XIII
Der Prinz und die Frau des Juden Illik.1

[228] Zum Anfange dieser Geschichte vgl. ArchfslavPh. I p. 270 f. und die Nachweise KÖHLER'S p. 272. Im Hauptteile ist ein sehr verbreiteter und besonders durch PLATEN'S Lustspiel »Der Turm mit sieben Pforten« bekannt gewordener Schwank hübsch und ausführlich dargestellt. Vgl. über ihn KELLER, Sept Sages p. CCXXIX ff., LIEBRECHT in GGA 1872 p. 1511, BACHER in ZDMG. XXX p. 141 ff., PRSOC, ṬAbd. I p. XIX und KÖHLER in ArchfLitg. XII p. 136 f.


Es war einmal ein Sultan, der hatte einen Minister. Da sagte der Sultan zum Minister: »Auf! wir wollen verkleidet im Lande herumreisen.« Sie wechselten ihre Gewänder und zogen aus, um umherzustreifen. Sie zogen von Stadt zu Stadt, von Dorf zu Dorf, und kamen nach einem Dorf mit Namen Chiršane. Hier kehrten sie bei zwei Brüdern ein, Namens Sôdo und Kišto. Die Brüder sahen, dass die Allüren der Männer wie von grossen, vornehmen Leuten waren, und da sie eine Schwester hatten, gaben sie sie ihnen zum Geschenk. Die Männer nahmen sie von ihnen an, und sie wurde die Frau des Sultans, der dann einen Monat bei ihr schlief. Hernach, als sie aufbrechen wollten, nahm er ein goldenes Armband heraus, gab es der Frau und sagte zu ihr: »Nimm dieses Armband, wenn du einen Sohn gebierst, binde es ihm um den Arm, und wo ich sein werde, da wird er mich sehen. Wenn du aber eine Tochter gebierst, [verkauf es] und verwende den Betrag für dich und sie; das wird für euch reichen, bis ihr sterbet.« Darauf brachen sie auf und gingen fort.

Als die Frau die neun Monate hinter sich hatte, gebar sie einen Sohn. Er wuchs auf und begann mit den kleinen Kindern Knöchel zu spielen. Und sobald er sich mit den[229] kleinen Kindern zankte, sagten die Leute: »Das ist der Sohn eines Pilgers. Gott weiss, wo er herkommt, und wo er hingehört. Tagtäglich zankt er sich mit unseren Kindern!« Er wurde gross und sehr klug, und er hörte (sah) immer, dass man ihn Sohn des Pilgers nannte, während er dachte, dass er der Sohn von Sôdo und Kišto wäre.2 Eines Tages kam er weinend zur Mutter und sprach: »Jetzt musst du mir sagen, wer mein Vater ist.« Sie sagte zu ihm: »Liebes Kind! dein Vater ist Sôdo und Kišto.« »Keineswegs«, sagte er, »das sind meine Oheime, während mein Vater ein Pilger ist.« Sie gab sich Mühe, ihn von seiner Meinung abzubringen, er liess es aber nicht. Da sagte seine Mutter: »Liebes Kind! Ein Pilger kam hierher, und deine Oheime gaben mich ihm. Er blieb hier einige Tage, dann ging er weg, und wir wissen nicht, wohin er gegangen ist.« »Dann gehe ich jetzt meinen Vater suchen«, sagte er. Auch seine Oheime sagten zu ihm: »Liebes Kind! du bist ja unser Sohn, bleib hier, iss und trink. Wohin willst du deinen Vater suchen gehen? Gott weiss, wer dein Vater ist. Ist er tot, lebt er noch, wer weiss es!« »Ich gehe doch meinen Vater suchen«, erwiderte er, »ich bleibe nicht hier.« Als die Mutter sah, dass er dennoch gehen wollte, band sie das Armband um seinen Arm, und seine Oheime gaben ihm ein Pferd, buken ihm Brod, gaben ihm Reisegeld, und dann machte er sich auf den Weg.

Er reiste, bis er nach Stambul kam. Er ging durch das Stadtthor und stellte sich vor den Laden eines Juden hin, da er keinen Menschen kannte. Er war ein schöner Jüngling ohne Gleichen. Er blieb vor dem Laden stehen, bis die Sonne unterging, dann schloss der Jude – es war, ein Konditor – seinen Laden. »Warum stehst du hier vom frühen Morgen bis jetzt?« fragte er ihn. »Wahrhaftig, ich kenne hier keinen Menschen«, antwortete der junge Mann.[230] Da nahm ihn der Jude zu sich nach Hause, und er blieb im Hause des Juden. Jeden Tag ging er nun auf den Markt nach dem Laden des Juden, und Gott gab dem Jüngling Glück: wenn der Jude [früher] für zwanzig Piaster verkauft hatte – jetzt verkaufte er täglich für hundert Piaster. Viele Leute, die sonst keine Süssigkeiten kauften, kamen hin, nur um den Jungen zu sehen, und kauften, nur damit sie ihn sähen; denn er war ein schöner Jüngling. Als der Jude dies sah, gewann er ihn sehr lieb und kümmerte sich um ihn, wie um seinen eigenen Sohn und noch mehr.

Er blieb bei dem Juden, und das Gerücht von ihm drang auch zu Ohren seiner Schwester, der Tochter des Sultans. Sie schickte ihre Dienerin zu ihm, und diese sprach zu ihm: »Nachmittags brich schnell auf, wiege ein Pfund Confect ab und bringe es meiner Herrin hin.« Als der späte Nachmittag kam, wog er ein Pfund Confect ab und brachte es der Tochter des Sultans, die ihn auch sehen wollte. Als er sich zur Tochter des Sultans hineinbegab, sah sie, dass er ein Jüngling ohne Gleichen war, und sie sprach zu ihren Gespielinnen: »Es giebt keine Frau, die eher für ihn passte als die Frau des Juden Illik, des Goldschmiedes, in Baghdad, welche hinter vierzig Thüren gehalten wird.« Sie fragten ihn nun: »Möchtest du nach Baghdad gehen und dir jene Frau holen?« »Ich möchte schon«, antwortete er, »aber ich habe kein Zehrgeld.« Da sagte seine Schwester: »Wenn du hingehen willst, gebe ich dir Zehrgeld, so viel du nur willst.« Und obgleich sie nicht wusste, dass es ihr Brude war, stand sie auf, gab ihm eine Satteltasche voll Lire, worauf er sein Pferd nahm und gen Baghdad zog. Ein Tag um den andern [verging, und] er kam nach Baghdad und stieg in einem Gasthofe ab.

Am folgenden Tage ging er nach dem Markte und erkundigte sich nach Illik's Laden. »Welcher ist der Laden des Illik?« fragte er. »Dies ist er«, antwortete man ihm. Er ging zu Illik, begrüsste ihn und setzte sich hin. Dann[231] sagte er zu Illik: »Ich will, dass du mir ein gutes Schwert machst, das mir ansteht. Sieh mich an und mache ein Schwert, das so schön ist wie ich. Bestimme, wie viel es kosten soll, und ich will es dir geben.« »Ein Schwert, wie du es wünschest, dürfte auf zweihundert Goldstücke kommen«, sagte Illik. – »Dann verfertige das Schwert, das ich haben will, und du sollst die zweihundert Goldstücke bekommen.«

Illik machte ein Schwert, wie es kein zweites giebt. Jener kam, nahm es, sah es sich an und sagte: »Es ist ein schönes Schwert.« Dann gab er ihm den Preis dafür, nahm das Schwert und sagte zu Illik: »Nimm dir auch das Schwert als Geschenk.« Illik sträubte sich: »Nur dir steht es zu.« Aber der junge Mann sagte: »Es ist mein, ich schenke es jedoch dir.« Nun nahm Illik das Schwert und ging nach Hause zu seiner Frau. »Woher hast du dieses Schwert?« fragte ihn diese. Er antwortete: »Es kam zu mir ein Mann j und sagte zu mir: ›Mache mir ein feines Schwert.‹ Ich machte ihm ein Schwert, er kam, sah es sich an, zahlte seinen Preis und gab mir dann auch das Schwert.« Die Frau ahnte etwas und sagte zu ihrem Gatten: »Wenn er dir ein solches Geschenk verehrte, konntest du ihm nicht sagen: ›Du bist bei mir eingeladen!‹ Aber dein Name ist ja Jude, was wird man von dir annehmen!« »Ich wusste es nicht, Frau«, sagte er.

Auch am folgenden Tage stand der junge Mann früh auf, ging zu Illik und sagte: »Guten Morgen, Illik.« Dann setzte er sich hin und sagte zu Illik: »Ich wünsche, dass du mir einen Dolch machst, fein und süss wie ich.« »Recht gern«, sagte Illik. Dann machte er einen Dolch, wie es keinen zweiten giebt: alle Künste der Welt verwandte er auf diesen Dolch. Am späten Nachmittag kam der junge Mann und fragte: »Hast du den Dolch gemacht?« »Ich habe dir einen Dolch gemacht«, antwortete Illik, »der nicht seinesgleichen hat.« Er nahm den Dolch, sah ihn sich an und sagte: »Es ist ein schöner Dolch; was soll er kosten?«[232] »Zweihundert Goldstücke«, erwiderte Illik. Da gab er ihm die zweihundert Goldstücke und auch den Dolch. »Nimm ihn als Geschenk für dich«, sagte er. Illik wehrte sich aus Leibeskräften dagegen: »Er kommt nur dir zu!« »Er gehört mir«, antwortete der junge Mann, »aber ich habe ihn dir geschenkt.« Illik schloss dann den Laden und ging nach Hause, und wiederum sagte er nicht zu dem jungen Manne: »Komm mit nach Hause.« Als er zu Hause ankam, fragte ihn seine Frau: »Was hast du da für einen Dolch?« »Heute«, sagte er, »kam der Mensch wieder und sagte zu mir: ›Mache mir einen guten Dolch.‹ Ich machte den Dolch, dann kam er, sah sich ihn an, bezahlte für ihn und gab mir dann auch den Dolch.« – »Und auch heute sagtest du nicht zu ihm: ›Komm, du bist zu mir eingeladen!‹ Aber dein Name ist ja Jude, und du bist ein Lump. Wenn du nicht ein Lump wärest – die vierhundert Goldstücke schenkte er dir, und du konntest ihn nicht für eine Nacht einladen und ihn zu Abend bewirten!« Und die Frau versetzte ihm eins, wie man es einem Hunde nicht giebt.

Am folgenden Tage begab sich Illik nach dem Laden, und auch der junge Mann stand früh auf, begab sich zu ihm und begrüsste ihn: »Mache mir ein Paar Armbänder für meine Braut«, sagte er zu ihm, »die sehr gut und schön sind. Sie ist auch so schön wie ich, und sogar noch schöner als ich.« Illik verwandte all seinen Eifer und Verstand und seine ganze Kunst auf die Armbänder und verfertigte ein Paar Armbänder, derengleichen es in der ganzen Welt nicht giebt. Nachmittags kam der junge Mann zu Illik und fragte ihn: »Hast du die Armbänder gemacht?« »Jawohl«, antwortete er. Dann nahm er die Armbänder, sah sie sich an und sagte: »Es sind schöne Armbänder, wie viel sollen sie kosten?« »Zweihundert Goldstücke«, sagte Illik. Er gab ihm die Zweihundert und auch die Armbänder. »Behalte sie als Geschenk«, sagte er und erhob sich, um wegzugehen. Da sagte aber Illik: »Bleib sitzen, gehe nicht weg. Für[233] diese Nacht bist du bei mir eingeladen.« »Das nehme ich von dir nicht an«, erwiderte der junge Mann. »Das geht nicht«, sagte Illik und hielt ihn fest. Da blieb er dort sitzen, bis Illik seinen Laden schloss, dann gingen sie beide nach Hause. Nun öffne eine Thür nach der andern bis zu vierzig Thüren! Da sass die Frau hinter den vierzig Thüren. Als sie den jungen Mann sah, dachte sie sich im Herzen: »Komm her, so einen wie du suchte ich schon immer.« Sie traten ein und setzten sich hin. Illik holte eine Flasche Arak und eine Flasche Wein heraus, darauf begann die Frau die Mischung zu bereiten, und sie begannen zu trinken. Der junge Mann goss aber alles hinter den Hemdenkragen, während Illik trank, bis er auf den Mund fiel. Dann zogen sie ihn an den Füssen und warfen ihn weit weg, worauf die Frau und der junge Mann sich bis Mitternacht der Wonne í hingaben. Dann berieten sie sich, wie sie es weiter machen sollten, und da sagte die Frau zu ihm: »Wir haben hinter unserer Mauer ein eingefallenes Haus stehen. Morgen geh zu ihm in den Laden und verlange es von ihm. Er wird es dir geben, dann lass es wieder aufbauen und einen unterirdischen Gang zwischen uns und dir graben. So oft er in den Laden geht, komme du hierher.« Dann amüsierten sie sich weiter, bis der Tag anbrach. Als es Tag war, frühstückten sie und begaben sich auf den Markt. Der junge Mann sagte dann zu Illik: »Wir haben da bei euch (einen Ort) ein eingefallenes Haus gesehen. Ich möchte es wieder aufbauen lassen, denn ich mag nicht mehr im Gasthofe wohnen.« »Ja, wir haben ein eingefallenes Haus«, sagte Illik, »komm und lass es für dich aufbauen.« »Ich nehme es von dir an«, sagte der Jüngling.

Noch am selben Tage mietete er Arbeiter und liess den Schutt abtragen. Dann mietete er Bauhandwerker und liess einen Bau errichten. Auch liess er einen unterirdischen Gang graben, der unter dem Sessel der Frau mündete. Nun besuchte er sie Tag für Tag. »Ist das nicht jetzt genug?«[234] fragte er sie einmal, »wollen wir nicht nach unserer Stadt reisen?« »Wie du willst«, sagte sie. »Ich habe für dich den Plan mit dem Tunnel entworfen, nun entwirf du den Plan der Flucht.« »Du brauchst dich nicht darum zu kümmern«, sagte er.

Eines Tages kam er zu der Frau, nahm das Schwert und ging zu Illik. »Nimm einmal das Schwert«, sagte er zu ihm, »und sieh, wieviel es wert ist; eben habe ich es gekauft.« Illik nahm es, sah es an, wandte es hin und her; siehe, es ist das Schwert, das er selbst gemacht hat. »Ein schönes Schwert!« sagte er, »es ist zweihundert Goldstücke wert, kaufe es nur.« »Ich habe es bereits gekauft«, sagte der junge Mann. Dann nahm er es und bog in eine Gasse ein, und auch Illik stand voller Erregung auf und eilte nach Hause. Bevor er aber die vierzig Thüren geöffnet hatte, war jener schon vor ihm durch den unterirdischen Gang angekommen und hatte das Schwert an seinem Platze bei der Frau niedergelegt. Illik trat dann schnaufend ein, sah aber das Schwert an seinem Platze liegen. »Ha! was giebt's?« fragte die Frau. »Frau!« sagte er. »Eben kam der Mensch und hatte ein Schwert bei sich, das durchaus diesem Schwerte glich.« »Du Hund!« sagte sie zu ihm, »vierzig Thüren hast du vor mir verschlossen, und noch beunruhigst du dich über mich! Da liegt das Schwert an seinem Platze. Wie sollte jemand durch die vierzig Thüren dringen, die vor mir verschlossen sind.« Illik war in der Seele verwirrt und wusste nicht, was er sagen sollte; er ging dann hinaus und begab sich zurück nach seinem Laden.

Am folgenden Tage nahm der junge Mann das Schwert, hängte es sich um den Hals, steckte sich den Dolch in den Gürtel und ging zu Illik. »Illik!« sagte er, »nimm einmal diesen Dolch und sieh, wie viel er wert ist.« Illik nahm ihn und sah ihn an, siehe da, es ist der Dolch, den er selbst gemacht hat. »Ein schöner Dolch«, sagte er, »er ist zweihundert Goldstücke wert,« Jener nahm den Dolch, bog in[235] eine Gasse ein, und Illik stand voller Erregung auf und ging durch eine [andere] Gasse. Bis er aber die vierzig Thüren geöffnet hatte, war der andere vor ihm eingetreten, hatte den Dolch an seinen Platz gelegt und sich wieder entfernt. Illik trat ein und sah hin, siehe da, der Dolch lag an seinem Platze. »Ha! was giebt es heute wieder?« fragte ihn seine Frau. »Schweig, Frau!« sagte er, »eben brachte der junge Mann einen Dolch, zeigte ihn mir, und er war kein anderer als dieser mein Dolch.« »Hundert Dinge giebt es, die einander gleichen«, sagte die Frau zu ihm. »Was du auch jetzt bei dem Manne siehst, immer sagst du: ›Es ist mein.‹ Es ist möglich, dass, wenn er morgen mit einer Frau kommt, die mir ähnlich ist, du dann auch sagst: ›Es ist meine Frau‹ Wie sollte er zu mir gelangen, wo vierzig Thüren vor mir verschlossen sind? Aber [das ist nur,] weil du ein böses Herz hast und kein Vertrauen kennst, weil du ein Lump und ein schlechter Kerl bist.« Illik ging dann hinaus und wusste nicht, was er sagen sollte.

Am folgenden Tage kam der junge Mann, nahm das Schwert, den Dolch und das Paar Armbänder und ging zu Illik. »Nimm dieses Paar Armbänder und sieh, wie viel sie wert sind«, sagte er zu ihm; »ich habe sie eben für meine Braut gekauft.« Illik nahm sie und sah, dass es just die Armbänder waren, die er für ihn gemacht hatte. Sollte ein Mensch nicht seiner eigenen Hände Werk kennen? »Es sind schöne Armbänder«, sagte er. Wieder eilte der junge Mann hin und legte sie an ihren Platz, und als Illik dann nach Hause kam, fand er seine Frau dasitzen, und jene Armringe waren an ihren Armen. Was sollte er thun, was sollte er sagen – er wusste es nicht. Wieder schimpfte ihn seine Frau aus, und er ging weg.

Am folgenden Tage kam der junge Mann, nahm das Schwert und den Dolch, nahm auch die Frau an der Hand und führte sie zu Illik. »Sieh, das ist meine Braut«, sagte er zu ihm, »wenn sie nach deinem Geschmacke ist, nehme[236] ich sie, wenn nicht, nehme ich sie nicht.« Wie? sollte es einen Menschen geben, der nicht seine eigene Frau kennt? Illik sah sie an, und siehe, es ist niemand anders als seine Frau. Was sollte er sagen? Er sagte: »Gott möge sie in seinen Schutz nehmen, es ist eine schöne Frau.« Der andere nahm darauf die Frau, ging mit ihr durch eine Gasse, und Illik erhob sich voller Erregung und bog in eine [andere] Gasse ein. Als er noch mit dem Öffnen der Thüren beschäftigt war, wobei seine Hände wie gelähmt waren, waren sie vor ihm angekommen. Die Frau trat ein und setzte sich hin, um zu nähen. Illik trat ein, tief Atem holend (?) und keuchend, und sah seine Frau dasitzen und nähen, als ob sie von nichts wüsste. »Ha! was giebt's wieder?« fragte sie ihn. Er stand da wie angenagelt und wusste nicht, was er sagen sollte. »Frau!« erwiderte er, »warst du nicht jetzt mit jenem jungen Manne ...?« »Du Lump! du Hund!« erwiderte sie, »du hast mir vierzig Thüren vor der Nase zugeschlossen, und ich sage nichts. Niemand wird mich aus dem Verschluss herausführen. Wenn du nicht jetzt abseits (?) sässest, würde ich dir eine versetzen, dass man sie mit Goldtinte aufzeichnen würde.« Illik wurde nachdenklich, wusste aber nicht, was er sagen sollte. Es war ihm, als hätte man ihm kaltes Wasser über den Schädel ausgegossen. Er ging heraus und sagte nichts; er wusste eben nicht mehr, was er sagen sollte. Einerseits waren, soviel er auch hinsehen mochte, die Waffen von ihm verfertigt, und keine andere als seine Frau war mit dem Menschen dagewesen; andererseits sah er wohl [die Unmöglichkeit] ein, wie er sie hätte herausführen sollen, wo vierzig Thüren vor ihr verschlossen waren, und er die Schlüssel bei sich hatte. Wie hätte er sie also herausbringen sollen?

Es vergingen darüber etwa vier, fünf Tage, da kam der junge Mann zu Illik und sagte zu ihm: »Meine Thätigkeit ist [hier] zu Ende, morgen reise ich ab und kehre nach meiner Heimat zurück.« »Schön«, sagte Illik, »auch ich[237] werde heute meine Geschäfte erledigen und morgen werde ich dich begleiten.« Illik wollte ja nur, dass er von dort fortginge, damit sein Gemüt Ruhe hätte.

Am folgenden Tage frühmorgens erhob sich der junge Mann, nahm seine Sachen heraus und machte sich reisefertig. Auch Illik kam dorthin zu ihm. Darauf legte er sein Schwert um die Schulter, steckte den Dolch in den Gürtel, setzte seine Braut auf ein Pferd, und auch er bestieg ein Pferd. Illik ritt auch mit ihnen, um sie zu begleiten, und wusste nicht, dass es seine Frau war, und jene die Waffen, die er selbst gemacht hatte. Sie brachen auf und legten einen Weg von etwa drei Stunden zurück, dann sagte der junge Mann zu Illik: »Das ist vollkommen genug. Dies haben wir von dir angenommen; nun kehre zurück. Genug des Eifers!« Illik kehrte ganz aufgeregt zurück, er wollte nur einmal nach Hause kommen, um nachzusehen, wie es dort stände, damit sein Herz sich wieder an seinen Platz setzte. Als er am Hause ankam, öffnete er eine Thür nach der andern und trat ein, da war keine Frau da und keine Sachen und überhaupt nichts. In diesem Momente fiel er hin und erlag seinem Schmerze.

Der junge Mann kam in Stambul zur Schlafenszeit an. Er begab sich an's Haus seines Herrn, des jüdischen Confecthändlers, aber die Leute schliefen. »Du«, sagte er, »ich will sie nicht wecken, wir wollen diese Nacht auf dem Hofe schlafen, bis die Sonne aufgeht.« Sie legten sich im Hofe nieder, und da sie müde waren, schliefen sie fest ein und wachten [auch bei Tagesanbruch] nicht auf. Der Jude (der Hausherr) ging frühmorgens heraus, da schlief nun der junge Mann, und eine Frau schlief an seiner Seite, derengleichen es in der Welt nicht giebt. Sofort lief er nach dem Regierungsgebäude und rief: »Gerechtigkeit, Effendim! Ich habe einen Menschen bei mir nur Gott zu Liebe aufgenommen, und jetzt vergriff er sich an meiner Frau.« Da schickte der Gouverneur Diener mit ihm mit, und als sie hinkamen, sahen sie den jungen[238] Mann schlafen und eine Frau an seiner Brust. Sie versetzten ihm zwei Fusstritte, und dann hoben sie ihn an allen Vieren auf und trugen ihn stracks nach dem Regierungsgebäude. Da sagten sie zu ihm: »Du bist ein Fremder, und dieser Jude hat dich nur Gott zu Liebe bei sich aufgenommen, und du hintergehst ihn und vergreifst dich an seiner Frau! Heda, führet ihn weg und kreuziget ihn.« Er wurde nun ergriffen und hingeführt, um gekreuzigt zu werden.

Als sie ihm aber die Kleider auszogen, sahen sie ein Armband mit dem kaiserlichen Emblem um seinen Arm gebunden. Die Knechte hielten daher an und sagten: »Es geht nicht, dass man ihn kreuzige, man muss den Fall mit dem Sultan besprechen.« Sie gingen dann zum Sultan, um sich mit ihm zu beraten, und da fragte er sie: »Habt ihr den Mann gekreuzigt?« »Nein«, sagten sie, »wir können ihn nicht kreuzigen, weil wir an ihm das kaiserliche Wappen gesehen haben: ein Armband ist um seinen Arm gebunden.« »Bringet ihn her«, sagte der Sultan, »wir wollen sehen.«

Als er vor den Sultan gebracht war, fragte ihn dieser: »Woher hast du dieses Armband?« »Es ist von meinem Vater«, sagte er, »mein Vater hat es meiner Mutter gegeben, und meine Mutter gab es mir. Ich bin aus dem und dem Dorfe, und meine Oheime sind Sôdo und Kišto.« »Das ist mein Sohn«, rief der Sultan aus, »du! du bist mein Sohn!3 Aber warum hast du so gegen diesen Juden gehandelt? Er hat dir ja Gutes erwiesen.« »Ich habe dem Juden nichts Böses angethan«, sagte er. »Die Frau, an deren Seite ich schlief, ist meine Gattin, und aus Baghdad habe ich sie mir geholt. Von deiner Tochter bin ich zu ihr geschickt worden, und sie hat mir das Zehrgeld gegeben. Wenn du es nicht glaubst, dann frage sie.« Als die Tochter gefragt wurde, sagte sie: »Es ist so.« Er erzählte nun weiter: »In jener[239] Nacht kam ich des Nachts hierher, und ich kannte keinen andern Menschen als diesen Juden. Als ich an seinem Hause ankam, schliefen sie. Da rief ich nach der Dienerin, die öffnete uns die Thür, wir traten ein, legten uns im Hofe nieder und, müde wie wir waren, schliefen wir ein und wachten nicht eher auf, als bis die Knechte kamen und uns weckten.« Da riefen sie den Juden und sagten: »Ungläubiger! du hast gegen diesen jungen Mann sehr gewissenlos gehandelt, und für nichts hättest du ihn durch meine Hand getötet.« Dann befahl der Sultan und sprach: »Gehet, kreuziget den Juden an seiner Statt und bringet seine [angebliche] Frau hierher.« Dann blieb der Jüngling bei seinem Vater und ass und lebte wohl.

Aber dem Erzähler dieser Geschichte blieb nichts als Plage und Klage.

1

Im Texte: »Geschichte des Sultans und seines Vesiers«.

2

Vgl. oben p. 59 n. 1.

3

Ein altes Motiv, das schon HELIODOR in den Äthiopica verwertet hat (ed. BECKER p. 285).

Quelle:
Lidzbarski, Mark (Hg.): Geschichten und Lieder aus den neuaramäischen Handschriften. Weimar: Verlag von Emil Felber, 1896, S. 228-240.
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