I
Geschichte vom Kaufmanne, seinen drei Söhnen und drei Töchtern.

[45] Dieses Märchen gehört zu einer Gruppe, die bei allen Völkern vertreten ist. Unter den hierhergehörenden deutschen Märchen dürfte das bekannteste sein GRIMM, KHM No. 57 »Der grüne Vogel«. Auch »Das Wasser des Lebens« (No. 97) gehört zum Teil hierher. Viele Parallelen werden das. Bd. III p. 98 ff. und 176 ff. gegeben. Noch reichere Nachweise gab REINH. KÖHLER in SCHIEFNER, AwT. p. IV ff. und speciell aus den slavischen Sammlungen W. WOLLNER in LESKBR., LitVlM. p. 531 ff. Nachzutragen sind BSCHMIDT, GrM. No. 18 (vgl. auch die Noten p. 233), KRAUSS, SMSdsl. II p. 321 und PRSOC, ṬAbd. St. XXXIX und XLVI.


Es war einmal ein Kaufmann, der hatte drei Söhne und drei Töchter. Die Namen seiner Söhne waren folgende: der eine von ihnen, der älteste, hiess Mirza Behammed1, der mittlere Raschîd und der (andere) jüngste das Grindköpfchen2 Adi Bêk. Eines Tages kam zu ihm ein Unhold und warb um eine der Töchter des Kaufmannes, und dieser gab sie ihm. An einem andern Tage kam ein anderer, und er gab ihm die mittlere, und wieder[45] an einem andern Tage kam ein anderer und nahm die jüngste. Nach einigen wenigen Tagen wurde der Kaufmann krank. Die Ärzte kamen zu ihm und sagten: »Ein Heilmittel für dich ist folgendes: man muss dir Birnen, Apfel und Quitten aus dem Garten des Bulbul Hazâr3 bringen. Die Äpfel singen und die Quitten hüpfen4. Ohne diese wirst du nicht gesund.« Darauf sagte er zu seinen Söhnen: »Auf! gehet, bringet sie mir, damit ich nicht sterbe.« Seine drei Söhne machten sich auf, und ein jeder von ihnen nahm eine Satteltasche voll Lire5 und sie legten sie auf die Rücken ihrer Rosse. Alle drei sassen dann auf und machten sich zusammen auf den Weg. Sie riefen: »Yallah! vorwärts! vorwärts!« bis sie an einen Dreiweg kamen. Da ruhten sie aus und sprachen dann so zu einander. Der älteste Bruder Mirza Behammed sagte: »Meine Brüder! Nun mag ein jeder von uns einen Weg einschlagen; wir wollen aber Zeichen von uns unter diesem Steine niederlegen.« Sie legten alle drei ihre Siegel unter einem Steine nieder, der am Wege lag, und es wurde folgende Verabredung getroffen: Ein jeder, der wiederkommt und sieht, dass die Siegel6 noch an ihrem Orte vorhanden sind7, kehre um und suche uns auf. Darauf schlug Mirza Behammed den Weg ein, »der geht und [wieder]kommt«, Raschîd den Weg der Furcht und das Grindköpfchen Adi[46] Bêk den Weg, »der geht und nicht [wieder]bringt«, den Weg nach der wüsten Einöde8.

Als dieser eine Tagereise zurückgelegt hatte, erblickte er ein altes Männchen9. Er redete es an und sprach: »Sei gegrüsst, Alter! Wie kommt es, dass du hier bist?« Der alte Mann antwortete: »Edler Jüngling! Seit acht Jahren weile ich hier und widme mich dem Preise Gottes. Was veranlasste aber dich, mein Sohn, hierher zu kommen?« »Alter!« antwortete Adi Bêk, »die Sache liegt so. Mein Vater wurde krank, und ich zog aus, um ihm Apfel zu bringen, die singen, Quitten, die sprechen, und Birnen, die tanzen. Der Arzt hat nämlich so gesagt: ›In ihnen liegt die Heilung für euren Vater. Wenn er einen Apfel, eine Quitte und eine Birne isst, wird er wieder gesund.‹« Da lachte das alte Männchen und sprach: »Deine Lehrer geben dir keine [gute] Lehre, und die dich im Lesen unterrichtet haben, geben[47] dir nichts [Gutes] zu lesen10. Viele sind bereits nach jenem Orte gegangen, kamen aber nicht mehr zurück; es ist eine Mühe, mein Sohn! Aber, mein Sohn, ich will dir eine Mitteilung machen, damit du weisst, wie du zu gehen hast. Wenn du von mir weggehst, wirst du auf deinem Wege ein Schloss finden – das erste –, dort wohnt ein Unhold mit seiner Frau. Wenn du aus diesem Schlosse entkommen bist, kommt noch eins, in dem auch ein Unhold mit seiner Frau wohnt. Im ganzen wirst du drei Schlösser auf dem Wege sehen. Wenn du glücklich entkommen bist, wirst du nach der Mündung der sieben Meere11 kommen. Aus ihnen erhebt sich ein sehr hoher Fels – so hoch –, und auf ihm befindet sich ein weisser Hügel; steige hinauf bis auf dessen Spitze. Und auf der Spitze liegt ein Zaum; nimm ihn und peitsche mit ihm das Wasser des Meeres. Dieses wird sich spalten, und ein rotes Pferd wird herausspringen. Lege ihm den Zügel in das Maul und schwinge dich auf seinen Rücken. Es wird dann in die Höhe fahren, bis in die nächste Nähe der Sonne12. Dann schüttele dich auf ihm – so – und sage zu ihm: ›Mein Ross! warum ist dein Sinn so finster? ich bin ja dein Herr!‹ Darauf wird das Ross dich hinführen und nach der Küste jenes Ortes gehen. Ziehe dort weiter, und du wirst an einen Berg kommen, den Scheermesserberg. Blicke nicht vor die Füsse des Rosses; blickst du, so fällst du vom Berge herunter. Da wirst du auch ein[48] schwarzes Land erblicken, betrachte es aber nicht. Begieb dich dann auf die andere Seite, wo du den Bitterblutfluss sehen wirst. Geh hin, trink aus ihm und fürchte dich nicht. Denn fürchtest du dich, so zieht er dich hinab. Wenn du weitergehst, wirst du einem Löwen und einem Esel begegnen. Vor dem Löwen liegt Stroh und vor dem Esel Fleisch hingeworfen. Nimm das Stroh vom Löwen weg und wirf es dem Esel vor und das Fleisch wirf vor den Löwen.13 Geh dann weiter, und du wirst an ein Heerlager gelangen. Einige [von den Soldaten] halten Messer, einige Schwerter und einige Pistolen. Fürchte dich nicht vor ihnen, sondern geh mitten durch sie hindurch, sprich aber nicht einmal den Namen eines Dinges aus. Dann geh in den Garten des Schlosses des Bulbul Hazâr. Da wirst du sprechende Bäume sehen, die rufen: ›Pflücke uns! pflücke uns!‹ Fürchte dich nicht, sondern pflücke Äpfel, Quitten und Birnen. Geh dann ins Schloss zur Nachtigall, da ruht eine Frau – die Herrin der Nachtigall – am höchsten Fenster des grünen Schlosses. Begieb dich nun zu ihr hinauf, versetze ihr einen Schlag und schrei ihr ein Mal ins Gesicht, und sie wird vor dir Angst bekommen. Sag dann so zu ihr: ›Was wünschest du von mir? ich bin dein Sclave.‹ Hernach wird sie dir zulachen, worauf du dich über ihr Gesicht beugen und sie küssen musst. Dann wird auch sie dich küssen. Sie wird darauf dem Diener zurufen: ›Kaffee und Zucker und eine Nargile!‹, und das wird bald zur Stelle sein. Nach einer kleinen Weile steh auf, halte dich nicht auf, und auch sie wird sich mit dir hinabbegeben; nimm sie mit und fürchte nichts.«

Sobald er diese Mitteilung aus dem Munde des Alten vernommen hatte, küsste er ihn und reichte ihm eine Handvoll Lire. Doch der Greis sprach so: »Die Lire will ich[49] nicht, aber einen Apfel möchte ich von dir haben, mehr nicht.« Adi Bêk erhob sich dann, gürtete sich die Kleider fest und sattelte seine Stute. Er begab sich an den Stein, der sich über dem Meere erhob, bestieg ihn, nahm den Zaum und schwang ihn über das Meer, worauf ein roter Hengst hervorsprang. Er legte ihm den Zaum in das Maul, schwang sich auf dessen Rücken [und ritt auf ihm], bis dessen Rücken von der Sonne und der Tageshitze warm wurde. Da schrie Adi Bêk den roten Hengst mit den Worten an: »Blinder!14 ich bin ja dein Herr.« Darauf ging der Hengst an die andere Meeresküste und kam auch an den Scheermesserberg. Dann zog er weiter bis zum schwarzen Lande und gelangte hernach zum Blutstrom. Hier stieg er ab und trank Wasser (sic!) aus ihm. Dann zog er weiter, und da war auch der Löwe und der Esel, wie der Greis es ihm gesagt hatte. Er stieg vom Pferde, nahm das Fleisch vom Esel weg und warf es dem Löwen vor, und das Stroh warf er vor den Esel. Dann ritt er weiter, bis er zu den Truppen kam. Er sprach aber nicht mit ihnen, sondern stürzte sich in den Garten, [und er befand sich] ganz allein mitten im Park bei den Quittenbäumen. Und ein mächtiges Geschrei drang aus ihren Stämmen: »Pflücke uns! pflücke uns!« Ohne Furcht beugte er die Wipfel der Bäume und füllte seine15 Satteltasche mit Äpfeln, Quitten und Birnen. Darauf ging er entschlossen (?) ins Schloss zu der Dame und dem Bulbul Hazâr. Die Dame schlief, das Käppchen auf dem Gesicht. Da ergriff er ihre Hand, stiess sie in die Seite und schrie sie mit folgenden Worten an: »Auf! [setze dich]16 auf den Hintern! Yallah!« Darauf erwachte die Dame und begann zu weinen. Er streckte aber seine Hände nach ihrem Nacken aus, zog sie an sich und küsste sie. »Sei nicht traurig«,[50] sagte er zu ihr, »ich gehöre dir.« Darauf lachte auch sie ihn an und rief ihrem Diener zu: »Yallah! Kaffee und eine Nargile!« Die wurden schnell gebracht. Als sie mit dem Kaffee und der Nargile fertig waren, erhoben sie sich und bestiegen Pferde, beide zusammen, und sie gewann ihn sehr lieb. Sie kamen zum Greise und gaben ihm einen Apfel u.s.w. Der Alte ass und wurde ein Jüngling. Er dankte dem Herrn, seinem Gotte, und sprach so: »Mein Sohn! Christus wird dich im Paradiese bewirten.«

Er ritt dann an den Stein der Ringe und sah, dass sie alle noch da lagen. Da nahm er die Ringe seiner Brüder wie auch den seinigen und legte sie in seinen Beutel. Dann machte er Kehrt, um sie zu suchen, und kam nach einer Stadt wie Mossul. Er stieg in einem Khan ab und sagte zum Wirt: »Ein schönes Zimmer für mich und meine Frau!« Der Wirt leerte ein schönes Zimmer aus, wie Adi Bêk ihm gesagt hatte, und dieser nahm mit seiner Frau im Zimmer Wohnung.

Am folgenden Tage ging er allein aus und schweifte in der Stadt umher, bis er zu den Schmieden17 kam. Da fand er bei ihnen seinen Bruder Mirza Behammed als Ofenbläser. »Willst du mein Diener werden?« fragte er ihn. »Ich will dir täglich vier Tscherchi18 geben.« Mirza Behammed war damit einverstanden und blieb als Diener bei seinem Bruder, ohne zu wissen, dass er in Wirklichkeit dessen Bruder war.

Adi Bêk nahm dann ein Pferd für sich und verliess die Stadt, um den andern, d.h. den Raschît, in einer andern Stadt zu suchen. Ihn wiederum fand er in einer Badeanstalt[51] bei einem Badebesitzer. Wie den andern, dingte er auch diesen, der nun auch sein Diener war. Er kaufte auch für ihn ein Pferd, und sie kamen nach jener ersten Stadt zu seiner Frau, d.h. zur Dame, zurück. Sie machten sich an Arak, und die beiden Brüder des Adi Bêk tranken so lange, bis sie berauscht hinfielen. Da sprach er so zu ihnen: »Wer von euch nimmt zwanzig Lire und lässt mich mein Siegel seinem Hintern aufdrücken?«19 Beide erklärten sich zur Abmachung bereit, worauf er sich von seinem Platze erhob, seinen Siegelring ins Feuer steckte, bis er sehr heiss wurde, und ihn dann auf das Thor ihres Hinterteiles drückte. Sein Siegel, d.h. sein Emblem, haftete nun an jenem Orte. Darauf sprach er so zu ihnen: »Ich bin euer Bruder. Suchet euch aus, was ihr wollet. Welches Mädchen ihr auch wollet, ich will es euch bringen. Der Platz liegt vor euch; streifet schnell in der Stadt umher.« Er erhob sich dann von ihrer Seite und suchte herum unter den schönen Weibern, den Töchtern vornehmer Männer. Er fand für sie zwei jugendfrische Mädchen und nahm sie für sie. Dann veranstaltete er für sie ein Gastmahl und lud die vornehmen Männer der Stadt ein. Ausserdem gab er ihnen schöne und wertvolle Geschenke.

Später sagte er zu ihnen: »Ich bin euer Bruder, fürchtet euch nicht. Auf! wir wollen zu unserem Vater reisen und sehen, wie es ihm ergangen ist.« Sie brachen zusammen auf, bestiegen mit ihren Frauen die Rosse und: »Yallah! vorwärts! he! vorwärts! unser Absteigequartier ist weit.« Sie und ihre Frauen machten sich zusammen auf den Weg, und als sie eine Tagereise zurückgelegt hatten, sahen sie einen Brunnen. Sie sagten: »Steigen wir doch ab, und trinken wir ein wenig Wasser aus diesem Brunnen!« Der jüngste Bruder Adi Bêk stieg dann bis auf den Grund des Brunnens und zog ihnen Wasser herauf. Sie tranken und gaben auch[52] ihren Pferden zu trinken. Zuletzt aber schnitten sie das Seil durch und liessen ihn in den Brunnen fallen. Auch seine Frau wurde an dem Orte gelassen, wo ihr Mann war, und sie begann am Rande des Brunnens zu weinen.

Seine Brüder nahmen nun seine Apfel und den Bulbul Hazâr und begaben sich zu ihrem Vater. Und er nahm die Apfel, ass sie und genas von seiner Krankheit. Er sprach jedoch zu ihnen: »Wo ist euer jüngster Bruder?« »Wer weiss, wo das Grindköpfchen ist«, antworteten sie. »Ihr belüget mich«, sagte der greise Vater zu ihnen; »saget die Wahrheit!« »Wahrhaftig, so ist die Sache«, erwiderten sie ihrem Vater.

Doch der jüngste Bruder stieg nach einiger Zeit aus jenem Brunnen, ruhte ein wenig aus, nahm dann seine Frau und folgte seinen Brüdern. Nach einem Tage kam er ans Schloss seiner jüngsten Schwester.20 Er trat ins Schloss und erblickte seine Schwester. Sie ging ihm entgegen, und sie küsste ihn. Sie nahm ihn gut auf, aber nachher verbarg sie ihn vor dem Unholde, ihrem Manne. Als dieser nach Hause kam, sagte er: »Was für ein Geruch von einem fremden Menschen kommt von hier?21 Sage die Wahrheit, Frau! Doch, sollte es dein ältester Bruder sein, so töte ich ihn, und wenn es der mittlere ist, töte ich ihn auch; nur wenn es dein jüngster Bruder ist, spreche ich nicht [Böses?] mit ihm.« Darauf kam der junge Adi Bêk hervor und küsste ihn. »Was wünschest du? verlange es nur von mir!« sagte der Unhold. »Ich will«, erwiderte Adi Bêk, »dass du gut bist; sonst will ich nichts von dir; nur zu meiner zweiten Schwester könntest du mir den Weg weisen.« »Du hast gut gesprochen«, sagte der Unhold.[53]

Am folgenden Tage machten sie sich auf und gingen zusammen zu seiner Schwester. Auch sie verbarg ihn vor ihrem Manne – dem zweiten. Dieser zweite küsste ihn ebenso und erwies ihm Ehren und Hochachtung, und am folgenden Tage ging er zur letzten Schwester. Ihr Mann redete ebenso freundlich mit ihm, und am folgenden Tage reichte er ihm ein Blitzschwert: so oft er es aus der Scheide zöge, würde aus ihr eine Million regulärer, kriegsbereiter Truppen herauskommen. Er nahm das Schwert und ging mit seiner Frau nach dem Lande und der Stadt seines Vaters. Als er in die Nähe der Stadt gekommen war, zog er sein Schwert, und in demselben Augenblicke sprang aus demselben eine Million kriegsbereiter Truppen hervor. Die Stadt wurde beunruhigt, und einige sagten: »Was ist das doch für ein grosses Heer, und wir wissen gar nicht, was es vorhat.« Da gingen alle Vornehmen und auch der König ihm entgegen, mit ihren Ketten22 um den Hals, warfen sich vor ihm nieder, beugten vor ihm das Haupt und sprachen: »Befiehl uns, was wir dir leisten sollen.« Doch er erwiderte ihnen so: »Ich will von euch nichts ausser dem Bulbul Hazâr.« »Recht gern«, sagten sie, »aber, Herr, die Nachtigall singt nicht, sondern weint.« »Mag sein«, versetzte er, »aber das ist mein Wunsch.« Sie liefen nun hin und brachten ihm den Bulbul Hazâr. Und im Augenblicke, wo dieser ihn erblickte, schlug er an und sang. Auch die Äpfel, Quitten und Birnen begannen zu singen und zu tanzen. Er rief nun seinen Vater und sprach zu ihm: »Woher hast du diese Äpfel und diese Nachtigall, und wer hat sie dir gebracht?« »Majestät!« erwiderte jener, »meine Kinder haben sie gebracht, und einer von ihnen ist wegen dieser Äpfel zu Grunde[54] gegangen. Ich wünschte, dass ich meinen Sohn noch einmal, zum letzten Male, sähe, und dann mag ich sterben, ich mitsamt allen meinen Leuten.« Da versetzte sein Sohn: »Bring mir diejenigen, die dir die Nachtigall gebracht haben, und ich will dir deinen Sohn zeigen.« Da freute sich sein Vater über diese Worte und liess seine Kinder holen. Als sie zu ihm kamen, sagte er zu ihnen: »Erzählet doch, wie eure Hin- und Herreise, um mir das Heilmittel zu bringen, verlief.« Aber seine Söhne sprachen kein Wort. Schliesslich sagten sie aber: »Wir wollen dir die Wahrheit erzählen? es war so: Unser jüngster Bruder brachte jene Dinge, wir wissen aber nicht, wie er sie brachte.« »Und wo ist euer Bruder, der nach den Äpfeln ging?« fragte er sie weiter. »Wir wissen nicht, was aus ihm geworden ist«, antworteten sie. Da gab er seinen Soldaten den Befehl und sprach: »Packet sie alle beide!« Da wurden beide gefesselt und auf den Boden geworfen. »Nehmet ihnen die Hosengurte ab!« befahl er weiter. Als diese abgenommen waren, fasste er seinen Vater an und sprach zu ihm: »Was ist auf ihrem Hintern, Vater?« Da erblickte dieser die Stempel auf ihrem Hintern. Er las die Aufschrift, und sie lautete so: »Ich, der jüngste Bruder Adi Bêk, kaufte meine Brüder Raschîd und Mirza, den einen von den Schmieden und den anderen von den Badebesitzern. Sie wurden meine Sclaven, denn dieser Stempel ist die Urkunde meines Rechts. Ich gab ihnen auch Frauen, einem jeden, die sein Herz begehrte.« Da wurde die Freude seines Vaters gross, als er dies hörte, und er sagte zu ihm: »Mein Sohn! Mir zulieb verzeihe ihnen ihr Vergehen, und dann wird Gott dir, mein Sohn, ein langes Leben schenken.« Da sagte sein jüngster Sohn: »Ich habe ihnen bereits ihr ganzes Vergehen verziehen, lieber Vater!« Darauf kamen sie alle drei, warfen sich vor ihm auf die Erde und küssten ihm die Füsse. Dann veranstalteten sie ein drei Tage langes Fest und einen Hochzeitsschmaus für alle Verwandten und Freunde und Nachbarn[55] und die Armen und Bedürftigen. Und alle sagten: »Gepriesen sei Gott und gelobt sein Name!«

Auch uns allen gewähre Gott Glückseligkeit und Freude, wie dem Kaufmanne. Amen.23

1

Soviel wie Muhammed, vgl. ZA IX p. 234 not. 1.

2

Der Grindkopf ist eine in den orientalischen Märchen häufige Figur, vgl. PRSOC. ṬAbd II p. 379 zu 40,1 und 401 b s.v. und SOC. p. 192. Man findet ihn auch sehr häufig bei RADLOFF, Volkslitt.

3

Vgl. 1001 N. (Br. Übs.) X p. 22 und 271 Anm. 2 und ArchfLtg. III p. 146.

4

Vgl. PRSOC, ṬAbd. I p. XXI und LESKBR., LitVlM. p. 532 unt. f. In No. 114 von HAHN, GrAlbM. muss der Brautwerber lachende Äpfel und weinende Quitten bringen.

5

Das italienische lira wird im Orient in seiner ursprünglichen Bedeutung (Pfund) gebraucht. Es bezeichnet das englische pound, den Sovereign, und dann auch andere Goldmünzen, die diesem an Wert ungefähr gleichkommen, also den türkischen Gine (= guinea), den Napoleon und den russischen Imperial. Die Lire unserer Texte haben demnach einen bedeutend höheren Wert als die modernen italienischen.

6

Im Texte steht der Singular.

7

Im Texte steht der Singular.

8

Ausführliches über diese 3 Wege s. bei SCHIEFNER, AwT. p. IV ff. Dazu trage man noch nach STUMME, TunM. p. 40 (II p. 61). In den meisten Märchen steht am Trivium eine Inschrift, welche die Eigenschaften der 3 Wege angiebt.

9

Der Zug, dass der junge auf Abenteuer, besonders nach Belebungs- oder Verjüngungsmitteln, ausziehende Held einem oder einer Alten begegnet, die ihm Anfangs von seinem Vorhaben abraten, aber schliesslich Mittel und Wege angeben, wie er zu seinem Ziele gelangen kann, ist sehr häufig; vgl. PRSOC., ṬAbd. II p. 397 a, 1001 N. das. p. 28 ff., KRAUSS, SMSdsl. I p. 190, 354, Revtrad pop. II p. 348, IV p. 534, KNOWLES, FtKash. p. 400 ff., STUMME, TunM. p. 41 (II p. 62) und meine Bemerkung dazu ZDMG. XLVIII p. 668. Hierher gehört es auch, wenn in der Alexanderhomilie des JACOB VON SARÛĞ der Held auf seinem Zuge nach der Lebensquelle Greisen begegnet, die ihm gleichfalls Anfangs abraten dahin zu ziehen, aber schliesslich sagen, wie er dahin gelangen kann (ZA VI p. 366 ff). Die Ansicht MEISSNER'S (Alexander und Gilgamos p. 14), dass erst »der christliche Dichter die heidnischen (babylonischen) Fabelwesen in Greise verwandelt hat«, ist unbegründet. Wesen, halb Mensch halb Tier, kommen in den christlichen Märchen nicht minder häufig vor als in denen der Mohammedaner, obgleich diese in solchen Dingen viel rigoroser sind.

10

Ich weiss nicht, ob diese meine Auffassung des Satzes richtig ist. Er kommt im Folgenden noch zweimal vor.

11

Vgl. meine Bemerkung in ZDMG XLVIII p. 667 zu STUMME, TunM. p. 59 unt.

12

Dies ist vielleicht mit den Worten »bis vor die Sonne der Sonne« gemeint. Der Übersetzer hat übrigens »bis vor die Sonnenquelle« ('ain šems). Ich weiss zwar nicht, wie er zu dieser Übersetzung kommt, aber sie passt sehr gut in den Zusammenhang, da auch in den verwandten Märchen der Held zur Sonnen- oder Lebensquelle gelangt. Das Ross muss in die Höhe fahren, da diese sich auf einem Berge befindet, vgl. ZA VIII p. 291.

13

Vgl. PRSOC, ṬAbd. II p. 403 a. Bei HAHN, GrAlbM. I p. 259 findet der Prinz in der vierzigsten Stube ein goldenes Ross und einen goldenen Hund, vor dem Rosse liegen Knochen, vor dem Hunde Heu. Da wirft er das Heu dem Rosse und die Knochen dem Hunde vor.

14

In der Übersetzung: »Bist du blind?«

15

Im Texte: »eure«.

16

Aus der Übersetzung.

17

Im Orient haben bekanntlich die verschiedenen Metiers ihre besonderen Quartiere.

18

Der Tscherchi ist nach PRSOC, KurdS. b, p. 55 n. 2 ein Beschlik. Dieser hat, je nach der Prägung und der Gegend, einen Wert von 21/2-33/8 Piaster (vgl. HARTMANN, Arabischer Sprachführer p. 357 und SACHAU, Reise p. 468) d.h. etwa 50 Pf.

19

Vgl. auch PRSOC, ṬAbd. I pp. 22, 63, II pp. 32, 93.

20

Man beachte die Abweichung von der Voraussagung des Alten.

21

Über die Menschenfleisch schnuppernden Riesen vgl. GGA 1868 p. 112 ff. Dieser Passus ist verwandt mit den Märchen von den Tierschwägern; vgl. SCHIEFNER, AwT. p. XII ff., PRSOC, ṬAbd. I p. XX und St. XVIII und KRAUSS, SMSdsl I p. 101 ff.

22

Die Beifügung von »ihren« zu Ketten im Original führt leicht zur Annahme, dass es Schmuckketten, die Abzeichen ihrer Würde, waren; aber der Erzähler hat wohl an schwere eiserne Ketten, Zeichen der Unterwürfigkeit, gedacht.

23

»Folk-tales often make the younger or youngest son the most fortunate, – perhaps as a recompense for his position in the family, which is one of inferiority, and sometimes of poverty«, KNOWLES, FtKash. p. 208 n. 8.

Quelle:
Lidzbarski, Mark (Hg.): Geschichten und Lieder aus den neuaramäischen Handschriften. Weimar: Verlag von Emil Felber, 1896, S. 45-56.
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