[82] 27. Vom Manne, der ausging, sich eine Frau zu suchen

»Du wirst meine Knochen noch einmal sehr zornig machen, wenn du mir mit deinem scheußlichen Jaulen wieder Kopfschmerzen bereitest«, sagte ein Bukajüngling zu seinem Weibe, das er soeben wieder einmal verprügelt hatte. Doch die Ohren der Frau vergaßen die Drohung bald, und immer wieder machte das arme Weib seinen Schmerzen in gellenden Mißtönen Luft. Da war denn eines Tages die Geduld des Gatten erschöpft; er teilte der jungen Frau kurzweg seinen Entschluß mit, sie zu verlassen und nach einem neue Weibe Ausschau zu halten. Seiner Mutter aber trug er auf: »Schaffe Farbe herbei, rote und weiße Farbe bereite mir. Du sollst mich prächtig schmücken, daß alle Mädchen, deren Augen mich erblicken, nur noch[82] wünschen, mich zu heiraten.« Die Mutter färbte nun ihrem stolzen Sohne das Haar mit roter Erde, und weiß bemalte ihm sein Bruder das Gesicht. Darauf nahm die Alte Kokosnüsse, preßte das junge Fleisch über einem Topfe aus, setzte etwas Wasser hinzu und brachte den Brei zum Kochen. Als er genügend eingedickt war, streute die Mutter zerpflückte Blätter wohlriechender Pflanzen hinein, verrührte das Ganze, und ließ es an einem schattigen Platze abkühlen. Die Glieder und der ganze Körper des Jünglings wurden nun mit dem erkalteten Brei eingesalbt. Herrlich duftete nun seine Haut. Ein Gürtel, der einen Faden Muschelgeld barg, umspannte den Leib, Armbänder aus feinen, schwarz, gelb und rot gefärbten Lianenfasern geflochten, zierten beide Oberarme. Auf dem braunrot gefärbten Haarbau leuchtete ein Busch von Kakadufedern, und eine Liane, spiralig um den linken Unterarm gewickelt, schützte diesen vor dem Hieb der Bogensehne. Nun nahm der junge Krieger Bogen, Pfeile und sein Kriegsbeil und machte sich auf den Weg. Er nahm einen der kleinen Pfade auf, die durch das Gestrüpp und die dichten Laubgehänge in die grüne Dämmerung des Urwalds hineinführten. Das verlassene Weib sah ihren strahlenden Gatten in seiner ganzen Pracht über den Dorfplatz schreiten und im Busch verschwinden. Laut schrie sie auf in ihrem Schmerz und wälzte sich in Verzweiflung am Boden. Doch ungerührt, ohne sich auch nur umzublicken, entfernte sich der Jüngling. Und weit war der Weg, den er zu gehen hatte.

Und er ging und ging und ging und ging ...

Und als er in die Nähe eines Dorfes kam, witterten zwei Weiber, die nach Wurzeln gruben, den Wohlgeruch seines Leibes. Und das eine Mädchen fragte: »Wachsen hier süßduftende Pflanzen in der Nähe?« – »Nicht, daß ich wüßte,« entgegnete die andere. Da aber sahen sie den Jüngling aus dem Unterholz des Busches auftauchen. »Bua! was für ein wundervoller Mann ist das,« riefen beide und verbargen sich in den Kräutern, in die wild wuchernden [83] Kräuter steckten sie ihre Köpfe. Als der junge Krieger nun nahe genug herangekommen war, sprangen sie auf und suchten ihn festzuhalten, an den Armen suchten sie ihn zu halten. Doch es wollte ihnen nicht gelingen, denn die Salbe hatte die Glieder schlüpfrig gemacht. Aber der Mann blieb stehen und fragte: »Ja, seid ihr denn auch schöne Mädchen?« Und er prüfte sie von oben bis unten, und sah, daß sie voller schwärenden Wunden waren. Schauernd wandte er sich ab. »Scheußlich seid ihr, viel häßlicher als mein Weib, das ich verlassen habe,« sagte er, schritt davon, und ließ die enttäuschten Weiber zurück.

Und er ging und ging und ging und ging ...

Als er in die Nähe eines anderen Dorfes kam, witterten zwei Weiber, die nach Gallipnüssen suchten, den Wohlgeruch seines Leibes. Und das eine Mädchen fragte: »Wachsen süßduftende Pflanzen hier in der Nähe?« – »Nicht, daß ich wüßte,« entgegnete die andere. Da sahen sie den schönen Jüngling zwischen den Stämmen heraustreten, und sie verbargen sich in einem Busch, in einen dichten Busch steckten sie ihre Köpfe. Als der Mann aber nahe herangekommen war, sprangen sie auf und riefen: »Bleibe bei uns?« Er aber fragte sie: »Seid ihr denn schöne Weibe hier?« Und er musterte sie und bemerkte, daß sie Hasenscharten hatten, und beim Sprechen Töne wie Taubstumme hervorbrachten. »O, wie seid ihr übel,« sagte er, »viel häßlicher als mein Weib, das ich verlassen habe.« »Komm du nur in unser Dorf,« schimpften die erbosten Weiber, »erschlagen werden dich unsere Männer, kriegerisch und stark sind sie.« »Ich fürchte mich nicht vor euren Männern,« antwortete der Jüngling, und wandte sich zum Gehen. »Ermorden und fressen werden dich unsere Männer,« so keiften die Verschmähten hinter ihm drein.

Er aber ging und ging und ging und ging ...

Und als er an die Meeresküste kam, witterten zwei Weiber, die beim Fischfang waren, den Wohlgeruch seines Leibes, und die eine Frau fragte: »Wachsen süßduftende Pflanzen [84] hier in der Nähe?« – »Nicht daß ich wüßte,« entgegnete die andere. Da sahen sie den geschmückten Jüngling den Strand entlang kommen und verbargen sich im Gras, ins hohe Gras steckten sie ihre Köpfe. Als aber der Mann in ihre Nähe gekommen war, sprangen sie auf und zeigten sich ihm. Er blieb stehen, betrachtete sie einen Augenblick und fragte dann: »Ja, gibt es denn nirgends schöne Mädchen? Alt seid ihr und verblüht, eure Brüste sind welk und hängen. Ihr ekelt mich an; ich gehe.« »Erwürgen sollen dich unsere Männer, kampfgeübt und gewandt sind unsere jungen Leute!« so schrien die Alten hinter ihm her. »Auch ich bin kampferprobt,« gab der junge Mann zurück, »dazu trage ich im rechten Armband hiraku, das Kriegsamulett, im linken aber magarra, das die Weiber liebestoll macht.« Und er machte sich wieder auf den Weg.

Und er ging und ging und ging und ging ...

Und als er an einen großen Baum kam, der im flachen Wasser stand, kletterte er hinauf und versteckte sich in seiner Krone, in den buschigen Zweigen verbarg er sich. Noch hatte er nicht lange dort gesessen, als er zwei Mädchen im Busch singen hörte; immer näher erklangen die Stimmen und schließlich traten sie aus dem Uferwald heraus. Kokosnußschalen trugen sie in den Händen, um Wasser zu schöpfen. Und es waren herrliche Mädchen, stolz trugen sie ihre Brüste, und fest und rund waren ihre Schenkel und Lenden. Alles das sah der Mann vom Wipfel des Baumes aus, und er pflückte eine Frucht und ritzte mit den Fingernägeln schöne Zeichnungen in die Schale. Als er damit fertig war, höhlte er die Frucht ein wenig aus und tat magarra hinein, um die Mädchen in Liebe entbrennen zu lassen. Aber nun hob das eine Mädchen plötzlich die Nase, sie hatte den Wohlgeruch des Mannes gewittert. Aufmerksam sog sie die Luft ein und fragte ihre Gefährtin: »Wachsen süßduftende Pflanzen hier in der Nähe?« – »Nicht, daß ich wüßte,« entgegnete diese. Da warf der Mann die beschnitzte Frucht, daß sie in hohem Bogen ins Wasser fiel. Eines der Mädchen [85] sah die Frucht fallen, fischte sie auf und entdeckte die Zeichnungen. »O, dies hat sicher ein kunstreicher Mann gemacht,« riefen beide, und eifrig äugten sie nach allen Seiten, bis sie den Jüngling im Geäst des hohen Baumes entdeckten. »Komm herunter, komm schnell herunter, und nimm uns alle beide,« riefen die Mädchen. »Einverstanden,« gab der Mann zurück, und glitt eiligst den Stamm hinab. Er stieg ins Wasser und watete auf die Mädchen zu, näher und näher kam er ihnen, und diese sahen, wie schön, wie herrlich er war. Und die beiden jungen Weiber gingen ihm entgegen, faßten ihn um den Leib, schmiegten sich an ihn und führten ihn in den Busch nach einer verlassenen Hütte. »Bleib hier verborgen,« sagten sie zu ihm, »hier im Versteck verharre, bis wir zurückkommen.« Und sie gingen und holten geröstete Taroknollen. Als der Mann gegessen hatte und sich wieder kräftig fühlte, sprang er auf und fragte die Mädchen: »Wo liegt euer Dorf? hingehen will ich und die Männer erschlagen.« »Verfolge diesen Pfad,« ward ihm zur Antwort, und halte dein Steuer gerade, so wirst du es bald erblicken; doch gib acht, die Augen unserer Männer sind scharf. Der Jüngling nahm seine Waffen und ging.

Und er ging und ging und ging und ging ...

Und schließlich erreichte er das Dorf. Still und verlassen lag es mitten im dichten Busch. Der Krieger trat in eine Hütte und polterte dort mit Knüppeln und Brettern, um Leute herbeizulocken. Es dauerte auch nicht lange, da kam ein Mann und spähte ins Dunkel der Hütte. »Wer macht da diesen Lärm?« – »Ich.« – »Kommst du weit des Weges?« – »Ja, ich habe einen langen Marsch hinter mir.« – »So komm her, und iß mit mir Betelnüsse, hier hast du auch Blätter und Kalk; hernach magst du dich niederlegen und dich ausruhen.« Der Jüngling kaute mit dem Mann Betelnüsse und legte sich dann schlafen. Doch nur zum Schein schlummerte er, denn er wußte, daß der andere versuchen würde, ihn umzubringen. Der ging und kehrte mit einem Arm voll von Speeren zurück. Er ergriff [86] einen, zielte auf den Schlafenden und schleuderte die Waffe. Aber dicht vor der Brust des Fremden wich die Speerspitze plötzlich zur Seite ab, so daß nur der Schaft den Körper streifte. Der Jüngling hatte der Kraft des hiraku-Zaubers vertraut, jetzt aber erhob er sich, tat schlaftrunken, und sah die Lanze neben sich in dem Boden spießen. »Wie kommt der Speer hierher?« fragte er. – »Ich bin gestolpert, dabei entfiel mir die Waffe,« antwortete der Einheimische. – »Du hast mich ermorden wollen,« sagte der Krieger, »wohlan, hier stehe ich und werde nicht ausweichen, versuche mich diesmal besser zu treffen!« Der Gegner schleuderte einen Speer, die zitternde Spitze kam geradeswegs auf die Brust des Fremdlings zugeflogen, da warf sie der hiraku-Zauber zur Seite. »Nun sieh, wie ich dich zu treffen weiß!« rief der Jüngling, nahm den Speer vom Boden auf und warf ihn dem Feinde mitten in die Brust, daß der hintenüberschoß, und der zitternde Lanzenschaft hoch aufragte. Eiligst trennte der Krieger dem Gefallenen den Kopf vom Rumpfe und zerlegte den Körper. Die Fleischstücke setzte er in einem Topf voll Wasser aufs Feuer und verbarg sich dann im nahen Gebüsch. Bald darauf kehrte eine ganze Schar von jungen Männern vom Fischfang heim; sie witterten das kochende Fleisch im Topfe, glaubten, es sei ein Schwein geschlachtet, und stürzten sich darüber her. Als sie mitten im besten Schmausen waren, trat der junge Mann aus dem Gebüsch heraus und fragte: »Was eßt ihr denn da? Sagt, wo ist denn wohl der Mann geblieben, der vor euch ins Dorf zurückkam? Hier, ich habe ihn erschlagen, in diesem Topfe kocht sein Fleisch, und ihr seid dabei, euren eigenen Stammesgenossen zu verzehren!« Angeekelt warfen die Essenden die Fleischbrocken fort, nur einige versuchten schnell auch den Rest noch hinunterzuschlingen. Doch der Jüngling ließ ihnen keine Zeit dazu. Einer nach dem anderen fiel, von seinen Pfeilen getroffen, tot zu Boden.

Im Triumph holte er die beiden Mädchen in das Dorf. Sie rüsteten sich dort mit Lebensmitteln aus, trieben ein [87] paar Schweine zusammen, verstauten alles in ein Kanu, das sie am Strande vorfanden, und fuhren dann die Küste entlang nach dem Heimatsdorf des Mannes. Die Mutter und das verlassene Weib hatten sich mit Trauerfarbe bemalt, da sie den Jüngling längst ermordet glaubten. Vor Freude weinend fiel nun die alte Mutter ihrem zurückgekehrten Sohn um den Hals, die abgesetzte Frau aber brach wimmernd zusammen, als sie ihre Nachfolgerinnen erblickte. »Nun heule nur soviel du magst!« rief ihr lachend der junge Krieger zu. Er schenkte seiner Mutter die mitgeführten Schweine und kehrte dann mit seinen beiden jungen Weibern in das eroberte Dorf zurück.

Quelle:
Hambruch, Paul: Südseemärchen. Jena: Eugen Diederich, 1916, S. 82-88.
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