XI
Erlebnisse eines Taugenichts.1

[210] Es war einmal ein junger Mann, der sich mit seinem Vater nicht vertrug. Er hatte ein Alter von ungefähr vierzehn Jahren2 und hatte noch niemals sein Dorf verlassen. Dieser junge Mann erzählte folgendes: Eines Tages schlug mich mein Vater. Ich wurde böse, machte mich auf den Weg und zog in die weite Welt. Noch an demselben Abend vor Sonnenuntergang kam ich an ein Dorf, und ich kannte keinen der Dorfbewohner. Infolge meiner Müdigkeit und der Hitze hatte ich mir die Hosen ausgezogen und sie mir um den Kopf gewunden. Als ich dann ins Dorf kam, legte ich mich vor einer Mauer nieder und schlief ein. Da wurde ich aber geweckt, und siehe, jemand zieht mir meine Hosen vom Kopfe herunter. Ich sprang auf und sah, dass eine Kuh an meinen Hosen zog und sie kaute. Ein Hosenbein hatte sie bereits hinuntergekaut, und eines war noch da. Nun wollte ich sie ihr aus dem Maule ziehen. Aber die Hose wurde von mir und der Kuh durchgerissen, und ich fiel in eine Grube, die sich hinter meinem Rücken befand. Es war eine tiefe Grube, und was ich auch anstellen mochte, um herauszukommen, ich konnte es nicht. Ich blieb nun da, bis die Schlafenszeit kam, und da hörte ich einen Laut, als wenn man Wasser lassen würde. Ich rief: »Wer ist da?« Da sagte eine Sie: »Ich bin es«, und siehe da, ein Bräutchen war es, das erst vor einigen Tagen geheiratet hatte und in einer privaten Angelegenheit[211] ausgetreten war. »Um Gottes willen, ziehe mich aus dieser Grube heraus«, rief ich. »Ich kann dich nicht herausziehen«, antwortete sie. »Ich fürchte, dass ich auch noch auf dich herabfalle.« »Dann lass deinen Ueberwurf zu mir herab«, sagte ich; »ich will ihn anfassen, und du stemme dich nur ein wenig gegen mich, und so werde ich herauskommen.« Sie fühlte Mitleid mit mir und liess ihren Überwurf zu mir herab. Da fasste ich das eine Ende desselben an und stemmte meine Füsse gegen die Wand, um herauszusteigen; aber in diesem Augenblicke sah ich auch sie mir auf den Kopf herabfallen. Sie breitete dann ihren Überwurf unter mir und ihr aus, und wir legten uns hin und blieben die ganze Nacht da.

Inzwischen machten sich die Angehörigen ihres Schwiegervaters auf die Suche nach ihr, und auch die Angehörigen ihres Vaters machten sich auf die Suche nach ihr [und suchten sie] die ganze Nacht hindurch bis Tagesanbruch. Als es Tag war, kamen sie und sahen uns, mich und sie, in der Grube. Sie zogen uns nun aus der Grube heraus und gingen auf das Gericht, um mich zu verklagen. Nämlich: »dieser junge Mann – unsere Braut trat am Abend aus – da kam er und jagte sie vor sich her, bis beide in eine Grube fielen, und er schlief diese Nacht bei ihr bis Tagesanbruch.« Sie reden mich darauf auf Arabisch an – ich verstehe nichts, sie reden mich auf Kurdisch an – ich verstehe nichts, sie reden mich auf Türkisch an – ich verstehe nichts, nun brachten sie einen Mann, der Syrisch sprechen konnte, und der begann mich auszufragen: »Was thatest du in der Grube an der Seite der Frau?« Ich sagte: »Meine Lage und meine Geschichte ist die: Ich kam abgemattet in dieses Dorf und kannte keinen Menschen. Infolge der Hitze hatte ich meine Hosen ausgezogen und sie mir um den Kopf gewickelt. Da wurde ich geweckt – eine Kuh war dahin gekommen, und die zog mir die Hosen vom Kopfe herab und kaute sie hinunter. Nun sprang ich auf, um sie ihr aus dem Maule zu ziehen, da rissen aber meine Hosen, und[212] ich fiel in eine tiefe Grube und konnte nicht herauskommen. Als die Schlafenszeit kam, erblickte ich ein Frauchen am Rande der Grube, und die bat ich flehentlich, mich herauszuziehen.« Ich sagte: »Lass mir deinen Ueberwurf herab, damit ich ihn erfasse, stemme du dich dann ein wenig [gegen den Boden], und so werde ich herauskommen. Als sie darauf ihren Ueberwurf herabgelassen und ich ihn angefasst hatte – in demselben Augenblicke sah ich sie mir auf den Kopf herabfallen.« Da sagte der Gerichtshof: »Wenn dem so ist, trifft den jungen Mann nichts.« Dann fragten sie mich: »Würdest du jetzt die Kuh erkennen, wenn du sie sähest?« »Gewiss«, sagte ich. »Dann sperret ihn ein«, sagten sie, »bis die Herde heimkommt, dann wollen wir sehen.«

Nun wurde ich bis Sonnenuntergang in Gewahrsam gehalten, ohne etwas zu essen, und auch am Tage vorher hatte ich nichts gegessen. Als der Sonnenuntergang herannahte, kam die Herde heim. Man brachte mich vor sie, aber die ganze Herde zog vorüber, und ich sah die Kuh nicht. »Also lügst du!« sagten sie zu mir und wollten mich noch einmal festnehmen. Da bat ich sie, mich an den Ort zu führen, an dem ich mich hingelegt hatte, und als ich da hinkam, sah ich dort die Kuh, die hingekommen war, um Mull zu fressen – sie war nämlich an den Ort gewöhnt. »Das ist die Kuh, die meine Hosen gefressen hat«, rief ich. Nun wurde die Kuh vor den Gerichtshof getrieben, und dieser fragte mich: »Du! ist das die Kuh, die deine Hosen gefressen hat?« – »Jawohl, das ist sie«, erwiderte ich. – »Du, wir werden die Kuh schlachten, wenn deine Hose sich in ihrem Bauche zeigt, wollen wir dich freilassen, wenn sich aber deine Hose nicht in ihrem Bauche zeigt, werden wir dich töten.« – »Schön«, sagte ich. Sie schlachteten nun die Kuh, und als sie ihren Bauch aufgeschnitten hatten, steckte ich als Erster unter ihnen allen meine Hand in ihren Bauch, und da kamen auch die Hosen in meine Hand, und ich zog sie vor aller Augen heraus. »Seht«, rief ich, »da sind meine Hosen.«[213] Als sie meine Hosen sahen, liessen sie mich los, und ich blieb auch diese Nacht im Dorfe, ohne etwas zu essen.

Am folgenden Tage erhob ich mich aus Furcht frühzeitig, verliess das Dorf und eilte weg; ich wusste aber nicht, wohin ich gehen sollte, und kannte den Weg nicht. Als ich aber auf der Strasse dahinging, sah ich einen Reiter herankommen, der einen Pelz und einen Ueberwurf trug. Er ritt an mich heran und rief mir zu: »Heda! Junge! was suchst du?« Ich sagte: »Wahrhaftig, ich suche eine Stellung bei einem Schafhirten als Knecht zum Bedienen.« »Dann geh [zu mir] nach Haus«, antwortete er, »[und bleibe da,] bis ich komme.« »Ich kenne deine Wohnung nicht«, sagte ich. »Dann nimm meinen Pelz und meinen Überwurf als Zeichen und auch diesen Jagdhund mit dir und geh nach Haus. Wo der Hund einkehrt, da tritt auch du ein und warte, bis ich komme.« Ich nahm darauf den Pelz, den Überwurf und den Hund und zog ab. Als ich in die Nähe des Dorfes kam, versammelten sich um mich alle Hunde des Dorfes. Da band ich den Pelz um den Rücken des Jagdhundes. Die Hunde sammelten sich aber noch immer um mich. Aus Furcht liess ich den Jagdhund los, die Hunde stürzten sich dann von hinten auf ihn, und der Pelz wurde zugerichtet: jeder Fetzen von ihm war so gross wie ein Ohr. Nun kam der Hund keuchend an das Dorf, trat ein und ich ihm nach. Dann trat er in ein Haus, und ich hinter ihm her. Da sah ich eine Frau dasitzen, und zu der sagte ich: »Dein Mann hat mich hergeschickt, damit ich bei euch als Diener bleibe.« Die Frau stand dann auf, setzte mir ein Mittagsmahl vor, und ich ass. Dann sagte sie zu mir: »Gieb acht auf das Haus, bis ich Wasser holen gehe und zurückkomme.« Sie nahm dann ihren Krug und ging nach Wasser.

Sie hatte da einen Schlauch Milch liegen. Da öffnete ich den Milchschlauch und trank. Hernach wollte ich die Öffnung wieder zubinden, konnte es aber nicht. So liess ich denn die Öffnung des Schlauches los, ging heraus und verbarg[214] mich bis zum späten Nachmittag. Da bekam ich aber Hunger, und ich trat in ein Haus. Siehe da, hier sitzt eine Frau, hält ihre Pfeife mit einem Mundstück von Bernstein im Munde und trägt einen grossen Turban auf dem Kopfe; so sass sie auf der Erde. Ich sagte zu ihr: »Um Gottes willen, ich bin hungrig, gieb mir etwas zu essen.« »Schere dich fort«, rief sie mir zu. Ich ging auch heraus, dachte mir aber: »Auf den Bauch sollst du mir treten, wenn ich dies in deiner Tasche lasse.« Als sie dann mit dem Rauchen ihrer Pfeife fertig war und sie in den Ständer gesteckt hatte – ich spähte hinter der Mauer –, nahm sie ihren Krug und ging nach Wasser. Ich trat ins Haus und nun such' hie und da nach etwas Essen! Ich hob den Korb in die Höhe, siehe da, unter ihm steht eine Schüssel Reis und darüber ein Rebhuhn. Davon ass ich, bis ich satt war.

Dort stand ein leerer Trog. In diesen trat ich ein. Nach einer Weile kam aber ein Riesenkerl herein, setzte sich nieder, holte eine Flasche Arak heraus, und er und die Frau setzten sich hin, um zu zechen. Sie waren mit dem Trinken noch nicht fertig, als ihr Mann – er war nach der Mühle gegangen – kam. Der Kerl fragte dann die Frau: »Was soll ich nun anfangen?« »Steh auf!« sagte sie zu ihm, »ich will dich unter dem Korbe verstecken, bis mein Mann eingetreten ist, Abendbrod gegessen und sich schlafen gelegt hat; nachher werde ich dir die Thür öffnen, geh dann hinaus und mache dich davon.« Die Frau ging dann heraus, lud die Säcke ihres Mannes ab, dann traten sie ein, öffneten ihre Mehlsäcke und leerten eine halbe Ladung Mehl über mich aus. Dann brachten sie noch eine, und auch diese wurde über meinen Kopf ausgeschüttet. Dann war der Trog voll. »Warum hast du den Trog nicht ausgeräumt?« fragte der Mann die Frau. »Ich habe ihn gut ausgeräumt und gereinigt«, antwortete sie, »und habe nichts darin gelassen.« »Wie geht denn das zu?« fragte er. »In diesen Trog schütten wir schon lange Mehl, und[215] er fasste immer einen Tghâr,3 warum ist er jetzt schon voll? Bringe den Ochsenstachel, da werde ich es dir sagen.« Sie brachte den Ochsenstachel, der eine scharfe Spitze hatte. Der Mann steckte ihn in den Trog, aber die Spitze ging hinter meinem Nacken vorbei. Dann steckte er ihn an einer andern Stelle hinein, und da traf er meine Schulter. Ich sah, dass er mich noch töten würde, so sprang ich denn auf und stieg aus dem Behälter – weiss wie Schnee. »Ein Teufel ist herausgekommen«, rief er seiner Frau zu. Ich hob dann den Korb in die Höhe, und da kam hinter ihm ein säulenlanger (?) Riese hervor, und er und der Mann der Frau gerieten an einander. Ich wollte auf den Hof gehen, aber das Thor war verschlossen. Dann stieg ich auf das Dach, da kamen aber auch sie auf den Hof, noch immer handgemein mit einander. Ich sah mich um nach dieser Seite und nach jener Seite und sah dort einen Sattel liegen. Ich nahm ihn und schlug auf sie los, da geriet aber der Schwanzriemen um meinen Hals, und ich fiel mitten auf den Hof. Da liefen Leute zusammen, es entstand eine Rauferei, da schlüpfte ich durch die Leute hindurch und entwischte. Ich legte mich dann vor einer Mauer hin und [lag da], bis es Tag wurde, und kaum war es ordentlich Tag, da stand ich schon auf und machte mich auf die Beine, juchhe! Ich kam in ein Dorf, schlenderte da herum und fand einen Mann, der mich für Geld nach Alqôsch zu meinem Vater bringen wollte. Als ich am Hause meines Vaters ankam, gingen Vater und Mutter mir entgegen und begannen mich zu küssen. »Schnell, setzet mir Mittag vor«, rief ich, »ich bin schon tot vor Hunger.« Sie brachten Speisen, und ich und der Mann assen. »Gieb dem Manne drei Krân4 und lass ihn gehen«, sagte ich zu meinem Vater.[216] »Ich aber will bis an mein Lebensende nie mehr grollen, auch wenn du mich totschlägst, wegen dieser Leiden, die ich diesmal durchgemacht habe.«

1

Im Texte: »Geschichte eines Sohnes«.

2

Des vierzehnten Jahres, als der Grenze des Knabenalters, wird in orientalischen Büchern, oder solchen über den Orient, ziemlich häufig gedacht; vgl. 1001 N. I p. 158 l. 10 v.u., p. 223 l. 5 v.u. und II p. 234 l. 20, RADLOFF, Volkslitt. IV p. 110 oben, PRSOC, KurdS. St. XI Ende und LAYZENK. NinBab. p. 223 l. 3 v.u.

3

Nach SACHAU, Reise p. 468 ist 1 Ṭghâr = 20 (Wizne) × 10 (Okka) × 400 (Dirhem) × 3,2 Gramm, also = 256 kg.

4

Der persische Krân gilt nach SACHAU, Reise p. 367 in Mossul 4 Piaster. Vgl. auch die SOC p. 186 n. 70 citierten Stellen.

Quelle:
Lidzbarski, Mark (Hg.): Geschichten und Lieder aus den neuaramäischen Handschriften. Weimar: Verlag von Emil Felber, 1896, S. 210-217.
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