12. [212] Der Schakal, der Barbier und der Brahmane, welcher sieben Töchter hatte.
12. Der Schakal, der Barbier und der Brahmane, welcher sieben Töchter hatte

Ein Barbier und ein Schakal schlossen einst einen innigen Freundschaftsbund miteinander, und dieser würde bis auf den heutigen Tag gedauert haben, wenn nicht der Schakal so klug gewesen wäre, – daß der Barbier sich ihm nie ganz gewachsen fühlte und den Argwohn hegte, sein Freund führe ihn manchmal an. Doch war er nicht im Stande, das zu beweisen.

Eines Tages sprach der Schakal zum Barbier: »Es wäre wirklich sehr angenehm, wenn wir einen eignen Garten hätten, in dem so viele Gurken, Kürbisse und Melonen, wie wir es wünschten, wüchsen. Warum kaufen wir uns eigentlich keinen?«

Der Barbier erwiderte: »Nun wohl, hier hast Du Geld. Geh und kaufe uns einen Garten.« Der Schakal nahm des Barbiers Geld und kaufte einen schönen Garten, in dem wuchsen Gurken, Kürbisse, Melonen, Feigen und viel andres gutes Obst und auch Gemüse. Und er ging jeden Tag zu demselben und[213] schmauste dort nach Herzenslust. Fragte ihn aber der Barbier: »Wie steht es mit dem Garten, den Du uns für mein Geld kauftest?« dann antwortete er: »Es sind recht hübsche Planzen drin, aber es sind noch keine Früchte in demselben. Sobald die Früchte reif sind, sollst Du es erfahren.« Mit dieser Antwort gab sich der Barbier zufrieden und fragte eine Zeit lang nicht wieder danach.

Als der Barbier sich aber dann beim Schakal wieder nach dem Garten erkundigte und fragte: »Ich sehe Dich ja täglich zu unsrem Garten gehen, werden die Früchte reif?« erwiderte der Schakal: »O nein, mein Liebster, noch nicht. Die Pflanzen fangen eben erst an zu blühen.«

Doch trug der Garten die ganze Zeit über eine beträchtliche Menge Obst, und der Schakal ging jeden Tag hin und aß sich ganz satt daran.

Nach einigen Wochen sprach der Barbier abermals: »Ist denn in unserm Garten noch keine einzige reife Frucht?« »Nein«, sagte der Schakal. »Die Blüthen sind kaum abgefallen und die Frucht hat eben angesetzt. Mit der Zeit aber werden wir recht schöne Melonen und Feigen bekommen.«

Jetzt schien es dem Barbier aber doch, als betrüge ihn der Schakal, deßhalb beschloß er selbst hinzugehen und zu urtheilen. Und ohne ein Wort zu sagen, folgte er ihm am folgenden Tage zum Garten.

An eben diesem Tage hatte der Schakal zufälligerweise all seine Freunde eingeladen, um mit ihnen zu schmausen. Alle Thiere des nahegelegenen Dschungels hatten die Einladung angenommen. Sie strömten zu Dutzenden und Hunderten herbei und waren recht guter Dinge, liefen hierhin und dorthin und fraßen sämmtliche Melonen, Gurken, Feigen und Kürbisse.

Der Barbier blickte verstohlen über die Hecke und sah diese[214] Gesellschaft von wilden Thieren. Sein Freund der Schakal belustigte sich aufs beste, – er sprach mit dem einen, lachte mit dem anderen und fraß mit allen. – Der gute Mann wagte nicht die Raubdiebe zu stören, es waren ihrer zu viele und zu mächtige, doch ging er sofort nach Hause, war sehr verstimmt und brummte in seinen Bart: »Ich will den jungen Taugenichts tödten; er soll mir in meinem Garten keine solchen Streiche mehr spielen.« Die nächste Gelegenheit nahm er wahr und ging als der Schakal und all seine Freunde fortgelaufen waren, hin und versteckte unter der größten noch übrig gebliebenen Gurke ein langes Messer. Dann begab er sich wieder nach Hause und sagte von dem, was er gesehen hatte, kein Wort.

Am nächsten Morgen dachte der Schakal in seinem Sinne: »Ich will einmal schnell in den Garten laufen, um nachzusehen, ob keine Melonen und Gurken übrig geblieben sind.« Wie gedacht, so gethan. Er suchte sich die größeste Gurke aus und sing an zu fressen. Ehe er sich's versah, verwundete ihn aber das lange Messer, das unter den Gurkenblättern verborgen lag.

Es zerschnitt ihm die Schnauze, den Hals und die Seite. »O Du alter häßlicher Barbier!« rief er aus. »Das ist Dein Werk.« Und so lief er, anstatt nach Hause zu humpeln, so schnell er nur eben konnte, weit, weit, weit weg in den Dschungel, streckte sich auf einem großen, flachen Felsen nieder und war zu sterben bereit.

Aber er starb nicht. Die Schmerzen im Halse und in der Seite waren drei volle Tage lang so heftig, daß er sich nicht zu rühren vermochte. Ueberdies fühlte er sich durch den großen Blutverlust sehr geschwächt.

Am Ende des dritten Tages machte er den Versuch sich zu erheben, aber vermittelst seines eigenen Blutes sah er sich auf dem Steine festgeklebt. Er gab sich alle erdenkliche Mühe[215] sich loszureißen, doch wollte es ihm nicht gelingen. »O mein Himmel, o mein Himmel,« flüsterte er. »Welch ein Gedanke, daß ich, der ich mich von meinen Wunden erholte, nun eines so entsetzlichen Todes sterben soll! Ach ja, das ist die Strafe meiner Unehrlichkeit.« Bei diesen Worten fing er bitterlich zu weinen an. Zufälligerweise hörte der Regengott sein Wehklagen. Er hatte Mitleid mit ihm und sandte ihm einen milden Regen, der den Stein rein wusch und ihn auf diese Weise loslöste. Kaum fühlte sich der Schakal frei, so dachte er sogleich daran, auf welche Art er sich wohl seinen Lebensunterhalt erwerben könne, denn zum Hause des Barbiers wagte er nicht zurück zu gehen. Da kam er auf einen leicht auszuführenden, schlauen Einfall. Durch den häufig niederfallenden Regen war rings umher viel Schlamm entstanden. Einen Theil davon that er in einen kleinen, irdenen Topf, bedeckte denselben sorgfältig mit Blättern, (wie es die Leute bei frischer Butter zu thun pflegen) und trug ihn dann zum Verkauf in das nahgelegene Dorf.

An der Thüre des ersten Hauses stand eine Frau, zu der sagte der Schakal: »Gute Frau, hier ist Butter, – wundervolle frische Butter. Wollt Ihr nicht etwas frische Butter kaufen?« Sie antwortete: »Ist sie auch wirklich frisch? Laßt mich erst sehen.« Aber er erwiderte: »Sie ist vollkommen frisch, doch wenn Ihr den Topf jetzt aufmacht, verdirbt sie Euch alle, noch ehe Ihr sie braucht. Wollt Ihr sie kaufen, – gut, dann thut es, – wo nicht – dann verkaufe ich sie jemandem anderes.« Die Frau brauchte gerade frische Butter und der Topf, den der Schakal auf dem Kopfe trug, war so sorgfältig zugebunden, wie man es nur bei besonders guter zu thun pflegte. Auch wußte sie, daß wenn sie das Gefäß vor ihres Mannes Heimkehr öffnete, der Inhalt leicht verderben konnte. Außerdem dachte[216] sie, der Schakal würde, falls er einen Betrug im Sinne habe, sie mehr zum Ankaufe drängen. Deßhalb sagte sie: »Nun es sei, gebt mir den Topf, hier habt Ihr Euer Geld. Ihr seid doch sicher, daß es von der besten Butter ist?« »Es ist die beste in ihrer Art«, antwortete der Schakal. »Doch müßt Ihr sie jedenfalls an einen kühlen Ort stellen und den Deckel nicht öffnen, ehe Ihr welche gebraucht.« Dann nahm er das Geld und lief weg.

Bald darauf entdeckte die Frau, daß sie angeführt sei und ward darüber sehr verstimmt. Der Schakal aber war inzwischen weit außer dem Bereiche der Strafe.

Als er sein Geld ausgegeben hatte, befand er sich aufs neue in Verlegenheit: Keiner wollte ihm etwas zu fressen geben, und kaufen konnte er sich auch nichts.

Glücklicherweise starb damals gerade einer der Ochsen, die zum Dorfe gehörten. Der Schakal fand ihn todt am Wege liegend. Er fing an von demselben zu fressen und fraß und fraß und fraß so viel, daß er schließlich ganz tief im Thierkörper steckte und die Vorübergehenden ihn nicht sehen konnten. Nun war das Wetter heiß und trocken. Während der Schakal drinnen saß, schrumpfte durch die Hitze die Haut des Ochsen so sehr zusammen und wurde so hart, daß er sie nicht zu durchbeißen vermochte, und in Folge dessen konnte er nicht wieder herauskommen.

Die Mahars1 des Dorfes kamen alle herzu um den todten Ochsen zu verscharren. Der Schakal, der in demselben saß, befürchtete, daß sie ihn, sobald sie seiner ansichtig würden, fangen und vielleicht gar tödten möchten, daß sie ihn aber, falls[217] sie ihn nicht entdeckten, lebendig verscharren würden. Deßhalb rief er, als sich die Männer näherten: »Leute, Leute, nehmt Euch in Acht. Faßt mich nicht an; ich bin ein großer Heiliger!« Die armen Leute erschraken, als sie den todten Ochsen reden hörten, und dachten, derselbe sei von irgend einem mächtigen Geiste besessen.2 »Wer bist Du Herr und was ist Dein Begehr?« riefen sie. »Ich bin ein sehr hochzuverehrendes, heiliges Wesen«, erwiderte der Schakal, »ja, ich bin sogar der Gott Eures Dorfes. Ich bin sehr ergrimmt, denn Ihr betet mich nicht an und bringt mir keine Opfer dar.« »O Du Gott!« riefen sie, »welche Opfer gefallen Dir? Sage uns nur dies Eine, und dann bringen wir Dir, was Du nur willst.« »Gut«, erwiderte er. »Holt mir eine Menge Reis, eine Menge Mehl und einen recht fetten Hahn. Legt diese Gaben mir zur Seite und schüttet reichlich Wasser über sie aus, ganz wie Ihr es bei Euren feierlichsten Festen thut und will ich Euch dann Eure Sünden vergeben.« Die Mahars befolgten diesen Befehl. Sie legten Reis und Mehl, nebst einem fetten Hähnchen, neben dem Ochsen nieder und begossen ihn und die Gaben mit Wasser. Kaum ward die trockne Ochsenhaut feucht, da platzte sie an mehreren Stellen und zum Erstaunen der Anbeter sprang der Schakal heraus, er pakte das Hähnchen mit seiner Schnauze und lief mit demselben in die Mitte des Dschungels. Die Mahars verfolgten ihn viele, viele Meilen weit. Sie sprangen über Gräben und Hecken, aber sie holten ihn nicht ein. –

Er lief immer zu, immer zu, – bis er schließlich einen Ort erreichte, an dem ein kleines Zicklein unter einem Akazienbaume lebte. Seine Verwandten und Freunde waren fort und als es ihn kommen sah, dachte es in seinem Sinn: »Wenn[218] ich diesem Schakal keine Furcht einjage, frißt er mich.« Deßhalb stieß es, so heftig es konnte, gegen den Akazienbaum, so daß der all seine Zweige schüttelte und die Blätter zu rascheln anfingen, rusch, rusch, rusch. Als der Schakal den raschelnden Lärm hörte, erschrak er und meinte, alle Freunde der kleinen Ziege eilten zu ihrer Hilfe herbei. – Sie aber rief ihm zu: »Lauf Schakal, lauf, es sind schon tausende und aber tausende Schakale bei diesem Lärm davon gelaufen. Laufe, wenn Dir Dein Leben lieb ist.« Und der Schakal gerieth so in Angst, daß er fort rannte. So wurde er, der so manchen betrogen hatte, von einem kleinen, einfältigen Zicklein überlistet. Der Schakal schlug nun den Weg zu dem Dorfe ein, in dem der Barbier wohnte, daselbst umschlich er allnächtlich die Häuser und suchte sich Knochen und was er finden konnte. – Den Dorfbewohnern gefielen diese Besuche nicht, doch wußten sie nicht, wie sie ihn fangen sollten, bis ihn sein alter Freund, der Barbier, der ihm seinen Obstdiebstahl noch nicht verziehen hatte, nach manchen fruchtlosen Bemühungen seiner habhaft zu werden, in einem großen Netze fing. »Ha ha«, rief der Barbier, »hab' ich Dich endlich mein Freund? Du bist nicht umsonst dem Tode durch das Gurkenmesser entgangen. Diesmal entfliehst Du mir nicht. Hier Frau! komm, sieh einmal, welche Beute ich gemacht habe.«

Die Frau des Barbiers kam vor die Thür gelaufen, und der Barbier gab ihr den Schakal, nachdem er demselben alle vier Pfoten mit einem Strick fest zusammengebunden hatte. Dann sprach er zu ihr: »Trage das Thier ins Haus und sei achtsam, damit es Dir nicht entkommt. Ich will inzwischen ein Messer holen, um es damit zu tödten.« Die Barbierfrau that, was ihr befohlen war. Sie trug den Schakal ins Haus und legte ihn auf den Fußboden. Aber kaum war der Barbier fort, so sprach der Schakal zu ihr: »Ach gute Frau, Dein[219] Mann wird gleich wiederkommen und mich umbringen. Dem Himmel zu Liebe, löse den Strick, der meine Füße hält, ehe er zurückkommt Thue es nur für einen Augenblick und, laß mich ein wenig aus der Wasserrinne vor Deiner Thür trinken, meine Kehle ist trocken vor Durst.« »Nein, mein Freund«, erwiderte die Barbierfrau, »ich weiß es genau, was Du dann thun würdest. Sobald ich Deine Pfote frei gemacht hätte, liefest Du fort; und wenn dann mein Mann zurückkehrte, wärest Du auf und davon, und ich bekäme Schläge.«

»Ich will auch ganz, ganz gewiß nicht weglaufen« entgegnete er. »Ach meine gute Mutter, habt doch Erbarmen mit mir, nur für einen einzigen Augenblick!« Da dachte die Barbierfrau »es ist allerdings hart dem armen Thier seine letzte Bitte zu versagen, er wird so wie so nicht mehr lange leben und keine anderen Freuden mehr genießen.« – Darauf band sie ihm die Pfoten los und hielt ihn an einem Stricke fest, damit er aus der Wasserrinne trinken möge. Er aber zog so schnell wie möglich an dem Strick, zerrte und riß so lange und heftig, bis er ihr plötzlich aus der Hand fuhr und nun rannte er, hast du nicht gesehn, in den Dschungel hinein.

Eine Zeit lang streifte er umher und lebte von dem, was er in diesem oder jenem Dorfe finden konnte, bis die Gegend, in der der Barbier wohnte, weit hinter ihm lag. Da ging er zufälliger Weise vor einer gewissen Hütte vorbei, in der ein armer Brahmane mit seinen sieben Töchtern lebte.

Als der Schakal vorüberging, sprach der Brahmane eben zu sich selber: »O mein Himmel! Was kann ich für meine sieben Töchter thun? Ich muß sie mein ganzes Leben hindurch versorgen, denn sie sind viel zu arm, um sich zu verheirathen. Ich würde sie sogar einem Hunde oder Schakal zur Frau geben, wenn sich einer von ihnen erböte sie mir abzunehmen.« Am[220] folgenden Tage besuchte der Schakal den Brahmanen und sagte ihm: »Ihr habt gestern gesagt, wenn sich ein Schakal oder ein Hund um die Hand einer meiner Töchter bewürbe, so würde ich sie ihm geben. Deßhalb biete ich mich Euch als Schwiegersohn an.«

Der Brahmane gerieth in große Verlegenheit, doch hatte er einmal dieses Wort ausgesprochen, und deßhalb war es ihm ehrenrührig, dasselbe nicht zu halten; obgleich es ihm nicht im Traume eingefallen war, daß er jemals in einen solchen Fall gerathen könne. In eben diesem Augenblicke jammerten alle sieben Töchter um Brod, und der Vater konnte ihnen keines geben. Als der Schakal das merkte, fügte er hinzu: »Laß mich nur eine Deiner sieben Töchter heirathen. Ich will für sie sorgen. Dann habt Ihr wenigstens eine weniger zu ernähren, und ich will darauf achten, daß sie nie Hunger leidet.« – Da wurde das Herz des Brahmanen milde gestimmt, und er gab dem Schakal seine älteste Tochter zur Frau. Der aber führte sie in seine Höhle in dem hohen Felsen.

Nun werdet Ihr behaupten, es habe nie einen so klugen Schakal gegeben. Das mag wohl wahr sein, denn es war kein gewöhnlicher Schakal, sonst hätte er das, was ich Euch von ihm erzählt habe, nicht alles ausführen können. Dieser Schakal war nämlich ein verkleideter Rajah, der zu seinem eigenen Vergnügen die Gestalt eines Schakals angenommen hatte. Er war nicht allein ein großer Fürst, sondern auch ein großer Zauberer.

Die Höhle, in welche er die Brahmanentochter führte, sah von außen ganz wie eine gewöhnliche Felsenhöhle aus; inwendig aber glich sie einem prächtigen, mit Silber, Gold, Elfenbein und schimmernden Steinen geschmückten Palaste. Selbst seine eigene Frau hatte keine Ahnung davon, daß er nicht immer ein Schakal sei; denn der Rajah zeigte sich nur ganz früh des Morgens[221] in seiner wahren Gestalt. Zu der Zeit streifte er nämlich die Schakalhaut ab, um sie zu waschen, zu bürsten und wieder anzuziehen.

Nachdem er und seine Frau, die Brahmanentochter, eine Zeitlang sehr glücklich in ihrer Felsenheimath gelebt hatten, wen sah da der Schakal eines Tages? Niemand anders als seinen Schwiegervater, den alten Brahmanen. Der kletterte den Hügel herauf, um ihn zu besuchen. Der Schakal ärgerte sich, als er den Brahmanen sah. Wußte er doch, wie arm derselbe war und vermuthete, der komme nur um zu betteln, und so war es auch. Der Brahmane sprach zu ihm: »Schwiegersohn, nimm mich mit Dir in Deine Höhle. Ich möchte mich gern ein bischen ausruhen. Bitte unterstütze mich etwas. – Ich bin schlimm daran und bedarf der Hülfe.«

»Nein geh nicht in meine Höhle«, sagte der Schakal, »es ist nur ein schlechtes Loch und nicht gut genug für Dich.« So sprach er, weil er nicht wünschte, daß sein Schwiegervater seinen schönen Palast sähe. »Aber ich will meine Frau rufen; dann siehst Du, daß ich sie nicht gefressen habe. Auch können wir dann zusammen uns über diese Angelegenheit mit einander bereden, und dann stellt sich wol heraus, was ich für Dich thun kann!«

Nun setzten sich der Brahmane, die Brahmanentochter und der Schakal miteinander an die eine Seite des Hügels und der Brahmane sagte: »Ich weiß gar nicht, woher ich Speise für mich, meine Frau und meine sechs Töchter nehmen soll. Schwiegersohn Schakal, kannst Du mir nicht helfen?« »Das ist allerdings eine schwierige Sache«, antwortete der Schakal, »doch will ich für Dich thun, was ich kann.« Und damit eilte er in seine Höhle, holte eine große Melone, gab sie dem Brahmanen[222] und sprach: »Schwiegervater, nimm diese Melone, pflanze sie in Deinen Garten und sobald sie Früchte bekommt, so verkaufe dieselben, und auf diese Weise verdienst Du Dir etwas Geld.« – Der Brahmane nahm nun die Melone mit sich und pflanzte sie in seinen Garten.

Am folgenden Tage war die Melone, die der Schakal ihm gegeben hatte, schon zu einer schönen Pflanze herangewachsen und mit hunderten von reifen Melonen bedeckt. Der Brahmane, seine Frau und Töchter geriethen bei diesem Anblick außer sich vor Freuden. Alle Nachbarn waren erstaunt und sprachen: »Wie schnell ist die Melone in des Nachbar's Garten groß geworden!«

Zufälligerweise wohnte im Nebenhause eine Frau, welche gern ein paar Melonen haben wollte. Die ging sofort zum Hause des Brahmanen und kaufte der Brahmanenfrau einige ab. Sie trug dieselben nach Hause und öffnete sie – da, o Wunder über Wunder, – welch ein prachtvoller Anblick bot sich ihr dar! Anstatt der dicklichen, weichen Masse, die sie zu sehen erwartete, war die Melone im Innern ganz aus Diamanten, Rubinen und Smaragden zusammengesetzt; und alle Samenkörner bestanden aus großen Perlen. Sie verschloß sofort die Thür, nahm alles Geld, das sie besaß, lief damit zur Brahmanenfrau und sprach: »Ihr habt mir recht gute Melonen gegeben. Sie gefallen mir so sehr, daß ich die anderen Früchte, die an Eurer Staude wachsen, auch gern kaufen möchte.« Mit diesen Worten reichte sie ihr das Geld und nahm die übrigen Melonen mit nach Hause. Die listige Frau erzählte keinem ihrer Bekannten von den gefundenen Schätzen, und der dumme alte Brahmane und seine Familie ahnten von ihrem Verluste nichts. Es war ihnen nicht in den Sinn gekommen eine der[223] Melonen zu öffnen, so daß sie für all die verkauften, köstlichen Steine nur einige wenige Pice3 bekommen hatten.

Als sie am folgenden Tage wieder aus dem Fenster sahen, war die Melonenstaude abermals mit schönen, reifen Melonen bedeckt, und wieder kaufte sie alle die Frau, welche ihnen den ganzen Vorrath des vergangenen Tages abgekauft hatte. – Und das wiederholte sich mehrere Tage hindurch. Eine Menge Melonen wurden reif und eine jede Melone enthielt kostbare Edelsteine, so daß die Frau, welche sie alle kaufte, in ihrem Hause schließlich ein ganzes Zimmer voller Diamanten, Rubinen, Smaragden und Perlen besaß.

Zuletzt aber fing die wunderbare Melonenstaude zu verwelken an und als die Frau eines Morgens wiederkam, um Melonen zu kaufen, sah sich die Brahmanenfrau in die unangenehme Lage versetzt, ihr sagen zu müssen: »Ach unsere Melonenstaude trägt keine Melonen mehr!« Da kehrte die Frau sehr enttäuscht in ihr Haus zurück.

An jenem Tage hatten der Brahmane, seine Frau und Kinder kein Geld mehr im Hause, um sich etwas zu essen zu kaufen, und deßhalb beklagten sie laut das Verwelken der schönen Melone. Die jüngste Brahmanentochter aber, die ein kluges Mädchen war, dachte: »Wenn wir auch keine zum Verkauf geeigneten Melonen mehr haben, so finden sich doch vielleicht noch ein paar verwelkte, die wenn sie gekocht sind, noch ein einfaches Mittagsessen für uns abgeben.« Nun ging sie hin, suchte sorgfältig unter den dicken Blättern und fand dort zwei oder drei verwitterte, übrig gebliebene Melonen. Die nahm sie mit sich nach Hause und fing an sie aufzuschneiden, um sie dann zu kochen, als sie, o es war mehr als wunderbar, – in jeder[224] kleinen Melone eine Anzahl kleiner Smaragde, Rubinen, Diamanten und Perlen fand. Das Mädchen rief ihren Vater, ihre Mutter und fünf Schwestern und sagte ihnen: »Seht was ich fand! Seht nur diese kostbaren Steine und Perlen. Ganz gewiß sind in den Melonen, die wir verkauften, eben so werthvolle oder noch bessere gewesen als diese. – Es ist kein Wunder, daß jene Frau so begierig war, sie alle zu kaufen. O sieh nur Vater, o sieh nur Mutter, o seht nur Schwestern!«

Sie waren alle außer sich vor Freuden über den Schatz. Der Brahmane aber sprach: »Welch ein Jammer ist es, daß wir auf diese Weise, ohne es zu wissen, die Wohlthat des schönen Geschenkes, das uns mein Schwiegersohn gab, verscherzten. Ich will sofort zu der Frau gehen und versuchen sie zur Zurückgabe der von uns erhaltenen Melonen zu bewegen.«

Nun begab er sich in das Haus der Melonenkäuferin, und sagte ihr: »Gebt mir die Melonen wieder, die ich Euch gab, ich kannte ihren Werth nicht.« Sie antwortete: »Ich weiß nicht, was Ihr meint.« Er erwiderte: »Ihr seid sehr heimtückisch. Ihr kauftet mit kostbaren Steinen gefüllte Melonen von uns armen Leuten, die nicht ahnten, welchen Werth sie hatten und Ihr bezahltet uns nur den Preis von gewöhnlichen Melonen. Ich bitte Euch, gebt uns ein Paar von ihnen wieder!« Sie aber sprach: »Ich kaufte Eurer Frau gewöhnliche Melonen ab, und habe damals eine ganz einfache Suppe davon gekocht; deßhalb sprecht nicht mehr solchen Unsinn von Juwelen, sondern geht dahin, wohin Ihr gehört.«

Damit trieb sie ihn aus dem Hause. Und doch besaß sie ein ganzes Zimmer voller Smaragden, Diamanten, Rubinen und Perlen, welche sie in den Melonen, die sie der Brahmanenfrau abkaufte, gefunden hatte.

Der Brahmane ging wieder nach Hause und sagte zu seiner[225] Frau: »Ich kann die Frau nicht zwingen, daß sie mir ein paar der von uns gekauften Melonen zurückgibt. Gib mir daher die Edelsteine, die unsre Tochter fand; ich will sie an einen Juwelier verkaufen, um etwas Geld heimzubringen.« Nun wanderte er in die Stadt, zeigte die Edelsteine einem Juwelier und sagte demselben: »Was willst Du mir für diese geben?« Kaum hatte der Juwelier sie gesehen, als er sprach: »Wie kommt ein solch armer Mann, wie Du bist, zu derartigen Edelsteinen? Du hast sie gewiß gestohlen. Du bist ein Dieb, Du stahlest sie aus meinem eigenen Laden und bietest sie mir jetzt zum Verkaufen.«

»Nein, Nein Herr, das that ich nicht«, rief der Brahmane. »Ein Dieb, ein Dieb!« kreischte der Juwelier. »Nein in Wahrheit nicht«, schrie der Brahmane. »Mein Schwiegersohn, der Schakal, gab mir eine Melonenstaude, und in einer der darauf wachsenden Früchte fand ich diese Juwelen.« »Ich glaube Dir kein Wort davon«, rief der Juwelier aus und fing an den Brahmanen, den er am Arme festhielt, zu schlagen. »Gib die Juwelen heraus, die Du aus meinem Laden gestohlen hast.« »Nein ich will nicht«, brüllte der Brahmane, »oh, oh, oh, oh schlagt mich nicht so tüchtig. Ich habe sie nicht gestohlen.« Der Juwelier aber war entschlossen sich die Juwelen anzueignen, deßhalb schlug er den Brahmanen und schrie nach der Polizei, die zu seiner Hülfe herbeieilte, und er lärmte und tobte bis sich um seinen Laden ein ganzer Volkshaufen sammelte. Dann sprach er zum Brahmanen: »Gib mir die Juwelen, die Du mir gestohlen hast, oder ich überliefere Dich der Polizei, und die wirft Dich ins Gefängniß.« Der Brahmane erzählte hierauf von dem Schakal, seinem Schwiegersohne, doch das wollte ihm kein Mensch glauben. In Folge dessen sah er sich genöthigt, all' seine Edelsteine dem Juwelier zu geben, um der Polizei zu[226] entkommen und so schnell wie möglich nach Haus zu eilen. Jedweder aber hielt den Juwelier für sehr freundlich, daß er den Brahmanen so leichten Kaufes los ließ.

Seine ganze Familie war sehr traurig, da sie hörte, wie es ihm ergangen sei. Seine Frau aber sprach: »Du solltest lieber wieder zu unserm Schwiegersohne, dem Schakal, gehen, und sehen, ob er nicht etwas für uns thun kann.« In Folge dessen erklomm der Brahmane zum zweiten Male den Hügel, um den Schakal aufzusuchen. Als der Schakal ihn kommen sah, ward er eben nicht sehr erfreut. Er ging ihm entgegen und sprach: »Guten Tag Schwiegervater, ich erwartete nicht Dich sobald wiederzusehen!« »Ich wollte nur einmal nachfragen wie es Euch inzwischen ergangen ist«, sagte der Brahmane. »Und dann wollte ich Dir unsere Noth klagen und Dir sagen, wie froh wir wären, wenn Du uns wieder helfen wolltest.« »Was hast Du denn mit den Melonen angefangen, die ich Dir gab?« fragte der Schakal. »Ach«, erwiderte der Brahmane, »das ist eine traurige Geschichte.« Und dann erzählte er von Anfang an seine Erlebnisse, theilte ihm mit, daß er unbekannt mit dem Werth der Melonen, dieselben alle verkauft habe, und daß die paar Edelsteine, die sie zu guterletzt noch gefunden hätten, in die Hände des Juweliers gefallen seien. Als der Schakal das hörte, lachte er ihn aus und sprach: »Es nützt nichts, daß man Euch Pechvögeln Gold und Juwelen gibt. Es schlägt Euch doch Alles zum Unheil aus. Doch komm, ich will Dir ein brauchbareres Geschenk geben.« Mit diesen Worten lief er in seine Höhle, holte aus derselben einen kleinen, irdenen Topf, gab diesen dem Brahmanen und sprach: »Nimm diesen irdenen Topf, wenn Du oder irgend einer Deiner Familie Hunger leidet, so wirst Du immer ein so gutes Essen, als dies hier ist, darin finden.« Dann steckte er seine Pfote in den[227] Topf und holte Currie, Reis, Pilau4 und allerlei andere wohlschmeckende Gerichte hervor. Es reichte hin um hundert Mann davon zu speisen, und jemehr er aus dem Topfe nahm, um so mehr blieb noch darin.

Als der Brahmane den Topf sah, und das gute Essen roch, glänzten seine Augen vor Freude und er umarmte den Schakal und sprach: »Theurer Schwiegersohn, Du bist die einzige Stütze meines Hauses.« Dann trug er das neue Geschenk sorgfältig nach Hause.

Hiernach führte die ganze Familie eine geraume Zeit hindurch ein sehr glückliches Leben. Entbehrten sie doch niemals gute Nahrung! Täglich fanden der Brahmane, seine Frau und seine sechs Töchter im Innern des Topfes ein köstliches Mittagsmahl, und jeden Tag stellten sie ihn nach dem Essen auf eine Bort, um ihn, sobald sie es wünschten, wieder gefüllt zu finden.

Nun wohnte zufälligerweise im Nebenhause ein anderer Brahmane. Der war ein sehr vornehmer Mann und genoß die Gunst des Königs. Und dieser Herr roch täglich das köstliche Essen, und er wußte nicht, wie er sich das erklären solle. Der reiche Brahmane dachte, der Geruch sei noch würziger, als der seines eigenen Essens, für das er so viel bezahlte, und doch schien der Geruch aus der ärmlichen kleinen Brahmanenhütte zu kommen. Deßhalb beschloß er eines Tages dem Dinge auf den Grund zu kommen, und sprach daher bei seinem Nachbar vor und sagte zu diesem: »Ich rieche jeden Tag, ungefähr um zwölf Uhr ein sehr schönes Essen, das ist besser als meines, und der Geruch scheint aus Deinem Hause zu kommen. Du[228] scheinst Dich von guten Gerichten zu nähren, obgleich Du so arm aussiehst.«

In der Freude seines Herzens lud der arme Brahmane seinen reichen Nachbar zum Mittagsessen ein, nahm den Zaubertopf von der Bort herunter und holte solche schmackhafte Speisen, wie sie der andere noch nie zuvor gekostet hatte, daraus hervor. In einer schwachen Stunde erzählte er seinem Freunde von den wunderbaren Eigenschaften des Topfes, den ihm sein Schwiegersohn, der Schakal, gegeben habe, und der nie leer werde. Kaum hatte der vornehme Mann das erfahren, so ging er auch zum Könige und sprach zu ihm: »Hier in der Stadt wohnt ein armer Brahmane, der einen wunderbaren Topf besitzt, welcher immer mit dem köstlichsten Essen angefüllt ist. Ich besitze keine Vollmacht, ihn desselben zu berauben, doch falls es Eurer königlichen Hoheit Freude machen würde, ihn an sich zu nehmen, so könnte der Brahmane sich nicht beklagen.« Als der Rajah das hörte, beschloß er selbst zu sehen und selbst zu kosten. So sprach er: »ich möchte wohl den Topf mit eignen Augen sehen.« Und deßhalb begleitete er den reichen Brahmanen zum Hause des armen. Der arme Brahmane war außer sich vor Freuden über die Ehre, die ihm der Rajah durch sein Erscheinen gewährte, und ließ den Topf seine vorzüglichen Eßwaaren spenden, doch kaum hatte der Rajah das darin enthaltene Essen geschmeckt, so befahl er auch seinen Wachen, den Topf zu nehmen und ihn in den Palast zu tragen. Und das geschah auch, trotz der Gegenvorstellungen und Thränen des Brahmanen. So verscherzte dieser zum zweiten Male das wohlthätige Geschenk seines Schwiegersohnes.

Als der Rajah fort war, sprach der Brahmane zu seiner Frau: »Es hilft alles nichts; ich muß mich wieder auf den[229] Weg zum Schakal machen, um zu sehen, ob der uns nicht helfen kann.« »Wenn Du es nicht vorsichtig anfängst«, antwortete sie, »so reißt ihm schließlich die Geduld. Ich begreife es nicht, warum Du überhaupt mit irgend Jemandem von unserem Topfe gesprochen hast.«

Als der Schakal die Geschichte des Brahmanen angehört hatte, ward er sehr böse und sagte: »Was für ein dummer, alter Mann warst Du, überhaupt über den Topf zu reden, doch sieh, hier ist ein anderer, der hilft Dir vielleicht, den ersten wieder zu bekommen. Behüte ihn sorgfältig, ich helfe Dir jetzt zum letzten Male.« Damit überreichte er dem Brahmanen einen Topf, und in demselben befand sich ein dicker, an einen starken Strick gebundener Stock. »Geh hiermit«, sagte er, »zu denen, die Dir meine anderen Geschenke fortgenommen haben, – hebe in ihrer Gegenwart den Deckel ab, befiehl dem Stocke sie zu schlagen. Das wird eine so gute Wirkung hervorbringen, daß sie Dir sehr gern das Verlorne wieder geben. Mach aber ja nicht den Topf auf, wenn Du allein bist, sonst wird Dich der Stock wegen Deiner Unbesonnenheit bestrafen.« Der Brahmane dankte seinem Schwiegersohne und begab sich mit dem Topfe auf den Weg; doch glaubte er nicht recht an das, was ihm gesagt war. Als er so durch den Wald heimwärts wanderte, öffnete er ihn ein wenig, nur um einen Blick hineinzuthun und zu sehen, ob wirklich ein Stock darin sei. Kaum hatte er das gethan, als der Strick heraussprang, und der Stock sprang auch herzu. Und der Strick griff ihn und band ihn an einen Baum, und der Stock schlug ihn und schlug ihn und schlug ihn, bis er fast todt war. »O gütiger Himmel, o gütiger Himmel«, schrie der Brahmane, »was für ein Unglücksmensch bin ich! Ach habt Erbarmen mit mir, halt ein, bitte, halt ein guter Stock, laß mich los guter Strick! O, Du bist auch ein guter Stock.«[230] Aber der Stock wollte nicht innehalten, sondern schlug immer tüchtig auf ihn los, bis der arme Mann zuletzt ganz gelähmt nach Hause kroch.

Da that der Brahmane Strick und Stock wieder in den Topf, und ließ dem reichen Nachbar und dem Könige melden: »Ich habe einen neuen Topf, der ist schöner wie der alte; bitte kommt und seht wie gut er ist.« Da dachten der reiche Brahmane und der Rajah: »Ei, das ist vortrefflich, zweifelsohne wird ein ganz ausgewähltes Essen in dem Topfe sein; und der thörichte Mann soll ihn ebenfalls, wie den andern, hergeben.« So gingen sie dem Brahmanen bis zum Dschungel entgegen, und mit ihrer ganzen Dienerschaft und ihrem Gefolge. Da hob der Brahmane den Topfdeckel auf und sprach: »Schlage Stock, schlag! Schlage sie sammt und sonders.« Der Stock sprang heraus; und der Strick sprang herzu und der Strick band den Rajah, den reichen Brahmanen und all ihr Gefolge an die umherwachsenden Bäume, und der Stock rannte von einem zum anderen und schlug und schlug und schlug und schlug den Rajah, und schlug seine Höflinge und schlug den reichen Brahmanen und schlug sein Gefolge und schlug die ganze Dienerschaft; und der Brahmane schrie während dessen mit aller Macht: »Gebt mir meinen Topf wieder, gebt mir meinen Topf wieder!«

Der Rajah aber und seine Leute waren voller Angst und dachten, es sei jetzt um ihr Leben geschehen. Deßhalb sprach der Rajah zum Brahmanen: »Geh' mit Deinem Stocke fort, geh' nur mit Deinem Stocke fort und Du sollst Deinen Topf wieder haben.« Der Brahmane steckte jetzt den Stock und den Strick wieder in den Topf und der Rajah gab ihm den wunderbaren Topf wieder. Das ganze Volk aber fürchtete sich vor dem Brahmanen und verehrte ihn aufs höchste.[231]

Der aber trug den Topf mit dem Stocke und dem Stricke darin in das Haus der Frau, welche die Melonen gekauft hatte, und der Strick band sie und der Stock schlug sie und der Brahmane schrie: »Gieb mir meine Melonen wieder, gieb mir meine Melonen wieder.« Und die Frau sprach: »Verbiete nur Deinem Stocke mich zu prügeln, dann sollst Du alle Melonen wieder haben.« Da befahl er seinem Stocke, sich wieder in seine irdene Behausung zu begeben, – und sie gab ihm unverzüglich ihr ganzes Zimmer voll mit Diamanten, Perlen, Smaragden und Rubinen gefüllter Melonen.

Der Brahmane trug Alles heim zu seiner Frau, begab sich dann in die Stadt und zwang mit Hülfe des guten Stockes den Juwelier, der ihm die zum Verkauf ausgebotenen, kleinen Smaragden, Rubinen, Diamanten und Perlen genommen hatte, sie ihm alle wieder zu erstatten. Nachdem er das gethan hatte, kehrte er zu seiner Familie zurück und sie lebten von jener Zeit an sehr glücklich. Da nahmen die sechs Schwestern eines Tages von der Schakalsfrau eine Einladung an. Nun war die jüngste Schwester klüger als all die andern, und sie war es, die zufälligerweise eines Morgens ganz früh ihren Schwager, den Schakal, beim Abstreifen der Schakalshaut beobachtete. Sie sah ihn diese waschen, bürsten und zum Trocknen aufhängen. Hatte er den Rock aus Schakalshaut ausgezogen, so war er der schönste Prinz, der je gesehen ward. Da lief seine kleine Schwägerin schnell hin, stahl ganz heimlich die Schakalshaut und warf sie ins Feuer, so daß sie verbrannte. – Dann weckte sie ihre Schwester und sagte: »Schwester, Schwester, Dein Mann ist nun kein Schakal mehr, sieh einmal, er steht vor der Thür.« Die Frau des Schakal Rajah sprang aus dem Bette und lief ihm voll Freuden entgegen. Die Schakalshaut war nun fort und deßhalb konnte er[232] sie nicht wieder anziehen. So blieb er seine übrige Lebenszeit hindurch ein Mensch, übte keine Schakalsstreiche mehr aus und er, seine Frau, sein Vater, seine Mutter und seine Schwägerinnen verlebten die ihnen noch verliehenen Tage sehr glücklich.


12. Der Schakal, der Barbier und der Brahmane, welcher sieben Töchter hatte

1

Die Mahars sind die niedrigste in jedem Dorfe als Abdecker gebrauchte Kaste.

2

Siehe die Bemerkungen.

3

Pice ist so viel als 1/4 d. werth.

4

Eine mit Rosinen, Mandeln und Gewürz gekochte Fleischspeise.

Quelle:
Frere, M[ary]: Märchen aus der indischen Vergangenheit. Hinduistische Erzählungen aus dem Süden von Indien, Jena: Hermann Costenoble, 1874, S. 212-233.
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