gehe ich.« Er nahm die jungen Löwen und ritt fort. Er ritt lange, lange und kam endlich an die Quelle mit dem Lebenswasser. Er stellte den Schlauch an die Quelle und ihn überfiel ein schwerer Schlummer und er fiel vom Pferde. Sieben Tage und sieben Nächte lag er in tiefem Schlafe. Es kroch eine Schlange heraus, ein Skorpion, dann Raubtiere und die jungen Löwen zerrissen sie. Als die sieben Tage um waren, erwachte der Bursche und sieht, die Löwlein sind ganz beblutet. Er wusch sie rein, schöpfte Lebenswasser in den Schlauch, band ihn ans Pferd und machte sich mit den Löwlein zusammen auf den Rückweg. Abends kehrte er wieder bei der Alten ein und die Alte fragt ihn: »Nun, hast du welches mitgebracht?« – »Gewiss,« antwortet der Bursche. – Die Alte sagt: »Ohne Gottes Hilfe und diese Löwlein hättest du es nicht bekommen.«

Der Bursche legte sich schlafen und die Alte goss das Lebenswasser in ein anderes Gefäss und in den Schlauch goss sie gewöhnliches Wasser.

Der Bursche bemerkte es nicht. Am andern[76] Morgen, nahm er das Wasser, bestieg sein Pferd und ritt zur Mutter.

»Nun Mütterchen,« sagt er zu ihr, »ich habe dir Lebenswasser gebracht.«

Die Mutter trank davon und sagt: »Ach, endlich ist meine Seele beruhigt. Jetzt werde ich schon ganz bestimmt genesen.«

Der Bursche ritt auf die Jagd und die Mutter sagt zum Dewen: »Gehe du zu Grunde! Ich habe dir doch gesagt ihn dorthin zu schicken, von wo er nicht zurückkehren kann. Wenn nicht, so sage ich es ihm und er wird dich tot schlagen.« – »Bei Gott, das ist ein mächtiger Bursche,« antwortet der Dew, »wo wir ihn auch hinschicken mögen, er kommt zurück. Ich weiss gar nicht mehr, wo ich ihn hinschicken soll.«

Abends kommt der Sohn von der Jagd und die Mutter sagt zu ihm: »Mein Sohn, komm, lege deinen Kopf auf meinen Schoss und schlafe ein!« Dieser schlief auch auf dem Schosse der Mutter ein. Und auf dem Kopfe hat er drei Haare mit Merkmalen. Die Mutter wickelte die Haare um die Finger und riss sie ihm aus. Der Bursche starb sofort. Da sagt die Mutter zum Dewen: »Nimm das Schwert, wir werden ihn in Stücke hauen.«

»Nein,« sagt der Dew, »gegen einen so[77] wackeren Burschen kann ich die Hand nicht erheben.«

Da nahm die Mutter selbst das Schwert und zerhieb den Sohn in kleine Stücke. Seinen kleinen Finger warf sie an die Wand und den ganzen zerhackten Körper steckte sie in einen härenen Sack und warf ihn beiseite. Die jungen Löwen erwachten, nahmen den Sack und trugen ihn zur Alten in die Hütte.

Die Alte legte einen Knochen an den andern, ein Stück ans andere, den Kopf an den Rumpf und alles war fertig, nur der kleine Finger fehlte. Die Löwlein kehrten zurück und fanden den Finger; auch er wurde an seine Stelle gesetzt. Hierauf nahm die Alte die Löwenmilch, die derselbe Bursche früher gebracht hatte, begoss den Körper damit und alles wuchs aneinander. Dann legte sie die Lebensmelone an seine Nase, er nieste und als sie ihn mit dem Lebenswasser begoss, stand der Bursche lebendig und ganz gesund da wie ein Neugeborener.

Da fragt er: »Mütterchen, was war denn mit mir?« – »Ach, mein Sohn,« antwortete sie ihm, »deine Mutter hat dich ja in Stücke zerhackt.«

»Und wie bin ich denn wieder lebendig geworden?« fragt er.[78]

»Erinnerst du dich, wie du die Löwenmilch gebracht hast? Ich habe sie ja umgetauscht und deiner Mutter hast du Ziegenmilch gebracht. Ebenso habe ich es mit der Lebensmelone und dem Lebenswasser gemacht. Deine Mutter hat dich in Stücke zerhauen und in einen Sack geworfen. Die kleinen Löwen haben den Sack hierher geschleppt und ich habe Knochen an Knochen, Stück an Stück gelegt, dich mit Lebensmilch begossen und alles ist zusammen gewachsen in einen Körper, Dann habe ich dir die Lebensmelone unter die Nase gehalten, du hast geniest und nachdem ich dich mit dem Lebenswasser begossen, bist du wieder aufgelebt und aufgestanden.«

»Ach Mütterchen,« sagt der Bursche, »du hast mir mit Gottes Hilfe Gutes gethan. Ich kann dich dafür nicht belohnen, möge dich Gott dafür belohnen!«

Er ging, brachte einen Sack mit Gold und einen zweiten mit Silber und sagt zur Alten:

»Da hast du, nähre dich davon! Bete für mich und ich kehre in meine Heimat zurück.«

Der Bursche nahm die kleinen Löwen und kehrte zur Mutter zurück. Hier schrie er auf die kleinen Löwen und diese fielen über die Mutter her. Der eine packte sie an dem[79] einen, der andere am andern Beine; sie zerrten und zerrissen sie in zwei Hälften. Die Leiche warfen sie zum Himmel empor, aber sie fiel zurück. Es blieb noch der Dew, dieser kroch auf eine Mauer und stürzte sich hinunter. Die Löwlein fielen über, ihn her, zerrissen ihn und warfen ihn zum Himmel empor; er fiel zurück und zerschlug sich in tausend Stücke. Der Bursche lebte nun mit seinen Frauen und den Löwlein zufrieden. Er hat sein Glück gefunden. Möge Gott auch uns Glück bescheren!

Quelle:
Chalatianz, Grikor: Märchen und Sagen. Leipzig: Verlag von Wilhelm Friedrich, 1887, S. 63-80.
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