III
Malla Idrîs.1

[64] Steht sehr nahe der Geschichte von Aḥmed the cobbler bei MALCOLM, Sket. II p. 212 ff., besonders 223 ff. Sie ist ferner verwandt mit den Geschichten vom Bauer Grillet (vgl. Germ. XVII p. 327 ff.), mit SCHLEICHER, LitM. p. 120 f., GRIMM, KHM. Nr. 98 (Doctor Allwissend) und den Parallelen, die das. III p. 179 gegeben werden.


Es war einmal ein Mann und eine Frau, die waren sehr arm und bedürftig. Der Mann wollte nämlich nicht arbeiten, sondern war sehr faul. Eines Tages sagte seine Frau zu ihm: »Mann! genug dieser Indolenz! Arbeite auch du, wie alle Welt, und bringe etwas nach Hause!« »Was soll ich arbeiten«, fragte ihr Mann, »ich verstehe ja kein Handwerk.« Da sagte seine Frau: »Geh, verschaffe dir ein Buch, lies darin und heule auf den Gräbern, dann werden dir die Frauen Geld geben.« Der Mann gehorchte seiner Frau, verschaffte sich ein kleines Buch und machte sich daran, in ihm zu lesen. Jeden Tag las er und heulte auf den Gräbern, und die Frauen gaben ihm ein wenig und wieder ein wenig Geld.

Eines Tages begab er sich auf den Markt, da ging gerade der König2 jener Stadt, um seinen Ring bei einem Goldschmiede[65] reparieren zu lassen. Als der Goldschmied den Ring des Königs reparierte, steckte er ihn auf die Fingerspitze (den Nagel) und hob ihn hoch. Da sprang aber der Ring weg und fiel in einen Pantoffel des Mannes mit dem Buche, ohne dass der Goldschmied oder der König wusste, wohin er gefallen war.

Der Mann lief schnell, rasch, rasch nach Hause. Aber der König hing sehr an seinem Ringe und schickte gleich nach allen Zauberern seiner Stadt, damit sie ihm mitteilen sollten, an welchen Ort der Ring geraten sei. Doch keiner von ihnen war imstande ihn herzuholen. Da sagte jemand zum Könige: »Es giebt hier einen armen Mann, der auf den Gräbern betet; lass auch ihn kommen, vielleicht schafft er ihn herbei.« Und sofort brachte man den Mann vor den König, »Wie heisst du?« fragte ihn dieser. Der Mann antwortete: »Ich werde Malla Idrîs3 genannt.« »Kannst du meinen Ring herbeischaffen?« fragte ihn der König weiter. »Jawohl, ich kann es«, erwiderte Malla Idrîs. »[Ich gewähre] dir eine Frist bis zum Abende«, sagte ihm der König. Der Malla ging weg, begab sich nach Hause, und am Abende brachte er dem Könige den Ring. Da freute sich der König sehr über dessen Anblick und Wiedererlangung und gab dem Malla ein schönes Trinkgeld. Als er dies nach Hause brachte, ward seine Frau sehr vergnügt, aber der Malla fürchtete sehr, dass der König * sich noch öfter an ihn wenden würde4[66]

Eines Tages5 brachen vierzig6 Leute in das Schloss des Königs ein und raubten seinen ganzen Schatz in einer Nacht.7 Da rief der König wieder alle Zauberer zusammen, damit sie den Schatz herbeischafften; aber keiner von ihnen vermochte es. Nun sandte er wieder nach dem Malla Idrîs und sprach zu ihm: »Ich wünsche von dir, dass du mir von heute in vierzig Tagen meinen Schatz herbeischaffst, sonst lasse ich dir den Kopf abhauen.« Da kehrte der Malla zu seiner Frau zurück und war traurig im höchsten Grade. »Was ist dir denn, Mann? Warum bist du so traurig?« fragte ihn seine Frau. Doch der Malla gab ihr keine Antwort. Und wiederum fragte sie ihn: »Warum sagst du mir nicht, was dir ist.« Da antwortete der Malla bitter: »Was soll ich erzählen. Man hat den Schatz des Königs gestohlen, und nun verlangt er von mir, dass ich ihn von heute in vierzig Tagen ans Licht bringe, sonst werde er mir den Kopf abhauen lassen.« Da ging der Malla auf den Markt und kaufte sich vierzig Nüsse. Er dachte sich nämlich folgendes:[67] »Jeden Tag werde ich eine Nuss aufknacken und sie essen, bis sie zu Ende sind: dann wird auch mein Leben zu Ende sein.«

Am ersten Tage nun sandte das Haupt der Schatzdiebe einen seiner Genossen und sprach zu ihm: »Geh, lausche an der Thür des Malla Idrîs und sieh zu, was er sagt; aber lass dich nicht von ihm sehen. Pass genau auf das auf, was er schwatzt.« Sofort ging einer von den Dieben und lauschte an der Thür des Malla Idrîs. Da hörte er, wie dieser zu seiner Frau sagte: »Gieb mir eine Nuss.« Als sie ihm eine gab, nahm er sie, knackte sie auf und sprach: »Das ist eine von den vierzig.« Da sprach der Dieb: »Bei Gott, er weiss, dass wir die Diebe sind. Als ich jetzt kam, bemerkte der Malla mein Kommen.« Er eilte nun zu seinen Gefährten und sagte: »Sobald ich kam, bemerkte er mich und sagte zu seiner Frau: Gieb mir eine Nuss, damit ich esse; und als er die Nuss aufknackte, kam er heran, erkannte mich und sagte: ›Das ist einer von den Vierzig‹. So lief ich denn weg und kam zu euch.« – Doch der Malla hatte in Bezug auf die Lebensnuss gesagt: »Das ist eine von den Vierzig«; der Dieb aber meinte, er hätte es in Bezug auf ihn gesagt. – Da schickte der Hauptmann der Diebe wieder zwei andere, indem er sprach: »Gehet, passet recht auf und gebet acht auf das, was er sagt.« Sie gingen nun in der zweiten Nacht und lauschten. Da sprach er zu seiner Frau: »Gieb mir eine Nuss.« Und als sie sie ihm gab, sagte er: »Es sind jetzt zwei von den vierzig.« Auch sie liefen weg, kamen zurück, erzählten es ihrem Hauptmann und riefen: »Er kommt, er kennt uns!« In der dritten Nacht schickte ihr Hauptmann drei, und auch ihnen erging es so. Am folgenden Tage machten sich nun alle zusammen auf, kamen ins Haus des Malla Idrîs, warfen sich ihm zu Füssen und sprachen: »Wir setzen [unsere] Hoffnung auf Gott und dich, dass du unsere Namen dem Könige der Stadt nicht entdecken wirst; wir wollen sogleich den ganzen Schatz hierher bringen, er liegt an dem und dem Orte unter einem grossen Steine.«[68] Da wurde der Malla stutzig, schüttelte [den Kopf] und sprach zu sich: »Was soll das bedeuten? Ich habe ja keine Ahnung von diesen Menschen. Was sagen sie da zu mir. Sollte ich etwa träumen? Oder nicht?« Doch stellte er sich wie einer, der in die Angelegenheit sehr gut eingeweiht wäre, und sprach zu ihnen: »Habe ich nicht etwa vom ersten Tage an gewusst, dass er von euch gestohlen war? Aber ich sagte mir: Bis sie ihn mir selbst bringen, will ich dem Könige nicht sagen und angeben: der und der hat deinen Schatz gestohlen, damit euer Vergehen nicht über meinen Hals komme. Doch nun fürchtet euch nicht! Gehet, bringet den Schatz hierher, und zwar netto, nicht weniger und nicht mehr, und dafür * will ich dem Könige nicht sagen8: Der und der hat es gethan.« Da brachen sie sofort auf und brachten den Schatz vollständig zum Malla.

Die Diebe gingen nun nach Hause. Der Malla hingegen begab sich am folgenden Tage zum Könige und sprach zu ihm: »Schicke Lasttiere und Leute, damit sie deinen Schatz holen.« Da freute sich der König gar sehr und schickte Lasttiere und Leute, und die brachten seinen Schatz; dem Malla aber gab er ein Maultier, dessen Tragsack voll Geld war, als Bachschisch für ihn. Als er nach Hause kam, sagte seine Frau zu ihm: »Sagte ich dir nicht: ›Sei nicht müssig!‹ Sieh, jetzt hat uns Gott bescheert!« »Weibchen, freue dich nicht zu sehr«, erwiderte er seiner Frau. »Ich werde noch eines Tages bei dieser Kunst um meinen Kopf kommen. * Warten wir und sehen wir zu, wie Gott die Sache wenden wird.«9

Nach diesem Ereignisse genoss der Malla grosses Ansehen beim Könige, den Beamten und bei allen Grossen der Stadt. Eines Tages nun begab sich der König in Begleitung des Malla in die Umgebung der Stadt, um da einen Spaziergang[69] zu machen. Da sagte er zum Malla: »Auf, wir wollen ins Bad gehen baden.« »Geh du!« erwiderte der Malla, »ich darf nicht in ein Bad gehen, denn mein Orden besucht kein Bad; das dürfen wir nicht. Ich will vielmehr nach Hause gehen und mich da waschen.« Während nun der König im Bade war, sagte der Malla zu seiner Frau: »Bringe Wasser, ich will mich waschen.« Sie brachte sofort Wasser, machte sich daran, es zu wärmen, und der Malta setzte sich hin, um sich zu waschen. Seine Frau that dann Seife und Wasser auf seinen Kopf. Dabei dachte sich der Malla im Herzen: »Ich werde gut thun, wenn ich mich wahnsinnig stelle, zum Könige gehe und ihn beim Barte packe, damit er von mir ablässt.« Er hörte sofort auf sich zu waschen und lief und lief mit eingeseiftem Kopfe und nackt, bis er ans Bad kam. Er trat dann ins Innere des Bades, griff dem König in den Bart und zog ihn so lange, bis er ihn aus dem Bade herauszog. Und in dem Augenblicke, als der Malla das Bad verliess, der König immer hinter ihm her, da ward das Bad baufällig, stürzte ein und fiel zusammen. Die Absicht des Malla war ja eigentlich die, sich wahnsinnig zu stellen, damit der König von ihm ablasse. Als er aber sah, dass das Bad einstürzte, änderte er sein Vorhaben und sagte zum Könige: »Als du ins [Bad] tratest, trat auch ich in mein Haus und sagte zu meiner Frau: ›Mach mir Wasser zurecht! ich will mich waschen.‹ Da machte sich meine Frau daran, Wasser zurecht zu machen, und ich begann in mein Buch zu sehen. Dann legte ich das Buch hin und begann mich zu waschen. Da sagte mir aber das Buch: ›Steh schnell auf und zögere nicht zu gehen. Das Bad droht gleich über dem Kopfe deines Herrn zusammenzustürzen.‹ In meiner Hast stand ich sehr schnell auf und nahm mir nicht die Zeit, mir den Kopf abzutrocknen, noch mir die Kleider anzuziehen, sondern ich sprang rasch, rasch auf und kam nackt her. Als ich aber zu dir kam, fand ich keinen Ort, wo ich dich anpacken könnte, damit du schnell herausgingest. So packte ich dich[70] denn beim Barte an, damit du schnell, schnell herausgingest. Und nun danke ich dem Namen meines Herrn, dass dein Leben aus dieser Gefahr gerettet wurde, und es wurde mir dadurch eine grosse Freude zu Teil. Doch über etwas anderes wurde ich mit Trauer erfüllt. Als ich mich erhob und hierher eilte, stiess mein Fuss ans Buch, dieses rollte weg, fiel in den Herd und verbrannte.« Als der König hörte, dass das Buch verbrannt sei, geriet er in grosse Trauer, liess aber infolge jener List vom Malla ab. Dieser sass nun ungestört zu Hause, nachdem er sich aus der Hand des Königs losgemacht hatte.

1

Von hier an haben die Erzählungen im Texte die Überschrift: »Eine andere Geschichte«. Doch hielt ich es für gut, in den Übersetzungen Überschriften zu geben, die einigen Bezug auf den Inhalt der einzelnen Geschichten haben.

2

Ich übersetze hâkim, eigentlich »Regent«, »Gouverneur«, mit »König«, trotzdem hier vom hâkim einer Stadt die Rede ist, weil das Wort in diesen Texten mit malka wechselt und überhaupt in Volkserzählungen für »König« gebraucht wird. Der Orientale aus dem Volke hat ja überhaupt sehr verworrene Vorstellungen von den höheren Ämtern und Würden, vgl. PRSOC. KurdS. b, p. 24 not. 2 und ṬAbd. II p. 377, Anm. zu 20, 22.

3

Malla ist soviel wie das bekanntere Molla, etwa unser »Licentiat«, »D. theol.«, oder, da im Orient die Geistlichkeit noch immer den Stand der »Wissenden«, Gelehrten repräsentiert, auch allgemein »Doctor«. Idrîs, der korânische Name für Henoch, wird als »der Vielstudierte« (von darasa), oder »Vielwissende« (ἴδρις) gedeutet, so dass auch der Held unserer Geschichte sich, wie der des GRIMM'schen Märchens, »Doctor Allwissend« nennt.

4

Die arab. Übersetzung hat: »ihm wieder das Geld wegnähme«, aber das dürfte nur geraten sein. Ich fasse lâip als Part. praes. von liple (St. ,lf) auf; über diese Bildungen vgl. ZA IX p. 233 n. 1 und p. 255 n. 5.

5

Mit »Tag« wird ein Nychthemeron gemeint.

6

Der Zahl 40 wird der Leser in dieser Sammlung noch öfters begegnen. Man findet sie überhaupt unverhältnismässig häufig in allen literarischen Erzeugnissen der Semiten, besonders in der Volksliteratur. Sie spielt bekanntlich in der Chronologie der Bibel eine grosse Rolle, und wie beliebt sie bei den Arabern ist, zeigt der Umstand, dass ein Bibliograph nicht weniger als 60 arabische Schriften nennt, die den Titel »Vierzig« haben, teils mit Rücksicht auf die Zahl der behandelten Themata (besonders Traditionen), teils auf die der Quellen. (ḤAĞI ḪALFA I p. 229 ff.). Von den Arabern aus drang die Vorliebe für sie auch zu anderen asiatischen und halbasiatischen Orientalen. So findet man sie auffallend häufig bei RADLOFF, Volkslitt. und in den »Vierzig Vesieren«, auch bei HAHN, GrAlbM. (s. Index sub »Zahlen«). Man stösst auch öfter auf sie bei der Lektüre einfacher Zeitungsnachrichten aus dem Orient. So heisst es z.B. in einem in der Vossischen Ztg. vom 6. Juni 1894 Morgenausgabe S. 3 col. 1 abgedruckten Brief aus Konstantinopel über den Aufstand der Jeziden im Sindschâr: »Einer der Hauptredelsführer, ein Notabler Namens Kotschek Bey, wurde gefangen und sollte unter Eskorte von vierzig Soldaten nach Siwas gebracht und dort interniert werden.«

7

Mit »Tag« wird ein Nychthemeron gemeint.

8

Eigentlich: soll es nicht richtig sein ..... zu sagen.

9

Ich gebe dies lediglich nach der Übersetzung.

Quelle:
Lidzbarski, Mark (Hg.): Geschichten und Lieder aus den neuaramäischen Handschriften. Weimar: Verlag von Emil Felber, 1896, S. 64-71.
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