E. Geschichte der Kahramâneh und des jungen Prinzen.

Wir wollen schreiben die Geschichte der Kahramâneh,1 ihrer Dolmetscherin und des jungen Prinzen,was ihm und ihnen passiert ist.

[266] Eine Turandotgeschichte, die mit der Fabel im GOZZI'schen und SCHILLER'schen Schauspiel nahe verwandt ist. Über das Verhältnis dieser zu den orientalischen Geschichten vgl. v. D. HAGEN, Gesammtabenteuer III p. LXI ff. Leider ist unsere Geschichte sehr schlecht erzählt, und die Rätselfragen gleichen sehr oft einem Examen in biblischer Geschichte.


In einer Stadt gab es einen mächtigen, namhaften König. Er besass hohes Ansehen und grossen Reichtum, mehr als alle, die in der Stadt wohnten. Der Name der [Stadt] war Teheran im Lande Persien. Als er eine Zeit lang keinen Sohn hatte, betete er zu Gott, dass er ihm einen Sohn schenke. Gott erbarmte sich seiner, erhörte sein Rufen und gab ihm einen Sohn. Darob freute er sich sehr und veranstaltete ein glänzendes Gastmahl für alle Grossen Persiens. Der Sohn gedieh an Wuchs und Verstand, und der König liess ihn in jeglichem Wissen, jeglicher Weisheit und Philosophie, in Bildung und Gesittung und überhaupt in allem, was ihm nützlich sein konnte, unterweisen. Er war sehr reich.

Nach einiger Zeit aber kam er um sein Reich und verlor sein Ansehen, wegen einer Sache, die sich in seiner[267] Stadt ereignete. All sein Gut ging verloren, und er wurde wie ein ganz armer Mann. Da sagte sein gebenedeiter Sohn zu ihm: »Vater, höre auf mich, ich will dir etwas sagen.« »Sprich, mein Sohn«, sagte der Vater, »wir wollen thun, was dir beliebt.« Da sprach der Sohn zum Vater: »Mache dich auf, Vater, wir wollen von dieser Stadt nach einer andern ziehen. Denn, wenn wir hier bleiben, sterben wir vor Hunger. Betteln können wir ja nicht und Armenarbeit verrichten auch nicht.« Da sagte der Vater zu ihm: »Mein Sohn! Was du rätst, das wollen wir thun. Unsere Sache sei dir und Gott anvertraut. Sei du unser Leiter.«

Darauf nahm der Sohn bei Nacht Vater und Mutter, ohne dass jemand es merkte, und sie wanderten nach einer anderen im Lande Indien gelegenen Stadt und liessen sich daselbst nieder. Da machte sich der junge Sohn auf, begab sich zur Residenz des Königs, trat vor diesen und sprach zu ihm: »Mein Herr! ich habe dir etwas zu sagen. Ich bin ein sehr vermögender Kaufmann und besitze einen trefflichen Sklaven, den ich gern in deinem Besitz sehen wünschte, dass sie deinem Harem vorstünde.« Da befahl ihm der König und sprach: »Geh, bringe sie hierher, damit ich sie dir abkaufe.« Der junge Mann teilte nun seinen Eltern mit, dass er sie verkaufen wolle. »Ich werde euch verkaufen«, sprach er, »den Kaufpreis für euch nehmen und nach einem fernen Lande reisen. Was ihr noch habt, gebet für euch aus.« »Gebenedeiter Sohn!« erwiderten ihm die Eltern, »thue schnell, was du vorhast.« Dann machten sich seine Eltern auf und gingen mit ihm. Er nahm sie und führte sie vor den König, und als sie vor diesem erschienen und er sie ansah, sprach er zu ihnen: »Seid ihr die Sklaven dieses Kaufmannes?« »Jawohl, König!« erwiderten sie ihm. Da sagte der König zum Jüngling: »Welchen Preis forderst du für sie?« »Für den Sklaven«, erwiderte der Jüngling, »gieb mir als Preis ein mit Sattel, Zaum und tadellosen[268] Waffen ausgestattetes Ross und für die Sklavin gieb mir einen guten und tadellos schönen Anzug.« Da gab ihm der König alles, was er verlangte, und schenkte ihm noch hundert Lire als Douceur. Als der Jüngling vom König bekam, was er verlangt hatte, sagte er gleich seinen Eltern Leb wohl und bat sie, für ihn bei Gott, Preis ihm! Glück zu erbitten. Dann zog er weg, ohne zu wissen, wohin er sich begeben sollte.

Als er seines Weges zog, begegnete er einem Reiter und grüsste ihn. Sie begannen, sich mit einander zu unterhalten, und der Reiter fand Gefallen an den Worten des jungen Prinzen. Dann sagte er zu dem Jüngling: »Bruder, eine heftige Liebe zu dir entbrannte in mir. Nimm nun diesen Brief mit dir, und wenn du in Frieden zu dem und dem Könige gekommen bist, gieb ihm diesen Brief, und du wirst Nutzen aus ihm ziehen. Denn auch ich habe viel. Nutzen und grossen Gewinn aus diesem Briefe gezogen.« Der junge Mann nahm nun frohen Herzens den Brief von dem Manne und dachte sich: »Als Lohn für das Überbringen dieses Briefes werde ich Vater und Mutter sehen. So zog er denn froh seines Weges.« Unterwegs aber bekam er grossen, unerträglichen Durst und erblickte auf seinem Wege kein Wasser zum Trinken. Vor der Grösse des Durstes verging er beinahe. Darauf galoppierte er auf seinem Pferde, bis es sehr schwitzte. Dann nahm er aus seiner Tasche ein Kopftuch, in das er den Brief gewickelt hatte, und rieb den Körper des Rosses damit, dann ringte er es aus und trank den Schweiss anstatt Wasser. Dann wickelte er den Brief wieder ein, wie er ursprünglich war, und setzte seinen Weg fort. Doch im Übermass seiner Freude über den Brief nahm er ihn und öffnete ihn, las ihn und begriff seinen Sinn und seine Bedeutung. In ihm stand nun geschrieben: »Sobald der Überbringer dieses Briefes ankommt, töte ihn sofort und lasse ihn nicht am Leben. Dieser junge Mann ist nämlich zu mir gekommen, und ich nahm ihn mit Ehren[269] gastlich auf, er aber beging eine Ehrlosigkeit an meiner Tochter. Als ich dessen gewahr wurde, wollte ich ihn töten, doch tötete ich ihn nicht. Nun schicke ich ihn zu dir. Verhänge du eine harte Strafe über ihn und töte ihn.« Als der Jüngling des Inhaltes des Briefes gewahr wurde, dankte er Gott, Preis ihm! für die Heimsuchungen und Unglücksfälle, die über ihn von seiner frühesten Jugend bis zu dem Tage, in dem er sich befand, gekommen waren. Hernach zog der Mann weiter und begab sich nach der Stadt.

Ausserhalb der Stadt begegnete er einer alten Frau. Er fragte sie nach dem Zustande der Stadt, und die Alte antwortete und erzählte ihm folgendes von dem Zustande der Stadt. Sie sprach zu ihm: »Junger Mann! diese Stadt hat einen König, und der besitzt eine gute und reizende Tochter von grosser Schönheit. Sie beschloss aber, nur den zu heiraten, der erscheint und die Rätsel löst, die sie ihm aufgiebt, ihr antwortet und sie besiegt; nur den will sie nehmen. Allen denen jedoch, die sie besiegt, haut sie den Kopf ab. Jetzt sind bereits 99 Köpfe da, die sie Königs- und Fürstensöhnen hat abhauen lassen. Sie besitzt ein Schloss, ein Wunderwerk, das sie der Stadt gegenüber hat errichten lassen, und von da aus blickt sie auf jeden Vorübergehenden.«

Als der Jüngling diese Geschichte aus dem Munde der Alten vernahm, entbrannte sein Herz in ihm in Liebe und Leidenschaft zu dem Mädchen, der Königstochter. Er ging dann zu Bett, aber die Nacht deuchte ihm viel länger als alle übrigen Nächte. Als dann der Morgen anbrach, erhob sich der Jüngling vom Schlafe, und in derselben Stunde bestieg er sein Ross, ritt auf das Schloss zu und machte daselbst vor dem Schlossthor Halt. Als die Wache ihn erblickte, fragte sie ihn, weshalb er da stände. »Ich bin gekommen und will um die Tochter des Königs anhalten«, erwiderte er ihnen. Wie sie das hörten, begannen sie ihm abzuraten. »Junger Mann«, sagten sie, »denke an Gott! Es ist schade um deine Jugend; du darfst dich nicht in diese Sache mischen. Sieh![270] Da sind es bereits 99 Jünglinge von Geschlecht und Namen, auch Königssöhne, die sie hat töten lassen. Nun fürchten wir, dass du die 100 voll machst.« Aber er hörte nicht2 auf die Reden und Ermahnungen der Leute, die daselbst versammelt waren (und auch nicht auf die anderer), sondern er blieb vor dem Thore des Schlosses der Prinzessin stehen. Da gaben sie ihm die Erlaubnis, zu ihr einzutreten, wenn er es vermöchte. Als er darauf näher an's Schloss herantrat, kam eine Zofe zu ihm heraus und sprach zu ihm: »Jüngling, tritt mutig vor(?).« »Jawohl«, erwiderte er ihr. Dann sprach sie zu ihm: »Begieb dich zum Könige und stelle dich ihm vor, da wird man dir vor dem Kadi und den Hofleuten Sekundanten zur Verfügung stellen.« Er entfernte sich wieder und that, was die Dolmetscherin ihm gesagt, und nachher kehrte er zu ihr zurück und erzählte ihr alles, was er vor dem Könige, dem Kadi und den Hofleuten gesagt hatte. Darauf trat er zur Prinzessin in Begleitung der Dolmetscherin ein und setzte sich hin, um ihre vor der ganzen Hofgesellschaft an ihn gerichteten Rätselfragen [zu beantworten].

I. Da sprach die Dolmetscherin zu ihm: »Junger Mann! Meine Herrin [sagt]: ›Ich kenne etwas, das ist ein Grab, das wandert, während sein Insasse lebt.‹« Darauf erwiderte er: »Das ist der Fisch, der den Propheten Jonas im Leibe trug.«

II. Dann sprach sie zu ihm: »Nenne mir Krieger, die weder mit den Händen noch mit den Füssen kämpfen, noch mit dem Munde sprechen.« »Das sind die Büffel und Stiere«, erwiderte er, »die mit ihren Hörnern kämpfen.«

III. Dann sprach sie zu ihm: »Nenne mir ein Land, das nur einmal die Sonne erblickt hat.« Darauf erwiderte er ihr: »Das ist der Grund des Meeres, das sich spaltete,[271] als Moses es mit dem Stabe schlug, worauf Israel über den trockenen Grund hinüberging; nur zu der Stunde erblickte dieser die Sonne.«

IV. Dann sprach sie zu ihm: »Nenne mir ein Wesen,3 das Wasser trank, als es lebte, und ass, als es tot war.«4 »Das ist der Stab des Propheten Moses«, erwiderte er ihr. »Als er noch [am] Baum war, da lebte er und trank Wasser, und als er vom Baume abgeschnitten wurde, starb er. Darauf gab ihn Gott Moses im Lande Ägypten. Als dieser mit ihm das Meer schlug, öffnete es sich und [das Ägypterheer] ertrank, und als er vor Pharao stand, verschlang der Stab die Stäbe der Altesten und Zauberer des Landes Ägypten.«

V. Dann sprach sie zu ihm: »Nenne mir etwas, das weder zu den Geistern gehört, noch zu den Tieren, noch zu den Vögeln.« Darauf erwiderte er: »Das sind die Läuse und Ameisen, deren Salomo gedachte.«5

VI. Dann sprach sie zu ihm: »Teile mir mit, zu welchem Zwecke Gott den Geschöpfen das Dasein schenkte, als er sie schuf, und zu welchem Zwecke er ihnen Bestand gewährte.« »Gott, Preis ihm! schuf die Geschöpfe«, erwiderte er, »um sein Thun zu offenbaren, und er gewährte ihnen Dauer, um seine Macht zu zeigen, und Bestand, um sein Können darzuthun.«

VII. Dann sprach sie wieder zu ihm: »Nenne mir einen Menschen, der nicht von Vater und Mutter geboren wurde und doch starb.6« Da erwiderte er ihr: »Der erste ist Adam, er sowohl wie Eva; der zweite ist Elias, der wurde geboren, starb aber nicht, und der dritte ist Lot's Frau, die wurde zu einer Salzsäule.«[272]

VIII. Dann sprach sie zu ihm: »Wer in der ganzen Welt hat [allein] zwei Namen?« »Unser Erzvater Jakob«, erwiderte er, »sein zweiter Name ist Israel.«7

IX. Dann fragte sie ihn: »Wer hat zuerst geläutet?« »Noa«, erwiderte er ihr, »als er in der Arche war, und da hörte es die ganze Welt.«

Und sie ward nicht müde, ihm Fragen vorzulegen. Dann sagte sie zu ihm: »Geh jetzt und komm morgen wieder her.« Und zu ihrer Dolmetscherin sprach sie: »Sage ihm, dass er jetzt gehe und morgen wiederkomme, damit ich ihm den Kelch zu trinken gebe, den seine Genossen geleert haben.« Darauf sprach die Dolmetscherin zu ihm: »Jüngling! meine Herrin sagt: ›Geh jetzt, sie wird dich auch noch den Kelch leeren lassen, den deine Genossen getrunken haben.‹« Darauf ging er von ihr weg und begab sich zur Ruhe. Aber die Nacht schien ihm sehr lang, und er wünschte nur, dass es bald tage. Als es dann Tag geworden war, erhob er sich vom Schlafe und begab sich ins Schloss. Sie forderte ihn dann auf, Platz zu nehmen, und er setzte sich hin.

X. Dann sprach sie zu ihm: »Nenne mir einen Baum, der hat 12 Zweige, jeder Zweig hat 30 Blätter, und jedes Blatt ist zur Hälfte weiss und zur Hälfte schwarz.« Da erwiderte er ihr: »Der Baum ist das Jahr, die Zweige sind die 12 Monate, und die Blätter sind die 30 Tage des Monats. Ein jeder Tag ist am Tage weiss und in der Nacht schwarz.«8

XI. Dann sprach sie zu ihm: »[Nenne mir einen] Baum, von dem ein jeder Zweig Fleisch und Blut annahm.« »Das[273] ist der Stab Mosis«, erwiderte er ihr, »der vom Baume abgeschnitten und dann zur Schlange wurde.«

XII. Dann fragte sie ihn: »Wo befinden sich der Stab Mosis und die Arche Noahs?« »Sie befinden sich in einer abgelegenen Wüste«, antwortete er, »und am Ende der Zeiten wird sie ein Mann holen, dessen Name Nazarener ist.«9

XIII. Dann sprach sie zu ihm: »Sage mir, wer zuerst ein Gespinnst gesponnen hat?« Da erwiderte er: »Gott, Preis ihm! befahl dem Engel Gabriel, zu Eva zu gehen und ihr zu sagen: ›Spinne und verfertige Gewänder für dich und Adam und bedecket damit eure Leiber.‹«10

XIV. Darauf fragte sie ihn: »Wer legte den Sperlingen diesen Namen bei?« »Als König Salomo«, antwortete er, »nach einem von ihnen schickte, und dieser sich sperrte, befahl er, sie Sperrlinge zu nennen.«11

XV. Dann sprach sie zu ihm: »Es giebt zwei Dinge, die stehen fest, und zwei, die wandern, und zwei, die treffen[274] immer zusammen, und zwei, die bekämpfen einander, und zwei, die hassen einander.« Da erwiderte er ihr: »Die zwei, die feststellen, sind Himmel und Erde, die zwei, die wandern, sind Sonne und Mond, die zwei, die zusammentreffen, sind Tag und Nacht, die zwei, die einander bekämpfen, sind Geist und Körper, und die zwei, die einander hassen, sind Tod und Leben.«

Auch am dritten Tage kam er und nahm Platz, wie er es an den früheren Tagen gewohnt war.

XVI. Dann sprach sie zu ihm: »Nenne mir etwas, das, wenn du es thust, eine Sünde ist, und wenn du es unterlassest, auch eine Sünde ist.« Da erwiderte er ihr: »Das ist das Gebet des Trunkenen: betet er, dann ist es eine Sünde, betet er nicht, dann ist es auch eine Sünde.«

XVII. Dann sprach sie zu ihm: »Sage mir, wie gross die Entfernung zwischen Himmel und Erde ist.« »Eine Entfernung, die der Mensch an einem Tage zurücklegen kann«, erwiderte er.12

XVIII. Dann sprach sie zu ihm: »Woraus bestanden die Gewänder Adams und Evas?« Da erwiderte er: »Aus Baumfrüchten.« (!)

XIX. Dann sprach sie zu ihm: »Wen hat Gott zuerst gesegnet?« »Abraham«, antwortete er, »und zwar zu der Zeit, als er ihm seinen Sohn Isaak als Opfer darbringen wollte.«

XX. Dann sprach sie zu ihm: »Wie gross war die Zahl der Kinder Israels, als sie aus Ägypten auszogen?« »600000 kriegst ächtige Männer«, erwiderte er ihr.13

XXI. Dann sprach sie zu ihm: »Wer hat Jerusalem erbaut?« »Der Prophet Salomo«, antwortete er ihr.14[275]

XXII. Dann sprach sie zu ihm: »Welcher Teil im Lande der Verheissung ist besser als der Himmel?« Da antwortete er ihr: »Der Platz des Tempels.«

Dann wandte sich der Jüngling zur Dolmetscherin und sprach: »Frage deine Herrin, ob noch etwas übrig geblieben ist. Sollte sie auch ihr Lebelang an mich Fragen richten, so würde ich ihr doch mit Gottes Hilfe antworten, und wenn sie mir alle Rätsel der Welt vorlegen sollte, würde ich sie lösen. Aber ich flehe dich bei deiner Jugend an, dass auch ich eine Frage an sie richten darf. Beantwortet sie sie, dann mag sie mir den Kelch zu trinken geben, den sie meine Genossen hat leeren lassen; löst sie sie aber nicht, dann will ich sie heute noch in Frieden heimführen.« Das geschah vor den anwesenden Magnaten, kleinen wie grossen. »Sage, was du wünschest«, erwiderte ihm die Dolmetscherin. Da sprach der Jüngling: »Sage, o Dolmetscherin, deiner Herrin am Ende (?)15: Es war einmal ein Mann, dem war ein äusserst günstiges Los zugefallen, und er war reich. Dann aber kam über ihn eine Zeit der Armut und der Not, und da zog er aus, um von Gott Heil zu erbitten. Da begegnete er dem Tod und lud ihn sich auf den Kopf. Er entwischte ihm aber und trank dann Wasser, das weder vom Himmel noch von der Erde gekommen war.«16 Als die Prinzessin dieses Rätsel hörte, geriet sie in grosse Bestürzung und vermochte nicht, ihm eine Antwort zu geben. Sie musste vor den anwesenden Hofleuten ob dieses Rätsels erröten [und wusste nicht,] was sie anfangen sollte, um die Antwort geben zu können. Dann sprach sie aber zur Dolmetscherin: »Sage dem Jüngling, dass er jetzt gehe und morgen wiederkomme.«

Darauf entfernte sich der Jüngling und verliess das Schloss der Prinzessin, während die Leute starr waren über das[276] Rätsel, das er ihr aufgegeben. Hernach sprach die Prinzessin zur Dolmetscherin: »Der Jüngling ist weg. Nun mache dich schnell auf, schlachte zwei Vögel und koche sie.« Das that sie. Dann nahm die Prinzessin ihre Dienerinnen und ihre Zofe (und), die Dolmetscherin, und Speise und Trank und zog prächtige Gewänder an. Als es dann am Abend war, wechselte die Prinzessin ihre Gewänder, die sie anhatte, und machte sich auf und begab sich zum Jüngling, dem Prinzen. Sie trat zu ihm ein, begrüsste ihn und setzte sich bei ihm hin. Dann sprach sie zu ihm: »Ein hübsches Mädchen wartet an der Thür. Sie verliebte sich in dich, als du dich zur Prinzessin begabst, und die Liebe zu dir befiel ihr Herz. Nun ist sie zu dir gekommen und steht vor der Thür und möchte bei dir eintreten. Erlaube ihr, bei dir einzukehren und zu bleiben und dir zu dienen.« Darauf sprach der Jüngling: »Wer zu uns kommen und uns besuchen will, der komme in Frieden.« Hernach trat die Prinzessin ein und ihr Gefolge mit ihr, und sie liessen sich an ihrer17 Seite nieder. Sie holte darauf hervor, was sie an Speisen mitgebracht hatte, und man begann zu sprechen, zu scherzen und zu lachen. Die Prinzessin scherzte mit ihm, und er ahnte nicht, dass es die [Königs]tochter war. Er sass ihr zur Seite, und sie assen und tranken und unterhielten sich vortrefflich. Und die Dolmetscherin wurde nicht müde, ihn zum Trinken zu animieren, bis er stark angeheitert wurde. Da versuchte er, ihren Leib zu entblössen, aber sie sträubte sich dagegen. Nun begann sie ihn nach dem Rätsel auszufragen, das er der Prinzessin vorgelegt hatte, aber er konnte ihr infolge seiner Trunkenheit nichts mitteilen. Darauf zog sie ihre Gewänder aus und streckte sich an seiner Seite auf das Polster aus, und nun löste er ihr das Rätsel in seiner übermässigen Freude und Liebe zu ihr. Darob geriet sie in[277] grosse Freude, als hätte sie die ganze Welt und alles, was in ihr ist, in ihren Besitz bekommen, und in ihrer Freude vergass sie ihre Gewänder und ging von ihm weg. Infolge seiner schweren Trunkenheit überfiel ihn der Schlaf; als er aber dann aus demselben erwachte, fand er keinen Menschen bei sich, sondern nur die Gewänder der Prinzessin, die sie bei ihm vergessen hatte; jene kostbaren und prächtigen Kleider aus Purpur und bunter Seide, die sie mit sich gebracht hatte(n), und auch die Speisen und Getränke. Da merkte er, dass es die Prinzessin gewesen war, und dass sie ihn durch einen listigen Anschlag dazu gebracht hatte, ihr sein Rätsel zu offenbaren.

Als es nun Tag geworden war, machte sich der Jüngling auf und begab sich ins Schloss der Prinzessin. Als diese ihn erblickte, sprach sie zu ihrer Dolmetscherin: »Was will dieser Mensch? Rufe ihn herein, damit ich ihm das Rätsel sage und löse.« Da sprach aber der Jüngling: »Ich werde dir lieber etwas sagen: Ich bin derjenige, der von euch gestern wegging. Aber des Abends kam zu mir ein reizendes, süsses Täubchen von grosser Schönheit. Ich nahm es gastlich und mit Ehren auf, wie es sich gebührt, und wir assen und tranken, sie und ich, und noch in derselben Nacht flog sie von mir weg.18 Wenn sie es leugnen sollte, so lege ich hier ihre Federn den versammelten Anwesenden vor.«

Als nun ihr Vater, der König, das von seiner Tochter hörte, nämlich, dass der Jüngling sie mit seinem Rätsel besiegt, und dass seine Tochter sich darauf zu ihm begab, und er ihr sein Rätsel löste, da sprach er: »Jetzt hat das Gesetz gegen dich entschieden. Auf, rufet einen Priester, damit ich sie ihm antrauen lasse. Mit Recht fällt sie ihm zu. Sie sei gesegnet, gebenedeit und getraut.«

So heiratete er sie nach all den Rätselgeschichten, und er legte sie an seine Seite auf das Lager. Und in der ersten[278] Nacht teilte er ihr alles mit, was über sein Haupt gekommen war, auch wie er seinen Vater und seine Mutter hatte verkaufen müssen. Als die Prinzessin diese Mitteilung vernahm, sagte sie ihm, dass er hinreisen möchte, um seine Eltern auszulösen. Und er machte sich auf und begab sich zu seinen Eltern. Als er dann beim König eintrat, und dieser ihn erblickte und horte, dass er gekommen sei, um seine Eltern zurückzunehmen, und als er auch noch erfuhr, dass es sein Vater und seine Mutter seien, die er verkauft hatten zeigte er sich ihm gnädig und gab ihm die Eltern heraus, ohne irgend etwas von ihm anzunehmen. Der Jüngling empfahl sich darauf dem König, nahm Vater und Mutter und kehrte mit diesen in Freude und Jubel zu seiner Frau, der Prinzessin, zurück, und Gott verlieh ihm grossen Reichtum, mehr als früher. Und seine Eitern erstaunten sehr über das, was ihr gebenedeiter Sohn vollbracht, und dass er die Rätsel der Königstochter gelöst hatte, [und sie blieben] ihr Lebelang froh beisammen. Es ereignete sich nun, dass der König, der Vater der Prinzessin, starb, und da sagten die Bürger und Häupter der Stadt zu ihm: »Werde du König über uns!« Er ward nun König und setzte sich auf den Thron an Stelle seines Schwiegervaters. Es wurden ihm auch Söhne und Töchter zu teil, und er lebte in Glück und Gottesfurcht. Amen.

1

Das Wort bedeutet: »Heldin«, »Gebieterin«, ist aber hier wohl ein Eigenname.

2

Im Texte steht noch unpassend: »in der Stunde«.

3

Im Texte: »einen Menschen«.

4

Im Texte: »und starb, als es ass«.

5

Es ist wohl die Stelle Prov. 6, 7 gemeint, die in den Salomonssagen eine grosse Rolle spielt.

6

Hier ist, wie aus der Antwort zu ersehen ist, eine Lücke.

7

Gemeint ist der eigentliche Name, unser Vorname, abgesehen vom Patronymikon und dem Familiennamen. Noch jetzt haben die Orientalen nur einen Vornamen; Namen wie Muhammed Ali, Hassan Taufîq, Othmân Muhammed, wie sie besonders die Türken und Ägypter führen, sind nur Abkürzungen für Muhammed, Sohn des Ali; Hassan, Sohn des Taufîq; Othmân, Sohn des Muhammed.

8

Vgl. oben p. 33 n. 1.

9

Zur Angabe über Mosis Stab vgl. The Book of the Bee ed. BUDGE p. 52 (Text) l. 9 f.: »Und Pinehas verbarg ihn (den Stab) in der Wüste, in der Erde, am Thore Jerusalems, und dort befand er sich, bis unser Herr Christus geboren wurde.« Die Sage ist von den Juden entlehnt; vgl. Jalqut Šimcôni (Warschau 1876) p. 521 a l. 31 f.: »Und so wird derselbe Stab (Mosis) einmal dem König Messias übergeben werden.« Dagegen sollen sich bekanntlich Trümmer von der Arche Noahs auf dem Ararat befinden, vgl. schon JOSEPHUS, Antt. I, 3, 5.

10

Vgl. THACLABI, cArâis (ed. Cairo 1306) p. 24 l. 7 ff.: Da sagte [Gabriel zu Adam]: »Du beklagst dich über die Nacktheit?« Darauf schickte ihm Gott die acht Paare herunter, die in der Sure »das Vieh« erwähnt sind (Sure 6 v. 144 ff.), nämlich: von den Schafen zwei, von den Ziegen zwei, von den Kameelen zwei und von den Rindern zwei. Dann befahl ihm Gabriel, davon einen Hammel zu schlachten. Das that er, und darauf nahm er seine Wolle, und Eva spann daraus ein Gespinnst, und Adam wob und machte daraus für sich einen Mantel und für Eva ein Hemde und einen Schleier, und sie bekleideten sich damit.

11

Nach der orientalischen, auf 1. Kön. 5, 13 fussenden Sage herrschte Salomo auch über die Vögel.

12

Etwas wenig. Nach der islamischen Vorstellung (vgl. LANE, SitGbr. II p. 229), die dem Judentum entlehnt ist (vgl. Talmud Babyl. Pesachim f. 94 b) beträgt die Entfernung 500 Jahrreisen.

13

Vgl. Exodus 12, 37.

14

Der Bau des Tempels ist mit dem Bau Jerusalems zusammengeworfen.

15

Fehlt in der arabischen Übersetzung.

16

Dasselbe Rätsel legte nach der arabischen Sage auch die Königin von Saba Salomo vor; vgl. THACLABI, ibid. p. 200 unt.

17

»an seiner«? – Besonders in den Pronomina finden sich in diesem Stücke viele Unregelmässigkeiten und Flüchtigkeiten.

18

Im Texte: »flogen sie von ihr weg«.

Quelle:
Lidzbarski, Mark (Hg.): Geschichten und Lieder aus den neuaramäischen Handschriften. Weimar: Verlag von Emil Felber, 1896, S. 263,279.
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